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Sonntag, 14. September 2014

Shabazz Palaces vs. Souls of Mischief


Die frühen 90er werden heute im Rückblick als die „goldenen“ Jahre des HipHop glorifiziert, was womöglich mehr über den Zustand des Genres heute als die Produktivität seiner Protagonisten in der Vergangenheit sagt. Und wie jede Jugendkultur wirft sie die Frage auf, wie man mit ihr altern kann, ohne mit merkwürdigem Beigeschmack entgegen der Realität die eigene Jugend zu simulieren und zelebrieren. Die letzten Wochen haben hier zwei interessante Platten gebracht, an denen man sehr unterschiedliche Strategien des Alterns an Acts studieren kann, die Anfang der 90er ganz vorne mit ihren Debut-Alben dabei waren. So haben Souls of Mischief mit „'93 til Infinity“ ein bis heute als Meilenstein gefeiertes Album in ebendiesem Jahr an der Westküste rausgebracht, dessen Texte zwischen Cleverness und Straßenweisheit oszillierten und mit ungeschliffenen Samples unterlegt waren. Das Pendant der Digable Planets zu dieser LP aus demselben Jahr nannte sich „Reachin' (A new refutation of time and space)“ und stellt einen slicken Klassiker des jazzigen HipHip dar. Untätig waren beide Crews nicht in der Zwischenzeit, sowohl in Solo-Projekten sowie zumindest die Souls of Mischief bisweilen auch gemeinsam. Aber da 20 Jahre im Moment eine legitime Marke zur Selbstmusealisierung zu sein scheinen (Blumfeld, Nas, Pavement etc.), sei ein Blick auf die Leute erlaubt, die einfach weiter machen.

Shabazz Palaces – Lese Majeste

Neulich habe ich Rast für das Anzapfen der Wurzeln des HipHop gepriesen, sein Anknüpfen an den trunkenen Talkin' Blues. Wenn das die rückwärts blickende Variante des Überschreitens des ästhetischen Mainstreams im HipHop ist, so muss man Shabazz Palaces wohl als die vorwärts gewandte bezeichnen. Drei EPs und der erste Longplayer „Black Up“ in seiner Post-Digable-Planets-Inkarnation Shabazz Palaces waren ja Warnung genug, dass von Ishmael Butler aka Butterfly noch einiges zu erwarten sein würde. Und in der Tat gibt kann man „Lese Majeste“ als futuristischen Geniestreich bezeichnen, einen Einblick in das, was HipHop eben auch sein kann, wenn es dort weniger um Straßengepöbel über clubtaugliche Beats mit Pumpgun und Skimaske geht und mehr um das Erschaffen und Erkundschaften neuer Klanglandschaften mit dem Spirit der Pioniere dieses Sounds und dem Wissen um all die Wurzeln von Black Music im Rucksack.

Mit anderen Worten steht diese Platte ziemlich einsam in der Landschaft ihres Genres, man denkt vielleicht noch an Antipop Consortium, die ähnlich radikal mit Synths und digitalen Sounds experimentiert haben. Doch „Lese Majeste“ ist von einer dub-getränkten Schwere, die weit jenseits der Hyperaktivität liegt, die für Antipop Consortium oft kennzeichnend war. Die Instrumentals sind schlank produziert, kommen mit wenigen aber extrem gut austarierten und plazierten Sounds aus, vor allem an den Drums. Das Zusammenspiel der Frequenzen und Elemente erzeugt eine unheimliche Dichte, wie man sie eher aus Dub bzw. Dubstep kennt und in die sich die Stimme als mehr oder weniger gleichwertiges Element einfügt. Vielschichtige Vocal-Arrangements und komplexe Songstrukturen werden mit gekonnt reduzierten Sounds unterlegt, so dass sie die manchmal ermüdende Schlichtheit von Beats+Rhymes durchbrechen, die HipHop meistens auszeichnet. Die Stücke sind praktisch nie linear gebaut, sondern entwickeln sich in nicht immer direkt nachvollziehbaren Bögen oder mutieren mehr oder weniger von einem Moment auf den andere in neue Zustände. Das erinnert an bipolare Störungen, die zur Vermeidung des Vorhersehbaren fruchtbar gemacht werden. Man weiß nie so genau, wo man dran ist, und ob das, was man jetzt hört, drei Takte später noch Gültigkeit besitzt oder durch eine neue Wendung einfach über den Haufen geworfen wird. Das beugt Behaglichkeit und falschen Gewissheiten erfolgreich vor und fordert dem Zuhörer Aufmerksamkeit ab, da ansonsten die Platte auf einen Strom klanglicher Merkwürdigkeiten reduziert würde.

Dennoch würde man keinen Moment zögern, das Album als HipHop zu bezeichnen. Hier hat aber einer aber endlich mal die Eier und die Skills, den Geist von Dub und die Visionskraft von Sun Ra in die Gegenwart zu übersetzen und mit den Mitteln von HipHop kurzzuschließen. Selbst an Suicide muss man bisweilen denken, etwa bei „I'm rich“, wenn die Lyrics mit monoton-irrer Stimme deklamiert werden und dahinter ein repititiver Beat klappert. Die Platte gleicht in gewisser Weise einem dunklen, schwer entzifferbaren Monolithen, an dessen Bedeutung man mit Irritation rätseln kann, wie die Affen in Kubricks „2001“. Die Ästhetik ist dabei denkbar weit vom jazzigen Frühwerk als MC der Digable Planets entfernt. Die Gemeinsamkeit scheint hier vor allem darin zu liegen, dass durch das Zuführen neuer Ideen in ein stagnierendes Genre Wege frei gemacht und Perspektiven aufgezeigt werden. Auch „Reachin'“ war auf seine Weise sophisticated und sehr avanciert, griff aber auf andere, traditionellere Quellen zurück, um Neues zu schaffen. Während die Jazz-Pfade damals dankbar von vielen anderen aufgegriffen wurden, sind aufgrund des sehr speziellen und futuristischen Sounds von Shabazz Palaces die Zweifel berechtigt, dass dies als Vorlage für eine größere Zahl anderer Acts dienen kann. Gleichzeitig dürften Shabazz Palaces viele neue Freunde eher aus dem Kreis derjenigen finden, die sich sonst eher nicht für HipHop interessieren. Ihr Label Sub Pop, einst Heimat von Nirvana, sind insofern eine konsequente Wahl als Geschäftspartner.

Digable Planets – Cool like that



Shabazz Palaces - Les Majeste (Full album)

Souls of Mischief – There's only now

Adrian Younge scheint sich anzuschicken, eine Art Rick Rubin des HipHop zu werden. Nachdem er vor einem Jahr Ghostface Killah mit „12 Reasons to Die“ nach langer künstlerischer Dürre wieder zu kaum mehr für möglich gehaltenen Höhenflügen inspiriert hat, geht er mit Souls of Mischief gut 20 Jahre nach „'93 til Infinity“ auf eine ähnliche Mission. Zwischendurch hat er noch den Delfonics bzw. deren Mastermind William Hart ein zweites Leben eingehaucht, der zudem sowohl bei Ghostface als auch bei den Souls of Mischief als Gast zurück in alter Form zu hören ist.

Bei der Musik gibt es bei Younge / Souls of Mischief die Rückbesinnung auf einen homogenen Sound, der die Logik seiner Entstehung umkehrt: eine Band spielt, als würde sie Beats aus Schnipseln ihrer eigenen Platten nachspielen; sie projizieren die Aneignung ihrer Musik durch Beat-Pioniere und Sampler auf sich selbst zurück. Man könnte auch sagen, dass die Beats ein wenig klingen, als spielte die Hausband eines Soul-Labels aus den frühen 70ern HipHop-Beats aus den 90ern nach. Erneut dient wie im Falle der Rise-and-Fall-of-Erzählung bei Ghostface eine narrative Struktur als eine Art Überbau, diesmal eine Entführungsgeschichte und die Verwicklung der Souls-of-Mischief-Crew darin. Man könnte auch das böse K-Wort „Konzeptalbum“ in den Mund nehmen, um den Masterplan hinter der Platte zu benennen. Als Moderator und Host, der immer wieder die Fäden der Geschichte aufnimmt und für den Hörer resümiert, fungiert hier Ali Shaheed Muhammed, seinerseits Bestandteil von A Tribe Called Quest, die zu einer ähnlichen Zeit wie Souls of Mischief ihre größten Erfolge feierten. Snoop Dogg und Busta Rhymes komplettieren als Gäste die Riege großer MCs des „Golden Age“.

So kann man sagen, dass die Platte gespickt ist mit echten Größen, die sich allesamt durchaus in respektabler Form zeigen, nicht zuletzt die Souls of Mischief selbst mit teils grandiosen, oftmals temporeichen Rhymes. Der Vibe der jazzigen Seite der West Coast weht durch die Platte wie auf „Ghetto Superhero“, das stark an den Erstling von Freestyle Fellowship erinnert und einfach Spaß macht. Der Sound der Beats ist aber wesentlich homogener als vor 20 Jahren, da er aus einer einzelnen Quelle stammt und nicht aus Stapeln verschiedenster staubiger Platten zusammengesetzt werden musste. Younge ist dabei klug genug, die organischen Sounds so einzusetzen, dass verschiedene Sample-Quellen und -Strategien von damals angedeutet und zitiert werden. So entwickelt sich lyrisch wie musikalisch ein doppelbödiges Spiel mit Referenzen, das einerseits stabil im HipHop der 90er und andererseits dessen Ursprung im Soul und Funk der 70er verwurzelt ist, zumal die Rahmenhandlung selbst bezeichnenderweise in den 90ern spielt. Das hat bei aller Qualität und warmer Behaglichkeit für alternde HipHop-Afficionados etwas arg Conaisseurhaftes, dreht sich die Platte doch einfach ein wenig arg selbstverliebt um die eigene Vergangenheit und das Spiel mit ihr, so dass sich die Frage nach der Relevanz für die Gegenwart aufdrängt, denn die Rückwärtsgewandtheit führt eben auch nicht zu so spannenden und unkonventionellen Ergebnissen wie im Fall von Rast. Eine gewisse Ironie mag hier darin liegen, dass der Titel die Gegenwärtigkeit geradezu beschwört. Zudem riskiert Younge, dass seine durchaus gekonnten Produktionen zu einem Gimmick oder gar einer Masche verkommen, insbesondere wenn er sie ein ums andere Mal mit einer Rahmenerzählung verknüpft. Rick Rubin braucht also nicht um seinen Thron als König der Karrieren-Reanimation zu zittern.

Souls of Mischief - 93 'til Infinity



Souls of Mischief - There is only now (Full album)



Das Fazit dieser Gegenüberstellung ist recht eindeutig. Während Souls of Mischief sich zur Kultivierung des eigenen Erbes entschlossen haben, hat sich Ishmael Butler auf den Weg in andere Sphären begeben. Herausgekommen ist daher bei den einen ein wirklich gutes Album, das die Tugenden des Alten in einem neuen Glanz erscheinen lässt, bei dem anderen ein faszinierend-verstörendes Album, das neue Türen aufstößt. Letztere Variante ist bei aller Freude an den Souls of Mischief mein klarer Favorit, doch steht zu befürchten, dass die wenigsten MCs und Produzenten bereit sind, durch die von Shabazz Palaces aufgestoßene Tür zu folgen oder wenigstens mal in den dahinter liegenden Raum zu schauen. Schade, es läge so viel dahinter, das auch für andere interessant wäre.

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