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Mittwoch, 9. Juli 2014

Nik Cohn / Scott O)))

Heute gibt’s einen kleinen Schlenker in die Welt der Literatur. In welche Kategorie das Buch Triksta des Nordiren Nik Cohn hier fällt, ist allerdings unklar, da es sich irgendwo zwischen Reportage, Autobiographie und Kulturanalyse bewegt. Kurz gesagt geht es darum, dass der alternde und an Hepatitis C erkrankte Autor, der u.a. den Klassiker AWopBopaLooBop ALopBamBoom geschrieben hat, in einer Art Krisenexperiment in das von ihm geliebte New Orleans zieht und sich dort in der Prä-Katrina-Ära in die HipHop/Bounce-Szene stürzt. Ein denkbar absurdes Bild: der 55-jährige, weiße, europäische Popkultur-Maniac mit Anzug und Fedora zwischen Gangster-Bubbis in Baggy-Pants, der versucht, seine Vision umzusetzen: ein Bounce-Album, das diesen rohen und auf Pussy und Knarren fixierten Dirty South Sound mit einer breiteren Perspektive auf das musikalische und kulturelle Erbe der Stadt verknüpft. Cohn entwickelt dabei in der Retrospektive genug Distanz und Selbstironie, so dass sowohl das Verzweifelte als auch das Romantische seines bizarren Unternehmens für den Leser spürbar wird. Den Kern des Buchs bildet einerseits die Schilderung eines imaginierten Aufstiegs zum Rap-Impressario, zu dem es nie kommt, andererseits die Liebe zu den meist jungen Rappern und ihren Lebensgeschichten, die untrennbar mit der Gewalt, der Musik sowie der Tradition und dem Elend der Stadt verwoben sind. Eingeschoben sind immer wieder Reflexionen über HipHop als Business und dessen ökonomische Logik, bei der es für die vom Aufstieg Besessenen oftmals nur um die Verfolgung der vorgehaltenen Karotte geht, während die Macher dahinter das wahre Geld zur Seite schaffen. Die Perspektive auf dieses Geschäft quasi aus der Gosse heraus, in der er sich als Fremder herum treibt, ist spannend und angenehm wenig moralisierend zugleich.

Dieses Buch betreibt keine musikhistorische Erbsenzählerei, es ist mehr das Literatur gewordene Tagebuch eines irren Krisenexperiments: was kann ich als kranker alter Sack mit einer irrationalen Liebe zum HipHop aus mir noch rausholen? Dafür arbeitet sich der Autor stark an den realen Erlebnissen ab, die er dabei so geschickt schildert und mit subtilen Exkursen versieht, dass dieses Buch mit Sicherheit eines der besten Bücher über HipHop und die zurückgelassene schwarze Jugend in amerikanischen Ghettos ist. Die schriftstellerische Finesse bedingt, dass es auch solchen Lesern Freude bereiten dürfte, die sich für MCs wie Choppa oder Soulja Slim (bislang) eher weniger interessieren. Als kleine Idee zum Sound, der hinter dem Begriff Bounce steckt, zwei Stücke zur Einstimmung.

Soulja Slim - I'll pay for it


Choppa – Choppa Style


Scott O))) / Stephen O'Malley Mix



Aus aktuellem Anlass sei hier noch auf zwei Neuigkeiten rund um Stephen O'Malley und seine Band Sunn O))) verwiesen. Nachdem ich neulich schon deren gemeinsame LP mit Ulver besprochen habe, legen die mysteriösen Helden des düsteren Sounds noch eine Schippe drauf in Sachen abwegige Kollaborationspartner. Dem Vernehmen nach kann man noch dieses Jahr mit einem Album rechnen, das die beiden Köpfe von Sunn O))) gemeinsam mit Scott Walker einspielen werden, dann als Scott O))). Und ja, Scott Walker, das ist der Typ von den Walker Brothers, der vor Ewigkeiten Stoff für das heutige Oldie-Radio produziert hat, etwa „The sun ain't gonna shine anymore“. Das ist aber auch der total abgedrehte Typ, der seit Jahren geradezu verstörende LPs produziert, die zu gleichen Teilen aus Oper, Industrial-Brachialität und manische Zerbrechlichkeit bestehen. Zwischendurch macht er dann auch mal die Musik zu einem Ballett. Wen interessiert, wie das klingen kann, dem sei die LP „Tilt“ empfohlen oder auch sein letztes Album „Bish Bosch“. Mit diesem Trio steht uns wohl eine Vertonung des blutigen Kampfes mit den inneren Dämonen ins Haus, der seinesgleichen sucht.

The Walker Brothers - The sun ain't gonna shine anymore


Scott Walker - See you don't bump his head



Damit nicht genug. Neulich hat Stephen O'Malley für das Fact Magazine ein kleines Set aus Lieblingsstücken zusammen gestellt. Ich muss gestehen, dass ich keinen der Musiker / Acts vorher kannte, aber das macht nichts, denn da gibt’s ne Menge zu entdecken, und es wird deutlich, aus was für einem breiten Spektrum an Sound dieser Besessene des Extreme Metal schöpft. Das reicht von eher ruhigen Übungen in Sachen Neue Musik über Spoken Word bis hin zu ordentlichen Noise-Eskapaden. Eher was für Mutige und solche, die mal an den obskursten Rändern des Sound-Universums surfen wollen.

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