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Freitag, 17. Oktober 2014

R.I.P. - Mark Bell + The Spaceape

Die Regelmäßigkeit, mit der ich Nachrichten von frisch und oftmals noch sehr jung verstorbenen Musikern poste, gibt mir manchmal das Gefühl, ich könnte hier auch einen Blog mit Todesanzeigen betreiben. In den letzten Wochen hat der Herr wieder zwei zu sich geholt: den britischen Rapper/Dub-Poeten The Spaceape sowie seinen Landsmann Mark Bell, seines Zeichens eine Hälfte des Elektronik-Duos LFO und Produzent für andere Künstler. Ihre Musik ist einerseits sehr unterschiedlich, doch stehen andererseits beide auf ihre Weise für brillante Infusionen frischen Bluts in den Körper der elektronischen Musik, die jeweils wiederum eng mit spezifisch britischen Traditionen verknüpft waren.

Mark Bell

Der sogenannte „Second Summer of Love“ von 1988, den Großbritannien im Rausch von Acid House und Ecstasy erlebte, war gerade vorbei, und seine Kinder machten sich auf, aus dem Erbe von Kraftwerk, HipHop, Detroit Techno und allerlei dilettierenden Experimenten an Samplern und Synthesizern in ihren Jugendzimmern einen neuen Sound zu schaffen. Wenn man den Berichten Glauben schenken darf und sie nicht nur reine Verklärung der eigenen Jugend der Beteiligten sind, waren die Ecstasy-Pillen noch reiner und der Vibe der Parties noch nicht in militant-sediertes Marschieren gekippt. Eine muntere Spielwiese muss das gewesen sein, auf der sich der junge Teenager Mark Bell aus Leeds gemeinsam mit seinem Kumpel Gez Varley austoben konnte.

Im Zuge der Explosion neuer elektronischer Musik aus England, für die es allerlei Begriffe von Bleeps n Clonks über Techno zu Acid House und Hardcore gibt, entfaltete sich das Projekt LFO mit ganz besonderer Wucht, denn im Wettrennen um den tiefsten und bösesten Bass lagen sie ganz weit vorne mit ihre tatsächlich ersten Track, den sie genauso nannten wie ihr Projekt - „LFO“. Das umtriebige und bis heute intakte Label Warp begriff das schnell und veröffentlichte den Track genauso wie die folgende Debut-LP „Frequencies“. Der Titel des Albums enthält in gewisser Weise die Essenz, die diese Musik antrieb. Nicht die Schöpfung elaborierter Songs oder wilder Harmonien, sondern die Suche nach den Frequenzen, die durch ein Soundsystem geschickt der tanzenden Meute einen Schauer durch den ganzen Körper jagten, getragen von Rhythmen, die in ihrer Schlichtheit alle verstanden und alle vereinten. Genauso kann auch der Name des Projekts als programmatisch verstanden werden. LFO steht für „Low Frequency Oscillator“, den Bestandteil eines Synthesizers, der die tiefen Töne in Gang bringt.

Schließlich muss man „Frequencies“ als eine der wenigen LPs elektronischer Dance Music dieser Ära würdigen, die es schaffte, das Gefühl dieses Sounds tatsächlich auf Albumlänge auszubreiten und meisterlich zu variieren, während es den meisten anderen selten gelang, über die Länge einer Maxi hinaus Spannung und Innovation zu konservieren. Das riecht nach der Sehnsucht funktionaler Musik, als Kunst anerkannt zu werden, für die man den zweifelhaften Title Autoren-Techno erfunden hat. Doch dafür gehen LFO viel zu sehr nach vorne. Das konnte ich 1994 am eigenen Leib erfahren, als ich LFO bei einem Warp-Showcase in Köln gemeinsam mit Autechre, Seefeel und Aphex Twin sehen durfte. Ein für mich damals merkwürdiges, wenn auch nachhaltig beeindruckendes Erlebnis, das meiner bis dahin eher gitarrenlastigen Sozialisation ordentlich Gehirn und Gehör durchgepustet hat. Danke dafür.

Es folgte nach dem frühen Hype um LFO für Mark Bell eine steile Karriere, die ihm unter anderem Produzentenjobs für Björk und Depeche Mode bescherte, während LFO nur noch zwei weitere Alben veröffentlichten, „Advance“ (1996) und Sheath (2003). Mit Björk arbeitete er 15 Jahre von „Homogenic“ (1997) bis „Biophilia“ (2011) zusammen, während Depeche Mode eher mal zwischendurch für „Exciter“ (2001) jemanden brauchten, der ihrem in die Jahre gekommenen Sound ein bisschen Aktualität und Glaubwürdigkeit für das jüngere Publikum verleihen sollte. Schwer zu sagen, was da noch gekommen wäre, denn mit 43 Jahren hätte das ja noch eine Menge sein können. Vor einigen Tagen jedoch wurde seinem Leben ein vorzeitiges Ende gesetzt, durch das, was Ärzte „postoperative Komplikationen“ nennen. Unvermeidlich an dieser Stelle noch einmal den unverwüstlichen Track „LFO“ zu posten sowie stellvertretend für seine Arbeit mit Björk deren von ihm produzierten Track „Declare Independence“.





The Spaceape

Eine andere Generation, doch genauso fest verwurzelt in der Tradition dessen, was Simon Reynolds als „Hardcore Continuum“ bezeichnet – die Traditionslinie britischer Clubmusik, die sich aus den frühen Raves der späten 80er Jahre genauso speist wie aus dem britischen Kolonialerbe jamaikanischer Musik. The Spaceape, den man wohl als Poet der Dubstep-Generation bezeichnen könnte, hat hierin seinen festen Platz. Auf seine Art führt er das Erbe seines Landsmanns Linton Kwesi Johnson aus den 80ern fort. Dieser setzte vom UK aus neue Akzente in der Lyrik, die über die entschlackten Rhythmen jamaikanischer Riddims gelegt wurde.

Das musikalische Schaffen von The Spaceape wird wohl für immer eng verknüpft bleiben mit seinem kongenialen Partner Kode9, seines Zeichens Mastermind und Betreiber des wegweisenden Labels Hyperdub, das seit nunmehr 10 Jahren frische Versionen von Bass Music / Dub und anderem futuristischen Kram liefert. Mit „Memories of the Future“ von 2006 sowie „Black Sun“ von 2011 haben die beiden zwei Meilensteine in dem schnelllebigen Genre gesetzt, indem sie nicht nur Dub eine zeitgenössisch-minimale Sound-Tiefe verpasst haben, sondern auch eine der wenigen gelungenen Synthesen aus Vocals und Instrumentals in diesem Bereich geschaffen haben. In Sachen Bass und Freude an Frequenzen liegt der Ansatz damit nahe an LFO, denn Dub ist für Kode9 & The Spaceape nur ein grobes rhythmisches Gerüst und ästhetische Referenz und somit Sprungbrett und doppelter Boden ihrer eigenen Sound-Exkursionen. Für die Ekstase auf der Tanzfläche ist dieser Sound hingegen nur bedingt geeignet, eher denkt man an eine etwas zu schummerig geratene Afterhour.

Die Vocals von The Spaceape haben immer etwas leicht bedrohliches. Sie kommen eher monoton und langsam daher, sind jedoch so „nah“ und eindringlich abgemischt, dass man das Gefühl hat, da flüstert einem ein sedierter Barry White mit jamaikanischem Einschlag düstere Wahrheiten und apokalyptische Visionen ins Ohr. Etwas schleppend-unheilvoll, aber auch kryptisch, was im Zusammenspiel mit den basslastigen Produktionen von Kode9 der Musik eine sehr spezielle Aura verleiht; in etwa so, als würde man entgegen besseres Wissen von der Stimme eines urbanen Rattenfängers in die Dunkelheit eines ausrangierten U-Bahn-Tunnels gelockt.

Wie man Nachrufen entnehmen kann, hat The Spaceape lange mit dem Krebs gerungen und diesen Kampf nicht zuletzt auch in seiner letzten Solo-EP verarbeitet. Er ist definitiv eine einzigartige Stimme, die man vermissen wird. Als kleine Ausschnitte aus seinem Schaffen an dieser Stelle der an Prince angelehnte Track „Sine“ mit Kode9 sowie „On The Run“ aus seiner Solo-EP von 2012.




Sonntag, 5. Oktober 2014

Dub Labels for the 21st Century: Jahtari

Auf den verschiedensten Wegen gelangt man heute beim Hören aktueller Musik zu einer geographisch kleinen, kulturell aber wichtigen Quelle – Dub. Legionen von Autoren und Musikjournalisten haben sich daran abgearbeitet, die Bedeutung des in den 60ern mehr oder weniger aus Zufall geschaffenen Genres des instrumentalen Reggae für alle möglichen nachfolgenden Stile herauszuarbeiten: praktisch alle Spielarten elektronischer Musik, HipHop, Post-Punk oder auch die (selbst ernannten) direkten Nachkommen aus England wie Dubstep. Die Mutationen, die der ursprüngliche Sound von King Tubby durchlaufen und/oder befeuert hat, weisen dabei oftmals nur noch sehr rudimentäre direkte Anklänge an das Original auf, es zählt vielmehr die Geistehaltung der Abstraktion, Reduktion und Manipulation von Frequenzen, die als Prinzip schon damals dem Sound zugrunde lag.

Etwas direkter in der unmittelbaren Erbfolge des jamaikanischen Dub bewegt sich ein deutsches Label, Jahtari aus Leipzig, das seit nunmehr 10 Jahren Dub/Reggae veröffentlicht, der musikalisch vergleichsweise nah an den Wurzeln des Genres liegt. Die beiden zentralen Bezugspunkte des Sounds sind dabei praktisch schon im Labelnamen enthalten: „Jah“ im Sinne des Anknüpfens an die spirituelle Seite von Dub und Reggae sowie „Atari“ als Verweis auf die Sounds früher Heimcomputer. Konsequent wird dementsprechend auf eine körnige 8-Bit-Ästhetik gesetzt, wie man sie aus dem genannten Rechner genauso kennt wie aus den frühen Tagen des digitalen Dancehall, man denke nur an Jammys Intialzündung, den „Sleng-Teng-Riddim“ und dessen Casio-Drums.

Sowohl die Zahl der veröffentlichten Künstler als auch die Formate der Veröffentlichungen sind zahlreich. So gibt es etwa einen kontinuierlichen Output an großem und kleinem Vinyl, aber auch jede Menge Downloads wie die Net-7-Inches, Soundcloud-Mixes und CDs. Trotz der Vielzahl der beteiligten Musiker ist die von ihnen produzierte Musik in ihrem Ansatz recht homogen: schlichte, klassische Reggae-Tunes, die retro-artig produziert sind, aber mit einer spezifischen Weirdness angereichert werden, insbesondere in den Vocals, so sie denn vorhanden sind. Diese drehen sich oft um klassische Themen des Genres wie Weed, die Dancehall und ihre Protagonsiten sowie die Musik an sich, doch in der Bearbeitung der Stimme und den eigentlichen Texten schwingt immer eine leicht verfremdende, gerne auch kiffer-affine Meta-Ebene mit, insbesondere bei der tollen schottischen Sängerin Soom T. Das ist zwar einerseits recht humoristisch, andererseits aber auch sehr traditionsbewusst, denn Dub und Reggae sind hier nicht bloße Vehikel, sondern das Label sieht sich hier in einer klaren Tradition, wie nicht zuletzt die Existenz und der Inhalt einer eigenen „Theorie-Sektion“ auf der Label-Website verdeutlichen. Abgrenzen lässt sich dessen Ansatz in der gegenwärtigen Dub-Sphäre daher nach zwei Seiten: der wobbelnden Dancefloor-Sause gängiger Dubstepentwürfe wie Skream auf der kommerziellen Seite, sowie den avantgardistischen Neigungen von Labels wie Hyperdub, die den Klang von Dub in sehr abstrakte Sphären treiben und dabei weniger mit Jah und Konsorten am Hut haben als mit einem Philosophie-Seminar.

Das Mittel für die meisten Producer auf Jahtari ist in Abwendung von Trends nicht extremes Sound-Fricklertum und brachiale Kompressionsexperimente am Laptop, sondern die Rückkehr zum selbst manipulierten 8-Bit-Synth und DIY-Ästhetik, also eher ein Verweis auf Freunde des sog. Circuit-Bending oder auch die frühen Experimente und Basteleien des jamaikanischen Elektro-Ingenieurs Osbourne Ruddock aka King Tubby. Gewissermaßen als Nebenprodukt dieser Bestrebungen kann man sogar von den Betreibern des Labels höchst selbst (um)gebaute Synths bestellen. Die unter anderem damit gebauten Riddims haben als musikalische Gegenstücke zu den groben Pixeln eines Atari 512 ST eine synthetische Rohheit, der die Glattheit vieler anderer aktueller Dub-Interpretationen gänzlich abgeht. Der Zufall als Komponente, die bei der Entstehung des Dub selbst bereits eine entscheidende Rolle spielte, wird hier nicht durch die Kontrollmöglichkeiten des Studios im Rechner unterlaufen, sondern explizit durch den Hands-on-Ansatz an den Knöpfen und Reglern der Geräte kultiviert. Dies führt zu einer teils fröhlich-bekifften Anarchie, die weit entfernt ist von der Düsterkeit urbaner Dubvisionen wie von Kode9 and the Spaceape, aber nie ins Alberne kippt. Gutes Beispiel für diese Gratwanderung ist der Jahmiga-Remix des Doors-Klassikers „WhiskeyBar“, der so seltsam trunken-verzerrt daher kommt, dass man nie weiß, ob der lallende Suffkopf auf der Suche nach mehr Drinks gefährlich ist oder bloß spielen will und sich am Ende als sympathischer Saufkumpan erweisen könnte.

Eine ähnliche Fortführung der Methoden und Ideen jamaikanischer Dub-Pioniere findet sich auf der visuellen Ebene der Veröffentlichungen, hier wird auch stark mit verschiedenen Arten von Comics gearbeitet, die für die eigenen Zwecke adaptiert werden, beispielsweise durch einen qualmenden Karotten-Spliff bei Soom T & disrupt oder die Transformers-artigen Cover der Label-Compilation-Reihe „Jahtarian Dubbers“. Das historische Pendant sind hier jamaikanische Dub-Alben, die sich auch gerne aktueller Pop-Themen bedienten, deren Verwurstungen "in Dub" sie als augenzwinkernde Referenz für die Cover und Mottos ihrer eigenen Klangabenteuer nutzten wie „Prince Jammy Destroys The Invaders“, das damals sehr unsubtil auf den Arcade-Hit „Space Invaders“ anspielte. Exakt dieses Cover greift seinerseits Ras Amerlock für seinen Release „Farther East...“ auf Jahrtari auf und dreht die Zitate-Spirale damit eine Umdrehung weiter.

Man kultiviert also in Leipzig eine recht klare und eigene konzeptionelle Linie, doch die Vernetzungen des Labels zu verschiedenen anderen Musikern und Labels, die sich auf ihre Weise an der Konservierung und Weiterentwicklung des jamaikanischen Erbes abarbeiten, sind bemerkenswert. Die Jahtari-Hausproduzenten Rootah und disrupt haben eine EP von Paul St. Hilaire aka Tikiman produziert, der in den 90ern eine grandiose und geradezu stil-definierende Platte mit Rhythm &Sound aufgenommen hat. Daneben können sich auf Jahtari genauso die King-Midas-Sound-Köpfe Kiki Hitomi und Kevin Martin mit ihrem Black-Chow-Alias oder die schottische Vorzeige-Crew Mungo's Hi-Fi austoben. Als Exot unter den Kollaborateuren ist schließlich die famose kölsche Sängerin Fleur Earth zu nennen, die auf einer frühen gratis Download-Single gefeaturet wurde. Borniertheit und Snobismus sehen anders aus, den Machern scheint es bei der Auswahl ihrer Kontakte und Künstler vor allem um eine liebe- und respektvolle Haltung zum Dub sowie die gemeinsame Suche nach neuen Sound-Tiefen zu gehen.

Für 10 Jahre Basisarbeit im Namen von Jah und alten Heimcomputern ist das schon eine ziemlich beeindruckende Bilanz des Leipziger Labels. Als Einstieg in diesen eigenen Sound-Kosmos kann man eigentlich nur einen Besuch auf der label-eigenen Website empfehlen, da diese nicht nur konzept-gerecht schickes Retro-Design bietet, sondern auch zahlreiche Infos liefert sowie umfangreiche Downloads bereit hält. Man muss also noch nicht einmal Geld investieren oder in die Sümpfe der illegalen Downloads hinabsteigen, um einen Eindruck davon zu bekommen, was die Jungs und Mädels in ihrem musikalischen Gewächshaus so anbauen. Als Einstieg von meiner Seite hier die folgenden Empfehlungen / Links: Die Net-7-Inch von Gringo Starr und Fleur Earth als Download, Soom T & disrupt mit „Puff the Police“, Paul St. Hilaires "Nah Ina It" sowie schließlich die Tape-Abteilung der Jahtari-Website mit verschiedenen Gratis-Downloads. In diesem Sinne: Jah bless!