caddy

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Mittwoch, 28. Januar 2015

Auslese 2014 – Teil 5


Nachdem letztes Mal die Welt des HipHop nach bleibenden Eindrücken aus dem Jahr 2014 abgesucht wurde, ist heute das weite Feld der Gitarrenmusik dran bzw. der Ausschnitt aus diesem gigantischen Feld, für den ich mich irgendwie interessiere.

Swans – To be kind

Auch wenn ich es generell schwierig finde, „die eine“ Platte herauszufischen, so lässt sich im Fall der Swans kaum leugnen, dass die Mannschaft um Michael Gira mit der dritten Platte nach ihrer Wiederbelebung ein wirklich herausragendes Werk geschaffen hat. In der Hinsicht bin ich zwar ein Spätzünder, da erst der Vorgänger „The Seer“ mich auf diese Band aufmerksam gemacht hat, was aber dem Enthusiasmus für diesen brachialen, widerspenstigen und geradezu hypnotisierenden Sound natürlich in keinster Weise schmälert. Die Stücke wirken einerseits in ihrer oberflächlichen strukturellen Schlichtheit monochrom, entfalten aber in ihrer beständigen Wiederholung, Variation und Steigerung eine epische Dimension, der man sich kaum entziehen kann. Ich trauere heute noch dem Konzertabend im Gebäude 9 nach, an dem es das live zu hören und zu spüren gab und ich nicht dabei sein konnte. Vielleicht springt Hagen ja mal mit einem Review des Abends ein.


Sunn O)))) mit Ulver bzw. Scott Walker

Die beiden wahnsinnigen Dekonstruktivisten des Black Metal / Drone, Stephen O'Malley und Greg Andersen, habe ich seit längerem ins Herz geschlossen. Dieses Jahr haben sie mit gleich zwei Kollaborationen für Verzückung vor dem Plattenspieler gesorgt. Zunächst erschien die länger angekündigte Platte gemeinsam mit den norwegischen Black-Metal-und-jedes-andere-erdenkliche-Genre-und-Nicht-Genre-Veteranen Ulver, die ich schon ausführlicher besprochen habe. Und auf der Ziellinie gen Jahresabschluss haben sie mit der gemeinsamen LP mit Scott Walker, dem Crooner der Apokalypse, nachgelegt, bei dem die Sonne schon lange nicht mehr scheint. Nachdem die Black-Ambient-LP mit Ulver so ungefähr dem entsprach, was man sich darunter vorab vorgestellt haben mag, wenn man die beiden Acts kannte, erwies sich die Scott O)))-Platte nach den Maßstäben der Beteiligten als geradezu zugänglich. Und irgendwie ist Walker die geradezu logische Ergänzung zu den schwarz-getünchten Soundtracks von Sunn O))), die ja sonst eher auf Kreischen und Grunzen aus der Metal-Fraktion als Vocalkomponente zurückgreifen. Durch seinen theatralischen Gesang rückt Walker die Platte daher näher in die Richtung seiner – soll man das so nennen ?– Kunstmusik, ohne dass Anderson und O'Malley ihre Wurzeln im Boden der bis zum Anschlag aufgerissenen Amps verleugnen müssten. Dennoch ist und bleibt das eher Musik für ausgewählte Stunden, in denen sie jedoch große Wirkung entfalten kann. Wer zwei Kandidaten dieses Kalibers innerhalb eines Jahres ins Rennen schickt, darf hier auf gar keinen Fall fehlen.





Yob – Clearing The Path To Ascend

Noch einmal Schwermetall, diesmal aber in einer etwas weniger avantgardistischen Form, dafür mit noch mehr Blei in der Weste. Yob loten seit einigen Jahren – mit einer kurzen Pause zwecks Auflösung und Re-Union – die Möglichkeiten des Doom Metal auf ihre Weise aus. Auf der aktuellen LP reichen ihnen dafür vier Stücke, die aber zusammen gut eine Stunde Spielzeit erreichen. Nach den Maßstäben populärer Musik sind das also epische Brocken, die zudem mit einer zermalmenden Beharrlichkeit vorgetragen werden, die durchaus Urvätern wie Black Sabbath zur Ehre gereichen würden. Das Tempo stets gedrosselt, entwickeln sich die Stücke, ohne dass sie zu einer Leistungsschau des Musikhochschul-Seminars ausarten würden, sondern eher wie eine sich häutende Schlange daher kommen: die alte sterbliche Hülle fällt ab, und neue Schichten werden sichtbar. Neben den ausgeklügelten und schweren Riffs ist es der vielseitige Gesang, der den Stücken Tiefgang verleiht, wenn er zwischen Death-Metal-artigem Grunzen, unverzerrtem Sirenengesang und Black-Metal-Kreischen changiert und damit immer wieder neue Fährten legt und Assoziationen weckt.



How To Dress Well – What Is This Heart?

Würde man das Intelligenz-Test-Spielchen „Wer passt nicht in diese Reihe“ spielen, würde jeder bewanderte Musikfreund wohl das Alias von Tom Krell aus der hier erstellten Reihe aussortieren. Zugegebenermaßen fügt er sich tatsächlich nicht gerade nahtlos ein, doch von Elektronik oder HipHop ist der Mann noch weiter entfernt. Im Prinzip beackert er klassische Herzschmerz-Topoi mit traditionellen Songstrukturen, gießt das ganze aber in einen digitalen Sound, der bisweilen an die Größen des R&B der 90er wie R. Kelly gemahnt, den er konsequenterweise dann auch neulich gecovert hat. Klingt abschreckend? Mitnichten. Das ist deutlich origineller als das, was so mancher anderer Jammerlappen absondert und erschließt neue Ausdrucksfelder für das bleichgesichtige Songwriting, wodurch lupenreiner Pop des Seelenleidens entsteht.



Bob Mould – Beauty And Ruin

Bob Mould hat einst neben Grant Hart in der Post-Punk-Legende Hüsker Dü gedient und veröffentlicht seit deren Ende verlässlich immer wieder wunderbare Gitarrenalben, die die melancholische und zugleich eingängigere Seite des Oeuvres seiner einstigen Band weiterführen. Wirklich Neues bietet er auf der aktuellen Platte nicht, er variiert wie die meisten brillanten Songwriter, das, was er am besten kann: wütend, traurige Stücke über die Ungerechtigkeiten dieser Welt und das eigene Leiden daran. Im Ernstfall könnte auch ein Datum aus den 90ern irgendwo als Aufnahmedatum auf dieser LP versteckt sein. Das ändert aber nichts daran, dass es eine weitere feine Platte eines Unverdrossenen ist, der konsequent seinen Weg geht. Und weil das so schön und bewegend ist, wird Hüsker Dü und seinen beiden Protagonisten demnächst mal ein eigener Post gewidmet.



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