Unvermeidlich für einen Vinyl-Junkie
auf Reisen ist die fieberhafte Suche nach einem örtlichen
Plattenladen für den Schuss schwarzen Goldes zwischendurch. Als kleine
Empfehlung werde ich daher hin und wieder posten, welche
empfehlenswerten Läden mir unterwegs so begegnen. Heute also
die beschauliche „Nibelungen-Stadt“ Worms, in die mich meine
Arbeit in den letzten Monaten häufiger
verschlagen hat und dies wohl auch weiterhin tun wird.
Entsprechend der Größe der Stadt ist
das Angebot an Plattenläden in Worms überschaubar. Doch unweit des
Stadtkerns in der Rheinstraße findet sich in rustikal-migrantischem
Ambiente zwischen türkischen Cafés, Gemüseladen und Tattoo-Studio
ein kleiner Laden, der kurzweilige Stunden des Kistenwühlens
verspricht, Heaven Records. Der Laden an sich ist eher klein, doch
praktisch bis unter die Decke vollgestopft vornehmlich mit Vinyl
aller Genres und Jahrgänge, ergänzt durch eine Auswahl an CDs und DVDs. Das Ganze ist zwar grob nach den
gängigen Genres sortiert, doch türmen sich überall bunte Stapel noch
nicht einsortierter Platten, in denen sich teils unvermutete Schätze
finden lassen. Also exakt das, was den Jäger und Sammler anspricht. Ein leichter stilistischer Schwerpunkt des Sortiments liegt auf
Metal, wozu es auch eine vergleichsweise große Sektion an Neuware
gibt. Ansonsten konzentriert sich das Angebot an aktuellem Vinyl auf
ein kompetent zusammengestelltes Sammelsurium an Neuerscheinungen
verschiedener Genres. So bleibt mehr als genug Platz für kistenweise
altes Vinyl, in dem sich stundenlang stöbern lässt, bei Bedarf auch
mit vorhören.
Besitzer Olli ist ein höchst
angenehmer Vertreter der Spezies Plattenladenbesitzer, der neben
einem breit gefächerten Wissensschatz rund um Musik und
Schallplatten auch solche Geschichten über Worms zu erzählen hat,
die nicht unbedingt in den klassischen Reiseführer gehören. Die Preise reichen von
moderat bis durchschnittlich, sind aber prinzipiell
verhandelbar. Wer also keine Angst vor staubigen Fingern hat und
seine Freude daran findet, in etwas wilden Stapeln an Vinyl nach Gold
zu graben, ist hier genau richtig bzw. findet hier das, was der Name des Ladens verspricht: Heaven. Als kleiner Beweis hier ein Auszug
aus meiner Beute der letzten Besuche:
Lorraine Ellison – Stay with me
Eine fantastische Soul-Sängerin, die 1969 mit dem Titelsong dieses Albums einen Hit hatte,
ansonsten eher unter dem Radar der allgemeinen Aufmerksamkeit fliegt,
unter Northern Soul Freunden aber wohl ein Begriff ist. Dieses erste
Album von ihr liegt stilistisch nahe an dem gospel-getränkten Sound
der frühen Aretha Franklin und steht dieser auch in Sachen Intensität
und Gesangskünsten praktisch in nichts nach. Dringend zu empfehlen, insbesondere der Dancefloor Filler "The hurt came back again" als auch die erste Aufnahme des später von Janis Joplin aufgenommenen "Just a little bit harder".
Super Biton de Segou – Afro Jazz du
Mali
Diese Platte hat sich als völlig
unerhoffte Perle erwiesen, da es mehr als schwierig ist, halbwegs
vernünftig erhaltenes Original-Vinyl afrikanischer Musik zu aus den
60ern und 70ern zu finden. Dieses zwölfköpfige Ensemble bietet
dabei alles, was man sich von einem Release aus dieser Zeit und
dieser Region nur wünschen kann: swingende, poly-rhythmische
Grooves, fette Bläsersätze und afrikanische Gesänge: eine fantastische Synthese aus
afrikanischer Tradition und afro-amerikanisch geprägter Moderne.
Black Sabbath – Master of Reality
Zugegeben handelt es sich bei dem Album
kaum um eine völlig unbekannte Rarität, doch wie eigentlich alle
Sabbath-Platten aus der frühen Phase mit dem klassischen Lineup kann
man dabei nie ganz falsch liegen. Die Kinder der nordenglischen
Industrie-Tristesse verweigern sich verständlicherweise auch hier
der Glückseligkeit ihrer Hippie-Zeitgenossen und zeigen ein weiteres
Mal die düstere Seite halluzinogener Drogen. Über Ozzys Solowerk –
ganz zu schweigen von seinen Reality-TV-Eskapaden - und die Qualität
von späteren Sabbath-Platten mit all den wechselnden Besetzungen kann man
streiten, doch alleine in dieser LP hat die Band den Keim für unzählige
Metalplatten kommender Dekaden tief eingegraben, eine Basis gelegt, von der unzählige Epigonen noch heute zehren können.
John Lurie - Down by Law Original
Soundtrack
Schon die Erinnerung an den Film
und die Tatsache, dass ich den dazugehörigen Soundtrack nicht
besitze, macht das Album zu einem Pflichtkauf. Lurie bewegt sich in
der ihm eigenen Art durch die Geschichte des Jazz und bricht diese
durch die Linse seiner New Yorker
Intellektuellen-Toastbrot-Perspektive. Die bizarr-absurde Stimmung
des Films zwischen existenzialistischem Drama und Komödie fängt er
mit diesen Mitteln brillant ein, nimmt sich dabei mehr zurück als etwa bei den Lounge Lizards und konzentriert sich primär auf die teils sparsame Vertonung der filmischen Atmosphäre. Als Zugabe gibt’s auf der B-Seite
noch den Soundtrack zu einem weiteren Film, „Variety“. Und nach einem Durchgang der LP ist man spätestens wieder dafür bereit, den Film noch einmal zu schauen. "Do you like Walt Whitman?".



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