Rast – Across West 3rd
Street
In den endlosen Weiten des Internets
gehen einem in der Flut der digitalen Veröffentlichungen mit
Sicherheit so manche Perlen durch die Lappen. Die Auswahl der neuen
Musik, die man sich tatsächlich anhört, wird immer
schwieriger, da das Angebot völlig unüberschaubar wird und es
praktisch ausgeschlossen ist, sich selbst ein Bild von all dem Sound
da draußen zu machen. Die Unübersichtlichkeit des digitalen
Marktplatzes bändige ich meistens dadurch, dass ich mich auf
physische Ware auf schwarzem Plastik konzentriere, und selbst dann
ist die Flut an Neuem, Altem und Neuem-Altem kaum zu bewältigen.
Heute aber mal ein Online-Release, der es in sich hat und nicht
unbedingt die Aufmerksamkeit der nächsten Hype-Maschine erregt, auch
wenn er es verdient hätte.
Der wohl ausgelutschteste Claim, mit
dem sich Musiker bei ihrer ersten Platte schmücken oder von ihren
Vermarktern geschmückt werden, lautet, dass es sich um einen völlig
eigenständigen Sound handelt. Yeah, right. Der andere ausgetrampelte
Pfad der Verkaufsstrategien, auf dem man sich Rast nähern kann, ist
der, dass HipHop die Verlängerung des Blues aus dem Delta in die
Gegenwart darstellt. Auch diesem Loblied der kulturellen
Bedeutsamkeit werden nur sehr wenige MCs und Produzenten, die einem
unter diesem Etikett untergejubelt werden, tatsächlich gerecht. Rast
jedoch löst beide dieser oft gemachten und selten gehaltenen Versprechen tatsächlich ein.
Er ist ein MC, der auch nicht mehr der
jüngste ist, auf eine Vergangenheit als Sprayer zurück blicken kann
und hier mit 10 Tracks um die Ecke kommt, die er sein erstes Tape
nennt. Die Koordinaten sind bei einem MC über 30 aus New York
naheliegend - der Mann hat den Shit der 80er und 90er aufgesogen, als
Rap noch nicht der weltumspannende Kultur-Industrie-Moloch war, der
er heute ist. Die Geschichten, die er erzählt, sind nicht so viel
anders als die seiner Zeitgenossen, doch nuschelt er sie mit einer
derartig lakonisch-authentischen und keineswegs bemühten
Gelassenheit hin, dass alte Themen einen neuen Reiz gewinnen. Der
lyrische wie auch phonetische Tonfall sind außergewöhnlich, womit
deutlich wird, dass es nicht unbedingt eine Frage des Themas ist, ob
ein Rap interessant ist, sondern die Art und Weise, wie man es
verarbeitet; eine Unterscheidung, die auch Raymond Chandler von Donna Leon trennt. Die selbst produzierten Beats sind schlicht und Lo-Fi
fernab vom Subwoofer-Standard der Großraumdiscos dieser Tage, tragen
aber so viel wirklichen Blues in sich, wie ich das nur selten gehört
habe. Es ist eine tiefe, roughe Stimmung, in der das
Mississippi-Delta quasi in die Projects von New York umgeleitet und
das Erbe des dortigen Street Raps zelebriert wird, ohne dass dessen
Gewalt zur Verkaufsargument gewordenen Plattitüde gerinnt. Mit einem
anderen Favoriten von mir, Kendrick Lamar, teilt er die Ambivalenz
eines Kid mit gebildetem Hintergrund – seine Eltern waren laut
seinen Raps Black Panther/Hippie/Intellectuals -, den die Straße mit
all ihrem Schmutz fasziniert. Aus diesem Spannungsfeld schöpft Rast
kreatives Potenzial und schafft damit tatsächlich einen höchst
eigenständigen Sound, der von niemandem auf irgendeine Zielgruppe
zugeschnitten wurde, sondern eher zugedröhnt in sein billiges Heim-PC-Setup gelallt wurde. Genug des Anpreisens, das Tape ist hier runter
zu laden.
R.I.P. Bobby Womack
Es wächst sich zu einer beunruhigenden
Routine aus, an dieser Stelle regelmäßig das Schaffen frisch
verstorbener Musiker zu preisen. Auch dieses Mal kommen wir daran
nicht vorbei, wenn auch mit einiger Verspätung. Denn ein Mann, der
das Erbe des Blues und Gospel auf seine Weise durch mindestens fünf
Jahrzehnte Musikgeschichte getragen und das Genre des Soul maßgeblich
geprägt hat, weilt seit einigen Wochen nicht mehr unter uns: Bobby
Womack. Die Liste seiner Verdienste und Hits ist lange und kann bei
Bedarf auch bei Wikipedia nachgelesen werden. Greift man einige der
größten Meilensteine heraus, wären da „It's all over now“, mit
dem die Stones einst riesigen Erfolg hatten, sein doppelter
Soundtrack-Hit „Across 110th Street“ für den
gleichnamigen Film und nochmal für Tarantinos „Jackie Brown“
sowie schließlich ein Alterswerk, das in Sachen Würde und Mut
seinesgleichen sucht.
Mit „The Bravest Man in the Universe“ hat
er vor zwei Jahren nochmal eine LP veröffentlicht, die nicht in der
Kultivierung des Vergangenen versumpft, sondern dank mutiger
Produktion von Damon Albarn und Richard Russell dem zeitlosen Element
seines Soul ein zeitgenössisches Sound-Update verschafft, das
deutlich macht, dass Soul auch ohne Nostalgie heute noch relevant
sein kann. Bei aller Wertschätzung für die letzten Platten von
ähnlichen Legenden wie Al Green oder Solomon Burke muss man Womack
wohl zugestehen, dass es ihm besser gelungen ist, zu zeigen, was es
heißt, ein Soul Survivor im 21. Jahrhundert zu sein, ohne sich dabei
vornehmlich selbst zu zitieren. Es war seine letzte Platte und
zugleich eine seiner besten.
In Gedenken an Bobby Womack gibt’s
hier drei Tipps: die definitive Version des Songs „Sweet Caroline“,
für dessen Cover DJ Ötzi anlässlich der nächsten Kulturrevolution
an die Wand gestellt gehört, den Titeltrack seines letzten Albums
sowie eine Hommage an sein Schaffen von 9th Wonder, der
auf seine Weise zeigt, was man als HipHop-Producer von dieser Größe
lernen kann.
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