Die Regelmäßigkeit, mit der ich
Nachrichten von frisch und oftmals noch sehr jung verstorbenen
Musikern poste, gibt mir manchmal das Gefühl, ich könnte hier auch
einen Blog mit Todesanzeigen betreiben. In den letzten Wochen hat der
Herr wieder zwei zu sich geholt: den britischen Rapper/Dub-Poeten The
Spaceape sowie seinen Landsmann Mark Bell, seines Zeichens eine
Hälfte des Elektronik-Duos LFO und Produzent für andere Künstler.
Ihre Musik ist einerseits sehr unterschiedlich, doch stehen
andererseits beide auf ihre Weise für brillante Infusionen frischen
Bluts in den Körper der elektronischen Musik, die jeweils wiederum
eng mit spezifisch britischen Traditionen verknüpft waren.
Mark Bell
Der sogenannte „Second Summer of
Love“ von 1988, den Großbritannien im Rausch von Acid House und
Ecstasy erlebte, war gerade vorbei, und seine Kinder machten sich
auf, aus dem Erbe von Kraftwerk, HipHop, Detroit Techno und allerlei
dilettierenden Experimenten an Samplern und Synthesizern in ihren
Jugendzimmern einen neuen Sound zu schaffen. Wenn man den Berichten
Glauben schenken darf und sie nicht nur reine Verklärung der eigenen
Jugend der Beteiligten sind, waren die Ecstasy-Pillen noch reiner und
der Vibe der Parties noch nicht in militant-sediertes Marschieren
gekippt. Eine muntere Spielwiese muss das gewesen sein, auf der sich
der junge Teenager Mark Bell aus Leeds gemeinsam mit seinem Kumpel
Gez Varley austoben konnte.
Im Zuge der Explosion neuer
elektronischer Musik aus England, für die es allerlei Begriffe von
Bleeps n Clonks über Techno zu Acid House und Hardcore gibt,
entfaltete sich das Projekt LFO mit ganz besonderer Wucht, denn im
Wettrennen um den tiefsten und bösesten Bass lagen sie ganz weit
vorne mit ihre tatsächlich ersten Track, den sie genauso nannten wie
ihr Projekt - „LFO“. Das umtriebige und bis heute intakte Label
Warp begriff das schnell und veröffentlichte den Track genauso wie
die folgende Debut-LP „Frequencies“. Der Titel des Albums enthält
in gewisser Weise die Essenz, die diese Musik antrieb. Nicht die
Schöpfung elaborierter Songs oder wilder Harmonien, sondern die
Suche nach den Frequenzen, die durch ein Soundsystem geschickt der
tanzenden Meute einen Schauer durch den ganzen Körper jagten,
getragen von Rhythmen, die in ihrer Schlichtheit alle verstanden und
alle vereinten. Genauso kann auch der Name des Projekts als
programmatisch verstanden werden. LFO steht für „Low Frequency
Oscillator“, den Bestandteil eines Synthesizers, der die tiefen
Töne in Gang bringt.
Schließlich muss man „Frequencies“
als eine der wenigen LPs elektronischer Dance Music dieser Ära
würdigen, die es schaffte, das Gefühl dieses Sounds tatsächlich
auf Albumlänge auszubreiten und meisterlich zu variieren, während
es den meisten anderen selten gelang, über die Länge einer Maxi
hinaus Spannung und Innovation zu konservieren. Das riecht nach der
Sehnsucht funktionaler Musik, als Kunst anerkannt zu werden, für die
man den zweifelhaften Title Autoren-Techno erfunden hat. Doch dafür
gehen LFO viel zu sehr nach vorne. Das konnte ich 1994 am eigenen
Leib erfahren, als ich LFO bei einem Warp-Showcase in Köln gemeinsam
mit Autechre, Seefeel und Aphex Twin sehen durfte. Ein für mich
damals merkwürdiges, wenn auch nachhaltig beeindruckendes Erlebnis,
das meiner bis dahin eher gitarrenlastigen Sozialisation ordentlich
Gehirn und Gehör durchgepustet hat. Danke dafür.
Es folgte nach dem frühen Hype um LFO
für Mark Bell eine steile Karriere, die ihm unter anderem
Produzentenjobs für Björk und Depeche Mode bescherte, während LFO
nur noch zwei weitere Alben veröffentlichten, „Advance“ (1996)
und Sheath (2003). Mit Björk arbeitete er 15 Jahre von „Homogenic“
(1997) bis „Biophilia“ (2011) zusammen, während Depeche Mode
eher mal zwischendurch für „Exciter“ (2001) jemanden brauchten,
der ihrem in die Jahre gekommenen Sound ein bisschen Aktualität und
Glaubwürdigkeit für das jüngere Publikum verleihen sollte. Schwer
zu sagen, was da noch gekommen wäre, denn mit 43 Jahren hätte das
ja noch eine Menge sein können. Vor einigen Tagen jedoch wurde
seinem Leben ein vorzeitiges Ende gesetzt, durch das, was Ärzte
„postoperative Komplikationen“ nennen. Unvermeidlich an dieser
Stelle noch einmal den unverwüstlichen Track „LFO“ zu posten
sowie stellvertretend für seine Arbeit mit Björk deren von ihm
produzierten Track „Declare Independence“.
The Spaceape
Eine andere Generation, doch genauso
fest verwurzelt in der Tradition dessen, was Simon Reynolds als
„Hardcore Continuum“ bezeichnet – die Traditionslinie
britischer Clubmusik, die sich aus den frühen Raves der späten 80er
Jahre genauso speist wie aus dem britischen Kolonialerbe
jamaikanischer Musik. The Spaceape, den man wohl als Poet der
Dubstep-Generation bezeichnen könnte, hat hierin seinen festen
Platz. Auf seine Art führt er das Erbe seines Landsmanns Linton
Kwesi Johnson aus den 80ern fort. Dieser setzte vom UK aus neue
Akzente in der Lyrik, die über die entschlackten Rhythmen
jamaikanischer Riddims gelegt wurde.
Das musikalische Schaffen von The
Spaceape wird wohl für immer eng verknüpft bleiben mit seinem
kongenialen Partner Kode9, seines Zeichens Mastermind und Betreiber
des wegweisenden Labels Hyperdub, das seit nunmehr 10 Jahren frische
Versionen von Bass Music / Dub und anderem futuristischen Kram
liefert. Mit „Memories of the Future“ von 2006 sowie „Black
Sun“ von 2011 haben die beiden zwei Meilensteine in dem
schnelllebigen Genre gesetzt, indem sie nicht nur Dub eine
zeitgenössisch-minimale Sound-Tiefe verpasst haben, sondern auch
eine der wenigen gelungenen Synthesen aus Vocals und Instrumentals in
diesem Bereich geschaffen haben. In Sachen Bass und Freude an
Frequenzen liegt der Ansatz damit nahe an LFO, denn Dub ist für
Kode9 & The Spaceape nur ein grobes rhythmisches Gerüst und
ästhetische Referenz und somit Sprungbrett und doppelter Boden ihrer
eigenen Sound-Exkursionen. Für die Ekstase auf der Tanzfläche ist
dieser Sound hingegen nur bedingt geeignet, eher denkt man an eine
etwas zu schummerig geratene Afterhour.
Die Vocals von The Spaceape haben immer
etwas leicht bedrohliches. Sie kommen eher monoton und langsam daher,
sind jedoch so „nah“ und eindringlich abgemischt, dass man das
Gefühl hat, da flüstert einem ein sedierter Barry White mit
jamaikanischem Einschlag düstere Wahrheiten und apokalyptische
Visionen ins Ohr. Etwas schleppend-unheilvoll, aber auch kryptisch,
was im Zusammenspiel mit den basslastigen Produktionen von Kode9 der
Musik eine sehr spezielle Aura verleiht; in etwa so, als würde man
entgegen besseres Wissen von der Stimme eines urbanen Rattenfängers
in die Dunkelheit eines ausrangierten U-Bahn-Tunnels gelockt.
Wie man Nachrufen entnehmen kann, hat
The Spaceape lange mit dem Krebs gerungen und diesen Kampf nicht
zuletzt auch in seiner letzten Solo-EP verarbeitet. Er ist definitiv
eine einzigartige Stimme, die man vermissen wird. Als kleine
Ausschnitte aus seinem Schaffen an dieser Stelle der an Prince
angelehnte Track „Sine“ mit Kode9 sowie „On The Run“ aus
seiner Solo-EP von 2012.