Das Album war für Nas aber nicht nur
Eintrittskarte in die Ruhmeshallen, sondern zugleich ein zentnerschwerer
Mühlstein an seinem Mikro. Insgesamt war es in den 20 Jahren danach
ein stetes Auf und Ab, bei dem Nas immer wieder Achtungserfolge
erzielt und ordentlich Platten verkauft hat, aber nie wieder diese
Höhen und künstlerische Geschlossenheit eines einzelnen Werks
erreicht hat. Als er diese Woche nach Köln kam mit dem Versprechen,
Illmatic zu spielen, war daher wahlweise Schlimmes zu befürchten –
klammern an die Erfolge von einst – oder Großes zu erwarten –
eine Wiederbelebung dieses Kleinods vor Publikum. Ungeachtet des
Gelingens klingt bei Musikern, die eigentlich noch Platten machen,
bei solchen Aktionen immer der Zweifel daran an, ob sie noch in der
Lage sind, Musik zu machen, die in der Gegenwart relevant ist. Hinzu kommt bei solchen Veranstaltungen die
übliche Unsicherheit, in welchem Zustand und zu welcher Uhrzeit der
durchschnittliche mit Größenwahn gesegnete US-MC vor seine
europäischen Zuschauer tritt.
Das Resultat war – um es
vorwegzunehmen – durchaus bemerkenswert. Nach etwas DJ-Vorgeplänkel
mit einem Potpourri aus Golden-Age-HipHop-Klassikern kam Nas auf die
Bühne, die er sich getreu dem Motto "Two Turntables and a Microphone" nur mit einem DJ teilte, der die
Instrumentals lieferte, während auf der Leinwand im Hintergrund Szenen
aus kaputten Projects von New York liefen. Schnörkellos, souverän
und mit einem klaren Sound gab es dann ziemlich nahtlos das
versprochene Album, abzüglich des Gastauftritts von AZ. Und Charisma
hat Nas nun wirklich genug. Bei seiner Performance vermittelte er das
Gefühl, dass er mit seinen Fans noch einmal das Familienalbum
durchblättert und sich mit ihnen gemeinsam der bittersüßen Glory
Days erinnert. Entsprechend würdigten große Teile des meist
männlichen 30-Plus-Publikums ihren Helden, indem sie als kollektiver Back-Up-MC die Lyrics
textsicher mitsprachen oder -brüllten. Das Fazit eines alten
Bekannten fasst diese Nostalgie prägnant zusammen: „Das sind die
90er, Alter!“. Zum Glück in der Variante ohne vermeintlich
ironischen Euro-Trash Marke Haddaway, wie man erleichtert hinzufügen
möchte. Im Anschluss an Illmatic gab es dann noch einen Ritt durch die
Höhepunkte seines sonstigen Oeuvres inclusive eines kurzen Acapella-Intermezzos von Fashawn, die letzte – durchaus
gelungene – LP „Life is Good“ sparte er jedoch aus. Unter Jubel
durfte Nas schließlich nach anderthalb Stunden und mehr als getaner
Schuldigkeit als Ikone und Entertainer die köchelnde Halle
verlassen.
Und was bleibt? Zunächst ein wirklich
sehenswerter Abend mit einem MC, der das Jammern über schlechte
Shows von US-Rappern Lügen straft. Das Ganze hatte zwar ein wenig
den Charakter eines Klassentreffens, doch ohne dessen schalen Beigeschmack. Denn es war zwar ein Hochgesang auf das
Vergangene, doch musste man sich den nicht schön trinken, bis man
tatsächlich der Täuschung aufsaß, dass früher alles besser war
und am nächsten Tag nur noch sauer gewordene Euphorie
und Kopfschmerzen bleiben, die das Hochgefühl Lügen strafen. Es kann
also auch im HipHop gelingen, das Suhlen im selbstreferentiellen
Sumpf, das schmutzig aber vergnüglich ist. Unbeantwortet bleibt hier
naturgemäß die Frage, was das für Nas' Zukunft als MC heißt.
Arbeitet er sich weiter daran ab, relevant zu bleiben oder gibt’s
in zwei Jahren einfach die „20-Years-Of It-Was-Written-Tour“? Ich
setze drauf, dass da noch was kommt. Denn bei allem Stolz auf das
Erreichte, machte Nas nicht den Eindruck, als wollte er sich die
nächsten 20 Jahre mit der Verwaltung des eigenen Nachlasses zu
Lebzeiten begnügen. Zum Nachhören mein Favorit von Illmatic, "Life's a bitch", sowie „Daughters“ von der letzten Platten, das er allen
Vätern von Töchtern widmet: „When they on a date we hide behind
the door with a sawed-off – no one's good enough for our
daughters“. Word!
Nas - Daughters (live)
R.I.P. Charlie Haden
Der Link zwischen
Nas und dem kürzlich verstorbenen Charlie Haden ist näher liegend, als man vermuten mag, da der Vater von Nas, der Trompeter
Olu Dara, der Jazz-Avantgarde zuzurechnen ist, die Charlie Haden vor
allem als Bassist von Ornette Coleman stark geprägt hat. So haben
beide etwa mit James „Blood“ Ulmer gespielt, dem harmolodischen
Gitarristen im Gefolge Colemans. Haden litt in den letzten Jahren wohl schwer unter den Spätfolgen der
Kinderlähmung, die seine Karriere als Sänger frühzeitig beendete
und ihn stattdessen zum Kontrabass brachte. Eine Tragödie für das
Kind, auf lange Sicht ein Segen für den Jazz, denn dieser Mann
ackerte gleichzeitig virtuos und brachial-kraftvoll hinter Colemans Quartett,
das auf ein Piano verzichtete. Im Laufe der Jahrzehnte hat Haden dann
alles mögliche gemacht, angefangen beim sozialistisch beseelten
Liberation Music Orchestra über Ausflüge in die ECM-Welt und
kommerziell erfolgreiche Duos mit Pat Metheny sowie seine langjährige
Kleingruppe, das Quartet West, mit dem ich ihn vor 15 Jahren mal im
Stadtgarten sehen durfte. Ohne die verschiedenen Gruppen an dieser
Stelle ausführlich zu würdigen, kann man wohl sagen, dass ein
Gigant des Jazz-Bass seine Saiten nun im Jenseits zupft. Sein Erbe
lebt derweil nicht nur in den Plattenschränken weiter, sondern
genauso in den Herzen seiner zahlreichen Mitstreiter sowie dem
Schaffen seiner allesamt musizierenden Kinder.
Ornette Coleman - The Shape of Jazz to Come (full album)
Liberation Music Orchestra - Sandino

