Wenn man von Plattensammlern und
Vinyl-Nerds spricht, gibt es wohl eine Person, die einen unumstritten
ikonischen Status hat und für die musikalische Sozialisation von
Heerscharen britischer Musiker und Hörer verantwortlich war: John
Peel, seines Zeichens BBC-Moderatoren-Legende. Ziemlich genau 37
Jahre lang hat er seine Landsleute und alle sonstigen Menschen mit
BBC-Empfang mit Musik versorgt, die er liebte und die er mit
möglichst vielen Menschen teilen wollte. Radikale Subjektivität,
bedingungslose Hingabe und ewig-jugendlicher Enthusiasmus waren dabei
seine Markenzeichen. Dass vieles von dem, was er über den Äther
schickte, zumindest vor seiner Sendung leicht bis extrem obskur war,
machte ihn lange zu einer einzigartigen Erscheinung zumindest in der
öffentlichen und kommerziellen Radiolandschaft des UK. Wenig überraschend hatte er seine Wurzeln nicht in der grauen Rundfunkbürokratie der BBC, sondern in der langen, bis heute andauernden
Tradition des britischen Piratenradios. Dessen Protagonisten waren bereits in den 60ern von Schiffen vor der
Küste Englands aus angetreten, um die
musikalischen Schwingungen der Subkultur unzensiert zu verbreiten. Heute bauen deren Nachfolger hingegen temporäre Stationen auf Dächern der Wohnsilos von London auf und schicken die frischesten Vibes urbaner britischer Musik in den Äther.
Im Laufe seiner Karriere hat Peel neben dem Senden bereits gepresster Platten
vielen Bands zu eigenen „Peel Sessions“ in den BBC-Studios
verholfen, darunter frühe Klassiker wie die Small Faces, The Smiths
oder auch Nirvana, bevor sie mit „Nevermind“ groß raus kamen.
Nach wie vor mythenumrankt ist aber vor allem die praktisch
unüberschaubare Masse an Vinyl, die Peel im Laufe seiner Karriere
als Empfänger von Promos genauso wie als obsessiver Sammler
angehäuft hat. Dieser Hinterlassenschaft in schwarzem Plastik hat
nun – auch unter Beteiligung seiner Familie – eine Website
ein höchst würdiges Denkmal gesetzt. Auf dieser Seite kann man via
Maus selbst durch die Regale surfen, die von ausgewählten Musiker
kuratierten Auslesen bestaunen oder auch das Verzeichnis der Peel
Sessions durchgehen. Mit anderen Worten: ein unschätzbarer Fundus
für Plattenfreaks, bei dem allerdings die Finger nicht staubig
werden. Dig it – here!
Bei Peels Website geht es also um so
etwas wie eine würdige Nachlassverwaltung für eine verstorbene
Ikone in seinem Geiste. Einen anderen Weg hat hier Afrika Bambaataa
gewählt, Gründer der Zulu Nation, HipHop-Pionier und Säulenheiliger
der DJ Culture. Statt das Schicksal seines Vinyls den Hinterbliebenen
und damit der Ungewissheit zu überlassen, hat er sich selbst um die Kanonisierung seines
physischen Nachlasses zu Lebzeiten gekümmert, indem er seine
Plattensammlung dem Archiv der Cornell University zu akademischen
Zwecken zur Verfügung gestellt hat. Zuvor waren bereits zumindest
Teile des Bestands in einer Galerie zu besichtigen, was wohl als eine
Art Vorstufe zum Empfang höchster akademischer Weihen zu verstehen
ist.
Das Ganze zeugt von einem ausgeprägten
Bewusstsein Bambaataas hinsichtlich der eigenen Bedeutung in der
Musikgeschichte, was ja letztlich nicht zu leugnen ist. So
kommentiert er heute bereits in bester Elder-Statesman-Pose seine
Vita und schaut gelassen zu, wie sich seine Nachfahren an den
Turntables und Mikrofonen schlagen. Das mag etwas hochtrabend wirken,
doch irgendwie sympathisch ist es trotzdem, wenn dieser Koloss von
einem Mann mit einer Platte und einem dicken Wälzer im Arm einzelne Highlights seiner
Karriere – etwa als DJ in einem italienischen Fußballstadion bei
einem Techno Festival – Revue passieren lässt.
Letztlich eint diese beiden höchst
unterschiedlichen Figuren nicht nur eine zumindest vermeintlich typisch-männliche,
nerdhafte Sammelleidenschaft, sondern auch der wilde Eklektizismus,
der keine Genre-Grenzen kennt. Aus dem jugendlichen Trieb, Massen an
Vinyl anzuhäufen und anderen vorzuführen, was es alles an
großartiger Musik da draußen gibt, ist bei beiden nicht nur ein
unschätzbarer musikalischer Schatz entstanden, der nun auf
unterschiedliche Weise öffentlich zugänglich ist – in den
heiligen Hallen von Academia oder in den Weiten des Internets. Auf
ihre Weise haben beide mit ihrer Persönlichkeit durch das Medium
Vinyl einen bleibenden Einfluss auf Hörer und Musiker mehrerer
Generationen ausgeübt.
Als kleine Appetizer noch "Looking for the perfect Beat" von Afrika Bambaataa sowie die vollständigen Peel Sessions von The Smiths:
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen