caddy

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Samstag, 19. Juli 2014

Nasty Nas in Your Area


Straight out the fuckin' dungeons of rap... Kaum zu glauben, aber das ist jetzt 20 Jahre her, dass man diese Ankündigung erstmals auf Platte hörte, und damit, wie es die Huldigungs- und Verwertungslogik von Musikindustrie und -freunden mittlerweile will, auch höchste Zeit, das Werk in den Kanon einzuordnen. Die Rede ist natürlich von „Illmatic“, der ersten LP von Nas. Doch dieser Meilenstein des Rap schlägt einer solchen Logik in zweierlei Hinsicht ein Schnippchen. Zum einen bedarf diese LP keinerlei Schnickschnack, wie er sich heute in den historisierenden Werkausgaben zu solchen Anlässen findet, gerne in Form von Skizzen und Verworfenem, die höchstens für Detailfanatiker und Komplettisten von Interesse sind. Insofern ist die nur halbherzig aufgeblasene Anniversary Edition von Illmatic überflüssig, das Album steht so als Monolith für sich und bedarf keiner Zusatzstoffe. Zum anderen hat das Album praktisch schon seit kurz nach seiner Veröffentlichung den Status eines Meisterwerks oder „game changers“, wie manche das nennen. Nicht nur war nach Illmatic der lyrische Standard für New York Street Rap ein anderer, auch die Logik des Zusammensuchens der Beat-Perlen von den größten Producern als Backdrop für einen einzelnen MC bekam akzeptierte Praxis. Schließlich ist das Album bereits 2010 in den heiligen Hallen von Academia gewürdigt worden, als in dem durchaus lesenswerten Band „Born to use Mics“ zehn verschiedene Autoren ihrem jeweiligen Lieblingstrack der LP einen Essay widmeten. Von dem Lobgesang zahlloser MCs und Fans auf dieses Album wollen wir gar nicht erst anfangen, da es geradezu eine Pflichtübung darstellt, sich vor Nas' Erstling zu verneigen.

Das Album war für Nas aber nicht nur Eintrittskarte in die Ruhmeshallen, sondern zugleich ein zentnerschwerer Mühlstein an seinem Mikro. Insgesamt war es in den 20 Jahren danach ein stetes Auf und Ab, bei dem Nas immer wieder Achtungserfolge erzielt und ordentlich Platten verkauft hat, aber nie wieder diese Höhen und künstlerische Geschlossenheit eines einzelnen Werks erreicht hat. Als er diese Woche nach Köln kam mit dem Versprechen, Illmatic zu spielen, war daher wahlweise Schlimmes zu befürchten – klammern an die Erfolge von einst – oder Großes zu erwarten – eine Wiederbelebung dieses Kleinods vor Publikum. Ungeachtet des Gelingens klingt bei Musikern, die eigentlich noch Platten machen, bei solchen Aktionen immer der Zweifel daran an, ob sie noch in der Lage sind, Musik zu machen, die in der Gegenwart relevant ist. Hinzu kommt bei solchen Veranstaltungen die übliche Unsicherheit, in welchem Zustand und zu welcher Uhrzeit der durchschnittliche mit Größenwahn gesegnete US-MC vor seine europäischen Zuschauer tritt.

Das Resultat war – um es vorwegzunehmen – durchaus bemerkenswert. Nach etwas DJ-Vorgeplänkel mit einem Potpourri aus Golden-Age-HipHop-Klassikern kam Nas auf die Bühne, die er sich getreu dem Motto "Two Turntables and a Microphone" nur mit einem DJ teilte, der die Instrumentals lieferte, während auf der Leinwand im Hintergrund Szenen aus kaputten Projects von New York liefen. Schnörkellos, souverän und mit einem klaren Sound gab es dann ziemlich nahtlos das versprochene Album, abzüglich des Gastauftritts von AZ. Und Charisma hat Nas nun wirklich genug. Bei seiner Performance vermittelte er das Gefühl, dass er mit seinen Fans noch einmal das Familienalbum durchblättert und sich mit ihnen gemeinsam der bittersüßen Glory Days erinnert. Entsprechend würdigten große Teile des meist männlichen 30-Plus-Publikums ihren Helden, indem sie als kollektiver Back-Up-MC die Lyrics textsicher mitsprachen oder -brüllten. Das Fazit eines alten Bekannten fasst diese Nostalgie prägnant zusammen: „Das sind die 90er, Alter!“. Zum Glück in der Variante ohne vermeintlich ironischen Euro-Trash Marke Haddaway, wie man erleichtert hinzufügen möchte. Im Anschluss an Illmatic gab es dann noch einen Ritt durch die Höhepunkte seines sonstigen Oeuvres inclusive eines kurzen Acapella-Intermezzos von Fashawn, die letzte – durchaus gelungene – LP „Life is Good“ sparte er jedoch aus. Unter Jubel durfte Nas schließlich nach anderthalb Stunden und mehr als getaner Schuldigkeit als Ikone und Entertainer die köchelnde Halle verlassen.

Und was bleibt? Zunächst ein wirklich sehenswerter Abend mit einem MC, der das Jammern über schlechte Shows von US-Rappern Lügen straft. Das Ganze hatte zwar ein wenig den Charakter eines Klassentreffens, doch ohne dessen schalen Beigeschmack. Denn es war zwar ein Hochgesang auf das Vergangene, doch musste man sich den nicht schön trinken, bis man tatsächlich der Täuschung aufsaß, dass früher alles besser war und am nächsten Tag nur noch sauer gewordene Euphorie und Kopfschmerzen bleiben, die das Hochgefühl Lügen strafen. Es kann also auch im HipHop gelingen, das Suhlen im selbstreferentiellen Sumpf, das schmutzig aber vergnüglich ist. Unbeantwortet bleibt hier naturgemäß die Frage, was das für Nas' Zukunft als MC heißt. Arbeitet er sich weiter daran ab, relevant zu bleiben oder gibt’s in zwei Jahren einfach die „20-Years-Of It-Was-Written-Tour“? Ich setze drauf, dass da noch was kommt. Denn bei allem Stolz auf das Erreichte, machte Nas nicht den Eindruck, als wollte er sich die nächsten 20 Jahre mit der Verwaltung des eigenen Nachlasses zu Lebzeiten begnügen. Zum Nachhören mein Favorit von Illmatic, "Life's a bitch", sowie „Daughters“ von der letzten Platten, das er allen Vätern von Töchtern widmet: „When they on a date we hide behind the door with a sawed-off – no one's good enough for our daughters“. Word!

Nas - Daughters (live)




R.I.P. Charlie Haden

Der Link zwischen Nas und dem kürzlich verstorbenen Charlie Haden ist näher liegend, als man vermuten mag, da der Vater von Nas, der Trompeter Olu Dara, der Jazz-Avantgarde zuzurechnen ist, die Charlie Haden vor allem als Bassist von Ornette Coleman stark geprägt hat. So haben beide etwa mit James „Blood“ Ulmer gespielt, dem harmolodischen Gitarristen im Gefolge Colemans. Haden litt in den letzten Jahren wohl schwer unter den Spätfolgen der Kinderlähmung, die seine Karriere als Sänger frühzeitig beendete und ihn stattdessen zum Kontrabass brachte. Eine Tragödie für das Kind, auf lange Sicht ein Segen für den Jazz, denn dieser Mann ackerte gleichzeitig virtuos und brachial-kraftvoll hinter Colemans Quartett, das auf ein Piano verzichtete. Im Laufe der Jahrzehnte hat Haden dann alles mögliche gemacht, angefangen beim sozialistisch beseelten Liberation Music Orchestra über Ausflüge in die ECM-Welt und kommerziell erfolgreiche Duos mit Pat Metheny sowie seine langjährige Kleingruppe, das Quartet West, mit dem ich ihn vor 15 Jahren mal im Stadtgarten sehen durfte. Ohne die verschiedenen Gruppen an dieser Stelle ausführlich zu würdigen, kann man wohl sagen, dass ein Gigant des Jazz-Bass seine Saiten nun im Jenseits zupft. Sein Erbe lebt derweil nicht nur in den Plattenschränken weiter, sondern genauso in den Herzen seiner zahlreichen Mitstreiter sowie dem Schaffen seiner allesamt musizierenden Kinder.

Ornette Coleman - The Shape of Jazz to Come (full album)


 Liberation Music Orchestra - Sandino


Mittwoch, 9. Juli 2014

Nik Cohn / Scott O)))

Heute gibt’s einen kleinen Schlenker in die Welt der Literatur. In welche Kategorie das Buch Triksta des Nordiren Nik Cohn hier fällt, ist allerdings unklar, da es sich irgendwo zwischen Reportage, Autobiographie und Kulturanalyse bewegt. Kurz gesagt geht es darum, dass der alternde und an Hepatitis C erkrankte Autor, der u.a. den Klassiker AWopBopaLooBop ALopBamBoom geschrieben hat, in einer Art Krisenexperiment in das von ihm geliebte New Orleans zieht und sich dort in der Prä-Katrina-Ära in die HipHop/Bounce-Szene stürzt. Ein denkbar absurdes Bild: der 55-jährige, weiße, europäische Popkultur-Maniac mit Anzug und Fedora zwischen Gangster-Bubbis in Baggy-Pants, der versucht, seine Vision umzusetzen: ein Bounce-Album, das diesen rohen und auf Pussy und Knarren fixierten Dirty South Sound mit einer breiteren Perspektive auf das musikalische und kulturelle Erbe der Stadt verknüpft. Cohn entwickelt dabei in der Retrospektive genug Distanz und Selbstironie, so dass sowohl das Verzweifelte als auch das Romantische seines bizarren Unternehmens für den Leser spürbar wird. Den Kern des Buchs bildet einerseits die Schilderung eines imaginierten Aufstiegs zum Rap-Impressario, zu dem es nie kommt, andererseits die Liebe zu den meist jungen Rappern und ihren Lebensgeschichten, die untrennbar mit der Gewalt, der Musik sowie der Tradition und dem Elend der Stadt verwoben sind. Eingeschoben sind immer wieder Reflexionen über HipHop als Business und dessen ökonomische Logik, bei der es für die vom Aufstieg Besessenen oftmals nur um die Verfolgung der vorgehaltenen Karotte geht, während die Macher dahinter das wahre Geld zur Seite schaffen. Die Perspektive auf dieses Geschäft quasi aus der Gosse heraus, in der er sich als Fremder herum treibt, ist spannend und angenehm wenig moralisierend zugleich.

Dieses Buch betreibt keine musikhistorische Erbsenzählerei, es ist mehr das Literatur gewordene Tagebuch eines irren Krisenexperiments: was kann ich als kranker alter Sack mit einer irrationalen Liebe zum HipHop aus mir noch rausholen? Dafür arbeitet sich der Autor stark an den realen Erlebnissen ab, die er dabei so geschickt schildert und mit subtilen Exkursen versieht, dass dieses Buch mit Sicherheit eines der besten Bücher über HipHop und die zurückgelassene schwarze Jugend in amerikanischen Ghettos ist. Die schriftstellerische Finesse bedingt, dass es auch solchen Lesern Freude bereiten dürfte, die sich für MCs wie Choppa oder Soulja Slim (bislang) eher weniger interessieren. Als kleine Idee zum Sound, der hinter dem Begriff Bounce steckt, zwei Stücke zur Einstimmung.

Soulja Slim - I'll pay for it


Choppa – Choppa Style


Scott O))) / Stephen O'Malley Mix



Aus aktuellem Anlass sei hier noch auf zwei Neuigkeiten rund um Stephen O'Malley und seine Band Sunn O))) verwiesen. Nachdem ich neulich schon deren gemeinsame LP mit Ulver besprochen habe, legen die mysteriösen Helden des düsteren Sounds noch eine Schippe drauf in Sachen abwegige Kollaborationspartner. Dem Vernehmen nach kann man noch dieses Jahr mit einem Album rechnen, das die beiden Köpfe von Sunn O))) gemeinsam mit Scott Walker einspielen werden, dann als Scott O))). Und ja, Scott Walker, das ist der Typ von den Walker Brothers, der vor Ewigkeiten Stoff für das heutige Oldie-Radio produziert hat, etwa „The sun ain't gonna shine anymore“. Das ist aber auch der total abgedrehte Typ, der seit Jahren geradezu verstörende LPs produziert, die zu gleichen Teilen aus Oper, Industrial-Brachialität und manische Zerbrechlichkeit bestehen. Zwischendurch macht er dann auch mal die Musik zu einem Ballett. Wen interessiert, wie das klingen kann, dem sei die LP „Tilt“ empfohlen oder auch sein letztes Album „Bish Bosch“. Mit diesem Trio steht uns wohl eine Vertonung des blutigen Kampfes mit den inneren Dämonen ins Haus, der seinesgleichen sucht.

The Walker Brothers - The sun ain't gonna shine anymore


Scott Walker - See you don't bump his head



Damit nicht genug. Neulich hat Stephen O'Malley für das Fact Magazine ein kleines Set aus Lieblingsstücken zusammen gestellt. Ich muss gestehen, dass ich keinen der Musiker / Acts vorher kannte, aber das macht nichts, denn da gibt’s ne Menge zu entdecken, und es wird deutlich, aus was für einem breiten Spektrum an Sound dieser Besessene des Extreme Metal schöpft. Das reicht von eher ruhigen Übungen in Sachen Neue Musik über Spoken Word bis hin zu ordentlichen Noise-Eskapaden. Eher was für Mutige und solche, die mal an den obskursten Rändern des Sound-Universums surfen wollen.