Actress
– Ghettoville
Im
letzten Post wurde bereits die retroartige Lo-Fi-Affinität von
Ekoplekz gepriesen. Everybody's Darling Actress – Covers von Wire
bis De:Bug – wirkt daneben ungleich hipper und vermeintlich näher
am Zeitgeist, bewegt sich aber dennoch in gewisser Nähe zu seinem
Landsmann. Während jedoch der akustische Schmutzfilm bei ersterem
von den angestaubten Billig-Geräten stammt, regiert bei Actress eher
die körnig-digitale Optik einer zerkratzten Google-Brille.
Verrauscht und oftmals etwas skizzenhaft kommen seine Tracks daher,
ein wenig, als hätte Burial mal mit geraderen Beat-Patterns
hantiert, diese aber nicht ganz ausgearbeitet. Auch Samples geistern
neben dem fragmentierten Geklapper seiner Drum Machines und den
prozessierten Riffs seiner Synthesizer durch die Tracks, allerdings
oft nur als kaum erkennbare Andeutungen. Das könnte eben ein
verfremdetes Schweineorgel-Sample gewesen sein oder aber er hat so
lange an irgendeinem anderen Sound rumgeschraubt, bis man meint, der
Klang habe noch organische Ursprünge auf einer alten Schallplatte
und entspringe nicht bloß der Malträtierung durch die CPU eines
Laptops.
Das
Unfertige der Tracks kommt diesen beiläufig erscheinenden
Spielereien mit Ursprüngen und Anspielungen durchaus entgegen, da
man sich nie wirklich sicher ist, ob das jetzt eine absichtlich
gelegte Spur war oder ob man sich das bloß eingebildet hat. Und
während man noch nachdenkt und horcht, ist das Stück schon wieder
vorbei, und der Kerl nimmt sich schon wieder das nächste vor.
Allerdings ist diese Rohheit zugleich auch eine Schwäche der LP. Auf
Albumlänge hätte man sich auch mal etwas klarer ausgearbeitete und
komplexere Strukturen gewünscht, doch scheint sich dies mit dem
Konzept einer verwüsteten und zerstückelten urbanen Einöde nicht
zu vertragen, das sich als roter Faden durch das Album zieht.
Ebensolche Assoziationen drängen sich nicht nur beim Hören auf,
wenn mit kaputten Sounds und verzerrten Anspielungen gearbeitet wird.
Titel wie „Towers“, „Grey over Blue“ oder „Birdcage“
scheinen ebensolche Bilder bewusst zu befeuern. So haben wir es hier
mit einem zertrampelten Sammelsurium von Dingen und Klängen zu tun,
die die Zivilisation achtlos zurück gelassen hat, nachdem sie
weitergezogen ist. Wohin auch immer. Actress sammelt sie für uns auf
und klebt sie in ein verschimmeltes Sammelheft für
Trümmer-Sound-Postkarten.
Bohren
und der Club of Gore – Piano Nights
„Wir
haben unsere Spielfreunde im Griff“. So beschrieb unlängst die
Band selbst kompakt und augenzwinkernd ihr Selbstverständnis bei
einer Ansage im Rahmen eines Konzerts in der ehrwürdigen Kölner
Philharmonie. Zugleich sind sie spätestens mit einem solchen
Auftritt in den Gefilden der Hochkultur angekommen, nachdem alles vor
über 20 Jahren seinen Anfang in den tiefsten Niederungen des Pulp
genommen hatte. Auf diesem langen Weg haben sie sowohl mehr oder
minder ambitionierte Pop-Theoretiker und Freunde der E-Musik
mitgenommen als auch manch gemeinen Rock-Hard-Leser, wie ein Blick durchs Publikum
an diesem Abend anschaulich belegt. Dieser Eindruck deutet auf einen
eigenartigen Konsens hin, wenn ältere Brillenträger einträchtig
neben Kutten-Reptilien und Jute-Beutel-Boys in der Philharmonie auf eine Bühne starren,
auf der man nur ein paar Gestalten im Kunstnebel erahnen kann, deren
Sound sich genauso zäh und alle Konturen verschluckend über das
Auditorium legt. Da sich die Band optisch wie klanglich praktisch
allen Kategorisierungsversuchen mehr oder weniger bewusst entzieht,
wurden für sie eigens so wunderbare Genres wie „Doom Jazz“
erfunden, deren Fach im Plattenladen sie quasi im Alleingang
bestücken. Denn mittlerweile muss man wohl sagen, dass diese Band
tatsächlich einzigartig klingt, wohl auch, weil man dieser
speziellen und über die Jahre verfeinerten Rezeptur nicht nacheifern
kann, ohne dass selbst jeder beinahe Taube lauter „Plagiat!“
schreien müsste als Jura Professoren bei Guttenbergs Dissertation.
Ihre
Wurzeln liegen ganz klar in der sirupartigen Langsamkeit des Doom
Metal, doch haben sie dessen Entschleunigung einerseits auf die
Spitze getrieben und spielen diesen andererseits mittlerweile
praktisch ausschließlich mit Mitteln des Lounge Jazz. Auf dem
aktuellen Album „Piano Nights“ hat man das Gefühl, dass die
bpm-Zahlen es kaum in die Zweistelligkeit schaffen, was in zweifacher
Hinsicht zu bemerkenswerten Ergebnissen führt: die Stücke verlieren
an greifbarer Kontur, da die Tonfolgen kaum noch als solche erkennbar
sind, sondern fast nur noch als isolierte Klänge. Diese türmen sich
gleichzeitig zu einer geradezu physisch greifbaren Klangwand auf, so
dass eine beklemmend-sedierte Dichte entsteht. Man kann es als
ironischen Kommentar oder als großartige Distinktionsstrategie
interpretieren, dass diese Klang-Solitäre aus Mülheim an der Ruhr
den Lounge Jazz mit den Mitteln des Doom Metals durch den Wolf drehen und
dieses Gemisch in ungeahnte Abgründe des Gelsenkirchener Barock
stürzen, in denen der Ehemann seine Frau mit der Autoantenne
verprügelt. Ein Schelm, wer hier den Humor ihres Nachbarn Helge
Schneider am Werk sieht. Bei aller Düsternis und gekonntem Spiel mit
Todes-Metaphorik lassen sie den Hörer stets im Unklaren über ihre
wirklichen Absichten. Sollen sie sich doch selber durch den Nebel
arbeiten und ein (Klang-)Bild machen. Eben das sei jedem ans Herz
gelegt.
Yasiin
Gaye
Nachdem
die beiden bislang besprochenen LPs eher düster ausfallen, sei am
Schluss noch einmal auf eines der interessanteren Mash-Up-Projekte
der letzten Monate hingewiesen, das eher beschwingt und soulful daher kommt. Nicht immer ist das Ergebnis
interessant, wenn jemand nach der Blaupause von Danger Mouse die
Werke zweier Künstler vermengt. Dieser nahm vor einigen Jahren das
„White Album“ von den Beatles und kreuzte es mit Jay-Zs „Black
Album“ folgerichtig zu seinem mehr oder weniger eigenen „Grey Album“. Dieses Verfahrens hat sich nun Amerigo Gazaway bedient, der
ähnliches schon mit Fela Kuti / De La Soul oder A Tribe Called Quest
/ The Pharcyde unternommen hat. Nun also Marvin Gaye und Mos Def aka
Yasiin Bey. Die am Schneidetisch geborene Kollaboration nennt sich dann: Yasiin Gaye: The Departure und umfasst zwei Teile.
Die
Fallhöhe ist bei diesen beiden Musikern nicht ganz so groß, doch
gewinnt deren Paarung sowohl manch alten Mos-Def-Lyrics als auch den
wiederbelebten Marvin-Gaye-Tracks bisweilen neue Facetten ab. Die Synthese
gelingt zwar nicht immer, denn von „Re:Definition“ hätte er wohl
lieber die Finger gelassen, doch nicht zuletzt mein Favorit „Ms.
Fat Booty“ kriegt ein wirklich großartiges Up-Tempo-Treatment. Kurzweilig.
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