caddy

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Montag, 31. März 2014

Neneh Cherry

Pop ist tot! Oder riecht er nur komisch? Wer das wissen möchte, dem sei das neue Werk - bald bestimmt auch das Standardwerk! - von Diedrich Diederichsen "Über Pop-Musik" empfohlen. Theorie-Schwurbelei vom Allerfeinsten, nehme ich an. Ich muss gestehen, gelesen habe ich es (noch) nicht. Bin mir auch nicht sicher, ob und wann es vielleicht auch mal den Weg zu mir findet. Nichts gegen Herrn Diederichsen. Früher habe ich seine Artikel in der guten, alten Spex (ja, die gab es auch mal, bis dann auch Dietmar Dath schlussendlich die Segel strich) sehr gerne gelesen. Das gute an den Artikeln dort und höchstwahrscheinlich auch am neuen Buch von D.D. sind die kleinen, musikalischen Empfehlungen, die man von Satz zu Satz hier und da mal mitnehmen und die eigene Sammlung und Hörerfahrung integrieren kann. Ob Pop-Musik nun tot ist, noch röchelt oder schon kalt ist...Nun ja, das muss jeder selbst für sich entscheiden. Ob man dafür den theoretischen Überbau mit all seinen Querverweisen in die Welt hinein braucht, ich weiß es nicht.

Aber ich muss zugeben, auch ich habe im noch immer frischen Jahr 2014 bisher kaum neue Platten ausgemacht, die mir richtig gut gefallen. Und darum geht es ja letztendlich. Ob die nun immer auch Pop-Musik-theoretisch-relevant sind, ist mir da ganz egal. Ich genieße die Musik, stelle mich da auch liebend gerne gegen Adorno und seine Freunde und bin, wenn es sein muss, der empathische, nicht-wissende Hörer. Fuck science, let's dance!
Eine neue Platte aber möchte ich hier wärmstens empfehlen. Es ist Neneh Cherrys Blank Project. Nach Jahren der Stille hat sich die mittlerweile 50-jährige zurückgemeldet und ein Album vorgelegt, das intensiv, rau und soulful daherkommt. Naja, eigentlich gab es vor circa zwei Jahren schon ein musikalisches Lebenszeichen, das mich sogar noch ein wenig mehr geflasht hat. Zusammen mit dem norwegisch-schwedischen Trio The Thing nahm sie das Album The Cherry Thing auf, das neben einer eigenen Komposition und einer des Saxofonisten Mats Gustafsson ein paar Coverversionen, unter anderem je ein Stück ihres Stiefvaters Don Cherry und seines musikalischen Companions Ornette Coleman, enthielt. Nur von Bass, Schlagzeug und Saxophon begleitet, singt sie in ihrer ganz eigenen Art süßlich bis punkig zugleich. Die Band geht mit, zerreißt die Stücke, führt sie wieder zusammen, jubiliert an den richtigen Stellen und spuckt und groovt. Für mich war das die Quintessenz ihres Schaffens, ein Album, das ich mir schon immer von ihr gewünscht hatte, aber bis dahin nie bekam. Wie auch.
Nach ihren leider wenig beachteten Anfangswerken mit der Post-Punk-New-Wave-Pop-Jazz-oder-wie-auch-immer-zu-verortenden Gruppe Rip, Rig and Panic (benannt nach einer LP des großartigen, blinden, meist zwei Saxophone synchron spielenden Roland Kirk!) Anfang bis Mitte der 80er Jahre, ging sie 1988 mit ihrer Hitsingle Buffalo Stance und dem dazugehörigen Video, das eine schwangere Neneh zeigte, durch die Decke. Das Album Raw like Sushi war gut, getoppt vom nicht mehr so erfolgreichen Nachfolger Homebrew. Aber irgendwie auch noch nicht richtig überzeugend. Dann folgte ihr kommerzieller Riesenhit 7 Seconds mit Youssou N'Dour Mitte der Neunziger und ein furchtbares, schrecklich klebrig produziertes drittes Werk. Die darauffolgende Stille und der Rückzug ins Familienleben war vielleicht keine schlechte Entscheidung.
Trotzdem hatte ich mir hin und wieder gewünscht, dass diese charismatische Sängerin eigentlich noch das ein oder andere Werk nachschieben könnte, das ihrer Stimme, musikalischen Sozialisation und den großen Momenten ihrer früheren Karriere gerecht werden würde. Und das tut sie nun seit dem Album The Cherry Thing mit besagtem Free-Punk-Jazz-Trio The Thing und ihrem neuen Soloalbum.
Produziert wurde Blank Project von Four Tet, der schon einen Remix des Suicide-Covers Dream Baby Dream des vorherigen Albums gemacht hatte. Musikalisch unterstützt wird sie vom Synth/Drum-Duo Rocketnumbernine (benannt nach einem legendären Track des Großmeisters Sun Ra). Über raue, minimale Beats, Basslines und Melodiefetzen singt und spricht Neneh ihre Texte, wirkt manchmal wie die einzige melodische Linie im Song, bevor plötzlich hier und da eine kleine, weitere Synthiemelodie oder Brechung des Beats in die Stimmung eintritt.
Vor ein paar Tagen habe Neneh Cherry und Rocketnumbernine dann auch mal live erlebt. Im gemütlichen Kölner Stadtgarten, brechend voll, spielte sie das komplette neue Album und eine runderneuerte Version ihres Klassikers Buffalo Stance. Die Energie des Gigs war überwältigend. Ihr Alter sah man ihr nicht wirklich an. Noch immer trägt sie schreckliche Leggins im Tiger-Look, dazu Basketball-Stiefel und riesige Goldohrringe. Aber sie scheint momentan in Veröffentlichungslaune zu sein und hat den Versuchen, aus ihr einen Mainstream-Star zu machen, Gott sei Dank! widerstanden. Wenn ihr also die Chance habt, sie live zu sehen, geht hin. Ansonsten hört diese beiden Werke, es lohnt sich!
Und um die Brücke zu Herrn Diederichsen zu schlagen, muss ich ja eingestehen, dass auch ein neues Album von Neneh Cherry nicht die Wiederbelebung oder Weiterentwicklung von Pop-Musik darstellt, denn sie ist ja nun auch in der Mitte ihres Lebens angekommen. Aber ihre Musik im Moment gefällt, begeistert, ist mitreißend und vielleicht fällt da das ein oder andere für die Ewigkeit ab. Herr Diederichsen wiederum wird den Pop wohl auch nicht retten können. Und die Frage, die sich mir da stellt, ist: Wer von den beiden riecht denn nun komisch?

Blank Project mit Rocketnumbernine live:


Buffalo Stance mit Rocketnumbernine live im Berliner Berghain:


mit The Thing live:



Samstag, 15. März 2014

Taylor_FlyLo

Cecil Taylor – Free Black Music

Nicht dass es in einem direkten Zusammenhang mit dem Anlass für den Post stünde, aber der Pianist, von dem hier die Rede sein soll, wird zufällig heute 85 Jahre alt: Cecil Taylor. So oder so nehmen wir das mit und sagen: Happy Birthday, Mr. Taylor. Möglicherweise ist der Geburtstag aber auch 10 Tage später, laut Wikipedia ist das nicht wirklich sicher, also eine Ungewissheit wie auch Louis Armstrongs wahrer Geburtstag statt des von ihm selbst gewählten, metaphorischen 4. Juli 1900. Keine schlechte Idee - der Unabhängigkeitstag an der Schwelle zu einem neuen Jahrhundert als Ausdruck für die Hoffnung, die Armut im Land der Freien und der Heimat der Mutigen hinter sich zu lassen.

Musikalisch liegen diese Musiker, die auf ihre Weise beide Geburtshelfer schwarzer Musik waren bzw. immer noch sind, nach einem oberflächlichen Höreindruck weit auseinander. Seit den 60ern prägte Taylor neben Saxophonisten wie Ornette Coleman und Albert Ayler eine radikale Interpretation der Rolle des Pianos in einem neuen, freieren Jazz. Dieser Ansatz umfasst virtuos-filigrane beidhändige Läufe, die melodisch und rhythmisch unabhängig voneinander verlaufen, genauso wie ein brachiales Eindreschen auf möglichst viele seiner 88 Tasten. Doch Cecil Taylor hat immer auf die Nähe seines Sounds zu seinen afrikanischen Wurzeln bestanden und diese auch offensiv repräsentiert. „I have within my mind a conception of how Black Tom played“, soll er mal gesagt haben. Und das muss dann eben nicht unbedingt wie Glenn Miller klingen. Und so wie der kleine dicke Junge aus New Orleans mit den Kniehosen und dem Kornett erst belächelt wurde, so hat auch Cecil Taylor einen langen Weg hinter sich vom skeptisch beäugten Außenseiter zur allseits gefeierten Ikone freier/schwarzer Musik. 

In seinem biblischen Alter sitzt Taylor heute nur noch selten auf der Bühne, doch vor fast 15 Jahren hatten Hagen und ich das Vergnügen, ihn im WDR Funkhaus zu erleben. Der Auftritt in knalligem Gummidress samt Gummistiefeln und Mütze sowie einem anfänglichen Derwischtanz solo um das Piano hat jedem Gedanken an ein von Altersmilde geprägtes Schwelgen in den Erfolgen von gestern von vorneherein eine klare Absage erteilt. Gemeinsam mit dem tollen Paul Lovens am Schlagzeug sowie drei weiteren skandinavischen Begleitmusikern an Cello, Bass und Sopran Saxophon hat der ältere Herr alles gegeben und auch einen von uns mitgeschleiften Novizen in Sachen Free Jazz in Staunen versetzt. Weder Hagen oder ich noch offensichtlich das Netz haben das Konzert so schnell vergessen, so dass man sich den Auftritt dankenswerterweise zumindest nochmal runterladen und anhören kann.

Ansonsten kann man einen Einstieg in seinen Sound gut mit dem Album „Unit Structures“ wagen. Etwas obskurer aber mit höchst eigenem vierhändigen Klavier-Charme ist außerdem das Album gemeinsam mit der Pianistin Mary Lou Williams, teilweise ergänzt um Bobby Crenshaw und Mickey Rocker an Bass und Drums. Im Wechselspiel des Mit- und Gegeneinander mit der im Big-Band-Sound verwurzelten Lady des Jazzpianos werden die Traditionslinien beider Musiker genauso sichtbar wie die geteilte Suche nach dem Neuen.





Flying Lotus – Afro-Futurismus / Post-Dilla HipHop

Der inhaltlich nun zu schlagende Bogen ist recht offensichtlich, da Flying Lotus der Neffe Alice Coltranes ist und damit quasi genetisch eine Verlängerung des abhebenden afro-amerikanischen Sounds aus den 60ern in die Gegenwart, für den Alice und ihr Mann John genauso standen wie Cecil Taylor oder in einer anderen Ecke James Brown und George Clinton. FlyLo hält in diesen Tagen die Fahne des Afro-Futurismus hoch und beschenkt uns auf seinen eigenen Platten via Warp sowie den Releases über sein Label Brainfeeder (etwa Lorn, The Gaslamp Killer oder Thundercat) mit beat-lastigem Wahnsinn, der den Sound der Ahnen im Herzen und den Spirit von HipHop in der tief hängenden Hose trägt. Er lotet dabei nicht nur das Feld zwischen HipHop und Elektronik aus wie kaum ein anderer, sondern zeigt auch, wie man an die avantgardistische Tradition des Jazz anknüpfen kann, ohne dass es ins bemüht Akademische kippen würde. Unter den Beats bastelnden Nachfolgern J Dillas nimmt er damit eine  Ausnahmestellung ein, da er dessen Sound nicht nur konserviert und reproduziert, sondern konsequent weiterentwickelt und mit neuen Ideen kurzschließt.

Da der Mann dabei hoch produktiv ist, kann er es sich offensichtlich erlauben, größere Mengen der Schnipsel und Kleinoden von seinem staubigen Werkstattboden zusammenzufegen, um sie mit dem Etikett "ideas, drafts and loops" gratis und kommentarlos online zu stellen. Im Mix findet sich dann alles mögliche von Outtakes der letzten Kanye-West-LP über Kollaborationen mit MF Doom sowie Tracks seines rappenden Alter Ego Captain Murphy. Das Mixtape „Duality“ der letzteren Inkarnation von Flying Lotus ist zwar schon ein gutes Jahr alt, was einem Durchgang im heimischen Soundsystem aber keinen Abbruch tut, falls die erste Fuhre FlyLo-Madness Lust auf mehr machen sollte. Als letztes Beispiel der Vielseitigkeit und Qualitäten des Mannes sei noch seine Kollaboration mit der Southern Lady Erykah Badu angeführt. In diesem Sinne - bis zum nächsten Mal, stay tuned. Philipp.