Würde man manche LPs außerirdischen Musikwissenschaftlern vorlegen, die sich seit Jahrzehnten mit der Popmusik der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts beschäftigen, bin ich sicher, sie würden ihnen ein Rätsel aufgeben, sowohl mit Blick auf den Entstehungszeitpunkt als auch das Genre. Wilde Hypothesen, Vergleiche und akademische Kontroversen provozieren, ohne dass sie zu einem gesicherten Ergebnis kämen; aus der Zeit gefallene Platten, die sich jeglicher Kategorisierung entziehen. Wenn es solchen Platten bei ihrer
Veröffentlichung gelingt, eine gewisse Aufmerksamkeit zu erheischen,
ist für sie gerne das ambivalente Doppeletikett
„Kritikerliebling/Kassengift“ reserviert. Reicht es selbst dafür
nicht, bleiben die Varianten Vergessenheit und posthumer Siegeszug.
Arthur Russells einzige LP, die zu seinen Lebzeiten veröffentlicht
wurde - „World of Echo“ -, hat es ihrerzeit durchaus zu wohlwollenden
Reviews gebracht, allein die plattenkaufende Öffentlichkeit hat das
1986 herzlich wenig interessiert. Heute hat sie einen Status inne, den man getrost als Klassiker bezeichnen kann, weshalb sie auch entsprechend wiederveröffentlicht wurde.
Die Feststellung, dass es sich um die
einzige LP zu Lebzeiten handelte, ist bei Russell aber ein wenig
irreführend, denn er war Beileibe kein Unbekannter oder Eremit,
dessen Tondokumente es nur zufällig auf ein Label geschafft haben.
Russell genoss früh eine klassische Ausbildung am Cello, verbrachte
Zeit mit Hippies in San Francisco, bandelte künstlerisch und
sexuell mit Allen Ginsberg an, den er bei Lesungen auf dem Cello
begleitete, um schließlich in den 70er Jahren mit dem
Cello unterm Arm nach New York zu ziehen. Dort pendelte er
zwischen Avantgarde- und früher Disco-Szene, „seriöser“
Komposition im klassischen Sinne, Band-Experimenten (unter anderem
mit Talking Head David Byrne) sowie Kollaborationen mit dem
DJ-Pionier und Clubbetreiber Nicky Siano. Das führte zu
zahlreichen Auftritten und Maxi-Veröffentlichungen, insbesondere des
tanzbareren Materials, und mündete schließlich 1981 in der Gründung des
„Sleeping-Bag“-Labels gemeinsam mit Siano, wo er erneut in
verschiedenen Konstellationen Maxis, etwa „Go Bang!“ unter dem
Pseudonym Dinosaur L, produzierte, die auch als Blaupausen für den
Sound dienten, den man heute House nennt.
Trotz der Umtriebigkeit hat Russell
aber nie das Cello aufgegeben und ist wohl auch immer wieder live mit
Solo-Programmen aufgetreten. Diese Auftritte dürften den
Ausgangspunkt gebildet haben für das Material, das 1986 unter dem
Titel „World of Echo“ auf Vinyl gepresst wurde. Darauf zu hören:
Russells Gesang, sein Cello und eine Armada von Effekt- und
Hallgeräten – sonst nichts. Was er dabei aus dem Cello heraus
holt, ist mehr als erstaunlich und erinnert einen daran, dass dieses
Instrument jenseits der dramaturgischen Untermalung im Streichersatz
ein Dasein in der Popmusik fristet, das mit randständig noch sehr
höflich umschrieben ist. Hier werden darauf Beats geklopft und in
Dub-Loops geschickt, Grooves herausgearbeitet, die den Disco-Einfluss
anklingen lassen oder verzerrte Klangwände aufgetürmt, die manchem
Punk Respekt abnötigen sollten. So entsteht eine vielgestaltige
und unglaublich differenzierte Klanglandschaft, die durch den
geradezu exzessiven Einsatz von Hall und Echo an zusätzlicher Tiefe
gewinnt. Die Dub-Techniken von King Tubby schichten sich über
Spielweisen einer erkundenden Bearbeitung des Cellos, wie man sie
etwa von Fred Frith von der Gitarre kennt.
Den Bogen von diesem durchaus
avantgardistischen Ansatz hin zur Popkultur schlägt Russell
einerseits durch seinen zerbrechlichen Gesang, den er
selbstverständlich ebenfalls ausgiebig verfremdet, andererseits
dadurch, dass sich die Stücke immer mal wieder zumindest kurzfristig
zu Loops verdichten, die seine Disco-Wurzeln und sein Gespür für eingängige Momente durchscheinen lassen. Der
Text der Stücke ist oft schwer zu verstehen, da Russell manchmal
(bewusst?) etwas nuschelt oder den Gesang eher als eine weitere Lage
in seinem Klanggemälde verwendet, bei der die Bedeutung dieses Sound-Elements nur von dessen Klang
und nicht so sehr der eigentlichen Bedeutung der Wörter getragen wird. Es mag auch eine Strategie sein, eine hermetische Welt zu schaffen, die eben nur schwer zugänglich ist, gewissermaßen als Sinnbild für die Schwierigkeit von Kommunikation und als metaphorische Umsetzung der Idee der Schaffung einer eigenen musikalischen Welt. Die radikale Reduktion der Palette an Instrumenten und der Umgang mit seinem Gesang führen dazu, dass klanglich-emotionale Schablonen fehlen, die sonst oft
eingesetzt werden, um klare Stimmungen und Gefühle zu
transportieren. Eg gibt schlichtweg keine Referenzen wie etwa im klassischen Singer-Songwriter-Format, bei dem ein Instrument + Gesang auch alles tragen. Durch viele Stücke scheint sich eine Art Melancholie
zu ziehen, fast in der Weise eines Nick Drake, doch Wut, Unruhe und
Selbstversunkenheit kann man hier genauso ausmachen.
Mit „World of Echo“ hat Russell ein Labyrinth hinterlassen, für das
die Lösung fehlt, weil sich Ariadnes Faden immer darin verheddert, und zugleich tatsächlich eine völlig eigene
Klangwelt geschaffen. So begründet diese Platte zugleich ein Genre, dem wohl niemals eine weitere Platte
zugeordnet werden wird. Leider wurde seinem Schaffen bereits 1992 durch seinen viel zu frühen Tod mit 40 Jahren infolge seiner AIDS-Erkrankung ein Ende gesetzt.
Das Album in der Form, wie es
vor einigen Jahren wiederveröffentlicht wurde, gibt es als
vollständigen Stream auf Youtube, als Kostprobe seines sonstigen
Schaffens hier außerdem noch „Go Bang!“ von Dinosaur L und „It's
all over my face“ von Loose Joints.
Vor ein paar Wochen habe ich bereits
ein paar Zeilen zum Tod des Bassisten Charlie Haden gepostet. Heute
soll dieser Musiker noch einmal etwas ausführlicher gewürdigt
werden anhand von drei Platten aus den drei ersten Jahrzehnten seines
Schaffens. Die Auswahl ist nicht völlig willkürlich, denn man sicher andere oder auch spätere Platten genauso gut heraus greifen
aus seinem Schaffen, etwa seine Arbeit mit dem Quartet West, dem
Liberation Music Orchestra, die Montreal Tapes mit Ed Blackwell und
Don Cherry oder die Duo-Platten mit Ornette Coleman („Soapsuds,
Soapsuds“) bzw. Pat Metheny („Beyond the Missouri Sky“).
Bemerkenswert ist allerdings die Tatsache, dass Haden trotz seiner
immensen Bedeutung gerade für die freieren Spielarten des Jazz erst
relativ spät, in der zweiten Hälfte der 70er Jahre, begann, Platten
unter seinem eigenen Namen zu veröffentlichen. Für den Post habe
ich drei Platten genommen, die jeweils – Zufall oder nicht – am
Anfang eines Jahrzehnts entstanden sind, allesamt mit anderen
Musikern als Leader, aber Haden als tragender Säule: Ornette Coleman
„Free Jazz“ (1961), Ornette Coleman „Science Fiction“ (1971) und Pat
Metheny „80/81“ (1981).
Ornette Coleman - „Free Jazz“
Das gesamte erste Jahrzehnt von Hadens
aufgenommenem Schaffen am Bass ist untrennbar verbunden mit dem von
Ornette Coleman, für dessen Innovationen er gleichermaßen Fundament und Dialog-Partner war. „Free Jazz“ ist daher zwar nicht deren erste gemeinsame Platte,
doch erregte diese aufgrund ihrer Besetzung sowie der vorläufigen
Zuspitzung des Konzepts, das sich durch die vorherigen Platten wie
„The Shape of Jazz To Come“ zog, besondere Aufmerksamkeit. Dass
die LP zugleich quasi programmatisch den Namen eines im Entstehen
begriffenen Genres trägt, lädt diese retrospektiv vielleicht mit
noch mehr Bedeutung auf.
Schon der Blick auf die Besetzung lässt
einen staunen, wie es gelungen sein mag, alle Beteiligten in ein
Studio zu bekommen: Ornette Coleman, Don Cherry (Trompete), Scott
LaFaro (Bass) und Billy Higgins (Drums) auf er einen Seite des Rings
bzw. des Stereofelds, Eric Dolphy (Bassklarinette), Freddie Hubbard
(Trompete), Charlie Haden und Ed Blackwell (Drums) auf der anderen.
Diese zwei Mannschaften werden nur strukturiert durch kurze
Uni-sono-Passagen auf einander los gelassen. Die Tatsache, dass das
Resultat nicht ein kakophones Gemetzel ist, kann man einerseits auf
das musikalische Gespür der versierten Musiker, andererseits
vielleicht auch auf letzte Vorbehalte – vor allem bei Hubbard und
evtl. Dolphy –, hier komplett Gas zu geben, zurückführen. Was
sich stattdessen zwischen ihnen entspannt, ist ein musikalischer
Polylog, bei dem kein Instrument dazu verdonnert ist, den Mund zu
halten oder nur das Hintergrund-Geplätscher zu liefern, ganz getreu
dem Motto aus den Liner-Notes: „Let's play the music and not the
background“. Insofern kommt man der Struktur dieser Platte wohl
tatsächlich mit einer Analogie zu einer offenen aber eben nicht
beliebigen Kommunikation bei. Jeder kann eine Idee beitragen, wenn er
sich dazu inspiriert fühlt, verpflichtet sich aber jeweils damit,
auch den Ideen der anderen genau zuzuhören. Denkbar große Freiheit
kann also funktionieren und muss nicht in Zerstörung umschlagen,
solange man den anderen respektiert.
So werden Soli locker aus dem
Hintergrund von den anderen Musikern kommentiert, mal kritisch, mal
karikierend, die Rhythm Sections orientieren sich lose aneinander und
finden dabei wechselseitige Ergänzungen und Kontraste. Das Solo, das
Haden in der zweiten Hälfte der Platte spielt, demonstriert dessen
Vielseitigkeit und changiert zwischen treibender Wucht und filigranen
Zwischentönen. Technisch mag ihn der leider viel zu früh
verstorbene Scott LaFaro im Anschluss noch übertrumpfen, doch Hadens
Intuition und Gefühl für Details machen das locker wett. Die gute
halbe Stunde der kollektiven Improvisation von zwei Jazz-Quartetten
ohne Piano stellt somit gewissermaßen einen vorläufigen Endpunkt in
Colemans Entwicklung dar, der ähnliche Wege zuvor mit einer etwas
stärkeren thematischen Strukturierung der Improvisation in
Quartetten und Trios erprobt hatte. Die Tatsache, dass er mit Dolphy
und insbesondere Hubbard zwei Bläser gewinnen konnte, die bis dahin
nicht unbedingt mit einem derart freien Sound assoziiert wurden,
gleichwohl bereits überaus etabliert waren, mag dabei geholfen
haben, dass sein Konzept um eine Facette reicher wurde, weshalb die
Platten heute nach wie vor völlig zurecht als Meilenstein in seiner
Diskographie gilt.
Ornette Coleman – Science Fiction
In den zehn Jahren, die zwischen „Free
Jazz“ und „Science Fiction“ liegen, war Coleman alles andere
als untätig. Er bekam sogar eine Weile einen Deal mit dem legendären
Label Blue Note, das sich ansonsten nicht gerade als Förderer der Avantgarde
hervor tat, hier aber offensichtlich eine prominente Ausnahme machte. Die Platten waren nicht
immer brillant, aber zumindest mit den beiden Live-Alben „At The
Golden Circle“ im Trio mit David Izenzon und Charles Moffett hat er
auch dort ein Schwergewicht seines Katalogs hinterlassen. Zu Anfang
der 70er ging Coleman dann zu Columbia und suchte nach neuen Wegen,
in die er seine Musik treiben konnte. Genau dieses Ausstrecken der
musikalischen Fühler in verschiedene neue Richtungen dokumentiert wohl keine
Platte so schön wie „Science Fiction“.
In der Besetzung findet sich viel
vertrautes Personal, das in der Zusammenstellung von Stück zu Stück ein wenig variiert
wird, etwa der gemeinsame Einsatz der Drummer Billy Higgins und Ed
Blackwell oder auch die Aufstockung der Bläser-Section auf bis zu
vier Hörner, Cherry und Coleman, ergänzt durch Dewey Redman am
Tenor und Bobby Bradford an der Trompete. Außerdem steuert die auch
als Soul-Sängerin erfolgreiche Inderin Asha Puthli zweimal Vocals
bei, und auch der Dichter David Henderson spricht einen Text zum
Titelstück. Einzige Konstante neben Coleman ist hier Charlie Haden,
der auf allen Stücken mitspielt und dessen Instrument als einziges
auch nie gedoppelt wird. Wie meistens bei Coleman muss das Piano aber
auch hier draußen bleiben, harmonisch strukturierende
Begleitinstrumente waren für ihn meistens nur überflüssige
Einschränkungen der improvisierenden Freiheit.
Einige der Titel, insbesondere „Street
Woman“, auf dem Haden ein fantastisch groovendes Solo spielt, sowie
„Civilization Day“ knüpfen an die zu dem Zeitpunkt praktisch
schon klassischen Veröffentlichungen Colemans von Ende der
50er/Anfang der 60er an, und ihre Fassungen hier beweisen, dass dieser
Ansatz nichts an Wucht verloren hat. Gerade auf „Civilization Day“
wird die gesamte Palette sichtbar, die Coleman auf dem Saxophon zu
bieten hat, von geradezu traditionellen Blues-Einflüssen über die
für ihn charakteristischen dissonanten „Schreie“ bis hin zu
verdrehten Bebop-Weiterentwicklungen. Seinen Sound reichert er mit
zeitgenössischeren Elementen an, wenn er bei „Science Fiction“
der Lyrik von David Henderson, die manchmal zugegebenermaßen ein
wenig bemüht wirkt, ein leichtes Dub-Treatment verpasst oder in den
Tracks mit Asha Puthli. In letzteren gelingt die Synthese der Vocals
mit Colemans Sound deutlich besser, sie fügt sich völlig organisch
ein und steuert Soul-Vocals bei, die dankbar sind, von ihrem sonst
üblichen Song-Korsett befreit zu sein. Herausragend ist für mich
„All my life“, auf dem die beiden Drummer in der Komplexität und
Feinheit ihres zurückgenommenen Zusammenspiels das Wuseln eines
Ameisenhaufens heraufbeschwören, während die Bläser mit ihren
Uni-sono-Passagen das Stück rhythmisch und harmonisch hinter den
Vocals von Puthli zusammen halten.
Auf „Rock the Clock“ klingt
der Sound an, für den Kodwo Eshun den Begriff
Afro-Futurismus geprägt hat, eine der Zukunft zugewandte Fortführung der
afrikanischen Diaspora in den Sound-Weltraum, wie etwa bei Sun Ra,
George Clinton oder den Werken von Herbie Hancock Ende der 60er /
Anfang der 70er. Die Kombination von Colemans kratzender Violine und
Hadens durch ein WahWah geschleustem Bass belegen, dass Coleman sich
dieser Entwicklungen durchaus bewusst war, ohne sie direkt zu
adaptieren oder gar kopieren. Ein phantastisches Duo aus Bass und
Schlagzeug für Haden und Blackwell findet sich im Verlauf von „Law
Years“, das Resultat einer musikalischen Freundschaft, die später
nochmal auf den Montreal Tapes gemeinsam mit Don Cherry wunderbare
Blüten tragen sollte. Den Abschluss bildet „The Jungle Is A
Skycraper“, ein Stück urbaner, paranoider Getriebenheit, das man
so manchem Noir-Regiesseur als Soundtrack ans Herz legen würde. Die
Stärke dieser Platte liegt somit nicht in der konzeptionellen
Geschlossenheit, die „Free Jazz“ ausmacht, sondern vielmehr in
den Verzweigungen und Weiterentwicklungen eines Sounds, der auch fast
15 Jahre nach seiner Entstehung nicht in Langeweile erstarrt ist.
Pat Metheny „80/81“
Die beiden bislang gepriesenen LPs sind
auch für Puristen des Free Jazz ohne Probleme konsensfähig bzw.
geradezu heilige Meisterwerke. Bei dem Namen Pat Metheny allerdings
dürften sich dem einen oder anderen die Zehennägel aufrollen, wie
dies auch bei mir bei der Erinnerung an sein Konzert mit Orchestrion
der Fall ist. Manchmal tut man ihm damit allerdings auch unrecht, etwa bei dieser recht frühen LP.
Einerseits verbindet Haden und Metheny rein geographisch die
Tatsache, dass sie beide aus dem ländlichen Missouri stammen, was wohl auch eine
Rolle für ihre spätere, kommerziell sehr erfolgreiche Duo-LP
„Beyond the Missouri Sky“ den Ausschlag gegeben haben dürfte.
Andererseits hatte Haden zur Zeit der Entstehung des Albums über 20
Jahre fast ausschließlich im Kosmos von Ornette Coleman verbracht,
so dass ein Blick in andere Richtungen nachvollziehbar ist. Was man
dabei leicht vergisst, ist die Tatsache, dass zu dieser Zeit die von
Griffbrett-Onanie geprägte Phase des Fusion kaum abgeklungen war und
sich Metheny mit seinem eher kühlen Sound geradezu wohltuend davon
abhob. Er verleugnete zwar nicht den Einfluss des Rock – etwa auf
seiner ersten LP „American Garage“ -, verstand seine Musik aber
nicht als pure Leistungsschau der Feinmotorik und interpretierte die
Gitarre auch nicht nostalgisch im Anklang an Grant Green oder Wes
Montgomery, sondern schaute mal, was da sonst noch so geht. Die
Resultate sind zwar bisweilen streitbar, zeugen aber von mehr Mut ,
als dies bei den meisten Gitarristen dieser Jahre der Fall war. Für
Metheny war „80/81“ übrigens die erste LP außerhalb seiner
eigenen „Group“ bzw. als Solist, so dass möglicherweise sowohl
Haden als auch er auf der Suche nach neuen Allianzen waren und sich
dabei fanden.
Das Personal, das sich neben den beiden
Saiten-Künstlern auf der Platte findet, ist eher heterogen. Frisch
aus dem Keith-Jarrett-Knast entlassen stößt Drummer Jack DeJohnette
dazu, dann der eher Avantgarde-unverdächtige Saxophonist Mike
Brecker, der sich u.a. in Studio-Sessions für Mainstream-Acts
wie Paul Simon, Joni Mitchell und Billy Joel seine Sporen verdient
hat. Als Alternative am Horn gibt’s schließlich Dewey Redman, der
wie Haden eher den Sphären von Coleman zuzuordnen ist (s. „Science
Fiction“), wenn auch etwas mehr an deren Peripherie. Die
Arbeitsteilung zwischen den beiden Saxophonisten ist nur
folgerichtig, da sie nur auf etwa der Hälfe der Titel gemeinsam
spielen. Brecker bekommt die eingängigeren Stücke wie „Folk Songs
1 and 2“, beschränkt sich auf diesen aber nicht auf gefälliges
Genudel, sondern spielt vielseitige und differenzierte Soli, die deutlich links des Mainstreams liegen. Redman hingegen
dominiert die eher an Bebop anknüpfenden Kompositionen wie „80/81“
und haucht diesen seine wilde Seele ein. DeJohnette liefert hierzu ein eher
filigranes rhythmisches Gerüst, das weitaus weniger wuchtig ist als
das etwa von Billy Higgins, aber gerade dem Zusammenspiel mit Hadens
Bass überaus feine Nuancen abgewinnt. Metheny schließlich steuert
nicht nur interessantes kompositorisches Material und das eine oder
andere gelungene Solo bei, sondern erprobt bisweilen mit mehreren
übereinander geschichteten Gitarrenspuren, wie man diesem Instrument
neue Facetten als Begleitstimme abringen kann.
Diese Teilung der LP bedingt für
Haden, dass verschiedene Facetten seines Spiels zur Geltung kommen,
insbesondere auch solche, die auf früheren Platten mit Coleman
weniger gefragt waren, sich zugleich in den folgenden Jahrzehnten zu
einem festen Bestandteil seines musikalischen Repertoires
entwickelten. Die in Titel und Struktur an amerikanische
Song-Traditionen erinnernden „Folk Songs“ zeigen ein reduziertes
und lyrisches Spiel, das er in manchen späteren
ECM-Veröffentlichungen bis ins teils unangenehm Esoterische trieb.
Genauso scheinen hier die Wurzeln im Folk auf, die auch sein
allerletztes Album prägten, das er mit seiner Familie aufnahm. Angesichts dieser
Vielseitigkeit tun sich auf "80/81" ähnlich wie im Fall von
„Science Fiction“ für Ornette Coleman Verzweigungen für Charlie
Haden auf, die er in den weiteren Jahren seines Schaffens verfolgt
hat. Allein dafür lohnt es sich, tatsächlich mal wieder eine
Pat-Metheny-Platte zu hören.
In den endlosen Weiten des Internets
gehen einem in der Flut der digitalen Veröffentlichungen mit
Sicherheit so manche Perlen durch die Lappen. Die Auswahl der neuen
Musik, die man sich tatsächlich anhört, wird immer
schwieriger, da das Angebot völlig unüberschaubar wird und es
praktisch ausgeschlossen ist, sich selbst ein Bild von all dem Sound
da draußen zu machen. Die Unübersichtlichkeit des digitalen
Marktplatzes bändige ich meistens dadurch, dass ich mich auf
physische Ware auf schwarzem Plastik konzentriere, und selbst dann
ist die Flut an Neuem, Altem und Neuem-Altem kaum zu bewältigen.
Heute aber mal ein Online-Release, der es in sich hat und nicht
unbedingt die Aufmerksamkeit der nächsten Hype-Maschine erregt, auch
wenn er es verdient hätte.
Der wohl ausgelutschteste Claim, mit
dem sich Musiker bei ihrer ersten Platte schmücken oder von ihren
Vermarktern geschmückt werden, lautet, dass es sich um einen völlig
eigenständigen Sound handelt. Yeah, right. Der andere ausgetrampelte
Pfad der Verkaufsstrategien, auf dem man sich Rast nähern kann, ist
der, dass HipHop die Verlängerung des Blues aus dem Delta in die
Gegenwart darstellt. Auch diesem Loblied der kulturellen
Bedeutsamkeit werden nur sehr wenige MCs und Produzenten, die einem
unter diesem Etikett untergejubelt werden, tatsächlich gerecht. Rast
jedoch löst beide dieser oft gemachten und selten gehaltenen Versprechen tatsächlich ein.
Er ist ein MC, der auch nicht mehr der
jüngste ist, auf eine Vergangenheit als Sprayer zurück blicken kann
und hier mit 10 Tracks um die Ecke kommt, die er sein erstes Tape
nennt. Die Koordinaten sind bei einem MC über 30 aus New York
naheliegend - der Mann hat den Shit der 80er und 90er aufgesogen, als
Rap noch nicht der weltumspannende Kultur-Industrie-Moloch war, der
er heute ist. Die Geschichten, die er erzählt, sind nicht so viel
anders als die seiner Zeitgenossen, doch nuschelt er sie mit einer
derartig lakonisch-authentischen und keineswegs bemühten
Gelassenheit hin, dass alte Themen einen neuen Reiz gewinnen. Der
lyrische wie auch phonetische Tonfall sind außergewöhnlich, womit
deutlich wird, dass es nicht unbedingt eine Frage des Themas ist, ob
ein Rap interessant ist, sondern die Art und Weise, wie man es
verarbeitet; eine Unterscheidung, die auch Raymond Chandler von Donna Leon trennt. Die selbst produzierten Beats sind schlicht und Lo-Fi
fernab vom Subwoofer-Standard der Großraumdiscos dieser Tage, tragen
aber so viel wirklichen Blues in sich, wie ich das nur selten gehört
habe. Es ist eine tiefe, roughe Stimmung, in der das
Mississippi-Delta quasi in die Projects von New York umgeleitet und
das Erbe des dortigen Street Raps zelebriert wird, ohne dass dessen
Gewalt zur Verkaufsargument gewordenen Plattitüde gerinnt. Mit einem
anderen Favoriten von mir, Kendrick Lamar, teilt er die Ambivalenz
eines Kid mit gebildetem Hintergrund – seine Eltern waren laut
seinen Raps Black Panther/Hippie/Intellectuals -, den die Straße mit
all ihrem Schmutz fasziniert. Aus diesem Spannungsfeld schöpft Rast
kreatives Potenzial und schafft damit tatsächlich einen höchst
eigenständigen Sound, der von niemandem auf irgendeine Zielgruppe
zugeschnitten wurde, sondern eher zugedröhnt in sein billiges Heim-PC-Setup gelallt wurde. Genug des Anpreisens, das Tape ist hier runter
zu laden.
R.I.P. Bobby Womack
Es wächst sich zu einer beunruhigenden
Routine aus, an dieser Stelle regelmäßig das Schaffen frisch
verstorbener Musiker zu preisen. Auch dieses Mal kommen wir daran
nicht vorbei, wenn auch mit einiger Verspätung. Denn ein Mann, der
das Erbe des Blues und Gospel auf seine Weise durch mindestens fünf
Jahrzehnte Musikgeschichte getragen und das Genre des Soul maßgeblich
geprägt hat, weilt seit einigen Wochen nicht mehr unter uns: Bobby
Womack. Die Liste seiner Verdienste und Hits ist lange und kann bei
Bedarf auch bei Wikipedia nachgelesen werden. Greift man einige der
größten Meilensteine heraus, wären da „It's all over now“, mit
dem die Stones einst riesigen Erfolg hatten, sein doppelter
Soundtrack-Hit „Across 110th Street“ für den
gleichnamigen Film und nochmal für Tarantinos „Jackie Brown“
sowie schließlich ein Alterswerk, das in Sachen Würde und Mut
seinesgleichen sucht.
Mit „The Bravest Man in the Universe“ hat
er vor zwei Jahren nochmal eine LP veröffentlicht, die nicht in der
Kultivierung des Vergangenen versumpft, sondern dank mutiger
Produktion von Damon Albarn und Richard Russell dem zeitlosen Element
seines Soul ein zeitgenössisches Sound-Update verschafft, das
deutlich macht, dass Soul auch ohne Nostalgie heute noch relevant
sein kann. Bei aller Wertschätzung für die letzten Platten von
ähnlichen Legenden wie Al Green oder Solomon Burke muss man Womack
wohl zugestehen, dass es ihm besser gelungen ist, zu zeigen, was es
heißt, ein Soul Survivor im 21. Jahrhundert zu sein, ohne sich dabei
vornehmlich selbst zu zitieren. Es war seine letzte Platte und
zugleich eine seiner besten.
In Gedenken an Bobby Womack gibt’s
hier drei Tipps: die definitive Version des Songs „Sweet Caroline“,
für dessen Cover DJ Ötzi anlässlich der nächsten Kulturrevolution
an die Wand gestellt gehört, den Titeltrack seines letzten Albums
sowie eine Hommage an sein Schaffen von 9th Wonder, der
auf seine Weise zeigt, was man als HipHop-Producer von dieser Größe
lernen kann.