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Donnerstag, 7. August 2014

Rast / Bobby Womack


Rast – Across West 3rd Street

In den endlosen Weiten des Internets gehen einem in der Flut der digitalen Veröffentlichungen mit Sicherheit so manche Perlen durch die Lappen. Die Auswahl der neuen Musik, die man sich tatsächlich anhört, wird immer schwieriger, da das Angebot völlig unüberschaubar wird und es praktisch ausgeschlossen ist, sich selbst ein Bild von all dem Sound da draußen zu machen. Die Unübersichtlichkeit des digitalen Marktplatzes bändige ich meistens dadurch, dass ich mich auf physische Ware auf schwarzem Plastik konzentriere, und selbst dann ist die Flut an Neuem, Altem und Neuem-Altem kaum zu bewältigen. Heute aber mal ein Online-Release, der es in sich hat und nicht unbedingt die Aufmerksamkeit der nächsten Hype-Maschine erregt, auch wenn er es verdient hätte.

Der wohl ausgelutschteste Claim, mit dem sich Musiker bei ihrer ersten Platte schmücken oder von ihren Vermarktern geschmückt werden, lautet, dass es sich um einen völlig eigenständigen Sound handelt. Yeah, right. Der andere ausgetrampelte Pfad der Verkaufsstrategien, auf dem man sich Rast nähern kann, ist der, dass HipHop die Verlängerung des Blues aus dem Delta in die Gegenwart darstellt. Auch diesem Loblied der kulturellen Bedeutsamkeit werden nur sehr wenige MCs und Produzenten, die einem unter diesem Etikett untergejubelt werden, tatsächlich gerecht. Rast jedoch löst beide dieser oft gemachten und selten gehaltenen Versprechen tatsächlich ein.

Er ist ein MC, der auch nicht mehr der jüngste ist, auf eine Vergangenheit als Sprayer zurück blicken kann und hier mit 10 Tracks um die Ecke kommt, die er sein erstes Tape nennt. Die Koordinaten sind bei einem MC über 30 aus New York naheliegend - der Mann hat den Shit der 80er und 90er aufgesogen, als Rap noch nicht der weltumspannende Kultur-Industrie-Moloch war, der er heute ist. Die Geschichten, die er erzählt, sind nicht so viel anders als die seiner Zeitgenossen, doch nuschelt er sie mit einer derartig lakonisch-authentischen und keineswegs bemühten Gelassenheit hin, dass alte Themen einen neuen Reiz gewinnen. Der lyrische wie auch phonetische Tonfall sind außergewöhnlich, womit deutlich wird, dass es nicht unbedingt eine Frage des Themas ist, ob ein Rap interessant ist, sondern die Art und Weise, wie man es verarbeitet; eine Unterscheidung, die auch Raymond Chandler von Donna Leon trennt. Die selbst produzierten Beats sind schlicht und Lo-Fi fernab vom Subwoofer-Standard der Großraumdiscos dieser Tage, tragen aber so viel wirklichen Blues in sich, wie ich das nur selten gehört habe. Es ist eine tiefe, roughe Stimmung, in der das Mississippi-Delta quasi in die Projects von New York umgeleitet und das Erbe des dortigen Street Raps zelebriert wird, ohne dass dessen Gewalt zur Verkaufsargument gewordenen Plattitüde gerinnt. Mit einem anderen Favoriten von mir, Kendrick Lamar, teilt er die Ambivalenz eines Kid mit gebildetem Hintergrund – seine Eltern waren laut seinen Raps Black Panther/Hippie/Intellectuals -, den die Straße mit all ihrem Schmutz fasziniert. Aus diesem Spannungsfeld schöpft Rast kreatives Potenzial und schafft damit tatsächlich einen höchst eigenständigen Sound, der von niemandem auf irgendeine Zielgruppe zugeschnitten wurde, sondern eher zugedröhnt in sein billiges Heim-PC-Setup gelallt wurde. Genug des Anpreisens, das Tape ist hier runter zu laden.

R.I.P. Bobby Womack

Es wächst sich zu einer beunruhigenden Routine aus, an dieser Stelle regelmäßig das Schaffen frisch verstorbener Musiker zu preisen. Auch dieses Mal kommen wir daran nicht vorbei, wenn auch mit einiger Verspätung. Denn ein Mann, der das Erbe des Blues und Gospel auf seine Weise durch mindestens fünf Jahrzehnte Musikgeschichte getragen und das Genre des Soul maßgeblich geprägt hat, weilt seit einigen Wochen nicht mehr unter uns: Bobby Womack. Die Liste seiner Verdienste und Hits ist lange und kann bei Bedarf auch bei Wikipedia nachgelesen werden. Greift man einige der größten Meilensteine heraus, wären da „It's all over now“, mit dem die Stones einst riesigen Erfolg hatten, sein doppelter Soundtrack-Hit „Across 110th Street“ für den gleichnamigen Film und nochmal für Tarantinos „Jackie Brown“ sowie schließlich ein Alterswerk, das in Sachen Würde und Mut seinesgleichen sucht. 

Mit „The Bravest Man in the Universe“ hat er vor zwei Jahren nochmal eine LP veröffentlicht, die nicht in der Kultivierung des Vergangenen versumpft, sondern dank mutiger Produktion von Damon Albarn und Richard Russell dem zeitlosen Element seines Soul ein zeitgenössisches Sound-Update verschafft, das deutlich macht, dass Soul auch ohne Nostalgie heute noch relevant sein kann. Bei aller Wertschätzung für die letzten Platten von ähnlichen Legenden wie Al Green oder Solomon Burke muss man Womack wohl zugestehen, dass es ihm besser gelungen ist, zu zeigen, was es heißt, ein Soul Survivor im 21. Jahrhundert zu sein, ohne sich dabei vornehmlich selbst zu zitieren. Es war seine letzte Platte und zugleich eine seiner besten.

In Gedenken an Bobby Womack gibt’s hier drei Tipps: die definitive Version des Songs „Sweet Caroline“, für dessen Cover DJ Ötzi anlässlich der nächsten Kulturrevolution an die Wand gestellt gehört, den Titeltrack seines letzten Albums sowie eine Hommage an sein Schaffen von 9th Wonder, der auf seine Weise zeigt, was man als HipHop-Producer von dieser Größe lernen kann.







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