Die verzogenen Rauchschwaden über den
innerstädtischen Krisengebieten Deutschlands bezeugen, dass der 1.
Mai vorbei und damit ein nicht unerheblicher Teil des Jahres bereits
ins Land gezogen ist. Zeit also, mal eine erste Bilanz zu ziehen und
ein paar Platten zu würdigen, die uns das WM-Jahr bereits beschert
hat. Hier die ersten drei, mehr folgt im nächsten Post.
Shackleton – Freezing, Opening,
Thawing
Ein brillanter Außenseiter und Pionier der
britischen Dubstep-Szene und Elektronik-Tüftler mit einer sehr
individuellen Sound-Ästhetik – Shackleton. Die Veröffentlichungen
dieses Mannes bereiten mir schon seit geraumer Zeit Freude und seine,
nun ja, soll man sagen Gefrierschrank-Konzept-EP „Freezing,
Opening, Thawing“, bildet hier keine Ausnahme. Eine Weile war es
still um ihn, doch jetzt taucht er mit einer EP im Gepäck auf, die
wie so oft mit einem Minimum an klassischen Drums auskommt und
stattdessen auf Bongo- und Conga-Sounds setzt. Diese paart er mit
tiefer gelegten Sub-Bässen und Melodien, die klingen, als wären sie
von einem speed-geladenen Voodoo-Priester auf gestimmten
Totenschädeln gespielt. Daraus entstehen Lektionen in digitaler
Weirdness, die weniger was für die Tanzfläche sind als eher
Versuchsanordnungen in Sachen Bassmusik, Future Tribal-Dub und
Sci-Fi-Sound-Halluzinationen. Shackleton arbeitet konsequent in
seinem digitalen Steinbruch an verschlungenen Bass-Monolithen eigenen
Zuschnitts und vermeidet dadurch die Formelhaftigkeit vieler
Dubstep-Platten. Doch für den Hörer im heimischen Sessel zahlt sich
diese Idiosynkrasie aus: zwar werden die hochgeworfenen Arme der
ravenden Menge verschmäht, doch fräst sich diese EP dafür mit
ihrem Bass ein schönes schattiges Plätzchen im Plattenschrank frei,
direkt neben der ebenfalls höchst empfehlenswerten Vorgänger-LP „Music For The Quiet Hour“.
Shackleton - Freezing, Opening, Thawing
Sunn O))) & Ulver –
Terrestrials
Von der Paarung der Bands dieses Albums
könnten böse Zungen behaupten, dass diese die Streber aus der
Klasse Avantgarde-Metal in der dunkelsten Ecke ihres Schulhofs
ausgeheckt haben. Auf der einen Seite die Amerikaner Sunn O))), die
seit ca. 15 Jahren die Sound-Felder an den dunklen Rändern des
Extreme-Metals bestellen und sich dabei immer wieder Hilfe geholt
haben von so unterschiedlichen Leuten wie Nurse with Wound, Boris
oder Julian Cope. Auf der anderen Seite Ulver, Veteranen aus
Norwegen, der Brutstätte der zweiten Welle des Black Metal, die
mittlerweile einer Vielzahl von Genres eine in ihren düsteren Sound
getränkte Huldigung gewidmet haben. Mit anderen Worten: eine Paarung, die die Messlatte bereits vor der Veröffentlichung hoch legt.
Vor einigen Jahren haben sich alle
Beteiligten zum Jammen in Oslo getroffen, dann aber Jahre mit dem
gemeinsamem Marinieren und Filetieren des Ausgangsmaterials
verbracht. Herausgekommen ist ein erhaben wabernder Nebel des
Verstärkerdröhnens, der mit Neil Youngs Feedback-Exzessen und Aphex
Twins Ambient-Paranoia mehr gemein hat als mit frühen
Darkthrone-Platten. Fetzen wiedererkennbarer Instrumentenklänge
tauchen immer wieder aus den dunkel vibrierenden Soundflächen
auf, ohne sich aber je zu einer zumindest offensichtlichen
(Song-)Struktur zu verdichten. Gleichzeitig führen die verschiedenen
Klänge ein so differenziertes Eigenleben, dass sich im dichten Geflecht der verschiedenen Spuren immer wieder neue, kurzfristige
Symbiosen ergeben, eine
Art mikroskopische Komplexität, die wie Irrlichter im dunklen Wald aufschimmert und sich wieder verliert. Das Ergebnis kann man auch als Metal bezeichnen, der sich selbst überwunden hat und mit Mitteln der
Abstraktion zu sich selbst findet. Für das nächste
Candle-Light-Dinner ist die Platte jedoch nur dann zu empfehlen, wenn
es sich bei dem Gast um eine bluttriefende Vampirin mit Vorliebe für Valium handelt.
Sunn O))) & Ulver - Terrestrials (complete album)
Freddie Gibbs & Madlib –
Pinata
Während man die Kollaboration von
Ulver und Sunn O))) letztlich als konsequent und naheliegend
bezeichnen kann, ist das musikalische Zusammentreffen von Freddie
Gibbs und Madlib vergleichsweise überraschend. Madlib hat sich mit
zugeräuchertem Beats-and-Rhymes-Irsinn mit Geistesverwandten wie Dilla oder MF
Doom sowie seinem ausufernden instrumentalen Schaffen schon lange
einen Namen unter Freunden abstrakten HipHops gemacht. Gibbs hingegen wandelt erst seit kürzerer Zeit –
zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung - auf den düster-grimmigen
Gangsterpfaden von Michael Jacksons Heimatstadt Gary, Indiana.
Diese sind in seinen Geschichten stets gut gepflastert mit Leichen,
Kokain und leichten Mädchen. In Anbetracht dieser denkbar unterschiedlichen Hintergründe verwundert es kaum, dass sie
die gemeinsame LP selbst als bunte Wundertüte deklarieren –
Pinata, jene mit Süßigkeiten gefüllten, bunten Tontierchen, die in
Mexiko auf Kindergeburtstagen mit Schlägern bearbeitet werden und für Freude sorgen. Gibbs
führt die Namensgebung passend zu seinem Hintergrund als rough boy
auf einen Traum von einem Kindergeburtstag zurück, bei dem
massenweise Kokain statt Schokolode aus dem zerschlagenen Glücksbringer
rieselte. Was auch immer uns dieser Traum über das Innenleben eines
Gangster-Rappers sagen mag.
Die LP erweist sich insbesondere für
Gibbs als Glücksfall, denn auf seinen früheren, durchaus hörenswerten
Mixtapes fiel die Qualität der Beats gegenüber der seiner Lyrics
meist deutlich ab. Seine mit leicht melodischem Flow
vorgetragenen Ghetto-Poeme wurden dort meist mit eher semi-inspiriertem
Trap-Klappern unterlegt. Madlib scheint derweil den Knopf für
die etwas straighteren Quantisierungen an seinem Sampler gefunden zu
haben, so dass die Rhythmen weniger torkeln als gewohnt, aber mit ihrer organischen Grundstruktur einen tollen Kontrast zu den harten Lyrics bilden. Die
Zusammenführung der beiden Welten gelingt also überraschend gut, da man
das Gefühl hat, dass beide aufeinander eingehen und nicht bloß
rumliegende Files ausgetauscht wurden, um Kohle zu machen. Die Tracks sind dann
besonders spannend, wenn Gäste der Mixtur eine weitere lyrische
Facette hinzufügen und nicht bloß Straßengeschichten variieren.
Insbesondere „High“ mit dem stets zum Irrsinn neigenden Danny
Brown sowie „Robes“ mit den Odd-Future-Boys Domo Genesis und Earl
Swetshirt ragen dabei heraus. Schwach nimmt sich dagegen der Besuch
von Wu-Member Raekwon aus, doch das lässt sich verschmerzen. Mein
persönlicher Favorit bleibt aber die schon vorab veröffentlichte
Kuckucks-Ei-Geschichte „Deeper“.
Madlib & Freddie Gibbs - Deeper
Madlib & Freddie Gibbs - Robes feat. Domo Genesis & Earl Sweatshirt
Und ein Link zum Mixtape "Baby Face Killa" von Freddie Gibbs.
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