caddy

caddy
Posts mit dem Label digging werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label digging werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Dienstag, 24. Februar 2015

Digging... Comeback Records Mannheim

Die Freuden der nie endenden Schallplattensuche hat mich im letzten Jahr zweimal ins beschauliche Mannheim geführt. In den sog. Quadraten, jener zweifelhaften städteplanerischen Errungenschaft, für die Mannheim mehr oder weniger berühmt ist, findet man mit Comeback Records einen kleinen aber durchaus feinen Laden, der die wesentlichen Anforderungen zur Befriedigung der Gelüste eines Crate Diggers erfüllt. Vor der Tür stehen die obligatorischen Ein-Euro-Kisten, im Erdgeschoss gibt's DVDs und CDs und im Keller schließlich jede Menge Vinyl mit Potenzial für staubige Finger.

Der stilistische Schwerpunkt liegt eher auf dem Bereich Gitarre/Metal, doch auch die Jazz-Abteilung kann sich durchaus sehen lassen. Insbesondere im Bereich des härteren Metal sowie Stoner/Doom findet sich ein reichhaltiges Angebot an Neuem und Altem. Doch auch die übrigen Genres sind recht bunt und mit der einen oder anderen Überraschung bestückt, so dass sich neugieriges Graben auf alle Fälle lohnt. Neuware gibt's natürlich auch, wobei sich hier der Schwerpunkt auf Gitarren besonders niederschlägt, aktuelle Releases aus den Bereichen Elektronik oder HipHop sind hier eher spärlich gesät.



Vorgehört werden können die potenziellen schwarzen Schätze natürlich auch, wenngleich die einzige Aparatur hierfür schon deutlich bessere Tage gesehen hat. Jedem Audiophilie-Nazi dürfte allein die Vorstellung kalte Schauer über den Rücken schicken, seine Platten einem solchen Gerät auszusetzen. Wie sich das für einen Vinyl-Dealer gehört, wird an der Theke ordentlich getratscht und gefachsimpelt, und der Besitzer ist durchaus verhandlungsbereit, was die aufgeklebten Preise angeht. Diese sind im übrigen nicht durchgehend aus Discogs abgetippt, so dass sich hier bisweilen mit Beharrlichkeit ein Schnäppchen finden lässt. In meiner Plattentasche sind aus dem Sortiment bisher u.a. die folgenden LPs gelandet:

Camper Van Chadbourne - Dito

Einen posthumen Hit haben Camper van Beethoven Michael Moore zu verdanken, der ihren grandiosen Song "Take the Skinheads Bowling" für seinen Film "Bowling for Columbine" verwendete. Neben den eingängigen Varianten, die Sänger David Lowery später mit seiner zweiten Band Cracker auch kommerziell perfektionierte, hatten die kalifornischen Sound-Anarchisten aber auch krachig-verspielten Irrsinn drauf. Den haben sie auf ihrem dritten, selbstbetitelten Album mit Unterstützung von Eugene Chadbourne wohl auf die Spitze getrieben. Die Platte hätte genausogut im Free-Jazz-Fach landen können, weshalb der Labeldruck auch als Karikatur der Impulse-Ästhetik daher kommt. Ein wunderbar abseitiges Stündchen Humor mit einer ordentlichen Prise Lärm, das instrumentalen Freak-Out mit Bluegrass paart, ohne dass dies wie ein Bruch erschiene. Und bei Eugene Chadbourne kann man eigentlich eh blind zugreifen.



James "Blood" Ulmer - Are You Glad To Be In America?

Noch vor wenigen Wochen habe ich den fraglichen James "Blood" Ulmer live mit seinem Trio gesehen, und man muss sagen, dass der Mann noch jede Menge Wucht hat und von Altersmilde noch keine Spur zeigt. Diese 1980 für Rough Trade eingespielte Platte begründete jedoch erst seinen Ruf als Gitarren-Erbe der Harmolodik von Ornette Coleman und Erfinder des Free Funk. Zur Seite standen ihm damals unter anderem so prominente Unterstützer wie Ronald Shannon Jackson an den Drums und David Murray am Saxophon sowie der Trompeter Olu Dara, dessen Sohn zwölf Jahre später unter dem Künstlernamen Nas für Furore ganz anderer Art sorgen sollte. Die Platte geht ordentlich zur Sache, hält sich dabei aber meist an ein recht stabiles und gerades rhythmisches Gerüst, was wohl als Tribut an den Funk betrachtet werden kann. Die etwas unterkühlte Klangästhetik konterkariert das Ganze zudem ein wenig und rückt den Sound näher in die Gefilde des Labels und der Zeit, die sie hervorbrachte.



Sly & The Revolutionaries meet Lloyd Parks, We the People band and Roots Radics - Trench Town Dub
Der Interpreten-Name dieser Platte ist rekordverdächtig lang, doch alle vier erwähnten Beteiligten machen bereits klar, dass es sich hier um ein All-Star-Line-Up in Sachen Dub handelt, wenngleich kaum Details zur Aufnahme zu erfahren sind, außer dass sie 1976 in den Studios von Channel One und Joe Gibbs entstanden sind, beides Garanten für feinsten Dub aus dieser Ära. Dementsprechend wird hier stark reduzierter und tiefer Dub geliefert, der nach den beiden zuvor erwähnten Platten eine Art Friedensangebot in Sachen entspanntes Hören darstellt, zugleich aber die Bässe der Anlage ordentlich herausfordert. Für mich ist das ein Sound, von dem ich eigentlich nicht genug bekommen kann, bei dem ich mich aber manchmal frage, wie viele Variationen ich davon noch brauche. Diese Variation ist auf jeden Fall eine überaus feine, nicht zuletzt da sie wirklich oft nur noch Haut und Knochen des rhythmischen Gerüsts präsentiert und damit das, was man bei einer guten Dub-Platte sehen bzw. hören will. Jah bless!



Mittwoch, 19. November 2014

Vinyl Maniacs: John Peel / Afrikaa Bambaataa


Wenn man von Plattensammlern und Vinyl-Nerds spricht, gibt es wohl eine Person, die einen unumstritten ikonischen Status hat und für die musikalische Sozialisation von Heerscharen britischer Musiker und Hörer verantwortlich war: John Peel, seines Zeichens BBC-Moderatoren-Legende. Ziemlich genau 37 Jahre lang hat er seine Landsleute und alle sonstigen Menschen mit BBC-Empfang mit Musik versorgt, die er liebte und die er mit möglichst vielen Menschen teilen wollte. Radikale Subjektivität, bedingungslose Hingabe und ewig-jugendlicher Enthusiasmus waren dabei seine Markenzeichen. Dass vieles von dem, was er über den Äther schickte, zumindest vor seiner Sendung leicht bis extrem obskur war, machte ihn lange zu einer einzigartigen Erscheinung zumindest in der öffentlichen und kommerziellen Radiolandschaft des UK. Wenig überraschend hatte er seine Wurzeln nicht in der grauen Rundfunkbürokratie der BBC, sondern in der langen, bis heute andauernden Tradition des britischen Piratenradios. Dessen Protagonisten waren bereits in den 60ern von Schiffen vor der Küste Englands aus angetreten, um die musikalischen Schwingungen der Subkultur unzensiert zu verbreiten. Heute bauen deren Nachfolger hingegen temporäre Stationen auf Dächern der Wohnsilos von London auf und schicken die frischesten Vibes urbaner britischer Musik in den Äther.

Im Laufe seiner Karriere hat Peel neben dem Senden bereits gepresster Platten vielen Bands zu eigenen „Peel Sessions“ in den BBC-Studios verholfen, darunter frühe Klassiker wie die Small Faces, The Smiths oder auch Nirvana, bevor sie mit „Nevermind“ groß raus kamen. Nach wie vor mythenumrankt ist aber vor allem die praktisch unüberschaubare Masse an Vinyl, die Peel im Laufe seiner Karriere als Empfänger von Promos genauso wie als obsessiver Sammler angehäuft hat. Dieser Hinterlassenschaft in schwarzem Plastik hat nun – auch unter Beteiligung seiner Familie – eine Website ein höchst würdiges Denkmal gesetzt. Auf dieser Seite kann man via Maus selbst durch die Regale surfen, die von ausgewählten Musiker kuratierten Auslesen bestaunen oder auch das Verzeichnis der Peel Sessions durchgehen. Mit anderen Worten: ein unschätzbarer Fundus für Plattenfreaks, bei dem allerdings die Finger nicht staubig werden. Dig it – here!

Bei Peels Website geht es also um so etwas wie eine würdige Nachlassverwaltung für eine verstorbene Ikone in seinem Geiste. Einen anderen Weg hat hier Afrika Bambaataa gewählt, Gründer der Zulu Nation, HipHop-Pionier und Säulenheiliger der DJ Culture. Statt das Schicksal seines Vinyls den Hinterbliebenen und damit der Ungewissheit zu überlassen, hat er sich selbst um die Kanonisierung seines physischen Nachlasses zu Lebzeiten gekümmert, indem er seine Plattensammlung dem Archiv der Cornell University zu akademischen Zwecken zur Verfügung gestellt hat. Zuvor waren bereits zumindest Teile des Bestands in einer Galerie zu besichtigen, was wohl als eine Art Vorstufe zum Empfang höchster akademischer Weihen zu verstehen ist.

Das Ganze zeugt von einem ausgeprägten Bewusstsein Bambaataas hinsichtlich der eigenen Bedeutung in der Musikgeschichte, was ja letztlich nicht zu leugnen ist. So kommentiert er heute bereits in bester Elder-Statesman-Pose seine Vita und schaut gelassen zu, wie sich seine Nachfahren an den Turntables und Mikrofonen schlagen. Das mag etwas hochtrabend wirken, doch irgendwie sympathisch ist es trotzdem, wenn dieser Koloss von einem Mann mit einer Platte und einem dicken Wälzer im Arm einzelne Highlights seiner Karriere – etwa als DJ in einem italienischen Fußballstadion bei einem Techno Festival – Revue passieren lässt.

Letztlich eint diese beiden höchst unterschiedlichen Figuren nicht nur eine zumindest vermeintlich typisch-männliche, nerdhafte Sammelleidenschaft, sondern auch der wilde Eklektizismus, der keine Genre-Grenzen kennt. Aus dem jugendlichen Trieb, Massen an Vinyl anzuhäufen und anderen vorzuführen, was es alles an großartiger Musik da draußen gibt, ist bei beiden nicht nur ein unschätzbarer musikalischer Schatz entstanden, der nun auf unterschiedliche Weise öffentlich zugänglich ist – in den heiligen Hallen von Academia oder in den Weiten des Internets. Auf ihre Weise haben beide mit ihrer Persönlichkeit durch das Medium Vinyl einen bleibenden Einfluss auf Hörer und Musiker mehrerer Generationen ausgeübt.

Als kleine Appetizer noch "Looking for the perfect Beat" von Afrika Bambaataa sowie die vollständigen Peel Sessions von The Smiths:



Samstag, 8. November 2014

Digging... Worms: Heaven Records

Unvermeidlich für einen Vinyl-Junkie auf Reisen ist die fieberhafte Suche nach einem örtlichen Plattenladen für den Schuss schwarzen Goldes zwischendurch. Als kleine Empfehlung werde ich daher hin und wieder posten, welche empfehlenswerten Läden mir unterwegs so begegnen. Heute also die beschauliche „Nibelungen-Stadt“ Worms, in die mich meine Arbeit in den letzten Monaten häufiger verschlagen hat und dies wohl auch weiterhin tun wird.

Entsprechend der Größe der Stadt ist das Angebot an Plattenläden in Worms überschaubar. Doch unweit des Stadtkerns in der Rheinstraße findet sich in rustikal-migrantischem Ambiente zwischen türkischen Cafés, Gemüseladen und Tattoo-Studio ein kleiner Laden, der kurzweilige Stunden des Kistenwühlens verspricht, Heaven Records. Der Laden an sich ist eher klein, doch praktisch bis unter die Decke vollgestopft vornehmlich mit Vinyl aller Genres und Jahrgänge, ergänzt durch eine Auswahl an CDs und DVDs. Das Ganze ist zwar grob nach den gängigen Genres sortiert, doch türmen sich überall bunte Stapel noch nicht einsortierter Platten, in denen sich teils unvermutete Schätze finden lassen. Also exakt das, was den Jäger und Sammler anspricht. Ein leichter stilistischer Schwerpunkt des Sortiments liegt auf Metal, wozu es auch eine vergleichsweise große Sektion an Neuware gibt. Ansonsten konzentriert sich das Angebot an aktuellem Vinyl auf ein kompetent zusammengestelltes Sammelsurium an Neuerscheinungen verschiedener Genres. So bleibt mehr als genug Platz für kistenweise altes Vinyl, in dem sich stundenlang stöbern lässt, bei Bedarf auch mit vorhören.

Besitzer Olli ist ein höchst angenehmer Vertreter der Spezies Plattenladenbesitzer, der neben einem breit gefächerten Wissensschatz rund um Musik und Schallplatten auch solche Geschichten über Worms zu erzählen hat, die nicht unbedingt in den klassischen Reiseführer gehören. Die Preise reichen von moderat bis durchschnittlich, sind aber prinzipiell verhandelbar. Wer also keine Angst vor staubigen Fingern hat und seine Freude daran findet, in etwas wilden Stapeln an Vinyl nach Gold zu graben, ist hier genau richtig bzw. findet hier das, was der Name des Ladens verspricht: Heaven. Als kleiner Beweis hier ein Auszug aus meiner Beute der letzten Besuche:




Lorraine Ellison – Stay with me

Eine fantastische Soul-Sängerin, die 1969 mit dem Titelsong dieses Albums einen Hit hatte, ansonsten eher unter dem Radar der allgemeinen Aufmerksamkeit fliegt, unter Northern Soul Freunden aber wohl ein Begriff ist. Dieses erste Album von ihr liegt stilistisch nahe an dem gospel-getränkten Sound der frühen Aretha Franklin und steht dieser auch in Sachen Intensität und Gesangskünsten praktisch in nichts nach. Dringend zu empfehlen, insbesondere der Dancefloor Filler "The hurt came back again" als auch die erste Aufnahme des später von Janis Joplin aufgenommenen "Just a little bit harder".



Super Biton de Segou – Afro Jazz du Mali

Diese Platte hat sich als völlig unerhoffte Perle erwiesen, da es mehr als schwierig ist, halbwegs vernünftig erhaltenes Original-Vinyl afrikanischer Musik zu aus den 60ern und 70ern zu finden. Dieses zwölfköpfige Ensemble bietet dabei alles, was man sich von einem Release aus dieser Zeit und dieser Region nur wünschen kann: swingende, poly-rhythmische Grooves, fette Bläsersätze und afrikanische Gesänge: eine fantastische Synthese aus afrikanischer Tradition und afro-amerikanisch geprägter Moderne.



Black Sabbath – Master of Reality

Zugegeben handelt es sich bei dem Album kaum um eine völlig unbekannte Rarität, doch wie eigentlich alle Sabbath-Platten aus der frühen Phase mit dem klassischen Lineup kann man dabei nie ganz falsch liegen. Die Kinder der nordenglischen Industrie-Tristesse verweigern sich verständlicherweise auch hier der Glückseligkeit ihrer Hippie-Zeitgenossen und zeigen ein weiteres Mal die düstere Seite halluzinogener Drogen. Über Ozzys Solowerk – ganz zu schweigen von seinen Reality-TV-Eskapaden - und die Qualität von späteren Sabbath-Platten mit all den wechselnden Besetzungen kann man streiten, doch alleine in dieser LP hat die Band den Keim für unzählige Metalplatten kommender Dekaden tief eingegraben, eine Basis gelegt, von der unzählige Epigonen noch heute zehren können.



John Lurie - Down by Law Original Soundtrack

Schon die Erinnerung an den Film und die Tatsache, dass ich den dazugehörigen Soundtrack nicht besitze, macht das Album zu einem Pflichtkauf. Lurie bewegt sich in der ihm eigenen Art durch die Geschichte des Jazz und bricht diese durch die Linse seiner New Yorker Intellektuellen-Toastbrot-Perspektive. Die bizarr-absurde Stimmung des Films zwischen existenzialistischem Drama und Komödie fängt er mit diesen Mitteln brillant ein, nimmt sich dabei mehr zurück als etwa bei den Lounge Lizards und konzentriert sich primär auf die teils sparsame Vertonung der filmischen Atmosphäre. Als Zugabe gibt’s auf der B-Seite noch den Soundtrack zu einem weiteren Film, „Variety“. Und nach einem Durchgang der LP ist man spätestens wieder dafür bereit, den Film noch einmal zu schauen. "Do you like Walt Whitman?".