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Samstag, 8. November 2014

Digging... Worms: Heaven Records

Unvermeidlich für einen Vinyl-Junkie auf Reisen ist die fieberhafte Suche nach einem örtlichen Plattenladen für den Schuss schwarzen Goldes zwischendurch. Als kleine Empfehlung werde ich daher hin und wieder posten, welche empfehlenswerten Läden mir unterwegs so begegnen. Heute also die beschauliche „Nibelungen-Stadt“ Worms, in die mich meine Arbeit in den letzten Monaten häufiger verschlagen hat und dies wohl auch weiterhin tun wird.

Entsprechend der Größe der Stadt ist das Angebot an Plattenläden in Worms überschaubar. Doch unweit des Stadtkerns in der Rheinstraße findet sich in rustikal-migrantischem Ambiente zwischen türkischen Cafés, Gemüseladen und Tattoo-Studio ein kleiner Laden, der kurzweilige Stunden des Kistenwühlens verspricht, Heaven Records. Der Laden an sich ist eher klein, doch praktisch bis unter die Decke vollgestopft vornehmlich mit Vinyl aller Genres und Jahrgänge, ergänzt durch eine Auswahl an CDs und DVDs. Das Ganze ist zwar grob nach den gängigen Genres sortiert, doch türmen sich überall bunte Stapel noch nicht einsortierter Platten, in denen sich teils unvermutete Schätze finden lassen. Also exakt das, was den Jäger und Sammler anspricht. Ein leichter stilistischer Schwerpunkt des Sortiments liegt auf Metal, wozu es auch eine vergleichsweise große Sektion an Neuware gibt. Ansonsten konzentriert sich das Angebot an aktuellem Vinyl auf ein kompetent zusammengestelltes Sammelsurium an Neuerscheinungen verschiedener Genres. So bleibt mehr als genug Platz für kistenweise altes Vinyl, in dem sich stundenlang stöbern lässt, bei Bedarf auch mit vorhören.

Besitzer Olli ist ein höchst angenehmer Vertreter der Spezies Plattenladenbesitzer, der neben einem breit gefächerten Wissensschatz rund um Musik und Schallplatten auch solche Geschichten über Worms zu erzählen hat, die nicht unbedingt in den klassischen Reiseführer gehören. Die Preise reichen von moderat bis durchschnittlich, sind aber prinzipiell verhandelbar. Wer also keine Angst vor staubigen Fingern hat und seine Freude daran findet, in etwas wilden Stapeln an Vinyl nach Gold zu graben, ist hier genau richtig bzw. findet hier das, was der Name des Ladens verspricht: Heaven. Als kleiner Beweis hier ein Auszug aus meiner Beute der letzten Besuche:




Lorraine Ellison – Stay with me

Eine fantastische Soul-Sängerin, die 1969 mit dem Titelsong dieses Albums einen Hit hatte, ansonsten eher unter dem Radar der allgemeinen Aufmerksamkeit fliegt, unter Northern Soul Freunden aber wohl ein Begriff ist. Dieses erste Album von ihr liegt stilistisch nahe an dem gospel-getränkten Sound der frühen Aretha Franklin und steht dieser auch in Sachen Intensität und Gesangskünsten praktisch in nichts nach. Dringend zu empfehlen, insbesondere der Dancefloor Filler "The hurt came back again" als auch die erste Aufnahme des später von Janis Joplin aufgenommenen "Just a little bit harder".



Super Biton de Segou – Afro Jazz du Mali

Diese Platte hat sich als völlig unerhoffte Perle erwiesen, da es mehr als schwierig ist, halbwegs vernünftig erhaltenes Original-Vinyl afrikanischer Musik zu aus den 60ern und 70ern zu finden. Dieses zwölfköpfige Ensemble bietet dabei alles, was man sich von einem Release aus dieser Zeit und dieser Region nur wünschen kann: swingende, poly-rhythmische Grooves, fette Bläsersätze und afrikanische Gesänge: eine fantastische Synthese aus afrikanischer Tradition und afro-amerikanisch geprägter Moderne.



Black Sabbath – Master of Reality

Zugegeben handelt es sich bei dem Album kaum um eine völlig unbekannte Rarität, doch wie eigentlich alle Sabbath-Platten aus der frühen Phase mit dem klassischen Lineup kann man dabei nie ganz falsch liegen. Die Kinder der nordenglischen Industrie-Tristesse verweigern sich verständlicherweise auch hier der Glückseligkeit ihrer Hippie-Zeitgenossen und zeigen ein weiteres Mal die düstere Seite halluzinogener Drogen. Über Ozzys Solowerk – ganz zu schweigen von seinen Reality-TV-Eskapaden - und die Qualität von späteren Sabbath-Platten mit all den wechselnden Besetzungen kann man streiten, doch alleine in dieser LP hat die Band den Keim für unzählige Metalplatten kommender Dekaden tief eingegraben, eine Basis gelegt, von der unzählige Epigonen noch heute zehren können.



John Lurie - Down by Law Original Soundtrack

Schon die Erinnerung an den Film und die Tatsache, dass ich den dazugehörigen Soundtrack nicht besitze, macht das Album zu einem Pflichtkauf. Lurie bewegt sich in der ihm eigenen Art durch die Geschichte des Jazz und bricht diese durch die Linse seiner New Yorker Intellektuellen-Toastbrot-Perspektive. Die bizarr-absurde Stimmung des Films zwischen existenzialistischem Drama und Komödie fängt er mit diesen Mitteln brillant ein, nimmt sich dabei mehr zurück als etwa bei den Lounge Lizards und konzentriert sich primär auf die teils sparsame Vertonung der filmischen Atmosphäre. Als Zugabe gibt’s auf der B-Seite noch den Soundtrack zu einem weiteren Film, „Variety“. Und nach einem Durchgang der LP ist man spätestens wieder dafür bereit, den Film noch einmal zu schauen. "Do you like Walt Whitman?".


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