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Mittwoch, 26. November 2014

Run The Jewels – RTJ 2


Die Geschichte des Duos, das vor kurzem die vielleicht beste HipHop-LP des Jahres veröffentlicht hat, ist einerseits die zweier denkbar unterschiedlicher Veteranen, andererseits die Geschichte eines Zusammenwachsens, das nun in einer Art Symbiose gipfelt. Da wäre zunächst Killer Mike, Vertreter des Southern-Rap aus dem Umfeld von Outkast. Seine Karriere im Windschatten der weirden Vorreiter des Atlanta-Sounds fing vielversprechend an, versackte dann aber mehr oder weniger. Sein kongenialer Partner hört auf den Künstlernahmen El-P, das Toastbrot, das mit seinen Raps und Beats einst den bahnbrechenden Indie-Sound der New Yorker Combo Company Flow prägte. Schon der Gedanke an deren Debut „Funcrusher +“ dürfte so manchem gestandenen Rucksack-HipHopper Tränen in die Augen treiben. El-P hat sich auch nach deren Ende gut gehalten, mit Def Jux ein durchaus einflussreiches Label gegründet und sowohl als Solo-Künstler wie auch als Produzent für andere über die Jahre hinweg konsistent gute bis exzellente Arbeit abgeliefert.

Irgendwann kam das Management von El-P auf die Idee, diesen doch mal mit dem etwas strauchelnden Killer Mike zusammenzubringen, der gerade an einem neuen Album werkelte. Wie das manchmal so läuft, schlossen die beiden sich gegenseitig binnen Minuten ins Herz und begannen, an Tracks zu arbeiten. Das Resultat war das Killer-Mike-Album „R.A.P. Music“, bei dem El-P sich – noch - auf das Basteln der Beats beschränkte, was nichts daran ändert, dass dies ein wahnsinnig intensives und treibendes Album wurde. Killer Mike vereinte hier all die widersprüchlichen Einflüsse des Südens, von triebgesteuertem Booty über Gangstergeschichten bis hin zu politischen und religiösen Anwandlungen. Die beiden hatten offensichtlich Blut geleckt, so dass nur ein Jahr später ein Album erschien, bei dem sie sich die Verse am Micro teilten und El-P erneut die Produktion besorgte. Run The Jewels war geboren. Ohne großes Tamtam und als Gratis-Download gab es das Resultat der Kollaboration und begeisterte schon damals.

Die Synthese ist seitdem weiter gereift. Der Held des weißen New Yorker Indie-Rap und der toughe Kerl aus dem Süden mit publicty-tauglichem Vorstrafenregister sind auf ihrem zweiten, schlicht „RTJ 2“ betitelten Album zu einer Einheit zusammengewachsen, die ihresgleichen sucht. Auch dieses Mal gibt’s das Album gratis als Download, die Finanzierung läuft über die entsprechenden physischen Ausgaben in Schwarz und Silber. Dabei wissen sie mit Mass Appeal ein von Nas gegründetes Label hinter sich, das durchaus ambitioniert daher kommt. Wohl auch dank deren gekonnter PR-Arbeit erleben die aktuell beiden einen Hype, den man von so einer Kollaboration von zwei semi-bekannten Rappern um die 40 wohl kaum erwarten konnte. Doch diesmal muss man dem Motto von Public Enemy widersprechen: „Do believe the hype!“.

Traditionalisten ergötzen sich dieser Tage an Platten, die aus einem beliebigen Jahr der ersten Hälfte der 90er stammen könnte, doch hier zeigen zwei alte Hasen, wie man diesen Vibe in die Gegenwart rettet und dieser mit den eigenen Mitteln in den Arsch tritt. Die beiden rappen – wie etwa auf dem Opener „Jeopardy“ - mit einer Intensität, Rohheit und zugleich technischen und lyrischen Finesse, die nicht nur von der Wut im Bauch gespeist ist, sondern auch durch Jahre des professionellen Wortspiels rhetorisch geschult ist. Ständig scheinen sie zu drohen – don't fuck with us! Die Produktion von El-P ist einerseits rauh und eher digital, geht aber andererseits ihren eigenen Weg jenseits aktueller Trap-Schablonen. Die Beats sind komplex und entwickeln sich im Verlauf eines Stücks, gehen ein Wechselspiel mit den Lyrics ein und sind somit weit mehr als rhythmische Landschaften für Straßenpoesie.

In der eher knappen Laufzeit von ca. 40 Minuten absolvieren die beiden einen Parcours an Themen und Stilen, bei dem einen selbst als Zuhörer die Puste auszugehen droht. Harte Double-Time-Raps auf „Oh my, don't cry“, eine vulgäre Booty-Hommage an 2 Live Crew auf „Love again“, die gender-theoretisch korrekt durch die weiblichen Vocals von Gangsta Boo gebrochen wird. Die proklamiert lauthals: „He's got my clit in his mouth all day“ als Gegenpart zum freudig von den beiden Jungs intonierten Slogan: "She got my dick in her mouth all day". Sogar das verlorene Wunderkind des Crossover der 90er schaut auf einen Vers rein: Zack de la Rocha von Rage against the Machine gibt sich auf „Close your eyes“ die Ehre, und das durchaus mit Anstand und dem gesunden Maß an Härte, um hier nicht als Softie da zu stehen. Schließlich knüpfen sie auch an die besten Zeiten von Pulic Enemy an, wenn sie auf „Early“ Polizeigewalt thematisieren, mit Aggressivität, Können und musikalischer Verve, was in unverhoffter und tragischer Weise an Aktualität kaum zu überbieten ist. Dass sie dabei mit der ethnischen Schwarz-Weiss-Dichotomie ihres Duos spielen können, hat seinen ganz eigenen Reiz, der aber nie plump ausgespielt wird. Damit haben sie es dann sogar bis zu David Letterman geschafft.



So erweist sich die LP als ein derart dichtes Gewebe, das keine Sekunde zu lang ist und einen Punch hat, den man bei den allermeisten rappenden Zeitgenossen vergeblich sucht. Hier laufen zwei Veteranen im vermeintlichen Herbst ihrer Karriere zu einer Form auf, in der sie all ihre Erfahrung in die Waagschale werfen und sowohl dem Nachwuchs zeigen, wo der Hase namens Zeitgeist langläuft, als auch ihren Altersgenossen, was man mit seiner Zeit so anfangen kann, wenn man sich nicht auf die Pflege des eigenen Nachlasses zu Lebzeiten oder das Verfassen von Kochbüchern konzentriert. Da die Spanne bis zum Jahresende nicht mehr allzu lange ist, wage ich schon mal zu bilanzieren, dass Rap 2014 nicht mehr besser wird. Allerdings hätte man sich mit der Prognose wohl auch vor einem halben Jahr nicht allzu weit aus dem Fenster gelehnt. Und damit ist noch nicht Schluss. Via Kickstarter wurde aus einem zugegebenermaßen albernen Promo-Gag Ernst. Aktuell arbeitet El-P an einem Remix des Albums - "Meow The Jewels", der überwiegend aus Katzen-Geräuschen bestehen soll. Das Casting in einem Tierheim in Brooklyn gibt's hier zu sehen.



Als Reminiszenz an Company Flow gibt es deren Klassiker "8 steps to perfection", dazu Killer Mikes Homage an die politische Nemesis seiner Jugend, "Reagan", und schließlich die erste Single von RTJ 2, "Blockbuster Night". 







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