Swans – To be kind
Auch wenn ich es generell schwierig
finde, „die eine“ Platte herauszufischen, so lässt sich im Fall
der Swans kaum leugnen, dass die Mannschaft um Michael Gira mit der
dritten Platte nach ihrer Wiederbelebung ein wirklich herausragendes
Werk geschaffen hat. In der Hinsicht bin ich zwar ein Spätzünder,
da erst der Vorgänger „The Seer“ mich auf diese Band aufmerksam
gemacht hat, was aber dem Enthusiasmus für diesen brachialen,
widerspenstigen und geradezu hypnotisierenden Sound natürlich in
keinster Weise schmälert. Die Stücke wirken einerseits in ihrer
oberflächlichen strukturellen Schlichtheit monochrom, entfalten aber
in ihrer beständigen Wiederholung, Variation und Steigerung eine
epische Dimension, der man sich kaum entziehen kann. Ich trauere
heute noch dem Konzertabend im Gebäude 9 nach, an dem es das live zu
hören und zu spüren gab und ich nicht dabei sein konnte. Vielleicht springt Hagen
ja mal mit einem Review des Abends ein.
Sunn O)))) mit Ulver bzw. Scott Walker
Die beiden wahnsinnigen Dekonstruktivisten des Black Metal / Drone, Stephen
O'Malley und Greg Andersen, habe ich seit längerem ins Herz
geschlossen. Dieses Jahr haben sie mit gleich zwei Kollaborationen
für Verzückung vor dem Plattenspieler gesorgt. Zunächst erschien
die länger angekündigte Platte gemeinsam mit den norwegischen
Black-Metal-und-jedes-andere-erdenkliche-Genre-und-Nicht-Genre-Veteranen
Ulver, die ich schon ausführlicher besprochen habe. Und auf der
Ziellinie gen Jahresabschluss haben sie mit der gemeinsamen LP mit
Scott Walker, dem Crooner der Apokalypse, nachgelegt, bei dem die Sonne schon lange nicht mehr scheint. Nachdem die Black-Ambient-LP mit Ulver
so ungefähr dem entsprach, was man sich darunter vorab vorgestellt
haben mag, wenn man die beiden Acts kannte, erwies sich die Scott
O)))-Platte nach den Maßstäben der Beteiligten als geradezu
zugänglich. Und irgendwie ist Walker die geradezu logische Ergänzung
zu den schwarz-getünchten Soundtracks von Sunn O))), die ja sonst
eher auf Kreischen und Grunzen aus der Metal-Fraktion als
Vocalkomponente zurückgreifen. Durch seinen theatralischen Gesang
rückt Walker die Platte daher näher in die Richtung seiner – soll
man das so nennen ?– Kunstmusik, ohne dass Anderson und O'Malley ihre Wurzeln im Boden der bis zum Anschlag aufgerissenen Amps verleugnen müssten. Dennoch ist und bleibt das eher
Musik für ausgewählte Stunden, in denen sie jedoch große Wirkung
entfalten kann. Wer zwei Kandidaten dieses Kalibers innerhalb eines
Jahres ins Rennen schickt, darf hier auf gar keinen Fall fehlen.
Yob – Clearing The Path To Ascend
Noch einmal Schwermetall, diesmal aber
in einer etwas weniger avantgardistischen Form, dafür mit noch mehr
Blei in der Weste. Yob loten seit einigen Jahren – mit einer kurzen
Pause zwecks Auflösung und Re-Union – die Möglichkeiten des Doom
Metal auf ihre Weise aus. Auf der aktuellen LP reichen ihnen dafür vier
Stücke, die aber zusammen gut eine Stunde Spielzeit erreichen. Nach
den Maßstäben populärer Musik sind das also epische Brocken, die
zudem mit einer zermalmenden Beharrlichkeit vorgetragen werden, die durchaus Urvätern wie Black Sabbath zur Ehre gereichen würden. Das
Tempo stets gedrosselt, entwickeln sich die Stücke, ohne dass sie zu
einer Leistungsschau des Musikhochschul-Seminars ausarten würden,
sondern eher wie eine sich häutende Schlange daher kommen: die alte sterbliche
Hülle fällt ab, und neue Schichten werden sichtbar. Neben den
ausgeklügelten und schweren Riffs ist es der vielseitige Gesang,
der den Stücken Tiefgang verleiht, wenn er zwischen
Death-Metal-artigem Grunzen, unverzerrtem Sirenengesang und
Black-Metal-Kreischen changiert und damit immer wieder neue Fährten legt und Assoziationen weckt.
How To Dress Well – What Is This
Heart?
Würde man das
Intelligenz-Test-Spielchen „Wer passt nicht in diese Reihe“
spielen, würde jeder bewanderte Musikfreund wohl das Alias von Tom
Krell aus der hier erstellten Reihe aussortieren. Zugegebenermaßen fügt er sich tatsächlich
nicht gerade nahtlos ein, doch von Elektronik oder HipHop ist der
Mann noch weiter entfernt. Im Prinzip beackert er klassische Herzschmerz-Topoi mit traditionellen Songstrukturen, gießt das ganze aber
in einen digitalen Sound, der bisweilen an die Größen des R&B der 90er wie
R. Kelly gemahnt, den er konsequenterweise dann auch neulich gecovert hat. Klingt abschreckend? Mitnichten. Das ist deutlich
origineller als das, was so mancher anderer Jammerlappen absondert
und erschließt neue Ausdrucksfelder für das bleichgesichtige
Songwriting, wodurch lupenreiner Pop des Seelenleidens entsteht.
Bob Mould – Beauty And Ruin
Bob Mould hat einst neben Grant Hart in
der Post-Punk-Legende Hüsker Dü gedient und veröffentlicht seit
deren Ende verlässlich immer wieder wunderbare Gitarrenalben, die
die melancholische und zugleich eingängigere Seite des Oeuvres
seiner einstigen Band weiterführen. Wirklich Neues bietet er auf der
aktuellen Platte nicht, er variiert wie die meisten brillanten
Songwriter, das, was er am besten kann: wütend, traurige Stücke
über die Ungerechtigkeiten dieser Welt und das eigene Leiden daran. Im Ernstfall könnte auch
ein Datum aus den 90ern irgendwo als Aufnahmedatum auf dieser LP
versteckt sein. Das ändert aber nichts daran, dass es eine weitere
feine Platte eines Unverdrossenen ist, der konsequent seinen Weg geht. Und weil
das so schön und bewegend ist, wird Hüsker Dü und seinen beiden
Protagonisten demnächst mal ein eigener Post gewidmet.