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Sonntag, 8. Februar 2015

Auslese 2014 – Teil 6

Hier kommt der letzte Teil des Jahresrückblicks für 2014, auch wenn es mittlerweile Februar ist. Schließlich sollen auch noch die eher elektronischen Platten zu ihrem Recht kommen, denn auch dort gab es das ein oder andere Highlight.

Aphex Twin – Syro

Die erste Platte in dieser Reihe kann man wohl eher als das Comeback des Jahres bezeichnen. Immer wieder habe ich die Weiten des Netzes in den letzten Jahren nach einem Lebenszeichen von Richard D. James aka Aphex Twin abgesucht, doch zu finden war da nicht viel. Angesichts des letzten Albumtitels „Drukqs“ vor sage und schreibe 13 Jahren kann man nun spekulieren, was das für Hintergründe gehabt haben könnte. Jetzt ist seine bizarre Majestät, König so ziemlich aller Spielarten verspulter elektronischer Musik, aber wieder da. „Syro“ fügt sich recht nahtlos in sein bisheriges Schaffen ein und bietet vor allem Material, das an die großartigen „Selected Ambient Works“ anknüpft, manchmal aber auch in etwas gehobener Tempo-Bereiche vordringt. Die Wildheit seiner „I care because you do“-Phase samt ihrer Kettensägen-Brachialität bleibt dagegen meist außen vor. Blendet man den die LP begleitenden Irrsin von PR-Stunts via Zeppelin über Geräteparklitaneien bis hin zu Release-Flut-Drohungen aus, ist das eine gute Nachricht. Wer jetzt erwartet hat, dass die LP mindestens eine Revolution in Gang setzen muss, der wird vielleicht enttäuscht sein. Doch das Niveau, auf dem man hier jammert, ist denkbar hoch. Außerdem hat James selbst betont, dass es sich bei den jetzt veröffentlichten Stücken um einen Querschnitt aus den letzten Jahren handelt und neues Material schon in der Pipeline ist. Man darf also gespannt sein, was der Mann noch zu sagen hat, zumal mit „Computer Controlled Acoustic – Pt 2“ sich der nächste Release bereits in der Post auf dem Weg zu mit befindet.



Flying Lotus – You're Dead

Fusion Jazz ist sowas wie das ästhetische Schreckgespenst der 70er, der Virtuositäts-Wichs-Fetisch für Oberstudienräte, beliebige weitere Schmähungen kann hier jeder selbst einfügen. Einerseits ist es unvermeidbar, dass auf der Suche nach potenziellen Hypes und Anknüpfungspunkten auch mal dieses Genre dran sein muss. Andererseits gehört eine ganze Portion Innovation, Können und Mut dazu, wenn man diesen Sound erfolgreich in einen gegenwärtigen Musikentwurf einbetten will, der irgendwie in die Zukunft gerichtet ist. Aktuell gibt es mit Flying Lotus wohl nur einen Kandidaten für diese Mission Impossible, und nach den durchgehend tollen Vorgängeralben meistert er auch diese Aufgabe brillant, nicht zuletzt dank des Tiefton-Meisters Thundercat an seiner Seite sowie Kollaborationen mit MCs wie Kendrick Lamar und Snoop Dogg. Das Album ist ein irrer, psychedelischer Trip quer durch die zerfrickelten Beatwelten, die mit einer gehörigen Portion Retro-Fusion so richtig in Schwung gebracht werden. Und wenn es eines Ritterschlags von höchster Stelle noch bedurft haben sollte, so nimmt das hier Herbie Hancock vor, der auch auf ein paar Läufe auf der Tastatur vorbeischaut. Auch der hat wohl eingesehen, dass er lieber kollaboriert und seinen eigenen Ruhm bei einer jungen Generation mehrt, statt seinen Jünger im Geiste mit Klagen wegen Copyright-Verletzungen zu überziehen. Der Klassen-Primus unter den Beat-Bastlern des 21. Jahrhunderts hat es also wieder getan und den Kreis quadriert.



Hieroglyphic Being And The Configurative Or Modular Me Trio – The Seer Of Cosmic Visions

Nach dem zu schließen, was ich vor einer Weile an Kommentaren von Hieroglyphic Being zum Zeitgeschehen gelesen habe, scheint es sich um einen Verschwörungstheoretiker und Kosmologen erster Güte zu handeln. Kryptisch kommt auch der um zwei optionale / fiktionale Trios erweiterte „Band-Name“ der hier gefeatureten LP daher, auch wenn man wohl davon ausgehen kann, dass sich dahinter nur Jamal R. Moss in Allianz mit seinen alten Analog-Maschinen verbirgt. Dass Discogs seit 2008 ca. 30 LPs für diesen Mann listet, belegt weiter, dass es sich hier um einen Getrieben handelt. Beides kann man auch als vage Analogien zu seinem offensichtlichen Helden und Vorbild Sun Ra lesen. Konkret finden sich auf dieser durchaus ausgewogenen Zusammenstellung neun Stücke, in denen der analogen Verzerrung gehuldigt wird und der Hörer sowas wie Noise/Improv-Deep-House-Acid um die Ohren gehauen bekommt, der auch mal im Verzerrer-Rauschen versinken darf. Wem die übliche 4-to-the-Floor-Kost zu bieder ist, aber nicht ganz auf die straight scheppernden Drums im repetitiven Krachgewitter verzichten möchte, der findet hier Erlösung auf höggschdem Niveau. In der Weltmeisterkabine dürfte das aber eher nicht gelaufen sein, wohl eher David Guetta. In einer solchen Welt, auf die wir wohl noch lange warten müssen, würde Jogi Löw dann wohl auch Sun Ra statt Helen Fischer oder Pur hören.



Cooly G – Wait 'til Night

Hyperdub ist seit vielen Jahren so etwas wie die absolute Bank in Sachen Bass Music. Den Verlust des grandiosen Space Ape habe ich hier schon bereits vor einigen Wochen beklagt und dabei seine letzte EP noch einmal ins rechte Licht gerückt. Cooly G, eine der durchaus zahlreichen Ladies im Hause Hyperdub - wie etwa die phantastische Laurel Halo -, hat dieses Jahr nochmal nachgelegt, nachdem ihr Debut „Playin Me“ vor zwei Jahren bereits Wellen geschlagen hat. Bei ihr geht es reduziert digital zu, die Stimmung bewegt sich zwischen Melancholie und erotisierter Sehnsucht. Sie vereint dabei das Rohe und das Elegante in einem Sound, der alle denkbaren Facetten britischer Bass Music aufgesogen hat und nun dessen feinstes Destillat hervorbringt. Die bisweilen kühle Schlichtheit ihrer Sounds kontrastiert teilweise scharf mit der sexuellen Aufladung der Vocals, was einen besonderen Reiz ausmacht und dieser Platte auf jeden Fall einen vorderen Platz einbringt.



12“es

Das mit den Maxis ist teilweise ein etwas mühsames Geschäft, doch zwei Favoriten aus dem letzten Jahr sollen hier noch einmal hervorgehoben werden, da sie besonders bemerkenswert waren.

JETS feat. Jamie Lidell – Midas Touch

Bei dieser Geschichte kann ja fast nicht schief gehen. Detroit-Revivalist Jimmy Edgar und Avant-Dancefloor-Frickler Travis Stewart aka Machinedrum zerren gemeinsam unter ihrem Alias JETS den großen Crooner der elektronischen Tanzmusik, Jamie Lidell, vors Mikro. Das Ergebnis ist fantastisch groovendes Tanzflächenmaterial mit Tiefgang und beseeltem Gesang. Ein echtes Highlight, das aus der auch ansonsten wirklich tollen gemeinsamen LP der beiden noch einmal heraussticht.



Theo Parrish / Tony Allen – Day Like This / Feel Loved

Natürlich könnte man Theo Parrish auch eine Etage drüber bei den LPs für „American Intelligence“ abfeiern, wie im übrigen auch Moodymann mit seiner nach ihm selbst benannten 2014er LP. Da jedoch beide als Deep-House-Legenden gewissermaßen ohnehin schon larger than life sind, sei hier nur auf die angesichts der erratischen Veröffentlichungsstrategie von Parrish leicht zu übersehende Kollaboration von ihm und dem Ur-Vater des Afro-Beat, Tony Allen, verwiesen. Hinter seinem Drumkit treibt Allen mit seinem absolut bestechenden und rhythmisch-vertrackten Groove seinen Kollaborator zu Höchstleistungen an. Sounds like real Afro-Futurism.


Samstag, 15. März 2014

Taylor_FlyLo

Cecil Taylor – Free Black Music

Nicht dass es in einem direkten Zusammenhang mit dem Anlass für den Post stünde, aber der Pianist, von dem hier die Rede sein soll, wird zufällig heute 85 Jahre alt: Cecil Taylor. So oder so nehmen wir das mit und sagen: Happy Birthday, Mr. Taylor. Möglicherweise ist der Geburtstag aber auch 10 Tage später, laut Wikipedia ist das nicht wirklich sicher, also eine Ungewissheit wie auch Louis Armstrongs wahrer Geburtstag statt des von ihm selbst gewählten, metaphorischen 4. Juli 1900. Keine schlechte Idee - der Unabhängigkeitstag an der Schwelle zu einem neuen Jahrhundert als Ausdruck für die Hoffnung, die Armut im Land der Freien und der Heimat der Mutigen hinter sich zu lassen.

Musikalisch liegen diese Musiker, die auf ihre Weise beide Geburtshelfer schwarzer Musik waren bzw. immer noch sind, nach einem oberflächlichen Höreindruck weit auseinander. Seit den 60ern prägte Taylor neben Saxophonisten wie Ornette Coleman und Albert Ayler eine radikale Interpretation der Rolle des Pianos in einem neuen, freieren Jazz. Dieser Ansatz umfasst virtuos-filigrane beidhändige Läufe, die melodisch und rhythmisch unabhängig voneinander verlaufen, genauso wie ein brachiales Eindreschen auf möglichst viele seiner 88 Tasten. Doch Cecil Taylor hat immer auf die Nähe seines Sounds zu seinen afrikanischen Wurzeln bestanden und diese auch offensiv repräsentiert. „I have within my mind a conception of how Black Tom played“, soll er mal gesagt haben. Und das muss dann eben nicht unbedingt wie Glenn Miller klingen. Und so wie der kleine dicke Junge aus New Orleans mit den Kniehosen und dem Kornett erst belächelt wurde, so hat auch Cecil Taylor einen langen Weg hinter sich vom skeptisch beäugten Außenseiter zur allseits gefeierten Ikone freier/schwarzer Musik. 

In seinem biblischen Alter sitzt Taylor heute nur noch selten auf der Bühne, doch vor fast 15 Jahren hatten Hagen und ich das Vergnügen, ihn im WDR Funkhaus zu erleben. Der Auftritt in knalligem Gummidress samt Gummistiefeln und Mütze sowie einem anfänglichen Derwischtanz solo um das Piano hat jedem Gedanken an ein von Altersmilde geprägtes Schwelgen in den Erfolgen von gestern von vorneherein eine klare Absage erteilt. Gemeinsam mit dem tollen Paul Lovens am Schlagzeug sowie drei weiteren skandinavischen Begleitmusikern an Cello, Bass und Sopran Saxophon hat der ältere Herr alles gegeben und auch einen von uns mitgeschleiften Novizen in Sachen Free Jazz in Staunen versetzt. Weder Hagen oder ich noch offensichtlich das Netz haben das Konzert so schnell vergessen, so dass man sich den Auftritt dankenswerterweise zumindest nochmal runterladen und anhören kann.

Ansonsten kann man einen Einstieg in seinen Sound gut mit dem Album „Unit Structures“ wagen. Etwas obskurer aber mit höchst eigenem vierhändigen Klavier-Charme ist außerdem das Album gemeinsam mit der Pianistin Mary Lou Williams, teilweise ergänzt um Bobby Crenshaw und Mickey Rocker an Bass und Drums. Im Wechselspiel des Mit- und Gegeneinander mit der im Big-Band-Sound verwurzelten Lady des Jazzpianos werden die Traditionslinien beider Musiker genauso sichtbar wie die geteilte Suche nach dem Neuen.





Flying Lotus – Afro-Futurismus / Post-Dilla HipHop

Der inhaltlich nun zu schlagende Bogen ist recht offensichtlich, da Flying Lotus der Neffe Alice Coltranes ist und damit quasi genetisch eine Verlängerung des abhebenden afro-amerikanischen Sounds aus den 60ern in die Gegenwart, für den Alice und ihr Mann John genauso standen wie Cecil Taylor oder in einer anderen Ecke James Brown und George Clinton. FlyLo hält in diesen Tagen die Fahne des Afro-Futurismus hoch und beschenkt uns auf seinen eigenen Platten via Warp sowie den Releases über sein Label Brainfeeder (etwa Lorn, The Gaslamp Killer oder Thundercat) mit beat-lastigem Wahnsinn, der den Sound der Ahnen im Herzen und den Spirit von HipHop in der tief hängenden Hose trägt. Er lotet dabei nicht nur das Feld zwischen HipHop und Elektronik aus wie kaum ein anderer, sondern zeigt auch, wie man an die avantgardistische Tradition des Jazz anknüpfen kann, ohne dass es ins bemüht Akademische kippen würde. Unter den Beats bastelnden Nachfolgern J Dillas nimmt er damit eine  Ausnahmestellung ein, da er dessen Sound nicht nur konserviert und reproduziert, sondern konsequent weiterentwickelt und mit neuen Ideen kurzschließt.

Da der Mann dabei hoch produktiv ist, kann er es sich offensichtlich erlauben, größere Mengen der Schnipsel und Kleinoden von seinem staubigen Werkstattboden zusammenzufegen, um sie mit dem Etikett "ideas, drafts and loops" gratis und kommentarlos online zu stellen. Im Mix findet sich dann alles mögliche von Outtakes der letzten Kanye-West-LP über Kollaborationen mit MF Doom sowie Tracks seines rappenden Alter Ego Captain Murphy. Das Mixtape „Duality“ der letzteren Inkarnation von Flying Lotus ist zwar schon ein gutes Jahr alt, was einem Durchgang im heimischen Soundsystem aber keinen Abbruch tut, falls die erste Fuhre FlyLo-Madness Lust auf mehr machen sollte. Als letztes Beispiel der Vielseitigkeit und Qualitäten des Mannes sei noch seine Kollaboration mit der Southern Lady Erykah Badu angeführt. In diesem Sinne - bis zum nächsten Mal, stay tuned. Philipp.