Während eines Konzertes mit Roxy
Music stand Brian Peter George St.
John le Baptiste de la Salle Eno – kurz
Brian Eno – auf der Bühne und machte sich Gedanken über
seine Wäsche. Daraufhin verließ er die Band, so die Überlieferung.
Die Spannungen mit dem Sänger Brian Ferry über die musikalische
Ausrichtung der Band und die Langeweile und das sich immer Wiederholende, die das Tourleben recht
schnell mit sich bringen kann, veranlassten ihn, es nach zwei Alben als
Keyboarder von Roxy Music lieber als Solokünstler zu versuchen.
Zur Musik kam der Kunststudent eher
zufällig. Weder beherrschte er ein Instrument, noch war er gierig
darauf, im Rampenlicht die Show zu machen. Er bezeichnete sich lange Zeit und mit bleibendem Eindruck sogar als "Nichtmusiker". Die ersten Auftritte mit
Roxy Music verbrachte Eno deshalb am Mischpult, bediente von dort aus seinen
Syntheziser, manipulierte Sounds und sang die Backroundvocals. Später
auf der Bühne fügte er sich dann eine Zeit lang nahtlos in das
exzentrische Glam-Rock-Feeling ein, lange Haare, Make-Up, androgyne
Anmutung und gerne auch eine Fedeboa.
Zwischen 1973 and 1977 nahm er vier
Alben auf, die hauptsächlich elektronisch beeinflusste Rock- und
Popsongs enthalten - Here come the Warm Jets, Taking Tiger
Mountain (By Strategie), Another Green World und Before
and After Science.
Der Sänger Brian Eno – oder einfach
Eno, wie er sich anfangs nannte – kommt dabei eher unprätentiös daher.
Es ist eine Stimme, die nicht wirklich hängen bleibt, keinen
besonderen Wiedererkennungswert hat oder einen sofort packt.
Zumindest geht es mir so, wenn ich sie höre. Aber wenn man sich auf
die Musik und die Stücke einlässt, ist diese Stimme absolut
passend. Obwohl sie eigentlich einfach nur da ist, nicht mehr, aber
auch nicht weniger. Vielleicht hängt es auch mit der Art der Lyrics
zusammen. Meist sang Eno im Studio Nonsense-Texte in der
Entwicklungsphase der Stücke. Oft ging es ihm hauptsächlich darum
den Klang der Worte und die Phrasierung in die Sounds der Songs
einzufügen. So geschah es, dass die Texte am Ende einfach recht
assoziativ daherkamen und keine klare Geschichte erzählten.
Während seine ersten beiden Alben noch
stark vom Glamrock und der Struktur von Popsongs geprägt sind, geben
Another Green World und Before and After Science neben
den Popstücken schon die Richtung vor, die Eno mit seiner Musik und
Produzententätigkeit bis heute verfolgt. Beide Alben enthalten zwar
Songs, aber eben auch etliche instrumentale Stücke, die Enos
zukünftige Arbeiten im Ambientbereich andeuten. Besonders
Another Green World changiert perfekt und zeitlos wunderschön
zwischen fast schon barocken Popsongs, ambienthaften Sounds und
instrumentalen Skizzen.
"Sky saw" mit Robert Fripp
"The big ship"
"St. Elmo's fire"
Wobei man, was die chronologische
Reihenfolge der Entwicklung betrifft, recht vorsichtig sein muss.
Denn schon 1972 nahm Brian Eno ein Album – No Pussyfooting –
mit dem Gitarristen Robert Fripp auf, das auf Improvisation und
Manipulation der Maschinen setzte. Eno wandte hier Techniken und Ideen an, die
dem Minimalism, besonders John Cage, Steve Reich und Terry Riley, entliehen sind. Zur
Klangerzeugung greift Eno schon hier zu Tonbandaufnahmen, lässt dann
verschiedene Geräte gleichzeitig laufen und positioniert sie so im
Raum, dass die Entfernung der Geräte zueinander die Frequenz eines
Echoimpulses beeinflussen. Es kommt also zu Rückkopplungen und
minimalen Phasenverschiebungen der verschiedenen Melodien. Darüber liegt der sägende Sound von
Robert Fripps Gitarre, die zum Teil herrlich dissonante Töne und
Läufe spielt und hier und da mittels Loops ihren eigenen Klang
verändert. Drei Jahre später folgte ein zweites Album, Evening
Star, welches das Konzept von Eno und Fripp noch verfeinerte.
Während ihre erste Zusammenarbeit noch auf zwei, circa
zwanzigminütigen Stücken beruhte, ist Evening Star kompakter
und songorientierter, obwohl es doch ein gänzlich instrumentales Album ist.
Auszug aus "An index of metals" mit Robert Fripp
Ebenfalls im Jahre 1975 veröffentlichte
Eno das Album Discreet Music. Es sollte als erstes
Ambient-Album in die Geschichte eingehen. Die Methode der
Klangerzeugung und Aufnahmetechnik findet sich hier auch als Diagramm
auf dem Albumcover abgebildet. Sie basiert auf dem Konzept der
„Furniture Music“ des klassischen Komponisten Eric Satie. Das
Stück wird sachte eingeblendet und nach einer guten halben Stunde
beginnt der Fade-Out. Enos Duktus hinter diesem Album und weiteren,
besonders seines ersten Albums aus der Serie „Ambient Music“,
Music for Aiports, beschreibt sehr gut ein Zitat: „I had
already done Discreet Music, which was intended to do just that, stay
in one place for a while, and Music for Airports was an extension of
that, the ideas that the new job of music could be to create a
location. It didn't have to tell you anything, or guide you in any
way when you got there, it just made the space for you to be there.“
Und das trifft es sehr genau. Die Musik
kann hier tatsächlich wie ein Einrichtungsgegenstand funktionieren.
Wie eine Lampe schaltet man sie ein, kann sich nebenbei unterhalten,
die Wohnung aufräumen, Sachen machen und knipst sie wieder aus. Sie
ist die ganze Zeit da, stört nicht, spielt sich vielleicht manchmal
kurz in den Vordergrund, um dann wieder zu verschwinden. Aber! Man
kann sie auch intensiv hören, sich hervorragend darauf einlassen und
dann wunderschöne Feinheiten entdecken, auch nach dem x-ten
Durchlauf.
"Discreet music"
Ab Mitte der 70er begann auch Enos
Kollaboration mit Vertretern des sogenannten Krautrocks, die zu einigen
Aufnahmesessions u.a. in Conny Planks legendärem Studio in Wolperath vor den Toren
Kölns führten. Mit dem Duo Cluster (Dieter Moebius und Hans-Joachim
Roedelius) nahm er die Alben Cluster and Eno und After the
heat auf. 1976 verbrachte er ein paar Wochen im Schwarzwald. Dort
entstanden ebenfalls einige Stücke mit den beiden sowie dem
Neu!-Gitarristen Michael Rother, die zwei Jahrzehnte später unter
dem Namen Harmonia '76 trifft Brian Eno (Tracks and Traces)
endlich veröffentlicht wurden. Allen drei Platten wohnt eine eher
entspannte Haltung inne, die Stücke fühlen sich oftmals eher wie
musikalische Skizzen an, denn fertige Songs. Trotzdem hat man
gleichzeitig das Gefühl, dass alles gesagt ist und wenn nicht, auch
gut.
Cluster & Eno: "Für Luise"
Diese Aufnahmen und besonders seine
Solowerke Another Green World und Discreet Music sowie
seine Kollaboration mit Robert Fripp auf Evening Star machten
einen anderen Musiker auf Eno aufmerksam. Paranoid und ausgemergelt
von einer Lebensweise basierend auf Cocaine, Alkohol, Zigaretten,
Milch und roten Paprika entschloss sich David Bowie 1976 aus Los
Angeles zu fliehen, um in Frankreich und später Berlin nicht nur auf
Entzug zu gehen, sondern sich auch musikalisch (mal wieder) neu zu
erfinden. Dabei traf er nicht zufällig auf Brian Eno und Robert
Fripp. Mit ihnen sollte der Thin White Duke seine beiden
interessantesten musikalischen Werke – Low und „Heroes“ - aufnehmen. Dazu mehr demnächst in diesem Blog. Wer noch tiefer in die Musik von Brian Eno eintauchen möchte, dem seien natürlich all die Alben hier empfohlen und diese schöne Dokumentation "The man who fell to earth" in mehreren Teilen, beginnend mit Teil 1 (für alle weiteren Teile, einfach am Ende weiterklicken):
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