Auf den verschiedensten Wegen gelangt
man heute beim Hören aktueller Musik zu einer geographisch kleinen,
kulturell aber wichtigen Quelle – Dub. Legionen von Autoren und Musikjournalisten haben
sich daran abgearbeitet, die Bedeutung des in den 60ern mehr oder
weniger aus Zufall geschaffenen Genres des instrumentalen Reggae für
alle möglichen nachfolgenden Stile herauszuarbeiten: praktisch alle
Spielarten elektronischer Musik, HipHop, Post-Punk oder auch die
(selbst ernannten) direkten Nachkommen aus England wie Dubstep. Die
Mutationen, die der ursprüngliche Sound von King Tubby durchlaufen
und/oder befeuert hat, weisen dabei oftmals nur noch sehr
rudimentäre direkte Anklänge an das Original auf, es zählt vielmehr die Geistehaltung der Abstraktion, Reduktion und Manipulation von
Frequenzen, die als Prinzip schon damals dem Sound zugrunde lag.
Etwas direkter in der unmittelbaren
Erbfolge des jamaikanischen Dub bewegt sich ein deutsches Label,
Jahtari aus Leipzig, das seit nunmehr 10 Jahren Dub/Reggae
veröffentlicht, der musikalisch vergleichsweise nah an den Wurzeln des Genres liegt. Die beiden
zentralen Bezugspunkte des Sounds sind dabei praktisch schon im
Labelnamen enthalten: „Jah“ im Sinne des Anknüpfens an die
spirituelle Seite von Dub und Reggae sowie „Atari“ als Verweis
auf die Sounds früher Heimcomputer. Konsequent wird dementsprechend auf eine
körnige 8-Bit-Ästhetik gesetzt, wie man sie aus dem genannten
Rechner genauso kennt wie aus den frühen Tagen des digitalen
Dancehall, man denke nur an Jammys Intialzündung, den
„Sleng-Teng-Riddim“ und dessen Casio-Drums.
Sowohl die Zahl der veröffentlichten
Künstler als auch die Formate der Veröffentlichungen sind
zahlreich. So gibt es etwa einen kontinuierlichen Output an großem
und kleinem Vinyl, aber auch jede Menge Downloads wie die Net-7-Inches,
Soundcloud-Mixes und CDs. Trotz der Vielzahl der beteiligten Musiker
ist die von ihnen produzierte Musik in ihrem Ansatz recht homogen:
schlichte, klassische Reggae-Tunes, die retro-artig produziert sind,
aber mit einer spezifischen Weirdness angereichert werden,
insbesondere in den Vocals, so sie denn vorhanden sind. Diese drehen
sich oft um klassische Themen des Genres wie Weed, die Dancehall und
ihre Protagonsiten sowie die Musik an sich, doch in der
Bearbeitung der Stimme und den eigentlichen Texten schwingt immer eine leicht
verfremdende, gerne auch kiffer-affine Meta-Ebene mit, insbesondere
bei der tollen schottischen Sängerin Soom T. Das ist zwar einerseits
recht humoristisch, andererseits aber auch sehr traditionsbewusst,
denn Dub und Reggae sind hier nicht bloße Vehikel, sondern das Label
sieht sich hier in einer klaren Tradition, wie nicht zuletzt die
Existenz und der Inhalt einer eigenen „Theorie-Sektion“ auf der
Label-Website verdeutlichen. Abgrenzen lässt sich dessen Ansatz in
der gegenwärtigen Dub-Sphäre daher nach zwei Seiten: der wobbelnden
Dancefloor-Sause gängiger Dubstepentwürfe wie Skream auf der
kommerziellen Seite, sowie den avantgardistischen Neigungen von
Labels wie Hyperdub, die den Klang von Dub in sehr abstrakte Sphären
treiben und dabei weniger mit Jah und Konsorten am Hut haben als mit
einem Philosophie-Seminar.
Das Mittel für die meisten Producer
auf Jahtari ist in Abwendung von Trends nicht extremes
Sound-Fricklertum und brachiale Kompressionsexperimente am Laptop,
sondern die Rückkehr zum selbst manipulierten 8-Bit-Synth und
DIY-Ästhetik, also eher ein Verweis auf Freunde des sog.
Circuit-Bending oder auch die frühen Experimente und Basteleien des
jamaikanischen Elektro-Ingenieurs Osbourne Ruddock aka King Tubby.
Gewissermaßen als Nebenprodukt dieser Bestrebungen kann man sogar
von den Betreibern des Labels höchst selbst (um)gebaute Synths bestellen. Die unter anderem damit gebauten Riddims haben als musikalische
Gegenstücke zu den groben Pixeln eines Atari 512 ST eine synthetische
Rohheit, der die Glattheit vieler anderer aktueller
Dub-Interpretationen gänzlich abgeht. Der Zufall als Komponente, die
bei der Entstehung des Dub selbst bereits eine entscheidende Rolle
spielte, wird hier nicht durch die Kontrollmöglichkeiten des Studios
im Rechner unterlaufen, sondern explizit durch den Hands-on-Ansatz an
den Knöpfen und Reglern der Geräte kultiviert. Dies führt zu einer
teils fröhlich-bekifften Anarchie, die weit entfernt ist von der
Düsterkeit urbaner Dubvisionen wie von Kode9 and the
Spaceape, aber nie ins Alberne kippt. Gutes Beispiel für diese
Gratwanderung ist der Jahmiga-Remix des Doors-Klassikers „WhiskeyBar“, der so seltsam trunken-verzerrt daher kommt, dass man nie
weiß, ob der lallende Suffkopf auf der Suche nach mehr Drinks
gefährlich ist oder bloß spielen will und sich am Ende als sympathischer Saufkumpan erweisen könnte.
Eine ähnliche Fortführung der
Methoden und Ideen jamaikanischer Dub-Pioniere findet sich auf der visuellen Ebene
der Veröffentlichungen, hier wird auch stark mit verschiedenen Arten
von Comics gearbeitet, die für die eigenen Zwecke adaptiert werden, beispielsweise durch einen qualmenden Karotten-Spliff bei Soom T & disrupt
oder die Transformers-artigen Cover der Label-Compilation-Reihe
„Jahtarian Dubbers“. Das historische Pendant sind hier jamaikanische
Dub-Alben, die sich auch gerne aktueller
Pop-Themen bedienten, deren Verwurstungen "in Dub" sie als augenzwinkernde Referenz für die
Cover und Mottos ihrer eigenen Klangabenteuer nutzten wie „Prince Jammy
Destroys The Invaders“, das damals sehr unsubtil auf den Arcade-Hit
„Space Invaders“ anspielte. Exakt dieses Cover greift seinerseits
Ras Amerlock für seinen Release „Farther East...“ auf Jahrtari
auf und dreht die Zitate-Spirale damit eine Umdrehung weiter.
Man kultiviert also in Leipzig eine
recht klare und eigene konzeptionelle Linie, doch die Vernetzungen
des Labels zu verschiedenen anderen Musikern und Labels, die sich auf
ihre Weise an der Konservierung und Weiterentwicklung des
jamaikanischen Erbes abarbeiten, sind bemerkenswert. Die
Jahtari-Hausproduzenten Rootah und disrupt haben eine
EP von Paul St. Hilaire aka Tikiman produziert, der in den 90ern eine
grandiose und geradezu stil-definierende Platte mit Rhythm &Sound aufgenommen hat. Daneben können sich auf Jahtari genauso die
King-Midas-Sound-Köpfe Kiki Hitomi und Kevin Martin mit ihrem
Black-Chow-Alias oder die schottische Vorzeige-Crew Mungo's Hi-Fi
austoben. Als Exot unter den Kollaborateuren ist schließlich die
famose kölsche Sängerin Fleur Earth zu nennen, die auf einer frühen
gratis Download-Single gefeaturet wurde. Borniertheit und Snobismus sehen anders aus, den Machern scheint es bei der Auswahl ihrer Kontakte und Künstler vor allem um eine liebe- und respektvolle Haltung zum Dub sowie die gemeinsame Suche nach neuen Sound-Tiefen zu gehen.
Für 10 Jahre Basisarbeit im Namen von
Jah und alten Heimcomputern ist das schon eine ziemlich
beeindruckende Bilanz des Leipziger Labels. Als Einstieg in diesen
eigenen Sound-Kosmos kann man eigentlich nur einen Besuch auf der
label-eigenen Website empfehlen, da diese nicht nur konzept-gerecht schickes Retro-Design bietet, sondern auch
zahlreiche Infos liefert sowie umfangreiche Downloads bereit hält.
Man muss also noch nicht einmal Geld investieren oder in die Sümpfe
der illegalen Downloads hinabsteigen, um einen Eindruck davon zu
bekommen, was die Jungs und Mädels in ihrem musikalischen
Gewächshaus so anbauen. Als Einstieg von meiner Seite hier die
folgenden Empfehlungen / Links: Die Net-7-Inch von Gringo Starr und Fleur Earth als Download, Soom T
& disrupt mit „Puff the Police“, Paul St. Hilaires "Nah Ina It" sowie schließlich die Tape-Abteilung der
Jahtari-Website mit verschiedenen Gratis-Downloads. In diesem Sinne:
Jah bless!
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