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Dienstag, 6. Mai 2014

Auslese 2014 Teil 1



Die verzogenen Rauchschwaden über den innerstädtischen Krisengebieten Deutschlands bezeugen, dass der 1. Mai vorbei und damit ein nicht unerheblicher Teil des Jahres bereits ins Land gezogen ist. Zeit also, mal eine erste Bilanz zu ziehen und ein paar Platten zu würdigen, die uns das WM-Jahr bereits beschert hat. Hier die ersten drei, mehr folgt im nächsten Post.

Shackleton – Freezing, Opening, Thawing

Ein brillanter Außenseiter und Pionier der britischen Dubstep-Szene und Elektronik-Tüftler mit einer sehr individuellen Sound-Ästhetik – Shackleton. Die Veröffentlichungen dieses Mannes bereiten mir schon seit geraumer Zeit Freude und seine, nun ja, soll man sagen Gefrierschrank-Konzept-EP „Freezing, Opening, Thawing“, bildet hier keine Ausnahme. Eine Weile war es still um ihn, doch jetzt taucht er mit einer EP im Gepäck auf, die wie so oft mit einem Minimum an klassischen Drums auskommt und stattdessen auf Bongo- und Conga-Sounds setzt. Diese paart er mit tiefer gelegten Sub-Bässen und Melodien, die klingen, als wären sie von einem speed-geladenen Voodoo-Priester auf gestimmten Totenschädeln gespielt. Daraus entstehen Lektionen in digitaler Weirdness, die weniger was für die Tanzfläche sind als eher Versuchsanordnungen in Sachen Bassmusik, Future Tribal-Dub und Sci-Fi-Sound-Halluzinationen. Shackleton arbeitet konsequent in seinem digitalen Steinbruch an verschlungenen Bass-Monolithen eigenen Zuschnitts und vermeidet dadurch die Formelhaftigkeit vieler Dubstep-Platten. Doch für den Hörer im heimischen Sessel zahlt sich diese Idiosynkrasie aus: zwar werden die hochgeworfenen Arme der ravenden Menge verschmäht, doch fräst sich diese EP dafür mit ihrem Bass ein schönes schattiges Plätzchen im Plattenschrank frei, direkt neben der ebenfalls höchst empfehlenswerten Vorgänger-LP „Music For The Quiet Hour“.

Shackleton - Freezing, Opening, Thawing


Sunn O))) & Ulver – Terrestrials

Von der Paarung der Bands dieses Albums könnten böse Zungen behaupten, dass diese die Streber aus der Klasse Avantgarde-Metal in der dunkelsten Ecke ihres Schulhofs ausgeheckt haben. Auf der einen Seite die Amerikaner Sunn O))), die seit ca. 15 Jahren die Sound-Felder an den dunklen Rändern des Extreme-Metals bestellen und sich dabei immer wieder Hilfe geholt haben von so unterschiedlichen Leuten wie Nurse with Wound, Boris oder Julian Cope. Auf der anderen Seite Ulver, Veteranen aus Norwegen, der Brutstätte der zweiten Welle des Black Metal, die mittlerweile einer Vielzahl von Genres eine in ihren düsteren Sound getränkte Huldigung gewidmet haben. Mit anderen Worten: eine Paarung, die die Messlatte bereits vor der Veröffentlichung hoch legt.

Vor einigen Jahren haben sich alle Beteiligten zum Jammen in Oslo getroffen, dann aber Jahre mit dem gemeinsamem Marinieren und Filetieren des Ausgangsmaterials verbracht. Herausgekommen ist ein erhaben wabernder Nebel des Verstärkerdröhnens, der mit Neil Youngs Feedback-Exzessen und Aphex Twins Ambient-Paranoia mehr gemein hat als mit frühen Darkthrone-Platten. Fetzen wiedererkennbarer Instrumentenklänge tauchen immer wieder aus den dunkel vibrierenden Soundflächen auf, ohne sich aber je zu einer zumindest offensichtlichen (Song-)Struktur zu verdichten. Gleichzeitig führen die verschiedenen Klänge ein so differenziertes Eigenleben, dass sich im dichten Geflecht der verschiedenen Spuren immer wieder neue, kurzfristige Symbiosen ergeben, eine Art mikroskopische Komplexität, die wie Irrlichter im dunklen Wald aufschimmert und sich wieder verliert. Das Ergebnis kann man auch als Metal bezeichnen, der sich selbst überwunden hat und mit Mitteln der Abstraktion zu sich selbst findet. Für das nächste Candle-Light-Dinner ist die Platte jedoch nur dann zu empfehlen, wenn es sich bei dem Gast um eine bluttriefende Vampirin mit Vorliebe für Valium handelt.

Sunn O))) & Ulver - Terrestrials (complete album)

 
Freddie Gibbs & Madlib – Pinata

Während man die Kollaboration von Ulver und Sunn O))) letztlich als konsequent und naheliegend bezeichnen kann, ist das musikalische Zusammentreffen von Freddie Gibbs und Madlib vergleichsweise überraschend. Madlib hat sich mit zugeräuchertem Beats-and-Rhymes-Irsinn mit Geistesverwandten wie Dilla oder MF Doom sowie seinem ausufernden instrumentalen Schaffen schon lange einen Namen unter Freunden abstrakten HipHops gemacht. Gibbs hingegen wandelt erst seit kürzerer Zeit – zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung - auf den düster-grimmigen Gangsterpfaden von Michael Jacksons Heimatstadt Gary, Indiana. Diese sind in seinen Geschichten stets gut gepflastert mit Leichen, Kokain und leichten Mädchen. In Anbetracht dieser denkbar unterschiedlichen Hintergründe verwundert es kaum, dass sie die gemeinsame LP selbst als bunte Wundertüte deklarieren – Pinata, jene mit Süßigkeiten gefüllten, bunten Tontierchen, die in Mexiko auf Kindergeburtstagen mit Schlägern bearbeitet werden und für Freude sorgen. Gibbs führt die Namensgebung passend zu seinem Hintergrund als rough boy auf einen Traum von einem Kindergeburtstag zurück, bei dem massenweise Kokain statt Schokolode aus dem zerschlagenen Glücksbringer rieselte. Was auch immer uns dieser Traum über das Innenleben eines Gangster-Rappers sagen mag.

Die LP erweist sich insbesondere für Gibbs als Glücksfall, denn auf seinen früheren, durchaus hörenswerten Mixtapes fiel die Qualität der Beats gegenüber der seiner Lyrics meist deutlich ab. Seine mit leicht melodischem Flow vorgetragenen Ghetto-Poeme wurden dort meist mit eher semi-inspiriertem Trap-Klappern unterlegt. Madlib scheint derweil den Knopf für die etwas straighteren Quantisierungen an seinem Sampler gefunden zu haben, so dass die Rhythmen weniger torkeln als gewohnt, aber mit ihrer organischen Grundstruktur einen tollen Kontrast zu den harten Lyrics bilden. Die Zusammenführung der beiden Welten gelingt also überraschend gut, da man das Gefühl hat, dass beide aufeinander eingehen und nicht bloß rumliegende Files ausgetauscht wurden, um Kohle zu machen. Die Tracks sind dann besonders spannend, wenn Gäste der Mixtur eine weitere lyrische Facette hinzufügen und nicht bloß Straßengeschichten variieren. Insbesondere „High“ mit dem stets zum Irrsinn neigenden Danny Brown sowie „Robes“ mit den Odd-Future-Boys Domo Genesis und Earl Swetshirt ragen dabei heraus. Schwach nimmt sich dagegen der Besuch von Wu-Member Raekwon aus, doch das lässt sich verschmerzen. Mein persönlicher Favorit bleibt aber die schon vorab veröffentlichte Kuckucks-Ei-Geschichte „Deeper“.

 Madlib & Freddie Gibbs - Deeper


Madlib & Freddie Gibbs - Robes feat. Domo Genesis & Earl Sweatshirt

Und ein Link zum Mixtape "Baby Face Killa" von Freddie Gibbs.

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