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Sonntag, 8. Februar 2015

Auslese 2014 – Teil 6

Hier kommt der letzte Teil des Jahresrückblicks für 2014, auch wenn es mittlerweile Februar ist. Schließlich sollen auch noch die eher elektronischen Platten zu ihrem Recht kommen, denn auch dort gab es das ein oder andere Highlight.

Aphex Twin – Syro

Die erste Platte in dieser Reihe kann man wohl eher als das Comeback des Jahres bezeichnen. Immer wieder habe ich die Weiten des Netzes in den letzten Jahren nach einem Lebenszeichen von Richard D. James aka Aphex Twin abgesucht, doch zu finden war da nicht viel. Angesichts des letzten Albumtitels „Drukqs“ vor sage und schreibe 13 Jahren kann man nun spekulieren, was das für Hintergründe gehabt haben könnte. Jetzt ist seine bizarre Majestät, König so ziemlich aller Spielarten verspulter elektronischer Musik, aber wieder da. „Syro“ fügt sich recht nahtlos in sein bisheriges Schaffen ein und bietet vor allem Material, das an die großartigen „Selected Ambient Works“ anknüpft, manchmal aber auch in etwas gehobener Tempo-Bereiche vordringt. Die Wildheit seiner „I care because you do“-Phase samt ihrer Kettensägen-Brachialität bleibt dagegen meist außen vor. Blendet man den die LP begleitenden Irrsin von PR-Stunts via Zeppelin über Geräteparklitaneien bis hin zu Release-Flut-Drohungen aus, ist das eine gute Nachricht. Wer jetzt erwartet hat, dass die LP mindestens eine Revolution in Gang setzen muss, der wird vielleicht enttäuscht sein. Doch das Niveau, auf dem man hier jammert, ist denkbar hoch. Außerdem hat James selbst betont, dass es sich bei den jetzt veröffentlichten Stücken um einen Querschnitt aus den letzten Jahren handelt und neues Material schon in der Pipeline ist. Man darf also gespannt sein, was der Mann noch zu sagen hat, zumal mit „Computer Controlled Acoustic – Pt 2“ sich der nächste Release bereits in der Post auf dem Weg zu mit befindet.



Flying Lotus – You're Dead

Fusion Jazz ist sowas wie das ästhetische Schreckgespenst der 70er, der Virtuositäts-Wichs-Fetisch für Oberstudienräte, beliebige weitere Schmähungen kann hier jeder selbst einfügen. Einerseits ist es unvermeidbar, dass auf der Suche nach potenziellen Hypes und Anknüpfungspunkten auch mal dieses Genre dran sein muss. Andererseits gehört eine ganze Portion Innovation, Können und Mut dazu, wenn man diesen Sound erfolgreich in einen gegenwärtigen Musikentwurf einbetten will, der irgendwie in die Zukunft gerichtet ist. Aktuell gibt es mit Flying Lotus wohl nur einen Kandidaten für diese Mission Impossible, und nach den durchgehend tollen Vorgängeralben meistert er auch diese Aufgabe brillant, nicht zuletzt dank des Tiefton-Meisters Thundercat an seiner Seite sowie Kollaborationen mit MCs wie Kendrick Lamar und Snoop Dogg. Das Album ist ein irrer, psychedelischer Trip quer durch die zerfrickelten Beatwelten, die mit einer gehörigen Portion Retro-Fusion so richtig in Schwung gebracht werden. Und wenn es eines Ritterschlags von höchster Stelle noch bedurft haben sollte, so nimmt das hier Herbie Hancock vor, der auch auf ein paar Läufe auf der Tastatur vorbeischaut. Auch der hat wohl eingesehen, dass er lieber kollaboriert und seinen eigenen Ruhm bei einer jungen Generation mehrt, statt seinen Jünger im Geiste mit Klagen wegen Copyright-Verletzungen zu überziehen. Der Klassen-Primus unter den Beat-Bastlern des 21. Jahrhunderts hat es also wieder getan und den Kreis quadriert.



Hieroglyphic Being And The Configurative Or Modular Me Trio – The Seer Of Cosmic Visions

Nach dem zu schließen, was ich vor einer Weile an Kommentaren von Hieroglyphic Being zum Zeitgeschehen gelesen habe, scheint es sich um einen Verschwörungstheoretiker und Kosmologen erster Güte zu handeln. Kryptisch kommt auch der um zwei optionale / fiktionale Trios erweiterte „Band-Name“ der hier gefeatureten LP daher, auch wenn man wohl davon ausgehen kann, dass sich dahinter nur Jamal R. Moss in Allianz mit seinen alten Analog-Maschinen verbirgt. Dass Discogs seit 2008 ca. 30 LPs für diesen Mann listet, belegt weiter, dass es sich hier um einen Getrieben handelt. Beides kann man auch als vage Analogien zu seinem offensichtlichen Helden und Vorbild Sun Ra lesen. Konkret finden sich auf dieser durchaus ausgewogenen Zusammenstellung neun Stücke, in denen der analogen Verzerrung gehuldigt wird und der Hörer sowas wie Noise/Improv-Deep-House-Acid um die Ohren gehauen bekommt, der auch mal im Verzerrer-Rauschen versinken darf. Wem die übliche 4-to-the-Floor-Kost zu bieder ist, aber nicht ganz auf die straight scheppernden Drums im repetitiven Krachgewitter verzichten möchte, der findet hier Erlösung auf höggschdem Niveau. In der Weltmeisterkabine dürfte das aber eher nicht gelaufen sein, wohl eher David Guetta. In einer solchen Welt, auf die wir wohl noch lange warten müssen, würde Jogi Löw dann wohl auch Sun Ra statt Helen Fischer oder Pur hören.



Cooly G – Wait 'til Night

Hyperdub ist seit vielen Jahren so etwas wie die absolute Bank in Sachen Bass Music. Den Verlust des grandiosen Space Ape habe ich hier schon bereits vor einigen Wochen beklagt und dabei seine letzte EP noch einmal ins rechte Licht gerückt. Cooly G, eine der durchaus zahlreichen Ladies im Hause Hyperdub - wie etwa die phantastische Laurel Halo -, hat dieses Jahr nochmal nachgelegt, nachdem ihr Debut „Playin Me“ vor zwei Jahren bereits Wellen geschlagen hat. Bei ihr geht es reduziert digital zu, die Stimmung bewegt sich zwischen Melancholie und erotisierter Sehnsucht. Sie vereint dabei das Rohe und das Elegante in einem Sound, der alle denkbaren Facetten britischer Bass Music aufgesogen hat und nun dessen feinstes Destillat hervorbringt. Die bisweilen kühle Schlichtheit ihrer Sounds kontrastiert teilweise scharf mit der sexuellen Aufladung der Vocals, was einen besonderen Reiz ausmacht und dieser Platte auf jeden Fall einen vorderen Platz einbringt.



12“es

Das mit den Maxis ist teilweise ein etwas mühsames Geschäft, doch zwei Favoriten aus dem letzten Jahr sollen hier noch einmal hervorgehoben werden, da sie besonders bemerkenswert waren.

JETS feat. Jamie Lidell – Midas Touch

Bei dieser Geschichte kann ja fast nicht schief gehen. Detroit-Revivalist Jimmy Edgar und Avant-Dancefloor-Frickler Travis Stewart aka Machinedrum zerren gemeinsam unter ihrem Alias JETS den großen Crooner der elektronischen Tanzmusik, Jamie Lidell, vors Mikro. Das Ergebnis ist fantastisch groovendes Tanzflächenmaterial mit Tiefgang und beseeltem Gesang. Ein echtes Highlight, das aus der auch ansonsten wirklich tollen gemeinsamen LP der beiden noch einmal heraussticht.



Theo Parrish / Tony Allen – Day Like This / Feel Loved

Natürlich könnte man Theo Parrish auch eine Etage drüber bei den LPs für „American Intelligence“ abfeiern, wie im übrigen auch Moodymann mit seiner nach ihm selbst benannten 2014er LP. Da jedoch beide als Deep-House-Legenden gewissermaßen ohnehin schon larger than life sind, sei hier nur auf die angesichts der erratischen Veröffentlichungsstrategie von Parrish leicht zu übersehende Kollaboration von ihm und dem Ur-Vater des Afro-Beat, Tony Allen, verwiesen. Hinter seinem Drumkit treibt Allen mit seinem absolut bestechenden und rhythmisch-vertrackten Groove seinen Kollaborator zu Höchstleistungen an. Sounds like real Afro-Futurism.


Mittwoch, 28. Januar 2015

Auslese 2014 – Teil 5


Nachdem letztes Mal die Welt des HipHop nach bleibenden Eindrücken aus dem Jahr 2014 abgesucht wurde, ist heute das weite Feld der Gitarrenmusik dran bzw. der Ausschnitt aus diesem gigantischen Feld, für den ich mich irgendwie interessiere.

Swans – To be kind

Auch wenn ich es generell schwierig finde, „die eine“ Platte herauszufischen, so lässt sich im Fall der Swans kaum leugnen, dass die Mannschaft um Michael Gira mit der dritten Platte nach ihrer Wiederbelebung ein wirklich herausragendes Werk geschaffen hat. In der Hinsicht bin ich zwar ein Spätzünder, da erst der Vorgänger „The Seer“ mich auf diese Band aufmerksam gemacht hat, was aber dem Enthusiasmus für diesen brachialen, widerspenstigen und geradezu hypnotisierenden Sound natürlich in keinster Weise schmälert. Die Stücke wirken einerseits in ihrer oberflächlichen strukturellen Schlichtheit monochrom, entfalten aber in ihrer beständigen Wiederholung, Variation und Steigerung eine epische Dimension, der man sich kaum entziehen kann. Ich trauere heute noch dem Konzertabend im Gebäude 9 nach, an dem es das live zu hören und zu spüren gab und ich nicht dabei sein konnte. Vielleicht springt Hagen ja mal mit einem Review des Abends ein.


Sunn O)))) mit Ulver bzw. Scott Walker

Die beiden wahnsinnigen Dekonstruktivisten des Black Metal / Drone, Stephen O'Malley und Greg Andersen, habe ich seit längerem ins Herz geschlossen. Dieses Jahr haben sie mit gleich zwei Kollaborationen für Verzückung vor dem Plattenspieler gesorgt. Zunächst erschien die länger angekündigte Platte gemeinsam mit den norwegischen Black-Metal-und-jedes-andere-erdenkliche-Genre-und-Nicht-Genre-Veteranen Ulver, die ich schon ausführlicher besprochen habe. Und auf der Ziellinie gen Jahresabschluss haben sie mit der gemeinsamen LP mit Scott Walker, dem Crooner der Apokalypse, nachgelegt, bei dem die Sonne schon lange nicht mehr scheint. Nachdem die Black-Ambient-LP mit Ulver so ungefähr dem entsprach, was man sich darunter vorab vorgestellt haben mag, wenn man die beiden Acts kannte, erwies sich die Scott O)))-Platte nach den Maßstäben der Beteiligten als geradezu zugänglich. Und irgendwie ist Walker die geradezu logische Ergänzung zu den schwarz-getünchten Soundtracks von Sunn O))), die ja sonst eher auf Kreischen und Grunzen aus der Metal-Fraktion als Vocalkomponente zurückgreifen. Durch seinen theatralischen Gesang rückt Walker die Platte daher näher in die Richtung seiner – soll man das so nennen ?– Kunstmusik, ohne dass Anderson und O'Malley ihre Wurzeln im Boden der bis zum Anschlag aufgerissenen Amps verleugnen müssten. Dennoch ist und bleibt das eher Musik für ausgewählte Stunden, in denen sie jedoch große Wirkung entfalten kann. Wer zwei Kandidaten dieses Kalibers innerhalb eines Jahres ins Rennen schickt, darf hier auf gar keinen Fall fehlen.





Yob – Clearing The Path To Ascend

Noch einmal Schwermetall, diesmal aber in einer etwas weniger avantgardistischen Form, dafür mit noch mehr Blei in der Weste. Yob loten seit einigen Jahren – mit einer kurzen Pause zwecks Auflösung und Re-Union – die Möglichkeiten des Doom Metal auf ihre Weise aus. Auf der aktuellen LP reichen ihnen dafür vier Stücke, die aber zusammen gut eine Stunde Spielzeit erreichen. Nach den Maßstäben populärer Musik sind das also epische Brocken, die zudem mit einer zermalmenden Beharrlichkeit vorgetragen werden, die durchaus Urvätern wie Black Sabbath zur Ehre gereichen würden. Das Tempo stets gedrosselt, entwickeln sich die Stücke, ohne dass sie zu einer Leistungsschau des Musikhochschul-Seminars ausarten würden, sondern eher wie eine sich häutende Schlange daher kommen: die alte sterbliche Hülle fällt ab, und neue Schichten werden sichtbar. Neben den ausgeklügelten und schweren Riffs ist es der vielseitige Gesang, der den Stücken Tiefgang verleiht, wenn er zwischen Death-Metal-artigem Grunzen, unverzerrtem Sirenengesang und Black-Metal-Kreischen changiert und damit immer wieder neue Fährten legt und Assoziationen weckt.



How To Dress Well – What Is This Heart?

Würde man das Intelligenz-Test-Spielchen „Wer passt nicht in diese Reihe“ spielen, würde jeder bewanderte Musikfreund wohl das Alias von Tom Krell aus der hier erstellten Reihe aussortieren. Zugegebenermaßen fügt er sich tatsächlich nicht gerade nahtlos ein, doch von Elektronik oder HipHop ist der Mann noch weiter entfernt. Im Prinzip beackert er klassische Herzschmerz-Topoi mit traditionellen Songstrukturen, gießt das ganze aber in einen digitalen Sound, der bisweilen an die Größen des R&B der 90er wie R. Kelly gemahnt, den er konsequenterweise dann auch neulich gecovert hat. Klingt abschreckend? Mitnichten. Das ist deutlich origineller als das, was so mancher anderer Jammerlappen absondert und erschließt neue Ausdrucksfelder für das bleichgesichtige Songwriting, wodurch lupenreiner Pop des Seelenleidens entsteht.



Bob Mould – Beauty And Ruin

Bob Mould hat einst neben Grant Hart in der Post-Punk-Legende Hüsker Dü gedient und veröffentlicht seit deren Ende verlässlich immer wieder wunderbare Gitarrenalben, die die melancholische und zugleich eingängigere Seite des Oeuvres seiner einstigen Band weiterführen. Wirklich Neues bietet er auf der aktuellen Platte nicht, er variiert wie die meisten brillanten Songwriter, das, was er am besten kann: wütend, traurige Stücke über die Ungerechtigkeiten dieser Welt und das eigene Leiden daran. Im Ernstfall könnte auch ein Datum aus den 90ern irgendwo als Aufnahmedatum auf dieser LP versteckt sein. Das ändert aber nichts daran, dass es eine weitere feine Platte eines Unverdrossenen ist, der konsequent seinen Weg geht. Und weil das so schön und bewegend ist, wird Hüsker Dü und seinen beiden Protagonisten demnächst mal ein eigener Post gewidmet.



Mittwoch, 21. Januar 2015

Auslese 2014 - Teil 4

Ein wenig spät wird hier Bilanz gezogen, was das letzte Jahr so an Platten gebracht hat, doch ganz verschwiegen werden soll das Resumee nicht. Um den Wust an Vinyl und Soundfiles ein wenig zu ordnen, geschieht das grob nach Richtungen sortiert mit Fokus auf je drei zentrale Platten sowie weitere erwähnenswerte Releases. Zunächst ist mal der HipHop dran, weitere folgen. Und in diesem Genre war es nicht der schlechteste Jahrgang. Die drei Favoriten habe ich allesamt schon ausführlich besprochen, so dass man Details dazu in den jeweiligen Posts nachlesen kann.

Run The Jewels - Run The Jewels 2

Der Titel ist zugegebenermaßen denkbar unoriginell, doch ändert das nichts daran, dass El-P und Killer Mike allen gezeigt haben, wo der Hammer hängt in Sachen Beats and Rhymes. Sie vereinigen dass, was man an stumpfem, wortspielverliebtem Bragadoccio liebt, spielend mit der Brisanz von Public Enemy und liefern das Ganze vor einer Beat-Kulisse, die vielschichtiger und unterhaltsamer ist als das, was aus den MPCs der Konkurrenz so rausplätschert.



Freddie Gibbs & Madlid - Pinata

Auch hier haben wir es mit einem Duo zu tun, auch wenn dieses nach einer etwas strikteren Arbeisteilung verfährt, da Madlib konsequent die Klappe hält und Freddie Gibbs seinerseits nicht in Sachen Beats dilettiert, sondern sich auf seine Kernkompetenz des Quatschens konzentriert. Nachdem die Kollaboration zunächst ungewohnt und fast wie eine Schnapsidee gewirkt haben mag, zeigt sich auf Albumlänge, dass sich hier zwei sonst recht strikt getrennte Segmente des HipHop mit großem Gewinn für beide Seite befruchten. Verkiffter Indie-Beat-Schmied weist dem Ghetto-Boy mit Authentizitäts-Siegel den Weg zu neuen Ufern. Und dieser setzt als Dankeschön den bewährten Sample-Soundtrack in neue Kontexte.



Shabazz Palaces - Lese Majesty

Dass HipHop nicht zwangsweise nur im eigenen Saft schmoren muss, sondern auch eine gewisse visionäre Sprengkraft entfalten kann, hat wohl lange kein Act mehr so deutlich gemacht wie Shabazz Palaces. Sound und Lyrics sind hier gleichermaßen unkonventionell, und irgendeiner muss doch schließlich die Fackel von Sun Ra durch das Labyrinth der Goldkettchen und Koksbeutel tragen. Hinzu kommt, dass das Duo live in einer Weise Arsch tritt und den Hallenboden mit Basswellen erschüttert, dass man wohl sagen kann, dass es 2014 nicht viele Konzerte gab, die da in Sachen Intensität mithalten konnten.


  
Mehr gutes Material

Eine weitere Erwähnung verdient einerseits Schoolboy Q mit Oxymoron, der in Sachen irrer Drogen-Rap mit Massenappeal und teils relevantem Reflexionsniveau zu überzeugen wusste. In Deutschland hat er das von der Masse halbwegs unbeachtet getan, in den USA reicht sowas für Platz 1 der Charts. Zugleich überbrückt die Platte die Wartezeit zum nächsten Release seines Kumpels Kendrick Lamar in eleganter Weise.



Schließlich wäre da noch der von mir schon lange sehr geschätzte Kölner MC Retrogott mit seinr aktuellen Kollaboration mit Hubert Daviz, der hier seinen üblichen kongenialen Partner Hulk Hodn ersetzt. In Sachen kluge und aggressive Sprachspiele auf Deutsch macht dem Mann so schnell keiner was vor, genausowenig in Fragen der konsequenten Underground-Attitüde. Zugleich erfülle ich damit eine Deutsch-Rap-Quote, ein Genre, mit dem ich sonst nicht so viel am Hut habe.


Mixtapes

Schließlich ist der unübersichtliche Digital-Marktplatz der Mixtapes anzuführen, auf dem ich mich zugegebenermaßen nur sporadisch tummele. Gut gefallen haben mir da aber auch ein paar Kandidaten:

Dej Loaf - Sell Sole

Die Dame schafft es als einzige Lady auf die Jahresabschlussliste in diesem ansonsten doch arg testosteron-dominierten Geschäft. Das ist allerdings diesmal keiner Quote geschuldet, sondern einzig ihren Qualitäten als MC, die sie mit einem idiosynkratischen Style auf ihrem letzten Tape absolut unter Beweis gestellt hat. Da wünscht man sich mehr solcher selbstbewusster weiblicher Stimmen statt der Horden von Bling-Boys mit ihrem Pimmel-Gequatsche.



A$AP Ferg - Ferg Forever

Da ist tatsächlich mal einer aus dem Schatten von A$AP Rocky als Boss des Mobs herausgetreten und hat gezeigt, dass da noch mehr Talent schlummert, mit dem man nicht nur die Mobshots im Video auffüllen kann, sondern auch im Alleingang problemlos ein Tape bestücken kann. Ebendieses besticht durch Vielseitigkeit, Mut zum Experiment, das auch mal in die Hose gehen darf, sowie einem zeitgeistigen Stilbewusstsein. Da könnte noch was kommen demnächst.



Rich Gang (Young Thug, Birdman , Rich Homie Quan) - Tha Tour Pt. 1

In Sachen konventioneller Trap-Sound war der Zusammenschluss Rich Gang von Young Thug und Konsorten mein Favorit. Die Kombination der Styles macht hier den Reiz aus. Das Themenfeld und die Sound-Ästhetik sind klar abgesteckt, so dass man nur mit besonders brillanter Variation des bekannten punkten kann. Das machen die drei dann auch souverän und besser als der Rest, auch wenn man manchmal denkt, dass es ein anderes Thema oder ein etwas variablerer Beat durchaus auch mal sein dürften.





Mittwoch, 25. Juni 2014

Auslese 2014 Pt. 3


Okay, das hier ist der vorerst letzte Post aus der Auslese-Reihe. Zudem werden hier zwei LPs gewissermaßen nachgereicht, die schon seit einer Weile erschienen sind, aber auf alle Fälle als Anwärter für die Top 10 zum Jahresende gelten können. Außerdem gibt’s noch einen feinen Gratis-Mash-Up zum Schluss.

Actress – Ghettoville

Im letzten Post wurde bereits die retroartige Lo-Fi-Affinität von Ekoplekz gepriesen. Everybody's Darling Actress – Covers von Wire bis De:Bug – wirkt daneben ungleich hipper und vermeintlich näher am Zeitgeist, bewegt sich aber dennoch in gewisser Nähe zu seinem Landsmann. Während jedoch der akustische Schmutzfilm bei ersterem von den angestaubten Billig-Geräten stammt, regiert bei Actress eher die körnig-digitale Optik einer zerkratzten Google-Brille. Verrauscht und oftmals etwas skizzenhaft kommen seine Tracks daher, ein wenig, als hätte Burial mal mit geraderen Beat-Patterns hantiert, diese aber nicht ganz ausgearbeitet. Auch Samples geistern neben dem fragmentierten Geklapper seiner Drum Machines und den prozessierten Riffs seiner Synthesizer durch die Tracks, allerdings oft nur als kaum erkennbare Andeutungen. Das könnte eben ein verfremdetes Schweineorgel-Sample gewesen sein oder aber er hat so lange an irgendeinem anderen Sound rumgeschraubt, bis man meint, der Klang habe noch organische Ursprünge auf einer alten Schallplatte und entspringe nicht bloß der Malträtierung durch die CPU eines Laptops.



Das Unfertige der Tracks kommt diesen beiläufig erscheinenden Spielereien mit Ursprüngen und Anspielungen durchaus entgegen, da man sich nie wirklich sicher ist, ob das jetzt eine absichtlich gelegte Spur war oder ob man sich das bloß eingebildet hat. Und während man noch nachdenkt und horcht, ist das Stück schon wieder vorbei, und der Kerl nimmt sich schon wieder das nächste vor. Allerdings ist diese Rohheit zugleich auch eine Schwäche der LP. Auf Albumlänge hätte man sich auch mal etwas klarer ausgearbeitete und komplexere Strukturen gewünscht, doch scheint sich dies mit dem Konzept einer verwüsteten und zerstückelten urbanen Einöde nicht zu vertragen, das sich als roter Faden durch das Album zieht. Ebensolche Assoziationen drängen sich nicht nur beim Hören auf, wenn mit kaputten Sounds und verzerrten Anspielungen gearbeitet wird. Titel wie „Towers“, „Grey over Blue“ oder „Birdcage“ scheinen ebensolche Bilder bewusst zu befeuern. So haben wir es hier mit einem zertrampelten Sammelsurium von Dingen und Klängen zu tun, die die Zivilisation achtlos zurück gelassen hat, nachdem sie weitergezogen ist. Wohin auch immer. Actress sammelt sie für uns auf und klebt sie in ein verschimmeltes Sammelheft für Trümmer-Sound-Postkarten.

Bohren und der Club of Gore – Piano Nights

Wir haben unsere Spielfreunde im Griff“. So beschrieb unlängst die Band selbst kompakt und augenzwinkernd ihr Selbstverständnis bei einer Ansage im Rahmen eines Konzerts in der ehrwürdigen Kölner Philharmonie. Zugleich sind sie spätestens mit einem solchen Auftritt in den Gefilden der Hochkultur angekommen, nachdem alles vor über 20 Jahren seinen Anfang in den tiefsten Niederungen des Pulp genommen hatte. Auf diesem langen Weg haben sie sowohl mehr oder minder ambitionierte Pop-Theoretiker und Freunde der E-Musik mitgenommen als auch manch gemeinen Rock-Hard-Leser, wie ein Blick durchs Publikum an diesem Abend anschaulich belegt. Dieser Eindruck deutet auf einen eigenartigen Konsens hin, wenn ältere Brillenträger einträchtig neben Kutten-Reptilien und Jute-Beutel-Boys in der Philharmonie auf eine Bühne starren, auf der man nur ein paar Gestalten im Kunstnebel erahnen kann, deren Sound sich genauso zäh und alle Konturen verschluckend über das Auditorium legt. Da sich die Band optisch wie klanglich praktisch allen Kategorisierungsversuchen mehr oder weniger bewusst entzieht, wurden für sie eigens so wunderbare Genres wie „Doom Jazz“ erfunden, deren Fach im Plattenladen sie quasi im Alleingang bestücken. Denn mittlerweile muss man wohl sagen, dass diese Band tatsächlich einzigartig klingt, wohl auch, weil man dieser speziellen und über die Jahre verfeinerten Rezeptur nicht nacheifern kann, ohne dass selbst jeder beinahe Taube lauter „Plagiat!“ schreien müsste als Jura Professoren bei Guttenbergs Dissertation.



Ihre Wurzeln liegen ganz klar in der sirupartigen Langsamkeit des Doom Metal, doch haben sie dessen Entschleunigung einerseits auf die Spitze getrieben und spielen diesen andererseits mittlerweile praktisch ausschließlich mit Mitteln des Lounge Jazz. Auf dem aktuellen Album „Piano Nights“ hat man das Gefühl, dass die bpm-Zahlen es kaum in die Zweistelligkeit schaffen, was in zweifacher Hinsicht zu bemerkenswerten Ergebnissen führt: die Stücke verlieren an greifbarer Kontur, da die Tonfolgen kaum noch als solche erkennbar sind, sondern fast nur noch als isolierte Klänge. Diese türmen sich gleichzeitig zu einer geradezu physisch greifbaren Klangwand auf, so dass eine beklemmend-sedierte Dichte entsteht. Man kann es als ironischen Kommentar oder als großartige Distinktionsstrategie interpretieren, dass diese Klang-Solitäre aus Mülheim an der Ruhr den Lounge Jazz mit den Mitteln des Doom Metals durch den Wolf drehen und dieses Gemisch in ungeahnte Abgründe des Gelsenkirchener Barock stürzen, in denen der Ehemann seine Frau mit der Autoantenne verprügelt. Ein Schelm, wer hier den Humor ihres Nachbarn Helge Schneider am Werk sieht. Bei aller Düsternis und gekonntem Spiel mit Todes-Metaphorik lassen sie den Hörer stets im Unklaren über ihre wirklichen Absichten. Sollen sie sich doch selber durch den Nebel arbeiten und ein (Klang-)Bild machen. Eben das sei jedem ans Herz gelegt.

Yasiin Gaye

Nachdem die beiden bislang besprochenen LPs eher düster ausfallen, sei am Schluss noch einmal auf eines der interessanteren Mash-Up-Projekte der letzten Monate hingewiesen, das eher beschwingt und soulful daher kommt. Nicht immer ist das Ergebnis interessant, wenn jemand nach der Blaupause von Danger Mouse die Werke zweier Künstler vermengt. Dieser nahm vor einigen Jahren das „White Album“ von den Beatles und kreuzte es mit Jay-Zs „Black Album“ folgerichtig zu seinem mehr oder weniger eigenen „Grey Album“. Dieses Verfahrens hat sich nun Amerigo Gazaway bedient, der ähnliches schon mit Fela Kuti / De La Soul oder A Tribe Called Quest / The Pharcyde unternommen hat. Nun also Marvin Gaye und Mos Def aka Yasiin Bey. Die am Schneidetisch geborene Kollaboration nennt sich dann: Yasiin Gaye: The Departure und umfasst zwei Teile. 

Die Fallhöhe ist bei diesen beiden Musikern nicht ganz so groß, doch gewinnt deren Paarung sowohl manch alten Mos-Def-Lyrics als auch den wiederbelebten Marvin-Gaye-Tracks bisweilen neue Facetten ab. Die Synthese gelingt zwar nicht immer, denn von „Re:Definition“ hätte er wohl lieber die Finger gelassen, doch nicht zuletzt mein Favorit „Ms. Fat Booty“ kriegt ein wirklich großartiges Up-Tempo-Treatment. Kurzweilig.

Sonntag, 8. Juni 2014

Auslese 2014 Teil 2



Auslese 2014 Teil 2

Nach einer etwas längeren Pause gibt es nun die offizielle Fortsetzung des Überblicks über die hörenswerten Platten der letzten Monate. Da aber außerdem seit dem letzten Post noch das ein oder andere Erwähnenswerte geschehen und veröffentlicht worden ist, gibt’s am Schluss noch ein paar Zeilen dazu.


Ekoplekz – Unfidelity

In den letzten Monaten hat sich mehr als ein Produzent elektronischer Musik auf englischen Labels an der Demonstration der gegenwärtigen Klangbearbeitungsmöglichkeiten abgearbeitet, sei es der hier bereits gefeierte Flying Lotus oder High-Speed-Frickler wie Rustie und Hudson Mohawke. Geradezu retro-artig nimmt sich daneben das Debut von Ekoplekz aus, weshalb mit Planet Mu auch das ideale Label sich des Releases angenommen hat. Dessen Betreiber Mike Paradinas kann selbst als µ-ziq auf eine gut 20-jährige Vergangenheit als Pionier der aufblühenden britischen Elektronik-Szene zurück schauen. Und genau an diese frühen Zeiten und die glorreichen Releases von Labels wie Rephlex, Warp oder Too Pure knüpft Ekoplekz praktisch nahtlos an, als hätte sich nicht in der Zwischenzeit der Laptop eines jeden pickeligen Nerds in ein potenzielles High-Tech-Tonstudio verwandelt. Die Tracks entfalten sich eher gemächlich in Loopstrukturen, an denen in Echtzeit mittels analogen Lo-Fi-Geräten und Effekten herumgeschraubt wird, was dem Sound eine fast zeitlos anmutende Dub-Patina verleiht. Die Struktur ist sowohl mit Blick auf die Anzahl der verschiedenen Sounds als auch distinkte Parts innerhalb der Stücke relativ schlicht. Statt der Hyperaktivität zu frönen, wird mit begrenzten Mitteln ausgelotet, wie sich verschiedene Bruchstücke bauen, improvisieren, zusammenbringen, modulieren und im Zweifelsfalle gegeneinander bürsten lassen.


Nick Edwards weiß ganz genau, wo der Distortion-Regler in seinem Gerätepark angebracht ist und wie er dem Billig-Synth eine krachig-wobbelnde Bassline entlocken kann. So tappt er auch nicht in die Falle der einlullenden, selbstzufriedenen Behäbigkeit, die derartige Downtempo-Versuche von Natur aus mit sich bringen. Also keine Utopie Marke Cafe del Mar, in der alle pillen-glücklich bei weichgespültem Sound in den Sonnenaufgang glotzen, dafür schwingt hier zu viel post-industrielle Dystopie und Düsterkeit mit. Die Ahnenlinie verläuft hier eher von King Tubby über Adrian Sherwood zu Aphex Twin. Insofern besinnt sich Ekoplekz auf die guten Momente der (Post-)Rave-Ära seiner Heimat und kreiert dabei ein Album, das heute auf erfrischende Weise aus der Zeit gefallen klingt.



Schoolboy Q - Oxymoron

Die LP von Schoolboy Q hat zwar schon ein paar Monate auf dem Buckel, doch erst letzte Woche hat mir Flying Lotus bei seinem fantastischen Gig in Köln noch einmal gezeigt, wie viel Saft in den Vocals von Schoolboy Q steckt, indem er dessen „Collard Greens“ einfach mal mit einem echten FlyLo-Beat gesegnet hat, sehr zur Freude der HipHop-Fans im Publikum. Mit seinem immer wieder verschobenen Album strickt Schoolboy Q die Erfolgsgeschichte seines Kumpels Kendrick Lamar gewissermaßen weiter, setzt dabei aber ganz andere lyrische Akzente. War es bei Kendrick das Hin-und-her-gerissen-Sein zwischen behütetem Mittelschichts-Boy und finsterem Ghetto-Thug, das seinen Erzählungen einen besonderen Reiz verlieh, dominiert bei Schoolboy Q das Selbstverständnis als Dealer, der den Konsum seiner eigenen Ware nicht im Griff hat. Sei die Ware nun Koks oder Musik, beides ist in seiner Metaphorik wie so oft Mittel für den Weg nach oben, getrieben von Wahnsinn, Kontrollverlust und Genie. Sein Flow schwankt zwischen dem Zetern eines maliziösen Kobolds, wenn er versucht, die Eskapaden der letzten Nacht zu rekonstruieren oder sein Gegenüber einzuschüchtern, und einem lakonischen Erzählton, wenn er die verschärften Bedingungen des Aufwachsens mit einem Junkie-Onkel schildert, der die Stereoanlage des Neffen für einen Schuss vertickt. Dieser zur Schau gestellte Wahnsinn im Kopf wie den realen Lebensbedingungen wirkt dabei fast durchgehend überdreht aber gleichzeitig authentisch, da ebendieser Wahn selbst den Ernst der eigenen Übertreibungen in Zweifel zieht. Und jemandem, der eine derart breite Palette an Flows und Stilen beherrscht, verzeiht man bei seiner Virtuosität auch den einen oder anderen Ausrutscher auf allzu ausgetrampelten (Pseudo-)Gangster-Pfaden

Nachdem ich Raekwon neulich für seinen mauen Auftritt bei Freddie Gibbs gescholten habe, muss ich ihn hier rehabilitieren. Auf dem Feature „Blind Threats“ ist sein abgeklärter Elder-Coke-Dealer-Statesman-Habitus das perfekte Gegenstück zu Q und dessen grimmiger Entschlossenheit eines aufstrebenden Jünglings. Auf „The Purge“ bringt der gebürtige Wiesbadener (sic!) dann den Westcoast-Straßen-Veteranen Kurupt mit seinem verdrehten Kumpel Tyler, The Creator zusammen für eine gemeinsame Fingerübung in Sachen Eigenlob, Gewalt und Sexismus. Nicht geeignet als Hymne für den Weltfrauen oder -friedenstag, bitch! Kann man mit solchen Einschränkungen leben, kriegt man hier eine der bislang besten Varianten von HipHop für dieses Jahr. Nicht zuletzt haben die Produzenten hinter dem Sound begriffen, wie man den Beats das nötige Hitpotenzial einhaucht. Schließlich legt das Album noch mal eine Schippe an Erwartungen und Vorfreude drauf für das für dieses Jahr angekündigte Debut des Black-Hippy-Kollektivs, zu dem neben Schoolboy Q noch Tyler, The Creator, Ab-Soul und der hier ebenfalls gefeaturte Jay-Rock gehören. Da kommt also noch was.




R.I.P. DJ Rashad

Die Liste der Gefallenen im Namen der elektronischen Tanzmusik muss in diesen Tagen nach dem viel zu frühen Tod von House-Pionier Frankie Knuckles im März (hier ein Tribute Mix von DJ Spinna) nun um den weiteren traurigen Namen von DJ Rashad erweitert werden. Hätte man nach fantastischem Album "Double Cup" sowie dem Material der letzten Monaten alles darauf verwettet, dass dieser Mann in Kürze ein weiteres Meisterwerk abliefert, müssen wir nun damit leben, dass seine menschliche wie musikalische Stimme für immer erloschen ist. R.I.P. Als Erinnerung an seine Qualitäten hier ebenfalls ein Tribute-Mix von seinen Hyperdub-Kollegen Kode 9, Ikonika und Addison Groove.


DJ Rashad - I don't give a fuck


Neue Mixtapes

Ein Lebenszeichen mit einer Huldigung sowohl an Beatlegende Jay Dilla als auch die eigene Vergangenheit gibt es allerdings von De La Soul mit "Smell the D.A.I.S.Y". Auf dem Gratis-Download verarbeiten sie die Lyrics alter eigener Stücke zu unveröffentlichten Dilla-Beats. Dringend empfohlen, alleine schon für den abschließenden Rework von Marvin Gayes "Sexual Healing".

Und noch zwei Empfehlungen in Sachen Trap bzw. spannender neuer HipHop. Gucci Mane nutzt eine der wahrscheinlich kurzen knast-freien Episoden seiner Biographie, um sich mit Young Thug für das Mixtape "Young Thugga Mane La Flare" in die Aufnahmekabine zu quetschen. Letzterer macht seine Sache bisweilen deutlich besser als der selbst ernannte God of Trap himself. Hörenswert. Stärker dem Samplewahn verfallen, aber mit ähnlicher Party-Attitüde kommt der Producer Girl Talk mit Vocal-Support Freeway auf der gemeinsamen „BrokenAnkles“ EP daher. Auch hier deutet sich an, dass mit den beiden noch zu rechnen sein dürfte.

Dienstag, 6. Mai 2014

Auslese 2014 Teil 1



Die verzogenen Rauchschwaden über den innerstädtischen Krisengebieten Deutschlands bezeugen, dass der 1. Mai vorbei und damit ein nicht unerheblicher Teil des Jahres bereits ins Land gezogen ist. Zeit also, mal eine erste Bilanz zu ziehen und ein paar Platten zu würdigen, die uns das WM-Jahr bereits beschert hat. Hier die ersten drei, mehr folgt im nächsten Post.

Shackleton – Freezing, Opening, Thawing

Ein brillanter Außenseiter und Pionier der britischen Dubstep-Szene und Elektronik-Tüftler mit einer sehr individuellen Sound-Ästhetik – Shackleton. Die Veröffentlichungen dieses Mannes bereiten mir schon seit geraumer Zeit Freude und seine, nun ja, soll man sagen Gefrierschrank-Konzept-EP „Freezing, Opening, Thawing“, bildet hier keine Ausnahme. Eine Weile war es still um ihn, doch jetzt taucht er mit einer EP im Gepäck auf, die wie so oft mit einem Minimum an klassischen Drums auskommt und stattdessen auf Bongo- und Conga-Sounds setzt. Diese paart er mit tiefer gelegten Sub-Bässen und Melodien, die klingen, als wären sie von einem speed-geladenen Voodoo-Priester auf gestimmten Totenschädeln gespielt. Daraus entstehen Lektionen in digitaler Weirdness, die weniger was für die Tanzfläche sind als eher Versuchsanordnungen in Sachen Bassmusik, Future Tribal-Dub und Sci-Fi-Sound-Halluzinationen. Shackleton arbeitet konsequent in seinem digitalen Steinbruch an verschlungenen Bass-Monolithen eigenen Zuschnitts und vermeidet dadurch die Formelhaftigkeit vieler Dubstep-Platten. Doch für den Hörer im heimischen Sessel zahlt sich diese Idiosynkrasie aus: zwar werden die hochgeworfenen Arme der ravenden Menge verschmäht, doch fräst sich diese EP dafür mit ihrem Bass ein schönes schattiges Plätzchen im Plattenschrank frei, direkt neben der ebenfalls höchst empfehlenswerten Vorgänger-LP „Music For The Quiet Hour“.

Shackleton - Freezing, Opening, Thawing


Sunn O))) & Ulver – Terrestrials

Von der Paarung der Bands dieses Albums könnten böse Zungen behaupten, dass diese die Streber aus der Klasse Avantgarde-Metal in der dunkelsten Ecke ihres Schulhofs ausgeheckt haben. Auf der einen Seite die Amerikaner Sunn O))), die seit ca. 15 Jahren die Sound-Felder an den dunklen Rändern des Extreme-Metals bestellen und sich dabei immer wieder Hilfe geholt haben von so unterschiedlichen Leuten wie Nurse with Wound, Boris oder Julian Cope. Auf der anderen Seite Ulver, Veteranen aus Norwegen, der Brutstätte der zweiten Welle des Black Metal, die mittlerweile einer Vielzahl von Genres eine in ihren düsteren Sound getränkte Huldigung gewidmet haben. Mit anderen Worten: eine Paarung, die die Messlatte bereits vor der Veröffentlichung hoch legt.

Vor einigen Jahren haben sich alle Beteiligten zum Jammen in Oslo getroffen, dann aber Jahre mit dem gemeinsamem Marinieren und Filetieren des Ausgangsmaterials verbracht. Herausgekommen ist ein erhaben wabernder Nebel des Verstärkerdröhnens, der mit Neil Youngs Feedback-Exzessen und Aphex Twins Ambient-Paranoia mehr gemein hat als mit frühen Darkthrone-Platten. Fetzen wiedererkennbarer Instrumentenklänge tauchen immer wieder aus den dunkel vibrierenden Soundflächen auf, ohne sich aber je zu einer zumindest offensichtlichen (Song-)Struktur zu verdichten. Gleichzeitig führen die verschiedenen Klänge ein so differenziertes Eigenleben, dass sich im dichten Geflecht der verschiedenen Spuren immer wieder neue, kurzfristige Symbiosen ergeben, eine Art mikroskopische Komplexität, die wie Irrlichter im dunklen Wald aufschimmert und sich wieder verliert. Das Ergebnis kann man auch als Metal bezeichnen, der sich selbst überwunden hat und mit Mitteln der Abstraktion zu sich selbst findet. Für das nächste Candle-Light-Dinner ist die Platte jedoch nur dann zu empfehlen, wenn es sich bei dem Gast um eine bluttriefende Vampirin mit Vorliebe für Valium handelt.

Sunn O))) & Ulver - Terrestrials (complete album)

 
Freddie Gibbs & Madlib – Pinata

Während man die Kollaboration von Ulver und Sunn O))) letztlich als konsequent und naheliegend bezeichnen kann, ist das musikalische Zusammentreffen von Freddie Gibbs und Madlib vergleichsweise überraschend. Madlib hat sich mit zugeräuchertem Beats-and-Rhymes-Irsinn mit Geistesverwandten wie Dilla oder MF Doom sowie seinem ausufernden instrumentalen Schaffen schon lange einen Namen unter Freunden abstrakten HipHops gemacht. Gibbs hingegen wandelt erst seit kürzerer Zeit – zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung - auf den düster-grimmigen Gangsterpfaden von Michael Jacksons Heimatstadt Gary, Indiana. Diese sind in seinen Geschichten stets gut gepflastert mit Leichen, Kokain und leichten Mädchen. In Anbetracht dieser denkbar unterschiedlichen Hintergründe verwundert es kaum, dass sie die gemeinsame LP selbst als bunte Wundertüte deklarieren – Pinata, jene mit Süßigkeiten gefüllten, bunten Tontierchen, die in Mexiko auf Kindergeburtstagen mit Schlägern bearbeitet werden und für Freude sorgen. Gibbs führt die Namensgebung passend zu seinem Hintergrund als rough boy auf einen Traum von einem Kindergeburtstag zurück, bei dem massenweise Kokain statt Schokolode aus dem zerschlagenen Glücksbringer rieselte. Was auch immer uns dieser Traum über das Innenleben eines Gangster-Rappers sagen mag.

Die LP erweist sich insbesondere für Gibbs als Glücksfall, denn auf seinen früheren, durchaus hörenswerten Mixtapes fiel die Qualität der Beats gegenüber der seiner Lyrics meist deutlich ab. Seine mit leicht melodischem Flow vorgetragenen Ghetto-Poeme wurden dort meist mit eher semi-inspiriertem Trap-Klappern unterlegt. Madlib scheint derweil den Knopf für die etwas straighteren Quantisierungen an seinem Sampler gefunden zu haben, so dass die Rhythmen weniger torkeln als gewohnt, aber mit ihrer organischen Grundstruktur einen tollen Kontrast zu den harten Lyrics bilden. Die Zusammenführung der beiden Welten gelingt also überraschend gut, da man das Gefühl hat, dass beide aufeinander eingehen und nicht bloß rumliegende Files ausgetauscht wurden, um Kohle zu machen. Die Tracks sind dann besonders spannend, wenn Gäste der Mixtur eine weitere lyrische Facette hinzufügen und nicht bloß Straßengeschichten variieren. Insbesondere „High“ mit dem stets zum Irrsinn neigenden Danny Brown sowie „Robes“ mit den Odd-Future-Boys Domo Genesis und Earl Swetshirt ragen dabei heraus. Schwach nimmt sich dagegen der Besuch von Wu-Member Raekwon aus, doch das lässt sich verschmerzen. Mein persönlicher Favorit bleibt aber die schon vorab veröffentlichte Kuckucks-Ei-Geschichte „Deeper“.

 Madlib & Freddie Gibbs - Deeper


Madlib & Freddie Gibbs - Robes feat. Domo Genesis & Earl Sweatshirt

Und ein Link zum Mixtape "Baby Face Killa" von Freddie Gibbs.