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Sonntag, 27. April 2014

Brian Eno


Während eines Konzertes mit Roxy Music stand Brian Peter George St. John le Baptiste de la Salle Eno – kurz Brian Eno – auf der Bühne und machte sich Gedanken über seine Wäsche. Daraufhin verließ er die Band, so die Überlieferung. Die Spannungen mit dem Sänger Brian Ferry über die musikalische Ausrichtung der Band und die Langeweile und das sich immer Wiederholende, die das Tourleben recht schnell mit sich bringen kann, veranlassten ihn, es nach zwei Alben als Keyboarder von Roxy Music lieber als Solokünstler zu versuchen.
Zur Musik kam der Kunststudent eher zufällig. Weder beherrschte er ein Instrument, noch war er gierig darauf, im Rampenlicht die Show zu machen. Er bezeichnete sich lange Zeit und mit bleibendem Eindruck sogar als "Nichtmusiker". Die ersten Auftritte mit Roxy Music verbrachte Eno deshalb am Mischpult, bediente von dort aus seinen Syntheziser, manipulierte Sounds und sang die Backroundvocals. Später auf der Bühne fügte er sich dann eine Zeit lang nahtlos in das exzentrische Glam-Rock-Feeling ein, lange Haare, Make-Up, androgyne Anmutung und gerne auch eine Fedeboa.
Zwischen 1973 and 1977 nahm er vier Alben auf, die hauptsächlich elektronisch beeinflusste Rock- und Popsongs enthalten - Here come the Warm Jets, Taking Tiger Mountain (By Strategie), Another Green World und Before and After Science.
Der Sänger Brian Eno – oder einfach Eno, wie er sich anfangs nannte – kommt dabei eher unprätentiös daher. Es ist eine Stimme, die nicht wirklich hängen bleibt, keinen besonderen Wiedererkennungswert hat oder einen sofort packt. Zumindest geht es mir so, wenn ich sie höre. Aber wenn man sich auf die Musik und die Stücke einlässt, ist diese Stimme absolut passend. Obwohl sie eigentlich einfach nur da ist, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Vielleicht hängt es auch mit der Art der Lyrics zusammen. Meist sang Eno im Studio Nonsense-Texte in der Entwicklungsphase der Stücke. Oft ging es ihm hauptsächlich darum den Klang der Worte und die Phrasierung in die Sounds der Songs einzufügen. So geschah es, dass die Texte am Ende einfach recht assoziativ daherkamen und keine klare Geschichte erzählten.
Während seine ersten beiden Alben noch stark vom Glamrock und der Struktur von Popsongs geprägt sind, geben Another Green World und Before and After Science neben den Popstücken schon die Richtung vor, die Eno mit seiner Musik und Produzententätigkeit bis heute verfolgt. Beide Alben enthalten zwar Songs, aber eben auch etliche instrumentale Stücke, die Enos zukünftige Arbeiten im Ambientbereich andeuten. Besonders Another Green World changiert perfekt und zeitlos wunderschön zwischen fast schon barocken Popsongs, ambienthaften Sounds und instrumentalen Skizzen.

"Sky saw" mit Robert Fripp


"The big ship"

 "St. Elmo's fire"


Wobei man, was die chronologische Reihenfolge der Entwicklung betrifft, recht vorsichtig sein muss. 
Denn schon 1972 nahm Brian Eno ein Album – No Pussyfooting – mit dem Gitarristen Robert Fripp auf, das auf Improvisation und Manipulation der Maschinen setzte. Eno wandte hier Techniken und Ideen an, die dem Minimalism, besonders John Cage, Steve Reich und Terry Riley, entliehen sind. Zur Klangerzeugung greift Eno schon hier zu Tonbandaufnahmen, lässt dann verschiedene Geräte gleichzeitig laufen und positioniert sie so im Raum, dass die Entfernung der Geräte zueinander die Frequenz eines Echoimpulses beeinflussen. Es kommt also zu Rückkopplungen und minimalen Phasenverschiebungen der verschiedenen Melodien. Darüber liegt der sägende Sound von Robert Fripps Gitarre, die zum Teil herrlich dissonante Töne und Läufe spielt und hier und da mittels Loops ihren eigenen Klang verändert. Drei Jahre später folgte ein zweites Album, Evening Star, welches das Konzept von Eno und Fripp noch verfeinerte. Während ihre erste Zusammenarbeit noch auf zwei, circa zwanzigminütigen Stücken beruhte, ist Evening Star kompakter und songorientierter, obwohl es doch ein gänzlich instrumentales Album ist. 

Auszug aus "An index of metals" mit Robert Fripp

 
Ebenfalls im Jahre 1975 veröffentlichte Eno das Album Discreet Music. Es sollte als erstes Ambient-Album in die Geschichte eingehen. Die Methode der Klangerzeugung und Aufnahmetechnik findet sich hier auch als Diagramm auf dem Albumcover abgebildet. Sie basiert auf dem Konzept der „Furniture Music“ des klassischen Komponisten Eric Satie. Das Stück wird sachte eingeblendet und nach einer guten halben Stunde beginnt der Fade-Out. Enos Duktus hinter diesem Album und weiteren, besonders seines ersten Albums aus der Serie „Ambient Music“, Music for Aiports, beschreibt sehr gut ein Zitat: „I had already done Discreet Music, which was intended to do just that, stay in one place for a while, and Music for Airports was an extension of that, the ideas that the new job of music could be to create a location. It didn't have to tell you anything, or guide you in any way when you got there, it just made the space for you to be there.“
Und das trifft es sehr genau. Die Musik kann hier tatsächlich wie ein Einrichtungsgegenstand funktionieren. Wie eine Lampe schaltet man sie ein, kann sich nebenbei unterhalten, die Wohnung aufräumen, Sachen machen und knipst sie wieder aus. Sie ist die ganze Zeit da, stört nicht, spielt sich vielleicht manchmal kurz in den Vordergrund, um dann wieder zu verschwinden. Aber! Man kann sie auch intensiv hören, sich hervorragend darauf einlassen und dann wunderschöne Feinheiten entdecken, auch nach dem x-ten Durchlauf.

"Discreet music"



Ab Mitte der 70er begann auch Enos Kollaboration mit Vertretern des sogenannten Krautrocks, die zu einigen Aufnahmesessions u.a. in Conny Planks legendärem Studio in Wolperath vor den Toren Kölns führten. Mit dem Duo Cluster (Dieter Moebius und Hans-Joachim Roedelius) nahm er die Alben Cluster and Eno und After the heat auf. 1976 verbrachte er ein paar Wochen im Schwarzwald. Dort entstanden ebenfalls einige Stücke mit den beiden sowie dem Neu!-Gitarristen Michael Rother, die zwei Jahrzehnte später unter dem Namen Harmonia '76 trifft Brian Eno (Tracks and Traces) endlich veröffentlicht wurden. Allen drei Platten wohnt eine eher entspannte Haltung inne, die Stücke fühlen sich oftmals eher wie musikalische Skizzen an, denn fertige Songs. Trotzdem hat man gleichzeitig das Gefühl, dass alles gesagt ist und wenn nicht, auch gut. 

Cluster & Eno: "Für Luise"



Diese Aufnahmen und besonders seine Solowerke Another Green World und Discreet Music sowie seine Kollaboration mit Robert Fripp auf Evening Star machten einen anderen Musiker auf Eno aufmerksam. Paranoid und ausgemergelt von einer Lebensweise basierend auf Cocaine, Alkohol, Zigaretten, Milch und roten Paprika entschloss sich David Bowie 1976 aus Los Angeles zu fliehen, um in Frankreich und später Berlin nicht nur auf Entzug zu gehen, sondern sich auch musikalisch (mal wieder) neu zu erfinden. Dabei traf er nicht zufällig auf Brian Eno und Robert Fripp. Mit ihnen sollte der Thin White Duke seine beiden interessantesten musikalischen Werke – Low und „Heroes“ - aufnehmen. Dazu mehr demnächst in diesem Blog. Wer noch tiefer in die Musik von Brian Eno eintauchen möchte, dem seien natürlich all die Alben hier empfohlen und diese schöne Dokumentation "The man who fell to earth" in mehreren Teilen, beginnend mit Teil 1 (für alle weiteren Teile, einfach am Ende weiterklicken):




Sonntag, 6. April 2014

Diederichsen-Pop / Misanthropen-Hop

Diederichsen-Pop


An Diedrich Diederichsen und seinem neusten Machwerk „Über Pop-Musik“, das wohl als kondensierte Erkenntnis seiner Schreiberei der letzten 30 Jahre zu verstehen ist, kommt man dieser Tage als Freund populärer Musik wohl kaum vorbei. Mein Verhältnis zu seinem Schaffen ist ähnlich ambivalent wie das von Hagen. Einerseits hat mich die Spex der 90er Jahre durchaus geprägt, und auch die Bücher von Diederichsen habe ich teils mit Interesse gelesen. Die merkwürdigste Erfahrung war da sicher der frühe Roman „Herr Dietrichsen“, zuletzt gefallen hat mir hingegen sein dünnes Buch zu den „Sopranos“ oder auch die Zusammenfassung seiner FAZ-Kolumnen als „Musikzimmer“. Die Grenze zwischen groteskem Theorie-Wahn-Geschwurbel, klugen Ideen und spannenden Hörempfehlungen ist hier stets verschwommen. Eine Meinung zu „Über Pop-Musik“ bleibe ich an dieser Stelle jedoch vorerst schuldig und reiche sie gelegentlich nach, wenn ich dazu gekommen bin, das Buch zu lesen.


Ein erklärter Favorit von Diederichsen, den auch ich heute würdigen möchte, stellt bzw. stellen Prefab Sprout dar – wer etwas zu deren letzter Platte aus DDs Feder lesen möchte, schaue hier rein. Die Frage nach Singular oder Plural stellt sich bei dieser Band zurecht, da sie im Kern eigentlich nur aus Paddy MacAloon besteht, einem der ewig rätselhaften Großmeister der Pop-Musik, gerne verglichen mit Brian Wilson, auch wenn ich Mark Hollis von Talk Talk noch ins Spiel bringen würde. Da ist zunächst natürlich das frühe Meisterwerk „Steve McQueen“, auf dem sich der britische Kryptiker bereits intensiv an amerikanischen Mythen abarbeitet, ein Thema, das sich durch seine gesamte bisherige Diskographie zieht. Das wohl Bemerkenswerteste an dieser Platte – wie auch nachfolgenden LPs – sind die Pole von Emphase vs. theoretischer Überbau sowie die Symbiose aus Größenwahn und Zucker. Oberflächlich schreibt und produziert MacAloon geradezu Mainstreamradio-taugliche, beinahe süßliche Popsongs, in deren Tiefe es jedoch brodelt. Vergraben in den Songs finden sich obskure Referenzen und theoretischer Doppelbödigkeiten, aber auch eine unglaubliche Akribie, mit der die Sounds und Arrangements ausgetüftelt werden, wobei MacAloon diese meist im Alleingang einspielt.


Diese Vielschichtigkeit auf den zweiten Blick wirft dann auch die Frage auf, wie sehr das eigene Hörvergnügen einer theoretischen Sättigung im Sinne eines legitimierenden oder Freude-verstärkenden Überbaus bedarf. Die Songs sind als solche schon extrem mitreißend und schonungslos emotional. Ironie als Brechung oder gar Schutzwall scheint ihnen fremd. Stattdessen schimmert im Hintergrund immer eine Meta-Ebene auf, der man sich widmen kann oder auch eben nicht. Wie sehr geradezu megalomanische Konzepte hinter diesen eben nur scheinbar harmlosen Pop-Songs und Alben stehen, verdeutlichen ein paar Titel von unveröffentlichten LPs: „Earth: The Story so far“, „20th Century Magic“ oder „Neon Opera“. Dass die Liste an unveröffentlichten Platten dabei länger ist als die eigentliche Diskographie und von seinen Fans mit Hingabe gepflegt wird, spricht für sich.


Nach Sorgen um MacAloons Gesundheit – schwerer Tinnitus, mehr oder weniger erblindet – hat der Maestor allen Unkenrufen zum Trotz seinem Prefab-Sprout-Alias und der Welt letztes Jahr mit „Crimson/Red“ mal wieder eine LP spendiert, die genauso zeitlos und monolithisch ist wie meine beiden anderen Favoriten aus seiner Feder, „Steve McQueen“ und „Andromeda Heights“. Die neue LP passt in keine Trends, für Hipster bietet sie definitiv zu wenig Distinktionsgewinn, dafür können alternde Klugscheißer mal wieder ihre Favoriten aus der Pop-Historie preisen. Doch der Kern ist nicht die Frage nach Zielgruppen und Verwertung, sondern die Sache an sich, und das sind hier die tatsächlich glücklich machenden Pop-Momente in einer Reinheit und Emphase, die sich höchst selten finden. Die folgenden drei Links sind als erste Tipps zu verstehen, dahinter liegt dann irgendwo das gesamte wirre Universum von MacAloon / Perfab Sprout.



Einmal der Klassiker „Faron Young“, zugleich Hommage an den gleichnamigen US-Sänger.



Schließlich ein Seitenhieb auf Springsteen und die Monothematik seiner Songs:





Misanthropen-Hop


Gänzlich dem Weltlichen zugewandt und fernab theoretischer Doppelbödigkeiten und hochkultureller Referenzen wandelt der zweite Protagonist dieses Posts durch die verbrechens-geplagten Ghetto-Straßen New Yorks – Roc Marciano. Keine luftigen Theorien von unendlicher Liebe und fernen Sternen, stattdessen düstere, misanthropisch-misogyne Pimp-Metaphorik, Gewalt-Exzesse, Selbst-Lobpreisung sowie dunkle Momente des Innehaltens und Zweifelns. Klingt nicht wirklich neu oder innovativ, ist es auch nicht. Gleichwohl hat kaum ein MC in der letzten Zeit derart düstere Straßen-Geschichten in einem so eigenständigen Flow und lyrisch ansprechenden Stream-of-Consciousness-lastigen Stil erzählt. Dazu als Background sehr reduzierte, soul-triefende Beats mit genügend Schräglage / Dissonanz, die an den frühen RZA erinnern, und das hungrige HipHop-Herz gibt Ruhe.



Zwar ist sein Debüt „Marcberg“ noch keine vier Jahre alt, doch zugleich ist der Mann ein Veteran, der schon unter Busta Rhymes in dessen Flip Mode Squad gedient hat. Hinsichtlich seines alten Lehrmeisters kann man getrost dessen Gratis-Mix-Tape mit Q-Tip „The Abstract and The Dragon“ empfehlen. Ist zwar nicht alles neues Material, macht aber trotzdem Spaß und weckt so etwas wie Hoffnung, dass der Mann es musikalisch doch noch nicht ganz hinter sich hat. Bei Roc Marciano hingegen ist es interessant zu verfolgen, wie der späte Erfolg die Produktivität beflügelt. So hat er in den letzten Monaten zwei volle LPs raus gehauen: das Mixtape „The Pimpirestrikes back“ (okay, auch hier keinen Originalitäts-Bonus) sowie das „reguläre“ Album „Marci Beaucoup“. Dieser Fleiß ist sicherlich auch der Verführung geschuldet, das Eisen zu schmieden, solange es heiß ist, und nicht unbedingt dem spät geweckten Talent. Die etwas schwankende Güte des Outputs spricht auf jeden Fall nicht für eine pedantische Qualitätskontrolle in Marcianos Ghetto-Butze. Aber jemand, der so lange wie er dabei ist, wird gelernt haben, dass es mit dem Ruhm schnell wieder vorbei sein kann. Also: mitnehmen, was man kriegen kann.


Nicht immer sind daher die Tracks gerade der letzten LP zwingend, manche Features wirken eher nach strategischen als nach ästhetischen Gesichtspunkten ausgewählt. Sei's drum, gerade seine zweite LP „Reloaded“ hat sich lange in meiner Rotation gehalten, und selten habe ich in der letzten Zeit einen so eigenständigen Sound gehört – sowohl lyrisch als auch in der Wahl der (oftmals selbstproduzierten) Beats. Da kann man kleine Schwächen verzeihen und sich aus sicherer Distanz im Dreck der Gossen-Lyrik suhlen. Bis ich davon wieder sauber bin - stay tuned! Philipp.


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