Die Feststellung, dass es sich um die
einzige LP zu Lebzeiten handelte, ist bei Russell aber ein wenig
irreführend, denn er war Beileibe kein Unbekannter oder Eremit,
dessen Tondokumente es nur zufällig auf ein Label geschafft haben.
Russell genoss früh eine klassische Ausbildung am Cello, verbrachte
Zeit mit Hippies in San Francisco, bandelte künstlerisch und
sexuell mit Allen Ginsberg an, den er bei Lesungen auf dem Cello
begleitete, um schließlich in den 70er Jahren mit dem
Cello unterm Arm nach New York zu ziehen. Dort pendelte er
zwischen Avantgarde- und früher Disco-Szene, „seriöser“
Komposition im klassischen Sinne, Band-Experimenten (unter anderem
mit Talking Head David Byrne) sowie Kollaborationen mit dem
DJ-Pionier und Clubbetreiber Nicky Siano. Das führte zu
zahlreichen Auftritten und Maxi-Veröffentlichungen, insbesondere des
tanzbareren Materials, und mündete schließlich 1981 in der Gründung des
„Sleeping-Bag“-Labels gemeinsam mit Siano, wo er erneut in
verschiedenen Konstellationen Maxis, etwa „Go Bang!“ unter dem
Pseudonym Dinosaur L, produzierte, die auch als Blaupausen für den
Sound dienten, den man heute House nennt.
Trotz der Umtriebigkeit hat Russell
aber nie das Cello aufgegeben und ist wohl auch immer wieder live mit
Solo-Programmen aufgetreten. Diese Auftritte dürften den
Ausgangspunkt gebildet haben für das Material, das 1986 unter dem
Titel „World of Echo“ auf Vinyl gepresst wurde. Darauf zu hören:
Russells Gesang, sein Cello und eine Armada von Effekt- und
Hallgeräten – sonst nichts. Was er dabei aus dem Cello heraus
holt, ist mehr als erstaunlich und erinnert einen daran, dass dieses
Instrument jenseits der dramaturgischen Untermalung im Streichersatz
ein Dasein in der Popmusik fristet, das mit randständig noch sehr
höflich umschrieben ist. Hier werden darauf Beats geklopft und in
Dub-Loops geschickt, Grooves herausgearbeitet, die den Disco-Einfluss
anklingen lassen oder verzerrte Klangwände aufgetürmt, die manchem
Punk Respekt abnötigen sollten. So entsteht eine vielgestaltige
und unglaublich differenzierte Klanglandschaft, die durch den
geradezu exzessiven Einsatz von Hall und Echo an zusätzlicher Tiefe
gewinnt. Die Dub-Techniken von King Tubby schichten sich über
Spielweisen einer erkundenden Bearbeitung des Cellos, wie man sie
etwa von Fred Frith von der Gitarre kennt.
Den Bogen von diesem durchaus
avantgardistischen Ansatz hin zur Popkultur schlägt Russell
einerseits durch seinen zerbrechlichen Gesang, den er
selbstverständlich ebenfalls ausgiebig verfremdet, andererseits
dadurch, dass sich die Stücke immer mal wieder zumindest kurzfristig
zu Loops verdichten, die seine Disco-Wurzeln und sein Gespür für eingängige Momente durchscheinen lassen. Der
Text der Stücke ist oft schwer zu verstehen, da Russell manchmal
(bewusst?) etwas nuschelt oder den Gesang eher als eine weitere Lage
in seinem Klanggemälde verwendet, bei der die Bedeutung dieses Sound-Elements nur von dessen Klang
und nicht so sehr der eigentlichen Bedeutung der Wörter getragen wird. Es mag auch eine Strategie sein, eine hermetische Welt zu schaffen, die eben nur schwer zugänglich ist, gewissermaßen als Sinnbild für die Schwierigkeit von Kommunikation und als metaphorische Umsetzung der Idee der Schaffung einer eigenen musikalischen Welt. Die radikale Reduktion der Palette an Instrumenten und der Umgang mit seinem Gesang führen dazu, dass klanglich-emotionale Schablonen fehlen, die sonst oft
eingesetzt werden, um klare Stimmungen und Gefühle zu
transportieren. Eg gibt schlichtweg keine Referenzen wie etwa im klassischen Singer-Songwriter-Format, bei dem ein Instrument + Gesang auch alles tragen. Durch viele Stücke scheint sich eine Art Melancholie
zu ziehen, fast in der Weise eines Nick Drake, doch Wut, Unruhe und
Selbstversunkenheit kann man hier genauso ausmachen.
Mit „World of Echo“ hat Russell ein Labyrinth hinterlassen, für das
die Lösung fehlt, weil sich Ariadnes Faden immer darin verheddert, und zugleich tatsächlich eine völlig eigene
Klangwelt geschaffen. So begründet diese Platte zugleich ein Genre, dem wohl niemals eine weitere Platte
zugeordnet werden wird. Leider wurde seinem Schaffen bereits 1992 durch seinen viel zu frühen Tod mit 40 Jahren infolge seiner AIDS-Erkrankung ein Ende gesetzt.
Das Album in der Form, wie es
vor einigen Jahren wiederveröffentlicht wurde, gibt es als
vollständigen Stream auf Youtube, als Kostprobe seines sonstigen
Schaffens hier außerdem noch „Go Bang!“ von Dinosaur L und „It's
all over my face“ von Loose Joints.
Arthur Russell - World of Echo (complete album)
Loose Joints - It's all over my face
Dinosaur L - Go Bang!
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen