Irgendwann kam das Management von El-P
auf die Idee, diesen doch mal mit dem etwas strauchelnden Killer Mike
zusammenzubringen, der gerade an einem neuen Album werkelte. Wie das
manchmal so läuft, schlossen die beiden sich gegenseitig binnen
Minuten ins Herz und begannen, an Tracks zu arbeiten. Das Resultat
war das Killer-Mike-Album „R.A.P. Music“, bei dem El-P sich –
noch - auf das Basteln der Beats beschränkte, was nichts daran
ändert, dass dies ein wahnsinnig intensives und treibendes Album
wurde. Killer Mike vereinte hier all die widersprüchlichen Einflüsse
des Südens, von triebgesteuertem Booty über Gangstergeschichten bis
hin zu politischen und religiösen Anwandlungen. Die beiden hatten
offensichtlich Blut geleckt, so dass nur ein Jahr später ein Album
erschien, bei dem sie sich die Verse am Micro teilten und El-P erneut
die Produktion besorgte. Run The Jewels war geboren. Ohne großes
Tamtam und als Gratis-Download
gab es das Resultat der Kollaboration und begeisterte schon damals.
Die Synthese ist seitdem weiter
gereift. Der Held des weißen New Yorker Indie-Rap und der toughe
Kerl aus dem Süden mit publicty-tauglichem Vorstrafenregister sind
auf ihrem zweiten, schlicht „RTJ 2“ betitelten Album zu einer
Einheit zusammengewachsen, die ihresgleichen sucht. Auch dieses Mal
gibt’s das Album gratis als Download,
die Finanzierung läuft über die entsprechenden physischen Ausgaben
in Schwarz und Silber. Dabei wissen sie mit Mass Appeal ein von Nas
gegründetes Label hinter sich, das durchaus ambitioniert daher
kommt. Wohl auch dank deren gekonnter PR-Arbeit erleben die aktuell beiden einen Hype, den man von so
einer Kollaboration von zwei semi-bekannten Rappern um die 40 wohl
kaum erwarten konnte. Doch diesmal muss man dem Motto von Public
Enemy widersprechen: „Do believe the hype!“.
Traditionalisten ergötzen sich dieser
Tage an Platten, die aus einem beliebigen Jahr der ersten Hälfte der
90er stammen könnte, doch hier zeigen zwei alte Hasen, wie man
diesen Vibe in die Gegenwart rettet und dieser mit den eigenen
Mitteln in den Arsch tritt. Die beiden rappen – wie etwa auf dem
Opener „Jeopardy“ - mit einer Intensität, Rohheit und zugleich technischen und lyrischen Finesse, die nicht nur von der
Wut im Bauch gespeist ist, sondern auch durch Jahre des
professionellen Wortspiels rhetorisch geschult ist. Ständig scheinen
sie zu drohen – don't fuck with us! Die Produktion von El-P ist
einerseits rauh und eher digital, geht aber andererseits ihren eigenen
Weg jenseits aktueller Trap-Schablonen. Die Beats sind komplex und
entwickeln sich im Verlauf eines Stücks, gehen ein Wechselspiel mit
den Lyrics ein und sind somit weit mehr als rhythmische Landschaften
für Straßenpoesie.
In der eher knappen Laufzeit von ca. 40
Minuten absolvieren die beiden einen Parcours an Themen und Stilen,
bei dem einen selbst als Zuhörer die Puste auszugehen droht. Harte
Double-Time-Raps auf „Oh my, don't cry“, eine vulgäre
Booty-Hommage an 2 Live Crew auf „Love again“, die
gender-theoretisch korrekt durch die weiblichen Vocals von Gangsta
Boo gebrochen wird. Die proklamiert lauthals: „He's got my clit in
his mouth all day“ als Gegenpart zum freudig von den beiden Jungs intonierten Slogan: "She got my dick in her mouth all day". Sogar das verlorene Wunderkind des Crossover
der 90er schaut auf einen Vers rein: Zack de la Rocha von Rage against the Machine gibt sich auf
„Close your eyes“ die Ehre, und das durchaus mit Anstand und dem
gesunden Maß an Härte, um hier nicht als Softie da zu stehen.
Schließlich knüpfen sie auch an die besten Zeiten von Pulic Enemy
an, wenn sie auf „Early“ Polizeigewalt thematisieren, mit Aggressivität,
Können und musikalischer Verve, was in unverhoffter und tragischer
Weise an Aktualität kaum zu überbieten ist. Dass sie dabei mit der
ethnischen Schwarz-Weiss-Dichotomie ihres Duos spielen können, hat seinen ganz eigenen
Reiz, der aber nie plump ausgespielt wird. Damit haben sie es dann
sogar bis zu David Letterman geschafft.
So erweist sich die LP als ein derart
dichtes Gewebe, das keine Sekunde zu lang ist und einen Punch hat,
den man bei den allermeisten rappenden Zeitgenossen vergeblich sucht.
Hier laufen zwei Veteranen im vermeintlichen Herbst ihrer Karriere zu
einer Form auf, in der sie all ihre Erfahrung in die Waagschale
werfen und sowohl dem Nachwuchs zeigen, wo der Hase namens Zeitgeist
langläuft, als auch ihren Altersgenossen, was man mit seiner Zeit so
anfangen kann, wenn man sich nicht auf die Pflege des eigenen
Nachlasses zu Lebzeiten oder das Verfassen von Kochbüchern
konzentriert. Da die Spanne bis zum Jahresende nicht mehr allzu lange
ist, wage ich schon mal zu bilanzieren, dass Rap 2014 nicht mehr
besser wird. Allerdings hätte man sich mit der Prognose wohl auch
vor einem halben Jahr nicht allzu weit aus dem Fenster gelehnt. Und damit ist noch nicht Schluss. Via Kickstarter wurde aus einem zugegebenermaßen albernen Promo-Gag Ernst. Aktuell arbeitet El-P an einem Remix des Albums - "Meow The Jewels", der überwiegend aus Katzen-Geräuschen bestehen soll. Das Casting in einem Tierheim in Brooklyn gibt's hier zu sehen.
Als Reminiszenz an Company Flow gibt es deren Klassiker "8 steps to perfection", dazu Killer Mikes Homage an die politische Nemesis seiner Jugend, "Reagan", und schließlich die erste Single von RTJ 2, "Blockbuster Night".
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