caddy

caddy

Mittwoch, 25. Juni 2014

Auslese 2014 Pt. 3


Okay, das hier ist der vorerst letzte Post aus der Auslese-Reihe. Zudem werden hier zwei LPs gewissermaßen nachgereicht, die schon seit einer Weile erschienen sind, aber auf alle Fälle als Anwärter für die Top 10 zum Jahresende gelten können. Außerdem gibt’s noch einen feinen Gratis-Mash-Up zum Schluss.

Actress – Ghettoville

Im letzten Post wurde bereits die retroartige Lo-Fi-Affinität von Ekoplekz gepriesen. Everybody's Darling Actress – Covers von Wire bis De:Bug – wirkt daneben ungleich hipper und vermeintlich näher am Zeitgeist, bewegt sich aber dennoch in gewisser Nähe zu seinem Landsmann. Während jedoch der akustische Schmutzfilm bei ersterem von den angestaubten Billig-Geräten stammt, regiert bei Actress eher die körnig-digitale Optik einer zerkratzten Google-Brille. Verrauscht und oftmals etwas skizzenhaft kommen seine Tracks daher, ein wenig, als hätte Burial mal mit geraderen Beat-Patterns hantiert, diese aber nicht ganz ausgearbeitet. Auch Samples geistern neben dem fragmentierten Geklapper seiner Drum Machines und den prozessierten Riffs seiner Synthesizer durch die Tracks, allerdings oft nur als kaum erkennbare Andeutungen. Das könnte eben ein verfremdetes Schweineorgel-Sample gewesen sein oder aber er hat so lange an irgendeinem anderen Sound rumgeschraubt, bis man meint, der Klang habe noch organische Ursprünge auf einer alten Schallplatte und entspringe nicht bloß der Malträtierung durch die CPU eines Laptops.



Das Unfertige der Tracks kommt diesen beiläufig erscheinenden Spielereien mit Ursprüngen und Anspielungen durchaus entgegen, da man sich nie wirklich sicher ist, ob das jetzt eine absichtlich gelegte Spur war oder ob man sich das bloß eingebildet hat. Und während man noch nachdenkt und horcht, ist das Stück schon wieder vorbei, und der Kerl nimmt sich schon wieder das nächste vor. Allerdings ist diese Rohheit zugleich auch eine Schwäche der LP. Auf Albumlänge hätte man sich auch mal etwas klarer ausgearbeitete und komplexere Strukturen gewünscht, doch scheint sich dies mit dem Konzept einer verwüsteten und zerstückelten urbanen Einöde nicht zu vertragen, das sich als roter Faden durch das Album zieht. Ebensolche Assoziationen drängen sich nicht nur beim Hören auf, wenn mit kaputten Sounds und verzerrten Anspielungen gearbeitet wird. Titel wie „Towers“, „Grey over Blue“ oder „Birdcage“ scheinen ebensolche Bilder bewusst zu befeuern. So haben wir es hier mit einem zertrampelten Sammelsurium von Dingen und Klängen zu tun, die die Zivilisation achtlos zurück gelassen hat, nachdem sie weitergezogen ist. Wohin auch immer. Actress sammelt sie für uns auf und klebt sie in ein verschimmeltes Sammelheft für Trümmer-Sound-Postkarten.

Bohren und der Club of Gore – Piano Nights

Wir haben unsere Spielfreunde im Griff“. So beschrieb unlängst die Band selbst kompakt und augenzwinkernd ihr Selbstverständnis bei einer Ansage im Rahmen eines Konzerts in der ehrwürdigen Kölner Philharmonie. Zugleich sind sie spätestens mit einem solchen Auftritt in den Gefilden der Hochkultur angekommen, nachdem alles vor über 20 Jahren seinen Anfang in den tiefsten Niederungen des Pulp genommen hatte. Auf diesem langen Weg haben sie sowohl mehr oder minder ambitionierte Pop-Theoretiker und Freunde der E-Musik mitgenommen als auch manch gemeinen Rock-Hard-Leser, wie ein Blick durchs Publikum an diesem Abend anschaulich belegt. Dieser Eindruck deutet auf einen eigenartigen Konsens hin, wenn ältere Brillenträger einträchtig neben Kutten-Reptilien und Jute-Beutel-Boys in der Philharmonie auf eine Bühne starren, auf der man nur ein paar Gestalten im Kunstnebel erahnen kann, deren Sound sich genauso zäh und alle Konturen verschluckend über das Auditorium legt. Da sich die Band optisch wie klanglich praktisch allen Kategorisierungsversuchen mehr oder weniger bewusst entzieht, wurden für sie eigens so wunderbare Genres wie „Doom Jazz“ erfunden, deren Fach im Plattenladen sie quasi im Alleingang bestücken. Denn mittlerweile muss man wohl sagen, dass diese Band tatsächlich einzigartig klingt, wohl auch, weil man dieser speziellen und über die Jahre verfeinerten Rezeptur nicht nacheifern kann, ohne dass selbst jeder beinahe Taube lauter „Plagiat!“ schreien müsste als Jura Professoren bei Guttenbergs Dissertation.



Ihre Wurzeln liegen ganz klar in der sirupartigen Langsamkeit des Doom Metal, doch haben sie dessen Entschleunigung einerseits auf die Spitze getrieben und spielen diesen andererseits mittlerweile praktisch ausschließlich mit Mitteln des Lounge Jazz. Auf dem aktuellen Album „Piano Nights“ hat man das Gefühl, dass die bpm-Zahlen es kaum in die Zweistelligkeit schaffen, was in zweifacher Hinsicht zu bemerkenswerten Ergebnissen führt: die Stücke verlieren an greifbarer Kontur, da die Tonfolgen kaum noch als solche erkennbar sind, sondern fast nur noch als isolierte Klänge. Diese türmen sich gleichzeitig zu einer geradezu physisch greifbaren Klangwand auf, so dass eine beklemmend-sedierte Dichte entsteht. Man kann es als ironischen Kommentar oder als großartige Distinktionsstrategie interpretieren, dass diese Klang-Solitäre aus Mülheim an der Ruhr den Lounge Jazz mit den Mitteln des Doom Metals durch den Wolf drehen und dieses Gemisch in ungeahnte Abgründe des Gelsenkirchener Barock stürzen, in denen der Ehemann seine Frau mit der Autoantenne verprügelt. Ein Schelm, wer hier den Humor ihres Nachbarn Helge Schneider am Werk sieht. Bei aller Düsternis und gekonntem Spiel mit Todes-Metaphorik lassen sie den Hörer stets im Unklaren über ihre wirklichen Absichten. Sollen sie sich doch selber durch den Nebel arbeiten und ein (Klang-)Bild machen. Eben das sei jedem ans Herz gelegt.

Yasiin Gaye

Nachdem die beiden bislang besprochenen LPs eher düster ausfallen, sei am Schluss noch einmal auf eines der interessanteren Mash-Up-Projekte der letzten Monate hingewiesen, das eher beschwingt und soulful daher kommt. Nicht immer ist das Ergebnis interessant, wenn jemand nach der Blaupause von Danger Mouse die Werke zweier Künstler vermengt. Dieser nahm vor einigen Jahren das „White Album“ von den Beatles und kreuzte es mit Jay-Zs „Black Album“ folgerichtig zu seinem mehr oder weniger eigenen „Grey Album“. Dieses Verfahrens hat sich nun Amerigo Gazaway bedient, der ähnliches schon mit Fela Kuti / De La Soul oder A Tribe Called Quest / The Pharcyde unternommen hat. Nun also Marvin Gaye und Mos Def aka Yasiin Bey. Die am Schneidetisch geborene Kollaboration nennt sich dann: Yasiin Gaye: The Departure und umfasst zwei Teile. 

Die Fallhöhe ist bei diesen beiden Musikern nicht ganz so groß, doch gewinnt deren Paarung sowohl manch alten Mos-Def-Lyrics als auch den wiederbelebten Marvin-Gaye-Tracks bisweilen neue Facetten ab. Die Synthese gelingt zwar nicht immer, denn von „Re:Definition“ hätte er wohl lieber die Finger gelassen, doch nicht zuletzt mein Favorit „Ms. Fat Booty“ kriegt ein wirklich großartiges Up-Tempo-Treatment. Kurzweilig.

Sonntag, 8. Juni 2014

Auslese 2014 Teil 2



Auslese 2014 Teil 2

Nach einer etwas längeren Pause gibt es nun die offizielle Fortsetzung des Überblicks über die hörenswerten Platten der letzten Monate. Da aber außerdem seit dem letzten Post noch das ein oder andere Erwähnenswerte geschehen und veröffentlicht worden ist, gibt’s am Schluss noch ein paar Zeilen dazu.


Ekoplekz – Unfidelity

In den letzten Monaten hat sich mehr als ein Produzent elektronischer Musik auf englischen Labels an der Demonstration der gegenwärtigen Klangbearbeitungsmöglichkeiten abgearbeitet, sei es der hier bereits gefeierte Flying Lotus oder High-Speed-Frickler wie Rustie und Hudson Mohawke. Geradezu retro-artig nimmt sich daneben das Debut von Ekoplekz aus, weshalb mit Planet Mu auch das ideale Label sich des Releases angenommen hat. Dessen Betreiber Mike Paradinas kann selbst als µ-ziq auf eine gut 20-jährige Vergangenheit als Pionier der aufblühenden britischen Elektronik-Szene zurück schauen. Und genau an diese frühen Zeiten und die glorreichen Releases von Labels wie Rephlex, Warp oder Too Pure knüpft Ekoplekz praktisch nahtlos an, als hätte sich nicht in der Zwischenzeit der Laptop eines jeden pickeligen Nerds in ein potenzielles High-Tech-Tonstudio verwandelt. Die Tracks entfalten sich eher gemächlich in Loopstrukturen, an denen in Echtzeit mittels analogen Lo-Fi-Geräten und Effekten herumgeschraubt wird, was dem Sound eine fast zeitlos anmutende Dub-Patina verleiht. Die Struktur ist sowohl mit Blick auf die Anzahl der verschiedenen Sounds als auch distinkte Parts innerhalb der Stücke relativ schlicht. Statt der Hyperaktivität zu frönen, wird mit begrenzten Mitteln ausgelotet, wie sich verschiedene Bruchstücke bauen, improvisieren, zusammenbringen, modulieren und im Zweifelsfalle gegeneinander bürsten lassen.


Nick Edwards weiß ganz genau, wo der Distortion-Regler in seinem Gerätepark angebracht ist und wie er dem Billig-Synth eine krachig-wobbelnde Bassline entlocken kann. So tappt er auch nicht in die Falle der einlullenden, selbstzufriedenen Behäbigkeit, die derartige Downtempo-Versuche von Natur aus mit sich bringen. Also keine Utopie Marke Cafe del Mar, in der alle pillen-glücklich bei weichgespültem Sound in den Sonnenaufgang glotzen, dafür schwingt hier zu viel post-industrielle Dystopie und Düsterkeit mit. Die Ahnenlinie verläuft hier eher von King Tubby über Adrian Sherwood zu Aphex Twin. Insofern besinnt sich Ekoplekz auf die guten Momente der (Post-)Rave-Ära seiner Heimat und kreiert dabei ein Album, das heute auf erfrischende Weise aus der Zeit gefallen klingt.



Schoolboy Q - Oxymoron

Die LP von Schoolboy Q hat zwar schon ein paar Monate auf dem Buckel, doch erst letzte Woche hat mir Flying Lotus bei seinem fantastischen Gig in Köln noch einmal gezeigt, wie viel Saft in den Vocals von Schoolboy Q steckt, indem er dessen „Collard Greens“ einfach mal mit einem echten FlyLo-Beat gesegnet hat, sehr zur Freude der HipHop-Fans im Publikum. Mit seinem immer wieder verschobenen Album strickt Schoolboy Q die Erfolgsgeschichte seines Kumpels Kendrick Lamar gewissermaßen weiter, setzt dabei aber ganz andere lyrische Akzente. War es bei Kendrick das Hin-und-her-gerissen-Sein zwischen behütetem Mittelschichts-Boy und finsterem Ghetto-Thug, das seinen Erzählungen einen besonderen Reiz verlieh, dominiert bei Schoolboy Q das Selbstverständnis als Dealer, der den Konsum seiner eigenen Ware nicht im Griff hat. Sei die Ware nun Koks oder Musik, beides ist in seiner Metaphorik wie so oft Mittel für den Weg nach oben, getrieben von Wahnsinn, Kontrollverlust und Genie. Sein Flow schwankt zwischen dem Zetern eines maliziösen Kobolds, wenn er versucht, die Eskapaden der letzten Nacht zu rekonstruieren oder sein Gegenüber einzuschüchtern, und einem lakonischen Erzählton, wenn er die verschärften Bedingungen des Aufwachsens mit einem Junkie-Onkel schildert, der die Stereoanlage des Neffen für einen Schuss vertickt. Dieser zur Schau gestellte Wahnsinn im Kopf wie den realen Lebensbedingungen wirkt dabei fast durchgehend überdreht aber gleichzeitig authentisch, da ebendieser Wahn selbst den Ernst der eigenen Übertreibungen in Zweifel zieht. Und jemandem, der eine derart breite Palette an Flows und Stilen beherrscht, verzeiht man bei seiner Virtuosität auch den einen oder anderen Ausrutscher auf allzu ausgetrampelten (Pseudo-)Gangster-Pfaden

Nachdem ich Raekwon neulich für seinen mauen Auftritt bei Freddie Gibbs gescholten habe, muss ich ihn hier rehabilitieren. Auf dem Feature „Blind Threats“ ist sein abgeklärter Elder-Coke-Dealer-Statesman-Habitus das perfekte Gegenstück zu Q und dessen grimmiger Entschlossenheit eines aufstrebenden Jünglings. Auf „The Purge“ bringt der gebürtige Wiesbadener (sic!) dann den Westcoast-Straßen-Veteranen Kurupt mit seinem verdrehten Kumpel Tyler, The Creator zusammen für eine gemeinsame Fingerübung in Sachen Eigenlob, Gewalt und Sexismus. Nicht geeignet als Hymne für den Weltfrauen oder -friedenstag, bitch! Kann man mit solchen Einschränkungen leben, kriegt man hier eine der bislang besten Varianten von HipHop für dieses Jahr. Nicht zuletzt haben die Produzenten hinter dem Sound begriffen, wie man den Beats das nötige Hitpotenzial einhaucht. Schließlich legt das Album noch mal eine Schippe an Erwartungen und Vorfreude drauf für das für dieses Jahr angekündigte Debut des Black-Hippy-Kollektivs, zu dem neben Schoolboy Q noch Tyler, The Creator, Ab-Soul und der hier ebenfalls gefeaturte Jay-Rock gehören. Da kommt also noch was.




R.I.P. DJ Rashad

Die Liste der Gefallenen im Namen der elektronischen Tanzmusik muss in diesen Tagen nach dem viel zu frühen Tod von House-Pionier Frankie Knuckles im März (hier ein Tribute Mix von DJ Spinna) nun um den weiteren traurigen Namen von DJ Rashad erweitert werden. Hätte man nach fantastischem Album "Double Cup" sowie dem Material der letzten Monaten alles darauf verwettet, dass dieser Mann in Kürze ein weiteres Meisterwerk abliefert, müssen wir nun damit leben, dass seine menschliche wie musikalische Stimme für immer erloschen ist. R.I.P. Als Erinnerung an seine Qualitäten hier ebenfalls ein Tribute-Mix von seinen Hyperdub-Kollegen Kode 9, Ikonika und Addison Groove.


DJ Rashad - I don't give a fuck


Neue Mixtapes

Ein Lebenszeichen mit einer Huldigung sowohl an Beatlegende Jay Dilla als auch die eigene Vergangenheit gibt es allerdings von De La Soul mit "Smell the D.A.I.S.Y". Auf dem Gratis-Download verarbeiten sie die Lyrics alter eigener Stücke zu unveröffentlichten Dilla-Beats. Dringend empfohlen, alleine schon für den abschließenden Rework von Marvin Gayes "Sexual Healing".

Und noch zwei Empfehlungen in Sachen Trap bzw. spannender neuer HipHop. Gucci Mane nutzt eine der wahrscheinlich kurzen knast-freien Episoden seiner Biographie, um sich mit Young Thug für das Mixtape "Young Thugga Mane La Flare" in die Aufnahmekabine zu quetschen. Letzterer macht seine Sache bisweilen deutlich besser als der selbst ernannte God of Trap himself. Hörenswert. Stärker dem Samplewahn verfallen, aber mit ähnlicher Party-Attitüde kommt der Producer Girl Talk mit Vocal-Support Freeway auf der gemeinsamen „BrokenAnkles“ EP daher. Auch hier deutet sich an, dass mit den beiden noch zu rechnen sein dürfte.