Aber ich muss zugeben, auch ich habe im noch immer frischen Jahr 2014 bisher kaum neue Platten ausgemacht, die mir richtig gut gefallen. Und darum geht es ja letztendlich. Ob die nun immer auch Pop-Musik-theoretisch-relevant sind, ist mir da ganz egal. Ich genieße die Musik, stelle mich da auch liebend gerne gegen Adorno und seine Freunde und bin, wenn es sein muss, der empathische, nicht-wissende Hörer. Fuck science, let's dance!
Eine neue Platte aber möchte ich hier wärmstens empfehlen. Es ist Neneh Cherrys Blank Project. Nach Jahren der Stille hat sich die mittlerweile 50-jährige zurückgemeldet und ein Album vorgelegt, das intensiv, rau und soulful daherkommt. Naja, eigentlich gab es vor circa zwei Jahren schon ein musikalisches Lebenszeichen, das mich sogar noch ein wenig mehr geflasht hat. Zusammen mit dem norwegisch-schwedischen Trio The Thing nahm sie das Album The Cherry Thing auf, das neben einer eigenen Komposition und einer des Saxofonisten Mats Gustafsson ein paar Coverversionen, unter anderem je ein Stück ihres Stiefvaters Don Cherry und seines musikalischen Companions Ornette Coleman, enthielt. Nur von Bass, Schlagzeug und Saxophon begleitet, singt sie in ihrer ganz eigenen Art süßlich bis punkig zugleich. Die Band geht mit, zerreißt die Stücke, führt sie wieder zusammen, jubiliert an den richtigen Stellen und spuckt und groovt. Für mich war das die Quintessenz ihres Schaffens, ein Album, das ich mir schon immer von ihr gewünscht hatte, aber bis dahin nie bekam. Wie auch.
Nach ihren leider wenig beachteten Anfangswerken mit der Post-Punk-New-Wave-Pop-Jazz-oder-wie-auch-immer-zu-verortenden Gruppe Rip, Rig and Panic (benannt nach einer LP des großartigen, blinden, meist zwei Saxophone synchron spielenden Roland Kirk!) Anfang bis Mitte der 80er Jahre, ging sie 1988 mit ihrer Hitsingle Buffalo Stance und dem dazugehörigen Video, das eine schwangere Neneh zeigte, durch die Decke. Das Album Raw like Sushi war gut, getoppt vom nicht mehr so erfolgreichen Nachfolger Homebrew. Aber irgendwie auch noch nicht richtig überzeugend. Dann folgte ihr kommerzieller Riesenhit 7 Seconds mit Youssou N'Dour Mitte der Neunziger und ein furchtbares, schrecklich klebrig produziertes drittes Werk. Die darauffolgende Stille und der Rückzug ins Familienleben war vielleicht keine schlechte Entscheidung.
Trotzdem hatte ich mir hin und wieder gewünscht, dass diese charismatische Sängerin eigentlich noch das ein oder andere Werk nachschieben könnte, das ihrer Stimme, musikalischen Sozialisation und den großen Momenten ihrer früheren Karriere gerecht werden würde. Und das tut sie nun seit dem Album The Cherry Thing mit besagtem Free-Punk-Jazz-Trio The Thing und ihrem neuen Soloalbum.
Produziert wurde Blank Project von Four Tet, der schon einen Remix des Suicide-Covers Dream Baby Dream des vorherigen Albums gemacht hatte. Musikalisch unterstützt wird sie vom Synth/Drum-Duo Rocketnumbernine (benannt nach einem legendären Track des Großmeisters Sun Ra). Über raue, minimale Beats, Basslines und Melodiefetzen singt und spricht Neneh ihre Texte, wirkt manchmal wie die einzige melodische Linie im Song, bevor plötzlich hier und da eine kleine, weitere Synthiemelodie oder Brechung des Beats in die Stimmung eintritt.
Vor ein paar Tagen habe Neneh Cherry und Rocketnumbernine dann auch mal live erlebt. Im gemütlichen Kölner Stadtgarten, brechend voll, spielte sie das komplette neue Album und eine runderneuerte Version ihres Klassikers Buffalo Stance. Die Energie des Gigs war überwältigend. Ihr Alter sah man ihr nicht wirklich an. Noch immer trägt sie schreckliche Leggins im Tiger-Look, dazu Basketball-Stiefel und riesige Goldohrringe. Aber sie scheint momentan in Veröffentlichungslaune zu sein und hat den Versuchen, aus ihr einen Mainstream-Star zu machen, Gott sei Dank! widerstanden. Wenn ihr also die Chance habt, sie live zu sehen, geht hin. Ansonsten hört diese beiden Werke, es lohnt sich!
Und um die Brücke zu Herrn Diederichsen zu schlagen, muss ich ja eingestehen, dass auch ein neues Album von Neneh Cherry nicht die Wiederbelebung oder Weiterentwicklung von Pop-Musik darstellt, denn sie ist ja nun auch in der Mitte ihres Lebens angekommen. Aber ihre Musik im Moment gefällt, begeistert, ist mitreißend und vielleicht fällt da das ein oder andere für die Ewigkeit ab. Herr Diederichsen wiederum wird den Pop wohl auch nicht retten können. Und die Frage, die sich mir da stellt, ist: Wer von den beiden riecht denn nun komisch?
Blank Project mit Rocketnumbernine live:
Buffalo Stance mit Rocketnumbernine live im Berliner Berghain:
mit The Thing live: