An Diedrich Diederichsen und seinem neusten Machwerk „Über Pop-Musik“, das wohl als kondensierte Erkenntnis seiner Schreiberei der letzten 30 Jahre zu verstehen ist, kommt man dieser Tage als Freund populärer Musik wohl kaum vorbei. Mein Verhältnis zu seinem Schaffen ist ähnlich ambivalent wie das von Hagen. Einerseits hat mich die Spex der 90er Jahre durchaus geprägt, und auch die Bücher von Diederichsen habe ich teils mit Interesse gelesen. Die merkwürdigste Erfahrung war da sicher der frühe Roman „Herr Dietrichsen“, zuletzt gefallen hat mir hingegen sein dünnes Buch zu den „Sopranos“ oder auch die Zusammenfassung seiner FAZ-Kolumnen als „Musikzimmer“. Die Grenze zwischen groteskem Theorie-Wahn-Geschwurbel, klugen Ideen und spannenden Hörempfehlungen ist hier stets verschwommen. Eine Meinung zu „Über Pop-Musik“ bleibe ich an dieser Stelle jedoch vorerst schuldig und reiche sie gelegentlich nach, wenn ich dazu gekommen bin, das Buch zu lesen.
Ein erklärter Favorit von Diederichsen, den auch ich heute würdigen möchte, stellt bzw. stellen Prefab Sprout dar – wer etwas zu deren letzter Platte aus DDs Feder lesen möchte, schaue hier rein. Die Frage nach Singular oder Plural stellt sich bei dieser Band zurecht, da sie im Kern eigentlich nur aus Paddy MacAloon besteht, einem der ewig rätselhaften Großmeister der Pop-Musik, gerne verglichen mit Brian Wilson, auch wenn ich Mark Hollis von Talk Talk noch ins Spiel bringen würde. Da ist zunächst natürlich das frühe Meisterwerk „Steve McQueen“, auf dem sich der britische Kryptiker bereits intensiv an amerikanischen Mythen abarbeitet, ein Thema, das sich durch seine gesamte bisherige Diskographie zieht. Das wohl Bemerkenswerteste an dieser Platte – wie auch nachfolgenden LPs – sind die Pole von Emphase vs. theoretischer Überbau sowie die Symbiose aus Größenwahn und Zucker. Oberflächlich schreibt und produziert MacAloon geradezu Mainstreamradio-taugliche, beinahe süßliche Popsongs, in deren Tiefe es jedoch brodelt. Vergraben in den Songs finden sich obskure Referenzen und theoretischer Doppelbödigkeiten, aber auch eine unglaubliche Akribie, mit der die Sounds und Arrangements ausgetüftelt werden, wobei MacAloon diese meist im Alleingang einspielt.
Diese Vielschichtigkeit auf den zweiten Blick wirft dann auch die Frage auf, wie sehr das eigene Hörvergnügen einer theoretischen Sättigung im Sinne eines legitimierenden oder Freude-verstärkenden Überbaus bedarf. Die Songs sind als solche schon extrem mitreißend und schonungslos emotional. Ironie als Brechung oder gar Schutzwall scheint ihnen fremd. Stattdessen schimmert im Hintergrund immer eine Meta-Ebene auf, der man sich widmen kann oder auch eben nicht. Wie sehr geradezu megalomanische Konzepte hinter diesen eben nur scheinbar harmlosen Pop-Songs und Alben stehen, verdeutlichen ein paar Titel von unveröffentlichten LPs: „Earth: The Story so far“, „20th Century Magic“ oder „Neon Opera“. Dass die Liste an unveröffentlichten Platten dabei länger ist als die eigentliche Diskographie und von seinen Fans mit Hingabe gepflegt wird, spricht für sich.
Nach Sorgen um MacAloons Gesundheit – schwerer Tinnitus, mehr oder weniger erblindet – hat der Maestor allen Unkenrufen zum Trotz seinem Prefab-Sprout-Alias und der Welt letztes Jahr mit „Crimson/Red“ mal wieder eine LP spendiert, die genauso zeitlos und monolithisch ist wie meine beiden anderen Favoriten aus seiner Feder, „Steve McQueen“ und „Andromeda Heights“. Die neue LP passt in keine Trends, für Hipster bietet sie definitiv zu wenig Distinktionsgewinn, dafür können alternde Klugscheißer mal wieder ihre Favoriten aus der Pop-Historie preisen. Doch der Kern ist nicht die Frage nach Zielgruppen und Verwertung, sondern die Sache an sich, und das sind hier die tatsächlich glücklich machenden Pop-Momente in einer Reinheit und Emphase, die sich höchst selten finden. Die folgenden drei Links sind als erste Tipps zu verstehen, dahinter liegt dann irgendwo das gesamte wirre Universum von MacAloon / Perfab Sprout.
Einmal der Klassiker „Faron Young“, zugleich Hommage an den gleichnamigen US-Sänger.
Schließlich ein Seitenhieb auf Springsteen und die Monothematik seiner Songs:
Misanthropen-Hop
Gänzlich dem Weltlichen zugewandt und fernab theoretischer Doppelbödigkeiten und hochkultureller Referenzen wandelt der zweite Protagonist dieses Posts durch die verbrechens-geplagten Ghetto-Straßen New Yorks – Roc Marciano. Keine luftigen Theorien von unendlicher Liebe und fernen Sternen, stattdessen düstere, misanthropisch-misogyne Pimp-Metaphorik, Gewalt-Exzesse, Selbst-Lobpreisung sowie dunkle Momente des Innehaltens und Zweifelns. Klingt nicht wirklich neu oder innovativ, ist es auch nicht. Gleichwohl hat kaum ein MC in der letzten Zeit derart düstere Straßen-Geschichten in einem so eigenständigen Flow und lyrisch ansprechenden Stream-of-Consciousness-lastigen Stil erzählt. Dazu als Background sehr reduzierte, soul-triefende Beats mit genügend Schräglage / Dissonanz, die an den frühen RZA erinnern, und das hungrige HipHop-Herz gibt Ruhe.
Zwar ist sein Debüt „Marcberg“ noch keine vier Jahre alt, doch zugleich ist der Mann ein Veteran, der schon unter Busta Rhymes in dessen Flip Mode Squad gedient hat. Hinsichtlich seines alten Lehrmeisters kann man getrost dessen Gratis-Mix-Tape mit Q-Tip „The Abstract and The Dragon“ empfehlen. Ist zwar nicht alles neues Material, macht aber trotzdem Spaß und weckt so etwas wie Hoffnung, dass der Mann es musikalisch doch noch nicht ganz hinter sich hat. Bei Roc Marciano hingegen ist es interessant zu verfolgen, wie der späte Erfolg die Produktivität beflügelt. So hat er in den letzten Monaten zwei volle LPs raus gehauen: das Mixtape „The Pimpirestrikes back“ (okay, auch hier keinen Originalitäts-Bonus) sowie das „reguläre“ Album „Marci Beaucoup“. Dieser Fleiß ist sicherlich auch der Verführung geschuldet, das Eisen zu schmieden, solange es heiß ist, und nicht unbedingt dem spät geweckten Talent. Die etwas schwankende Güte des Outputs spricht auf jeden Fall nicht für eine pedantische Qualitätskontrolle in Marcianos Ghetto-Butze. Aber jemand, der so lange wie er dabei ist, wird gelernt haben, dass es mit dem Ruhm schnell wieder vorbei sein kann. Also: mitnehmen, was man kriegen kann.
Nicht immer sind daher die Tracks gerade der letzten LP zwingend, manche Features wirken eher nach strategischen als nach ästhetischen Gesichtspunkten ausgewählt. Sei's drum, gerade seine zweite LP „Reloaded“ hat sich lange in meiner Rotation gehalten, und selten habe ich in der letzten Zeit einen so eigenständigen Sound gehört – sowohl lyrisch als auch in der Wahl der (oftmals selbstproduzierten) Beats. Da kann man kleine Schwächen verzeihen und sich aus sicherer Distanz im Dreck der Gossen-Lyrik suhlen. Bis ich davon wieder sauber bin - stay tuned! Philipp.
Deeper


Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen