Heute gibt’s einen kleinen Schlenker
in die Welt der Literatur. In welche Kategorie das Buch Triksta des
Nordiren Nik Cohn hier fällt, ist allerdings unklar, da es sich irgendwo
zwischen Reportage, Autobiographie und Kulturanalyse
bewegt. Kurz gesagt geht es darum, dass der alternde und an
Hepatitis C erkrankte Autor, der u.a. den Klassiker AWopBopaLooBop ALopBamBoom
geschrieben hat, in einer Art Krisenexperiment in das von ihm
geliebte New Orleans zieht und sich dort in der Prä-Katrina-Ära in
die HipHop/Bounce-Szene stürzt. Ein denkbar absurdes Bild: der
55-jährige, weiße, europäische Popkultur-Maniac mit Anzug und
Fedora zwischen Gangster-Bubbis in Baggy-Pants, der versucht, seine
Vision umzusetzen: ein Bounce-Album, das diesen rohen und auf Pussy und Knarren fixierten Dirty South Sound mit einer breiteren Perspektive auf das
musikalische und kulturelle Erbe der Stadt verknüpft. Cohn entwickelt
dabei in der Retrospektive genug Distanz und Selbstironie, so dass sowohl das
Verzweifelte als auch das Romantische seines bizarren Unternehmens für den Leser spürbar wird. Den Kern des Buchs bildet einerseits die Schilderung eines imaginierten
Aufstiegs zum Rap-Impressario, zu dem es nie kommt, andererseits die
Liebe zu den meist jungen Rappern und ihren Lebensgeschichten, die
untrennbar mit der Gewalt, der Musik sowie der Tradition und dem Elend der Stadt
verwoben sind. Eingeschoben sind immer wieder Reflexionen über
HipHop als Business und dessen ökonomische Logik, bei der es für
die vom Aufstieg Besessenen oftmals nur um die Verfolgung der vorgehaltenen
Karotte geht, während die Macher dahinter das wahre Geld zur Seite
schaffen. Die Perspektive auf dieses Geschäft quasi aus der Gosse heraus, in der er sich als Fremder herum treibt, ist spannend und angenehm wenig moralisierend zugleich.
Dieses Buch betreibt keine musikhistorische Erbsenzählerei, es ist mehr das Literatur gewordene Tagebuch eines irren Krisenexperiments: was kann ich als kranker alter Sack mit einer irrationalen Liebe zum HipHop aus mir noch rausholen? Dafür arbeitet sich der Autor stark an den realen
Erlebnissen ab, die er dabei so geschickt schildert und mit subtilen
Exkursen versieht, dass dieses Buch mit Sicherheit eines der besten
Bücher über HipHop und die zurückgelassene schwarze Jugend in
amerikanischen Ghettos ist. Die schriftstellerische Finesse bedingt, dass es auch solchen Lesern Freude bereiten dürfte, die
sich für MCs wie Choppa oder Soulja Slim (bislang) eher weniger
interessieren. Als kleine Idee zum Sound, der hinter dem Begriff
Bounce steckt, zwei Stücke zur Einstimmung.
Soulja Slim - I'll pay for it
Choppa – Choppa Style
Scott O))) / Stephen O'Malley Mix
Aus aktuellem Anlass sei hier noch auf
zwei Neuigkeiten rund um Stephen O'Malley und seine Band Sunn O)))
verwiesen. Nachdem ich neulich schon deren gemeinsame LP mit Ulver
besprochen habe, legen die mysteriösen Helden des düsteren Sounds
noch eine Schippe drauf in Sachen abwegige Kollaborationspartner. Dem
Vernehmen nach kann man noch dieses Jahr mit einem Album rechnen, das
die beiden Köpfe von Sunn O))) gemeinsam mit Scott Walker einspielen
werden, dann als Scott O))). Und ja, Scott Walker, das ist der Typ von den
Walker Brothers, der vor Ewigkeiten Stoff für das heutige
Oldie-Radio produziert hat, etwa „The sun ain't gonna shine
anymore“. Das ist aber auch der total abgedrehte Typ, der seit
Jahren geradezu verstörende LPs produziert, die zu gleichen Teilen aus Oper, Industrial-Brachialität und manische
Zerbrechlichkeit bestehen. Zwischendurch macht er dann auch mal die Musik zu einem Ballett. Wen interessiert, wie das klingen kann, dem
sei die LP „Tilt“ empfohlen oder auch sein letztes Album „Bish
Bosch“. Mit diesem Trio steht uns wohl eine Vertonung des blutigen
Kampfes mit den inneren Dämonen ins Haus, der seinesgleichen sucht.
The Walker Brothers - The sun ain't gonna shine anymore
Scott Walker - See you don't bump his head
Damit nicht genug. Neulich hat Stephen
O'Malley für das Fact Magazine ein kleines Set aus Lieblingsstücken
zusammen gestellt. Ich muss gestehen, dass ich keinen der Musiker /
Acts vorher kannte, aber das macht nichts, denn da gibt’s ne Menge
zu entdecken, und es wird deutlich, aus was für einem breiten
Spektrum an Sound dieser Besessene des Extreme Metal schöpft. Das
reicht von eher ruhigen Übungen in Sachen Neue Musik über Spoken
Word bis hin zu ordentlichen Noise-Eskapaden. Eher was für Mutige und solche, die mal an den obskursten Rändern des Sound-Universums surfen wollen.


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