Hier kommt der letzte Teil des
Jahresrückblicks für 2014, auch wenn es mittlerweile Februar ist.
Schließlich sollen auch noch die eher elektronischen Platten zu
ihrem Recht kommen, denn auch dort gab es das ein oder andere
Highlight.
Aphex Twin – Syro
Die erste Platte in dieser Reihe kann man wohl eher
als das Comeback des Jahres bezeichnen. Immer wieder habe ich die
Weiten des Netzes in den letzten Jahren nach einem Lebenszeichen von
Richard D. James aka Aphex Twin abgesucht, doch zu finden war da
nicht viel. Angesichts des letzten Albumtitels
„Drukqs“ vor sage und schreibe 13 Jahren kann man nun spekulieren, was das für Hintergründe gehabt haben könnte. Jetzt ist seine bizarre
Majestät, König so ziemlich aller Spielarten verspulter
elektronischer Musik, aber wieder da. „Syro“ fügt sich recht nahtlos
in sein bisheriges Schaffen ein und bietet vor allem Material,
das an die großartigen „Selected Ambient Works“ anknüpft,
manchmal aber auch in etwas gehobener Tempo-Bereiche vordringt. Die
Wildheit seiner „I care because you do“-Phase samt ihrer Kettensägen-Brachialität bleibt dagegen meist
außen vor. Blendet man den die LP begleitenden Irrsin von PR-Stunts
via Zeppelin über Geräteparklitaneien bis hin zu
Release-Flut-Drohungen aus, ist das eine gute Nachricht. Wer jetzt
erwartet hat, dass die LP mindestens eine Revolution in Gang setzen
muss, der wird vielleicht enttäuscht sein. Doch das Niveau, auf dem
man hier jammert, ist denkbar hoch. Außerdem hat James selbst
betont, dass es sich bei den jetzt veröffentlichten Stücken um
einen Querschnitt aus den letzten Jahren handelt und neues Material
schon in der Pipeline ist. Man darf also gespannt sein, was der Mann noch zu sagen hat, zumal mit
„Computer Controlled Acoustic – Pt 2“ sich der nächste Release
bereits in der Post auf dem Weg zu mit befindet.
Flying Lotus – You're Dead
Fusion Jazz ist sowas wie das
ästhetische Schreckgespenst der 70er, der Virtuositäts-Wichs-Fetisch für
Oberstudienräte, beliebige weitere Schmähungen kann hier jeder selbst einfügen. Einerseits ist es unvermeidbar, dass auf der Suche
nach potenziellen Hypes und Anknüpfungspunkten auch mal dieses Genre
dran sein muss. Andererseits gehört eine ganze Portion Innovation,
Können und Mut dazu, wenn man diesen Sound erfolgreich in einen
gegenwärtigen Musikentwurf einbetten will, der irgendwie in die
Zukunft gerichtet ist. Aktuell gibt es mit Flying Lotus wohl nur
einen Kandidaten für diese Mission Impossible, und nach den
durchgehend tollen Vorgängeralben meistert er auch diese Aufgabe
brillant, nicht zuletzt dank des Tiefton-Meisters Thundercat an
seiner Seite sowie Kollaborationen mit MCs wie Kendrick Lamar und
Snoop Dogg. Das Album ist ein irrer, psychedelischer Trip quer durch
die zerfrickelten Beatwelten, die mit einer gehörigen Portion
Retro-Fusion so richtig in Schwung gebracht werden. Und wenn es eines
Ritterschlags von höchster Stelle noch bedurft haben sollte, so
nimmt das hier Herbie Hancock vor, der auch auf ein paar Läufe auf
der Tastatur vorbeischaut. Auch der hat wohl eingesehen, dass er lieber kollaboriert und seinen eigenen Ruhm bei einer jungen Generation mehrt, statt seinen Jünger im Geiste mit Klagen wegen Copyright-Verletzungen zu überziehen. Der Klassen-Primus unter den Beat-Bastlern
des 21. Jahrhunderts hat es also wieder getan und den Kreis quadriert.
Hieroglyphic Being And The
Configurative Or Modular Me Trio – The Seer Of Cosmic Visions
Nach dem zu schließen, was ich vor
einer Weile an Kommentaren von Hieroglyphic Being zum Zeitgeschehen
gelesen habe, scheint es sich um einen Verschwörungstheoretiker und
Kosmologen erster Güte zu handeln. Kryptisch kommt auch der um zwei
optionale / fiktionale Trios erweiterte „Band-Name“ der hier gefeatureten LP daher, auch
wenn man wohl davon ausgehen kann, dass sich dahinter nur Jamal R.
Moss in Allianz mit seinen alten Analog-Maschinen verbirgt. Dass
Discogs seit 2008 ca. 30 LPs für diesen Mann listet, belegt weiter,
dass es sich hier um einen Getrieben handelt. Beides kann man auch als vage Analogien zu seinem offensichtlichen Helden und Vorbild Sun Ra lesen. Konkret finden sich auf
dieser durchaus ausgewogenen Zusammenstellung neun Stücke, in denen
der analogen Verzerrung gehuldigt wird und der Hörer sowas wie
Noise/Improv-Deep-House-Acid um die Ohren gehauen bekommt, der auch mal im Verzerrer-Rauschen versinken darf. Wem die
übliche 4-to-the-Floor-Kost zu bieder ist, aber nicht ganz auf die
straight scheppernden Drums im repetitiven Krachgewitter verzichten
möchte, der findet hier Erlösung auf höggschdem Niveau. In der
Weltmeisterkabine dürfte das aber eher nicht gelaufen sein, wohl
eher David Guetta. In einer solchen Welt, auf die wir wohl noch lange warten müssen, würde Jogi Löw dann wohl auch Sun Ra statt Helen Fischer oder Pur hören.
Cooly G – Wait 'til Night
Hyperdub ist seit vielen Jahren so
etwas wie die absolute Bank in Sachen Bass Music. Den Verlust des
grandiosen Space Ape habe ich hier schon bereits vor einigen Wochen
beklagt und dabei seine letzte EP noch einmal ins rechte Licht
gerückt. Cooly G, eine der durchaus zahlreichen Ladies im Hause
Hyperdub - wie etwa die phantastische Laurel Halo -, hat dieses Jahr nochmal nachgelegt, nachdem ihr
Debut „Playin Me“ vor zwei Jahren bereits Wellen geschlagen hat.
Bei ihr geht es reduziert digital zu, die Stimmung bewegt sich
zwischen Melancholie und erotisierter Sehnsucht. Sie vereint dabei
das Rohe und das Elegante in einem Sound, der alle denkbaren Facetten
britischer Bass Music aufgesogen hat und nun dessen feinstes
Destillat hervorbringt. Die bisweilen kühle Schlichtheit ihrer
Sounds kontrastiert teilweise scharf mit der sexuellen Aufladung der
Vocals, was einen besonderen Reiz ausmacht und dieser Platte auf
jeden Fall einen vorderen Platz einbringt.
12“es
Das mit den Maxis ist teilweise ein
etwas mühsames Geschäft, doch zwei Favoriten aus dem letzten Jahr
sollen hier noch einmal hervorgehoben werden, da sie besonders
bemerkenswert waren.
JETS feat. Jamie Lidell – Midas Touch
Bei dieser Geschichte kann ja fast
nicht schief gehen. Detroit-Revivalist Jimmy Edgar und
Avant-Dancefloor-Frickler Travis Stewart aka Machinedrum zerren gemeinsam unter ihrem Alias JETS den
großen Crooner der elektronischen Tanzmusik, Jamie Lidell, vors Mikro.
Das Ergebnis ist fantastisch groovendes Tanzflächenmaterial mit
Tiefgang und beseeltem Gesang. Ein echtes Highlight, das aus der auch ansonsten wirklich tollen gemeinsamen LP der beiden noch einmal heraussticht.
Theo Parrish / Tony Allen – Day Like
This / Feel Loved
Natürlich könnte man Theo Parrish
auch eine Etage drüber bei den LPs für „American Intelligence“
abfeiern, wie im übrigen auch Moodymann mit seiner nach ihm selbst
benannten 2014er LP. Da jedoch beide als Deep-House-Legenden
gewissermaßen ohnehin schon larger than life sind, sei hier nur auf
die angesichts der erratischen Veröffentlichungsstrategie von Parrish leicht zu übersehende Kollaboration von ihm und dem Ur-Vater des
Afro-Beat, Tony Allen, verwiesen. Hinter seinem Drumkit treibt Allen
mit seinem absolut bestechenden und rhythmisch-vertrackten Groove
seinen Kollaborator zu Höchstleistungen an. Sounds like real Afro-Futurism.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen