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Samstag, 15. März 2014

Taylor_FlyLo

Cecil Taylor – Free Black Music

Nicht dass es in einem direkten Zusammenhang mit dem Anlass für den Post stünde, aber der Pianist, von dem hier die Rede sein soll, wird zufällig heute 85 Jahre alt: Cecil Taylor. So oder so nehmen wir das mit und sagen: Happy Birthday, Mr. Taylor. Möglicherweise ist der Geburtstag aber auch 10 Tage später, laut Wikipedia ist das nicht wirklich sicher, also eine Ungewissheit wie auch Louis Armstrongs wahrer Geburtstag statt des von ihm selbst gewählten, metaphorischen 4. Juli 1900. Keine schlechte Idee - der Unabhängigkeitstag an der Schwelle zu einem neuen Jahrhundert als Ausdruck für die Hoffnung, die Armut im Land der Freien und der Heimat der Mutigen hinter sich zu lassen.

Musikalisch liegen diese Musiker, die auf ihre Weise beide Geburtshelfer schwarzer Musik waren bzw. immer noch sind, nach einem oberflächlichen Höreindruck weit auseinander. Seit den 60ern prägte Taylor neben Saxophonisten wie Ornette Coleman und Albert Ayler eine radikale Interpretation der Rolle des Pianos in einem neuen, freieren Jazz. Dieser Ansatz umfasst virtuos-filigrane beidhändige Läufe, die melodisch und rhythmisch unabhängig voneinander verlaufen, genauso wie ein brachiales Eindreschen auf möglichst viele seiner 88 Tasten. Doch Cecil Taylor hat immer auf die Nähe seines Sounds zu seinen afrikanischen Wurzeln bestanden und diese auch offensiv repräsentiert. „I have within my mind a conception of how Black Tom played“, soll er mal gesagt haben. Und das muss dann eben nicht unbedingt wie Glenn Miller klingen. Und so wie der kleine dicke Junge aus New Orleans mit den Kniehosen und dem Kornett erst belächelt wurde, so hat auch Cecil Taylor einen langen Weg hinter sich vom skeptisch beäugten Außenseiter zur allseits gefeierten Ikone freier/schwarzer Musik. 

In seinem biblischen Alter sitzt Taylor heute nur noch selten auf der Bühne, doch vor fast 15 Jahren hatten Hagen und ich das Vergnügen, ihn im WDR Funkhaus zu erleben. Der Auftritt in knalligem Gummidress samt Gummistiefeln und Mütze sowie einem anfänglichen Derwischtanz solo um das Piano hat jedem Gedanken an ein von Altersmilde geprägtes Schwelgen in den Erfolgen von gestern von vorneherein eine klare Absage erteilt. Gemeinsam mit dem tollen Paul Lovens am Schlagzeug sowie drei weiteren skandinavischen Begleitmusikern an Cello, Bass und Sopran Saxophon hat der ältere Herr alles gegeben und auch einen von uns mitgeschleiften Novizen in Sachen Free Jazz in Staunen versetzt. Weder Hagen oder ich noch offensichtlich das Netz haben das Konzert so schnell vergessen, so dass man sich den Auftritt dankenswerterweise zumindest nochmal runterladen und anhören kann.

Ansonsten kann man einen Einstieg in seinen Sound gut mit dem Album „Unit Structures“ wagen. Etwas obskurer aber mit höchst eigenem vierhändigen Klavier-Charme ist außerdem das Album gemeinsam mit der Pianistin Mary Lou Williams, teilweise ergänzt um Bobby Crenshaw und Mickey Rocker an Bass und Drums. Im Wechselspiel des Mit- und Gegeneinander mit der im Big-Band-Sound verwurzelten Lady des Jazzpianos werden die Traditionslinien beider Musiker genauso sichtbar wie die geteilte Suche nach dem Neuen.





Flying Lotus – Afro-Futurismus / Post-Dilla HipHop

Der inhaltlich nun zu schlagende Bogen ist recht offensichtlich, da Flying Lotus der Neffe Alice Coltranes ist und damit quasi genetisch eine Verlängerung des abhebenden afro-amerikanischen Sounds aus den 60ern in die Gegenwart, für den Alice und ihr Mann John genauso standen wie Cecil Taylor oder in einer anderen Ecke James Brown und George Clinton. FlyLo hält in diesen Tagen die Fahne des Afro-Futurismus hoch und beschenkt uns auf seinen eigenen Platten via Warp sowie den Releases über sein Label Brainfeeder (etwa Lorn, The Gaslamp Killer oder Thundercat) mit beat-lastigem Wahnsinn, der den Sound der Ahnen im Herzen und den Spirit von HipHop in der tief hängenden Hose trägt. Er lotet dabei nicht nur das Feld zwischen HipHop und Elektronik aus wie kaum ein anderer, sondern zeigt auch, wie man an die avantgardistische Tradition des Jazz anknüpfen kann, ohne dass es ins bemüht Akademische kippen würde. Unter den Beats bastelnden Nachfolgern J Dillas nimmt er damit eine  Ausnahmestellung ein, da er dessen Sound nicht nur konserviert und reproduziert, sondern konsequent weiterentwickelt und mit neuen Ideen kurzschließt.

Da der Mann dabei hoch produktiv ist, kann er es sich offensichtlich erlauben, größere Mengen der Schnipsel und Kleinoden von seinem staubigen Werkstattboden zusammenzufegen, um sie mit dem Etikett "ideas, drafts and loops" gratis und kommentarlos online zu stellen. Im Mix findet sich dann alles mögliche von Outtakes der letzten Kanye-West-LP über Kollaborationen mit MF Doom sowie Tracks seines rappenden Alter Ego Captain Murphy. Das Mixtape „Duality“ der letzteren Inkarnation von Flying Lotus ist zwar schon ein gutes Jahr alt, was einem Durchgang im heimischen Soundsystem aber keinen Abbruch tut, falls die erste Fuhre FlyLo-Madness Lust auf mehr machen sollte. Als letztes Beispiel der Vielseitigkeit und Qualitäten des Mannes sei noch seine Kollaboration mit der Southern Lady Erykah Badu angeführt. In diesem Sinne - bis zum nächsten Mal, stay tuned. Philipp.






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