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Sonntag, 5. Oktober 2014

Dub Labels for the 21st Century: Jahtari

Auf den verschiedensten Wegen gelangt man heute beim Hören aktueller Musik zu einer geographisch kleinen, kulturell aber wichtigen Quelle – Dub. Legionen von Autoren und Musikjournalisten haben sich daran abgearbeitet, die Bedeutung des in den 60ern mehr oder weniger aus Zufall geschaffenen Genres des instrumentalen Reggae für alle möglichen nachfolgenden Stile herauszuarbeiten: praktisch alle Spielarten elektronischer Musik, HipHop, Post-Punk oder auch die (selbst ernannten) direkten Nachkommen aus England wie Dubstep. Die Mutationen, die der ursprüngliche Sound von King Tubby durchlaufen und/oder befeuert hat, weisen dabei oftmals nur noch sehr rudimentäre direkte Anklänge an das Original auf, es zählt vielmehr die Geistehaltung der Abstraktion, Reduktion und Manipulation von Frequenzen, die als Prinzip schon damals dem Sound zugrunde lag.

Etwas direkter in der unmittelbaren Erbfolge des jamaikanischen Dub bewegt sich ein deutsches Label, Jahtari aus Leipzig, das seit nunmehr 10 Jahren Dub/Reggae veröffentlicht, der musikalisch vergleichsweise nah an den Wurzeln des Genres liegt. Die beiden zentralen Bezugspunkte des Sounds sind dabei praktisch schon im Labelnamen enthalten: „Jah“ im Sinne des Anknüpfens an die spirituelle Seite von Dub und Reggae sowie „Atari“ als Verweis auf die Sounds früher Heimcomputer. Konsequent wird dementsprechend auf eine körnige 8-Bit-Ästhetik gesetzt, wie man sie aus dem genannten Rechner genauso kennt wie aus den frühen Tagen des digitalen Dancehall, man denke nur an Jammys Intialzündung, den „Sleng-Teng-Riddim“ und dessen Casio-Drums.

Sowohl die Zahl der veröffentlichten Künstler als auch die Formate der Veröffentlichungen sind zahlreich. So gibt es etwa einen kontinuierlichen Output an großem und kleinem Vinyl, aber auch jede Menge Downloads wie die Net-7-Inches, Soundcloud-Mixes und CDs. Trotz der Vielzahl der beteiligten Musiker ist die von ihnen produzierte Musik in ihrem Ansatz recht homogen: schlichte, klassische Reggae-Tunes, die retro-artig produziert sind, aber mit einer spezifischen Weirdness angereichert werden, insbesondere in den Vocals, so sie denn vorhanden sind. Diese drehen sich oft um klassische Themen des Genres wie Weed, die Dancehall und ihre Protagonsiten sowie die Musik an sich, doch in der Bearbeitung der Stimme und den eigentlichen Texten schwingt immer eine leicht verfremdende, gerne auch kiffer-affine Meta-Ebene mit, insbesondere bei der tollen schottischen Sängerin Soom T. Das ist zwar einerseits recht humoristisch, andererseits aber auch sehr traditionsbewusst, denn Dub und Reggae sind hier nicht bloße Vehikel, sondern das Label sieht sich hier in einer klaren Tradition, wie nicht zuletzt die Existenz und der Inhalt einer eigenen „Theorie-Sektion“ auf der Label-Website verdeutlichen. Abgrenzen lässt sich dessen Ansatz in der gegenwärtigen Dub-Sphäre daher nach zwei Seiten: der wobbelnden Dancefloor-Sause gängiger Dubstepentwürfe wie Skream auf der kommerziellen Seite, sowie den avantgardistischen Neigungen von Labels wie Hyperdub, die den Klang von Dub in sehr abstrakte Sphären treiben und dabei weniger mit Jah und Konsorten am Hut haben als mit einem Philosophie-Seminar.

Das Mittel für die meisten Producer auf Jahtari ist in Abwendung von Trends nicht extremes Sound-Fricklertum und brachiale Kompressionsexperimente am Laptop, sondern die Rückkehr zum selbst manipulierten 8-Bit-Synth und DIY-Ästhetik, also eher ein Verweis auf Freunde des sog. Circuit-Bending oder auch die frühen Experimente und Basteleien des jamaikanischen Elektro-Ingenieurs Osbourne Ruddock aka King Tubby. Gewissermaßen als Nebenprodukt dieser Bestrebungen kann man sogar von den Betreibern des Labels höchst selbst (um)gebaute Synths bestellen. Die unter anderem damit gebauten Riddims haben als musikalische Gegenstücke zu den groben Pixeln eines Atari 512 ST eine synthetische Rohheit, der die Glattheit vieler anderer aktueller Dub-Interpretationen gänzlich abgeht. Der Zufall als Komponente, die bei der Entstehung des Dub selbst bereits eine entscheidende Rolle spielte, wird hier nicht durch die Kontrollmöglichkeiten des Studios im Rechner unterlaufen, sondern explizit durch den Hands-on-Ansatz an den Knöpfen und Reglern der Geräte kultiviert. Dies führt zu einer teils fröhlich-bekifften Anarchie, die weit entfernt ist von der Düsterkeit urbaner Dubvisionen wie von Kode9 and the Spaceape, aber nie ins Alberne kippt. Gutes Beispiel für diese Gratwanderung ist der Jahmiga-Remix des Doors-Klassikers „WhiskeyBar“, der so seltsam trunken-verzerrt daher kommt, dass man nie weiß, ob der lallende Suffkopf auf der Suche nach mehr Drinks gefährlich ist oder bloß spielen will und sich am Ende als sympathischer Saufkumpan erweisen könnte.

Eine ähnliche Fortführung der Methoden und Ideen jamaikanischer Dub-Pioniere findet sich auf der visuellen Ebene der Veröffentlichungen, hier wird auch stark mit verschiedenen Arten von Comics gearbeitet, die für die eigenen Zwecke adaptiert werden, beispielsweise durch einen qualmenden Karotten-Spliff bei Soom T & disrupt oder die Transformers-artigen Cover der Label-Compilation-Reihe „Jahtarian Dubbers“. Das historische Pendant sind hier jamaikanische Dub-Alben, die sich auch gerne aktueller Pop-Themen bedienten, deren Verwurstungen "in Dub" sie als augenzwinkernde Referenz für die Cover und Mottos ihrer eigenen Klangabenteuer nutzten wie „Prince Jammy Destroys The Invaders“, das damals sehr unsubtil auf den Arcade-Hit „Space Invaders“ anspielte. Exakt dieses Cover greift seinerseits Ras Amerlock für seinen Release „Farther East...“ auf Jahrtari auf und dreht die Zitate-Spirale damit eine Umdrehung weiter.

Man kultiviert also in Leipzig eine recht klare und eigene konzeptionelle Linie, doch die Vernetzungen des Labels zu verschiedenen anderen Musikern und Labels, die sich auf ihre Weise an der Konservierung und Weiterentwicklung des jamaikanischen Erbes abarbeiten, sind bemerkenswert. Die Jahtari-Hausproduzenten Rootah und disrupt haben eine EP von Paul St. Hilaire aka Tikiman produziert, der in den 90ern eine grandiose und geradezu stil-definierende Platte mit Rhythm &Sound aufgenommen hat. Daneben können sich auf Jahtari genauso die King-Midas-Sound-Köpfe Kiki Hitomi und Kevin Martin mit ihrem Black-Chow-Alias oder die schottische Vorzeige-Crew Mungo's Hi-Fi austoben. Als Exot unter den Kollaborateuren ist schließlich die famose kölsche Sängerin Fleur Earth zu nennen, die auf einer frühen gratis Download-Single gefeaturet wurde. Borniertheit und Snobismus sehen anders aus, den Machern scheint es bei der Auswahl ihrer Kontakte und Künstler vor allem um eine liebe- und respektvolle Haltung zum Dub sowie die gemeinsame Suche nach neuen Sound-Tiefen zu gehen.

Für 10 Jahre Basisarbeit im Namen von Jah und alten Heimcomputern ist das schon eine ziemlich beeindruckende Bilanz des Leipziger Labels. Als Einstieg in diesen eigenen Sound-Kosmos kann man eigentlich nur einen Besuch auf der label-eigenen Website empfehlen, da diese nicht nur konzept-gerecht schickes Retro-Design bietet, sondern auch zahlreiche Infos liefert sowie umfangreiche Downloads bereit hält. Man muss also noch nicht einmal Geld investieren oder in die Sümpfe der illegalen Downloads hinabsteigen, um einen Eindruck davon zu bekommen, was die Jungs und Mädels in ihrem musikalischen Gewächshaus so anbauen. Als Einstieg von meiner Seite hier die folgenden Empfehlungen / Links: Die Net-7-Inch von Gringo Starr und Fleur Earth als Download, Soom T & disrupt mit „Puff the Police“, Paul St. Hilaires "Nah Ina It" sowie schließlich die Tape-Abteilung der Jahtari-Website mit verschiedenen Gratis-Downloads. In diesem Sinne: Jah bless!




Samstag, 27. September 2014

Tom Petty – Hypnotic Eye

Es ist ziemlich genau 20 Jahre her, dass ich zuletzt ein Album von Tom Petty gekauft habe, das für mich immer noch zeitlos schöne „Wildflowers“, bei dem auch Rick Rubin Hand angelegt hat. Danach hat sich die Spur für mich verloren, hin und wieder bin ich über ein Stück oder die Meldung der Veröffentlichung von einer neuen Platte von ihm gestolpert, doch wirklich interessiert hat mich das nie. Die Euphorie, mit der das neue Album „Hypnotic Eye“ an anderen Stellen besprochen wurde, hat mich jedoch neugierig darauf gemacht, einem alten Bekannten mal wieder einen Besuch abzustatten und mir selbst einen Eindruck von dem Zustand von Tom Petty und seinem Schaffen im Jahre 2014 zu verschaffen.

Und tatsächlich ist es ein wirklich gelungenes Album, das eine interessante Balance findet zwischen einer Orientierung an den eher rockigen Seiten seines Frühwerks, die er mit düster-mystischer Südstaatenromantik anreichert, und der Reflektiertheit eines Alterswerks, dem aber noch nicht der letzte Zahn gezogen ist. Hilfreich ist dabei sicher, dass er in seinem Rücken die Heartbreakers weiß, die wie eine Synthese aus Uhrwerk und spielfreudiger Jungsbande den Sound liefern, der Studienräten mit Southern-Rock-Neigungen auf der Bühne des Stadtteilfests einfach in den Arsch tritt. Mike Campbell, Benmont Tench und Ron Blair beschwören die feuchte Hitze ihrer Heimat, und Petty selbst gibt Themen, die sich schon zu frühen Tagen durch seine Lieder zogen, einen neuen Twist. Mal lässt er gerade die Adoleszenz hinter sich („Full grown Boy“), mal artikuliert er die Wut auf lächerliche Obrigkeiten („Power Drunk“) oder die eigene politische Orientierungslosigkeit im Angesicht von Konflikten („Shadow People“). Am stärksten jedoch sind die Stücke, die tief in den Süden der USA eintauchen und beinahe wie Schnappschüsse der Szenerie aus der grandiosen Serie „True Detective“ anmuten. In „Burnt Out Town“ etwa skizziert er in schlichten wie starken Bildern zu einem Muddy-Waters-artigen Blues die Kaputtheiht verödeter Provinzkäffer, während „Red River“ eine Hommage an den bizarren Mix aus Aberglauben, Geisterbeschwörung und Religion ist, die wie im Voodoo eines Dr. John zu einem wilden und gefährlichen Gebräu gerinnen.

Dabei ist das Album im Sound homogen und vielseitig, aber ohne Schnörkel und Zugeständnisse an das sonstige musikalische Geschehen der Gegenwart. Dass er damit nicht Schiffsbruch in der Bedeutungslosigkeit erleidet, hat er einerseits seinem immer noch großen Songwriter-Künsten zu verdanken, andererseits einer Band, die in diesem Genre ihresgleichen sucht. Insofern kann man nach diesem Besuch bei einem alten Bekannten das Fazit ziehen, dass er, auch wenn man sich lange nicht gesehen hat, immer noch sein Ding macht und das auf einem Niveau, das die Wenigsten auf ihrem Zenit erreichen. Sollte sich die Gelegenheit ergeben, das Ganze auch nochmal live zu sehen, werde ich das mit ziemlicher Sicherheit tun. Für den Anfang muss das Album aber reichen. Zum Nachhören hier zwei Favoriten daraus mit „Fault Lines“ und „Burnt Out Town“ sowie den wunderschönen Klassiker „Wildflowers“.