Auslese
2014 Teil 2
Nach
einer etwas längeren Pause gibt es nun die offizielle Fortsetzung
des Überblicks über die hörenswerten Platten der letzten Monate. Da aber außerdem seit dem letzten Post
noch das ein oder andere Erwähnenswerte geschehen und veröffentlicht
worden ist, gibt’s am Schluss noch ein paar Zeilen dazu.
Ekoplekz
– Unfidelity
In den
letzten Monaten hat sich mehr als ein Produzent elektronischer Musik
auf englischen Labels an der Demonstration der gegenwärtigen
Klangbearbeitungsmöglichkeiten abgearbeitet, sei es der hier bereits
gefeierte Flying Lotus oder High-Speed-Frickler wie Rustie und Hudson
Mohawke. Geradezu retro-artig nimmt sich daneben das Debut von
Ekoplekz aus, weshalb mit Planet Mu auch das ideale Label
sich des Releases angenommen hat. Dessen Betreiber Mike Paradinas
kann selbst als µ-ziq
auf eine gut 20-jährige Vergangenheit als Pionier der aufblühenden
britischen Elektronik-Szene zurück schauen. Und genau an diese
frühen Zeiten und die glorreichen Releases von Labels wie Rephlex,
Warp oder Too Pure knüpft Ekoplekz praktisch nahtlos an, als hätte
sich nicht in der Zwischenzeit der Laptop eines jeden pickeligen
Nerds in ein potenzielles High-Tech-Tonstudio verwandelt. Die Tracks
entfalten sich eher gemächlich in Loopstrukturen, an denen in
Echtzeit mittels analogen Lo-Fi-Geräten und Effekten herumgeschraubt
wird, was dem Sound eine fast zeitlos anmutende Dub-Patina
verleiht. Die Struktur ist sowohl mit Blick auf die Anzahl der
verschiedenen Sounds als auch distinkte Parts innerhalb der Stücke
relativ schlicht. Statt der Hyperaktivität zu frönen, wird mit
begrenzten Mitteln ausgelotet, wie sich verschiedene Bruchstücke
bauen, improvisieren, zusammenbringen, modulieren und im
Zweifelsfalle gegeneinander bürsten lassen.
Nick
Edwards weiß ganz genau, wo der Distortion-Regler in seinem
Gerätepark angebracht ist und wie er dem Billig-Synth eine
krachig-wobbelnde Bassline entlocken kann. So tappt er auch nicht in
die Falle der einlullenden, selbstzufriedenen Behäbigkeit, die
derartige Downtempo-Versuche von Natur aus mit sich bringen. Also
keine Utopie Marke Cafe del Mar, in der alle pillen-glücklich bei
weichgespültem Sound in den Sonnenaufgang glotzen, dafür schwingt
hier zu viel post-industrielle Dystopie und Düsterkeit mit. Die
Ahnenlinie verläuft hier eher von King Tubby über Adrian Sherwood
zu Aphex Twin. Insofern besinnt sich Ekoplekz auf die guten Momente
der (Post-)Rave-Ära seiner Heimat und kreiert dabei ein Album,
das heute auf erfrischende Weise aus der Zeit gefallen klingt.
Schoolboy Q - Oxymoron
Die
LP von Schoolboy Q hat zwar schon ein paar Monate auf dem Buckel,
doch erst letzte Woche hat mir Flying Lotus bei seinem fantastischen
Gig in Köln noch einmal gezeigt, wie viel Saft in den Vocals von
Schoolboy Q steckt, indem er dessen „Collard Greens“ einfach mal
mit einem echten FlyLo-Beat gesegnet hat, sehr zur Freude der
HipHop-Fans im Publikum. Mit seinem immer wieder verschobenen Album
strickt Schoolboy Q die Erfolgsgeschichte seines Kumpels Kendrick
Lamar gewissermaßen weiter, setzt dabei aber ganz andere lyrische
Akzente. War es bei Kendrick das Hin-und-her-gerissen-Sein zwischen behütetem
Mittelschichts-Boy und finsterem Ghetto-Thug, das seinen Erzählungen einen
besonderen Reiz verlieh, dominiert bei Schoolboy Q das
Selbstverständnis als Dealer, der den Konsum seiner eigenen Ware
nicht im Griff hat. Sei die Ware nun Koks oder Musik, beides ist in
seiner Metaphorik wie so oft Mittel für den Weg nach oben, getrieben
von Wahnsinn, Kontrollverlust und Genie. Sein Flow schwankt zwischen
dem Zetern eines maliziösen Kobolds, wenn er versucht, die Eskapaden
der letzten Nacht zu rekonstruieren oder sein Gegenüber einzuschüchtern, und einem lakonischen Erzählton,
wenn er die verschärften Bedingungen des Aufwachsens mit einem
Junkie-Onkel schildert, der die Stereoanlage des Neffen für einen
Schuss vertickt. Dieser
zur Schau gestellte Wahnsinn im Kopf wie den realen Lebensbedingungen
wirkt dabei fast durchgehend überdreht aber gleichzeitig
authentisch, da ebendieser Wahn selbst den Ernst der eigenen
Übertreibungen in Zweifel zieht. Und jemandem, der eine derart
breite Palette an Flows und Stilen beherrscht, verzeiht man bei
seiner Virtuosität auch den einen oder anderen Ausrutscher auf allzu
ausgetrampelten (Pseudo-)Gangster-Pfaden
Nachdem ich Raekwon neulich für
seinen mauen Auftritt bei Freddie Gibbs gescholten habe, muss
ich ihn hier rehabilitieren. Auf dem Feature „Blind Threats“ ist
sein abgeklärter Elder-Coke-Dealer-Statesman-Habitus das perfekte
Gegenstück zu Q und dessen grimmiger Entschlossenheit eines
aufstrebenden Jünglings. Auf „The Purge“ bringt der gebürtige
Wiesbadener (sic!) dann den Westcoast-Straßen-Veteranen
Kurupt mit seinem verdrehten Kumpel Tyler, The Creator
zusammen für eine gemeinsame Fingerübung in Sachen
Eigenlob, Gewalt und Sexismus. Nicht geeignet als Hymne für den Weltfrauen
oder -friedenstag, bitch! Kann man mit solchen Einschränkungen
leben, kriegt man hier eine der bislang besten Varianten von HipHop
für dieses Jahr. Nicht zuletzt haben die Produzenten hinter dem Sound begriffen, wie man den Beats das nötige Hitpotenzial einhaucht. Schließlich legt das Album noch mal eine Schippe an
Erwartungen und Vorfreude drauf für das für dieses Jahr
angekündigte Debut des Black-Hippy-Kollektivs, zu dem neben Schoolboy Q noch
Tyler, The Creator, Ab-Soul und der hier ebenfalls gefeaturte
Jay-Rock gehören. Da kommt also noch was.
R.I.P. DJ Rashad
Die
Liste der Gefallenen im Namen der elektronischen Tanzmusik muss in
diesen Tagen nach dem viel zu frühen Tod von House-Pionier Frankie
Knuckles im März (hier ein Tribute Mix von DJ Spinna) nun um den weiteren traurigen Namen von DJ Rashad
erweitert werden. Hätte man nach fantastischem Album "Double Cup" sowie dem Material der
letzten Monaten alles darauf verwettet, dass dieser Mann in Kürze
ein weiteres Meisterwerk abliefert, müssen wir nun damit leben, dass
seine menschliche wie musikalische Stimme für immer erloschen ist.
R.I.P. Als Erinnerung an seine Qualitäten hier ebenfalls ein Tribute-Mix von seinen Hyperdub-Kollegen Kode 9, Ikonika und Addison Groove.
DJ Rashad - I don't give a fuck
Neue Mixtapes
Ein
Lebenszeichen mit einer Huldigung sowohl an Beatlegende Jay Dilla als auch die eigene
Vergangenheit gibt es allerdings von De La Soul mit "Smell the D.A.I.S.Y". Auf dem Gratis-Download verarbeiten sie die Lyrics alter
eigener Stücke zu unveröffentlichten Dilla-Beats. Dringend
empfohlen, alleine schon für den abschließenden Rework von Marvin Gayes "Sexual Healing".
Und
noch zwei Empfehlungen in Sachen Trap bzw. spannender neuer HipHop. Gucci Mane nutzt eine der
wahrscheinlich kurzen knast-freien Episoden seiner Biographie, um sich mit Young Thug für das Mixtape "Young Thugga Mane La Flare" in die Aufnahmekabine zu quetschen. Letzterer macht seine Sache bisweilen deutlich besser als der selbst ernannte God of Trap himself. Hörenswert. Stärker dem Samplewahn verfallen, aber mit ähnlicher Party-Attitüde kommt der Producer Girl Talk mit Vocal-Support Freeway auf der gemeinsamen „BrokenAnkles“ EP daher. Auch hier deutet sich an, dass mit den beiden noch zu rechnen sein dürfte.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen