Es ist ziemlich genau 20 Jahre her,
dass ich zuletzt ein Album von Tom Petty gekauft habe, das für mich
immer noch zeitlos schöne „Wildflowers“, bei dem auch Rick Rubin
Hand angelegt hat. Danach hat sich die Spur für mich verloren, hin
und wieder bin ich über ein Stück oder die Meldung der
Veröffentlichung von einer neuen Platte von ihm gestolpert, doch
wirklich interessiert hat mich das nie. Die Euphorie, mit der das
neue Album „Hypnotic Eye“ an anderen Stellen besprochen wurde,
hat mich jedoch neugierig darauf gemacht, einem alten Bekannten mal
wieder einen Besuch abzustatten und mir selbst einen Eindruck von dem
Zustand von Tom Petty und seinem Schaffen im Jahre 2014 zu verschaffen.
Und tatsächlich ist es ein wirklich
gelungenes Album, das eine interessante Balance findet zwischen einer
Orientierung an den eher rockigen Seiten seines Frühwerks, die er
mit düster-mystischer Südstaatenromantik anreichert, und der
Reflektiertheit eines Alterswerks, dem aber noch nicht der letzte
Zahn gezogen ist. Hilfreich ist dabei sicher, dass er in seinem
Rücken die Heartbreakers weiß, die wie eine Synthese aus Uhrwerk
und spielfreudiger Jungsbande den Sound liefern, der Studienräten
mit Southern-Rock-Neigungen auf der Bühne des Stadtteilfests einfach
in den Arsch tritt. Mike Campbell, Benmont Tench und Ron Blair
beschwören die feuchte Hitze ihrer Heimat, und Petty selbst gibt
Themen, die sich schon zu frühen Tagen durch seine Lieder zogen,
einen neuen Twist. Mal lässt er gerade die Adoleszenz hinter sich
(„Full grown Boy“), mal artikuliert er die Wut auf lächerliche
Obrigkeiten („Power Drunk“) oder die eigene politische
Orientierungslosigkeit im Angesicht von Konflikten („Shadow
People“). Am stärksten jedoch sind die Stücke, die tief in den
Süden der USA eintauchen und beinahe wie Schnappschüsse der
Szenerie aus der grandiosen Serie „True Detective“ anmuten. In
„Burnt Out Town“ etwa skizziert er in schlichten wie starken
Bildern zu einem Muddy-Waters-artigen Blues die Kaputtheiht verödeter
Provinzkäffer, während „Red River“ eine Hommage an den bizarren
Mix aus Aberglauben, Geisterbeschwörung und Religion ist, die wie im
Voodoo eines Dr. John zu einem wilden und gefährlichen Gebräu
gerinnen.
Dabei ist das Album im Sound homogen
und vielseitig, aber ohne Schnörkel und Zugeständnisse an das
sonstige musikalische Geschehen der Gegenwart. Dass er damit nicht
Schiffsbruch in der Bedeutungslosigkeit erleidet, hat er einerseits
seinem immer noch großen Songwriter-Künsten zu verdanken,
andererseits einer Band, die in diesem Genre ihresgleichen sucht.
Insofern kann man nach diesem Besuch bei einem alten Bekannten das
Fazit ziehen, dass er, auch wenn man sich lange nicht gesehen hat,
immer noch sein Ding macht und das auf einem Niveau, das die
Wenigsten auf ihrem Zenit erreichen. Sollte sich die Gelegenheit
ergeben, das Ganze auch nochmal live zu sehen, werde ich das mit
ziemlicher Sicherheit tun. Für den Anfang muss das Album aber
reichen. Zum Nachhören hier zwei Favoriten daraus mit „Fault Lines“ und
„Burnt Out Town“ sowie den wunderschönen Klassiker
„Wildflowers“.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen