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Sonntag, 8. Juni 2014

Auslese 2014 Teil 2



Auslese 2014 Teil 2

Nach einer etwas längeren Pause gibt es nun die offizielle Fortsetzung des Überblicks über die hörenswerten Platten der letzten Monate. Da aber außerdem seit dem letzten Post noch das ein oder andere Erwähnenswerte geschehen und veröffentlicht worden ist, gibt’s am Schluss noch ein paar Zeilen dazu.


Ekoplekz – Unfidelity

In den letzten Monaten hat sich mehr als ein Produzent elektronischer Musik auf englischen Labels an der Demonstration der gegenwärtigen Klangbearbeitungsmöglichkeiten abgearbeitet, sei es der hier bereits gefeierte Flying Lotus oder High-Speed-Frickler wie Rustie und Hudson Mohawke. Geradezu retro-artig nimmt sich daneben das Debut von Ekoplekz aus, weshalb mit Planet Mu auch das ideale Label sich des Releases angenommen hat. Dessen Betreiber Mike Paradinas kann selbst als µ-ziq auf eine gut 20-jährige Vergangenheit als Pionier der aufblühenden britischen Elektronik-Szene zurück schauen. Und genau an diese frühen Zeiten und die glorreichen Releases von Labels wie Rephlex, Warp oder Too Pure knüpft Ekoplekz praktisch nahtlos an, als hätte sich nicht in der Zwischenzeit der Laptop eines jeden pickeligen Nerds in ein potenzielles High-Tech-Tonstudio verwandelt. Die Tracks entfalten sich eher gemächlich in Loopstrukturen, an denen in Echtzeit mittels analogen Lo-Fi-Geräten und Effekten herumgeschraubt wird, was dem Sound eine fast zeitlos anmutende Dub-Patina verleiht. Die Struktur ist sowohl mit Blick auf die Anzahl der verschiedenen Sounds als auch distinkte Parts innerhalb der Stücke relativ schlicht. Statt der Hyperaktivität zu frönen, wird mit begrenzten Mitteln ausgelotet, wie sich verschiedene Bruchstücke bauen, improvisieren, zusammenbringen, modulieren und im Zweifelsfalle gegeneinander bürsten lassen.


Nick Edwards weiß ganz genau, wo der Distortion-Regler in seinem Gerätepark angebracht ist und wie er dem Billig-Synth eine krachig-wobbelnde Bassline entlocken kann. So tappt er auch nicht in die Falle der einlullenden, selbstzufriedenen Behäbigkeit, die derartige Downtempo-Versuche von Natur aus mit sich bringen. Also keine Utopie Marke Cafe del Mar, in der alle pillen-glücklich bei weichgespültem Sound in den Sonnenaufgang glotzen, dafür schwingt hier zu viel post-industrielle Dystopie und Düsterkeit mit. Die Ahnenlinie verläuft hier eher von King Tubby über Adrian Sherwood zu Aphex Twin. Insofern besinnt sich Ekoplekz auf die guten Momente der (Post-)Rave-Ära seiner Heimat und kreiert dabei ein Album, das heute auf erfrischende Weise aus der Zeit gefallen klingt.



Schoolboy Q - Oxymoron

Die LP von Schoolboy Q hat zwar schon ein paar Monate auf dem Buckel, doch erst letzte Woche hat mir Flying Lotus bei seinem fantastischen Gig in Köln noch einmal gezeigt, wie viel Saft in den Vocals von Schoolboy Q steckt, indem er dessen „Collard Greens“ einfach mal mit einem echten FlyLo-Beat gesegnet hat, sehr zur Freude der HipHop-Fans im Publikum. Mit seinem immer wieder verschobenen Album strickt Schoolboy Q die Erfolgsgeschichte seines Kumpels Kendrick Lamar gewissermaßen weiter, setzt dabei aber ganz andere lyrische Akzente. War es bei Kendrick das Hin-und-her-gerissen-Sein zwischen behütetem Mittelschichts-Boy und finsterem Ghetto-Thug, das seinen Erzählungen einen besonderen Reiz verlieh, dominiert bei Schoolboy Q das Selbstverständnis als Dealer, der den Konsum seiner eigenen Ware nicht im Griff hat. Sei die Ware nun Koks oder Musik, beides ist in seiner Metaphorik wie so oft Mittel für den Weg nach oben, getrieben von Wahnsinn, Kontrollverlust und Genie. Sein Flow schwankt zwischen dem Zetern eines maliziösen Kobolds, wenn er versucht, die Eskapaden der letzten Nacht zu rekonstruieren oder sein Gegenüber einzuschüchtern, und einem lakonischen Erzählton, wenn er die verschärften Bedingungen des Aufwachsens mit einem Junkie-Onkel schildert, der die Stereoanlage des Neffen für einen Schuss vertickt. Dieser zur Schau gestellte Wahnsinn im Kopf wie den realen Lebensbedingungen wirkt dabei fast durchgehend überdreht aber gleichzeitig authentisch, da ebendieser Wahn selbst den Ernst der eigenen Übertreibungen in Zweifel zieht. Und jemandem, der eine derart breite Palette an Flows und Stilen beherrscht, verzeiht man bei seiner Virtuosität auch den einen oder anderen Ausrutscher auf allzu ausgetrampelten (Pseudo-)Gangster-Pfaden

Nachdem ich Raekwon neulich für seinen mauen Auftritt bei Freddie Gibbs gescholten habe, muss ich ihn hier rehabilitieren. Auf dem Feature „Blind Threats“ ist sein abgeklärter Elder-Coke-Dealer-Statesman-Habitus das perfekte Gegenstück zu Q und dessen grimmiger Entschlossenheit eines aufstrebenden Jünglings. Auf „The Purge“ bringt der gebürtige Wiesbadener (sic!) dann den Westcoast-Straßen-Veteranen Kurupt mit seinem verdrehten Kumpel Tyler, The Creator zusammen für eine gemeinsame Fingerübung in Sachen Eigenlob, Gewalt und Sexismus. Nicht geeignet als Hymne für den Weltfrauen oder -friedenstag, bitch! Kann man mit solchen Einschränkungen leben, kriegt man hier eine der bislang besten Varianten von HipHop für dieses Jahr. Nicht zuletzt haben die Produzenten hinter dem Sound begriffen, wie man den Beats das nötige Hitpotenzial einhaucht. Schließlich legt das Album noch mal eine Schippe an Erwartungen und Vorfreude drauf für das für dieses Jahr angekündigte Debut des Black-Hippy-Kollektivs, zu dem neben Schoolboy Q noch Tyler, The Creator, Ab-Soul und der hier ebenfalls gefeaturte Jay-Rock gehören. Da kommt also noch was.




R.I.P. DJ Rashad

Die Liste der Gefallenen im Namen der elektronischen Tanzmusik muss in diesen Tagen nach dem viel zu frühen Tod von House-Pionier Frankie Knuckles im März (hier ein Tribute Mix von DJ Spinna) nun um den weiteren traurigen Namen von DJ Rashad erweitert werden. Hätte man nach fantastischem Album "Double Cup" sowie dem Material der letzten Monaten alles darauf verwettet, dass dieser Mann in Kürze ein weiteres Meisterwerk abliefert, müssen wir nun damit leben, dass seine menschliche wie musikalische Stimme für immer erloschen ist. R.I.P. Als Erinnerung an seine Qualitäten hier ebenfalls ein Tribute-Mix von seinen Hyperdub-Kollegen Kode 9, Ikonika und Addison Groove.


DJ Rashad - I don't give a fuck


Neue Mixtapes

Ein Lebenszeichen mit einer Huldigung sowohl an Beatlegende Jay Dilla als auch die eigene Vergangenheit gibt es allerdings von De La Soul mit "Smell the D.A.I.S.Y". Auf dem Gratis-Download verarbeiten sie die Lyrics alter eigener Stücke zu unveröffentlichten Dilla-Beats. Dringend empfohlen, alleine schon für den abschließenden Rework von Marvin Gayes "Sexual Healing".

Und noch zwei Empfehlungen in Sachen Trap bzw. spannender neuer HipHop. Gucci Mane nutzt eine der wahrscheinlich kurzen knast-freien Episoden seiner Biographie, um sich mit Young Thug für das Mixtape "Young Thugga Mane La Flare" in die Aufnahmekabine zu quetschen. Letzterer macht seine Sache bisweilen deutlich besser als der selbst ernannte God of Trap himself. Hörenswert. Stärker dem Samplewahn verfallen, aber mit ähnlicher Party-Attitüde kommt der Producer Girl Talk mit Vocal-Support Freeway auf der gemeinsamen „BrokenAnkles“ EP daher. Auch hier deutet sich an, dass mit den beiden noch zu rechnen sein dürfte.

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