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Sonntag, 31. August 2014

Arthur Russell - World of Echo


Würde man manche LPs außerirdischen Musikwissenschaftlern vorlegen, die sich seit Jahrzehnten mit der Popmusik der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts beschäftigen, bin ich sicher, sie würden ihnen ein Rätsel aufgeben, sowohl mit Blick auf den Entstehungszeitpunkt als auch das Genre. Wilde Hypothesen, Vergleiche und akademische Kontroversen provozieren, ohne dass sie zu einem gesicherten Ergebnis kämen; aus der Zeit gefallene Platten, die sich jeglicher Kategorisierung entziehen. Wenn es solchen Platten bei ihrer Veröffentlichung gelingt, eine gewisse Aufmerksamkeit zu erheischen, ist für sie gerne das ambivalente Doppeletikett „Kritikerliebling/Kassengift“ reserviert. Reicht es selbst dafür nicht, bleiben die Varianten Vergessenheit und posthumer Siegeszug. Arthur Russells einzige LP, die zu seinen Lebzeiten veröffentlicht wurde - „World of Echo“ -, hat es ihrerzeit durchaus zu wohlwollenden Reviews gebracht, allein die plattenkaufende Öffentlichkeit hat das 1986 herzlich wenig interessiert. Heute hat sie einen Status inne, den man getrost als Klassiker bezeichnen kann, weshalb sie auch entsprechend wiederveröffentlicht wurde.

Die Feststellung, dass es sich um die einzige LP zu Lebzeiten handelte, ist bei Russell aber ein wenig irreführend, denn er war Beileibe kein Unbekannter oder Eremit, dessen Tondokumente es nur zufällig auf ein Label geschafft haben. Russell genoss früh eine klassische Ausbildung am Cello, verbrachte Zeit mit Hippies in San Francisco, bandelte künstlerisch und sexuell mit Allen Ginsberg an, den er bei Lesungen auf dem Cello begleitete, um schließlich in den 70er Jahren mit dem Cello unterm Arm nach New York zu ziehen. Dort pendelte er zwischen Avantgarde- und früher Disco-Szene, „seriöser“ Komposition im klassischen Sinne, Band-Experimenten (unter anderem mit Talking Head David Byrne) sowie Kollaborationen mit dem DJ-Pionier und Clubbetreiber Nicky Siano. Das führte zu zahlreichen Auftritten und Maxi-Veröffentlichungen, insbesondere des tanzbareren Materials, und mündete schließlich 1981 in der Gründung des „Sleeping-Bag“-Labels gemeinsam mit Siano, wo er erneut in verschiedenen Konstellationen Maxis, etwa „Go Bang!“ unter dem Pseudonym Dinosaur L, produzierte, die auch als Blaupausen für den Sound dienten, den man heute House nennt.

Trotz der Umtriebigkeit hat Russell aber nie das Cello aufgegeben und ist wohl auch immer wieder live mit Solo-Programmen aufgetreten. Diese Auftritte dürften den Ausgangspunkt gebildet haben für das Material, das 1986 unter dem Titel „World of Echo“ auf Vinyl gepresst wurde. Darauf zu hören: Russells Gesang, sein Cello und eine Armada von Effekt- und Hallgeräten – sonst nichts. Was er dabei aus dem Cello heraus holt, ist mehr als erstaunlich und erinnert einen daran, dass dieses Instrument jenseits der dramaturgischen Untermalung im Streichersatz ein Dasein in der Popmusik fristet, das mit randständig noch sehr höflich umschrieben ist. Hier werden darauf Beats geklopft und in Dub-Loops geschickt, Grooves herausgearbeitet, die den Disco-Einfluss anklingen lassen oder verzerrte Klangwände aufgetürmt, die manchem Punk Respekt abnötigen sollten. So entsteht eine vielgestaltige und unglaublich differenzierte Klanglandschaft, die durch den geradezu exzessiven Einsatz von Hall und Echo an zusätzlicher Tiefe gewinnt. Die Dub-Techniken von King Tubby schichten sich über Spielweisen einer erkundenden Bearbeitung des Cellos, wie man sie etwa von Fred Frith von der Gitarre kennt.

Den Bogen von diesem durchaus avantgardistischen Ansatz hin zur Popkultur schlägt Russell einerseits durch seinen zerbrechlichen Gesang, den er selbstverständlich ebenfalls ausgiebig verfremdet, andererseits dadurch, dass sich die Stücke immer mal wieder zumindest kurzfristig zu Loops verdichten, die seine Disco-Wurzeln und sein Gespür für eingängige Momente durchscheinen lassen. Der Text der Stücke ist oft schwer zu verstehen, da Russell manchmal (bewusst?) etwas nuschelt oder den Gesang eher als eine weitere Lage in seinem Klanggemälde verwendet, bei der die Bedeutung dieses Sound-Elements nur von dessen Klang und nicht so sehr der eigentlichen Bedeutung der Wörter getragen wird. Es mag auch eine Strategie sein, eine hermetische Welt zu schaffen, die eben nur schwer zugänglich ist, gewissermaßen als Sinnbild für die Schwierigkeit von Kommunikation und als metaphorische Umsetzung der Idee der Schaffung einer eigenen musikalischen Welt. Die radikale Reduktion der Palette an Instrumenten und der Umgang mit seinem Gesang führen dazu, dass klanglich-emotionale Schablonen fehlen, die sonst oft eingesetzt werden, um klare Stimmungen und Gefühle zu transportieren. Eg gibt schlichtweg keine Referenzen wie etwa im klassischen Singer-Songwriter-Format, bei dem ein Instrument + Gesang auch alles tragen. Durch viele Stücke scheint sich eine Art Melancholie zu ziehen, fast in der Weise eines Nick Drake, doch Wut, Unruhe und Selbstversunkenheit kann man hier genauso ausmachen. 

Mit „World of Echo“ hat Russell ein Labyrinth hinterlassen, für das die Lösung fehlt, weil sich Ariadnes Faden immer darin verheddert, und zugleich tatsächlich eine völlig eigene Klangwelt geschaffen. So begründet diese Platte zugleich ein Genre, dem wohl niemals eine weitere Platte zugeordnet werden wird. Leider wurde seinem Schaffen bereits 1992 durch seinen viel zu frühen Tod mit 40 Jahren infolge seiner AIDS-Erkrankung ein Ende gesetzt.

Das Album in der Form, wie es vor einigen Jahren wiederveröffentlicht wurde, gibt es als vollständigen Stream auf Youtube, als Kostprobe seines sonstigen Schaffens hier außerdem noch „Go Bang!“ von Dinosaur L und „It's all over my face“ von Loose Joints.

Arthur Russell - World of Echo (complete album)


 Loose Joints - It's all over my face


Dinosaur L - Go Bang!

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