Die Freuden der nie endenden Schallplattensuche hat mich im letzten Jahr zweimal ins beschauliche Mannheim geführt. In den sog. Quadraten, jener zweifelhaften städteplanerischen Errungenschaft, für die Mannheim mehr oder weniger berühmt ist, findet man mit Comeback Records einen kleinen aber durchaus feinen Laden, der die wesentlichen Anforderungen zur Befriedigung der Gelüste eines Crate Diggers erfüllt. Vor der Tür stehen die obligatorischen Ein-Euro-Kisten, im Erdgeschoss gibt's DVDs und CDs und im Keller schließlich jede Menge Vinyl mit Potenzial für staubige Finger.
Der stilistische Schwerpunkt liegt eher auf dem Bereich Gitarre/Metal, doch auch die Jazz-Abteilung kann sich durchaus sehen lassen. Insbesondere im Bereich des härteren Metal sowie Stoner/Doom findet sich ein reichhaltiges Angebot an Neuem und Altem. Doch auch die übrigen Genres sind recht bunt und mit der einen oder anderen Überraschung bestückt, so dass sich neugieriges Graben auf alle Fälle lohnt. Neuware gibt's natürlich auch, wobei sich hier der Schwerpunkt auf Gitarren besonders niederschlägt, aktuelle Releases aus den Bereichen Elektronik oder HipHop sind hier eher spärlich gesät.
Vorgehört werden können die potenziellen schwarzen Schätze natürlich auch, wenngleich die einzige Aparatur hierfür schon deutlich bessere Tage gesehen hat. Jedem Audiophilie-Nazi dürfte allein die Vorstellung kalte Schauer über den Rücken schicken, seine Platten einem solchen Gerät auszusetzen. Wie sich das für einen Vinyl-Dealer gehört, wird an der Theke ordentlich getratscht und gefachsimpelt, und der Besitzer ist durchaus verhandlungsbereit, was die aufgeklebten Preise angeht. Diese sind im übrigen nicht durchgehend aus Discogs abgetippt, so dass sich hier bisweilen mit Beharrlichkeit ein Schnäppchen finden lässt. In meiner Plattentasche sind aus dem Sortiment bisher u.a. die folgenden LPs gelandet:
Camper Van Chadbourne - Dito
Einen posthumen Hit haben Camper van Beethoven Michael Moore zu verdanken, der ihren grandiosen Song "Take the Skinheads Bowling" für seinen Film "Bowling for Columbine" verwendete. Neben den eingängigen Varianten, die Sänger David Lowery später mit seiner zweiten Band Cracker auch kommerziell perfektionierte, hatten die kalifornischen Sound-Anarchisten aber auch krachig-verspielten Irrsinn drauf. Den haben sie auf ihrem dritten, selbstbetitelten Album mit Unterstützung von Eugene Chadbourne wohl auf die Spitze getrieben. Die Platte hätte genausogut im Free-Jazz-Fach landen können, weshalb der Labeldruck auch als Karikatur der Impulse-Ästhetik daher kommt. Ein wunderbar abseitiges Stündchen Humor mit einer ordentlichen Prise Lärm, das instrumentalen Freak-Out mit Bluegrass paart, ohne dass dies wie ein Bruch erschiene. Und bei Eugene Chadbourne kann man eigentlich eh blind zugreifen.
James "Blood" Ulmer - Are You Glad To Be In America?
Noch vor wenigen Wochen habe ich den fraglichen James "Blood" Ulmer live mit seinem Trio gesehen, und man muss sagen, dass der Mann noch jede Menge Wucht hat und von Altersmilde noch keine Spur zeigt. Diese 1980 für Rough Trade eingespielte Platte begründete jedoch erst seinen Ruf als Gitarren-Erbe der Harmolodik von Ornette Coleman und Erfinder des Free Funk. Zur Seite standen ihm damals unter anderem so prominente Unterstützer wie Ronald Shannon Jackson an den Drums und David Murray am Saxophon sowie der Trompeter Olu Dara, dessen Sohn zwölf Jahre später unter dem Künstlernamen Nas für Furore ganz anderer Art sorgen sollte. Die Platte geht ordentlich zur Sache, hält sich dabei aber meist an ein recht stabiles und gerades rhythmisches Gerüst, was wohl als Tribut an den Funk betrachtet werden kann. Die etwas unterkühlte Klangästhetik konterkariert das Ganze zudem ein wenig und rückt den Sound näher in die Gefilde des Labels und der Zeit, die sie hervorbrachte.
Sly & The Revolutionaries meet Lloyd Parks, We the People band and Roots Radics - Trench Town Dub
Der Interpreten-Name dieser Platte ist rekordverdächtig lang, doch alle vier erwähnten Beteiligten machen bereits klar, dass es sich hier um ein All-Star-Line-Up in Sachen Dub handelt, wenngleich kaum Details zur Aufnahme zu erfahren sind, außer dass sie 1976 in den Studios von Channel One und Joe Gibbs entstanden sind, beides Garanten für feinsten Dub aus dieser Ära. Dementsprechend wird hier stark reduzierter und tiefer Dub geliefert, der nach den beiden zuvor erwähnten Platten eine Art Friedensangebot in Sachen entspanntes Hören darstellt, zugleich aber die Bässe der Anlage ordentlich herausfordert. Für mich ist das ein Sound, von dem ich eigentlich nicht genug bekommen kann, bei dem ich mich aber manchmal frage, wie viele Variationen ich davon noch brauche. Diese Variation ist auf jeden Fall eine überaus feine, nicht zuletzt da sie wirklich oft nur noch Haut und Knochen des rhythmischen Gerüsts präsentiert und damit das, was man bei einer guten Dub-Platte sehen bzw. hören will. Jah bless!
caddy
Dienstag, 24. Februar 2015
Sonntag, 8. Februar 2015
Auslese 2014 – Teil 6
Hier kommt der letzte Teil des
Jahresrückblicks für 2014, auch wenn es mittlerweile Februar ist.
Schließlich sollen auch noch die eher elektronischen Platten zu
ihrem Recht kommen, denn auch dort gab es das ein oder andere
Highlight.
Aphex Twin – Syro
Die erste Platte in dieser Reihe kann man wohl eher
als das Comeback des Jahres bezeichnen. Immer wieder habe ich die
Weiten des Netzes in den letzten Jahren nach einem Lebenszeichen von
Richard D. James aka Aphex Twin abgesucht, doch zu finden war da
nicht viel. Angesichts des letzten Albumtitels
„Drukqs“ vor sage und schreibe 13 Jahren kann man nun spekulieren, was das für Hintergründe gehabt haben könnte. Jetzt ist seine bizarre
Majestät, König so ziemlich aller Spielarten verspulter
elektronischer Musik, aber wieder da. „Syro“ fügt sich recht nahtlos
in sein bisheriges Schaffen ein und bietet vor allem Material,
das an die großartigen „Selected Ambient Works“ anknüpft,
manchmal aber auch in etwas gehobener Tempo-Bereiche vordringt. Die
Wildheit seiner „I care because you do“-Phase samt ihrer Kettensägen-Brachialität bleibt dagegen meist
außen vor. Blendet man den die LP begleitenden Irrsin von PR-Stunts
via Zeppelin über Geräteparklitaneien bis hin zu
Release-Flut-Drohungen aus, ist das eine gute Nachricht. Wer jetzt
erwartet hat, dass die LP mindestens eine Revolution in Gang setzen
muss, der wird vielleicht enttäuscht sein. Doch das Niveau, auf dem
man hier jammert, ist denkbar hoch. Außerdem hat James selbst
betont, dass es sich bei den jetzt veröffentlichten Stücken um
einen Querschnitt aus den letzten Jahren handelt und neues Material
schon in der Pipeline ist. Man darf also gespannt sein, was der Mann noch zu sagen hat, zumal mit
„Computer Controlled Acoustic – Pt 2“ sich der nächste Release
bereits in der Post auf dem Weg zu mit befindet.
Flying Lotus – You're Dead
Fusion Jazz ist sowas wie das
ästhetische Schreckgespenst der 70er, der Virtuositäts-Wichs-Fetisch für
Oberstudienräte, beliebige weitere Schmähungen kann hier jeder selbst einfügen. Einerseits ist es unvermeidbar, dass auf der Suche
nach potenziellen Hypes und Anknüpfungspunkten auch mal dieses Genre
dran sein muss. Andererseits gehört eine ganze Portion Innovation,
Können und Mut dazu, wenn man diesen Sound erfolgreich in einen
gegenwärtigen Musikentwurf einbetten will, der irgendwie in die
Zukunft gerichtet ist. Aktuell gibt es mit Flying Lotus wohl nur
einen Kandidaten für diese Mission Impossible, und nach den
durchgehend tollen Vorgängeralben meistert er auch diese Aufgabe
brillant, nicht zuletzt dank des Tiefton-Meisters Thundercat an
seiner Seite sowie Kollaborationen mit MCs wie Kendrick Lamar und
Snoop Dogg. Das Album ist ein irrer, psychedelischer Trip quer durch
die zerfrickelten Beatwelten, die mit einer gehörigen Portion
Retro-Fusion so richtig in Schwung gebracht werden. Und wenn es eines
Ritterschlags von höchster Stelle noch bedurft haben sollte, so
nimmt das hier Herbie Hancock vor, der auch auf ein paar Läufe auf
der Tastatur vorbeischaut. Auch der hat wohl eingesehen, dass er lieber kollaboriert und seinen eigenen Ruhm bei einer jungen Generation mehrt, statt seinen Jünger im Geiste mit Klagen wegen Copyright-Verletzungen zu überziehen. Der Klassen-Primus unter den Beat-Bastlern
des 21. Jahrhunderts hat es also wieder getan und den Kreis quadriert.
Hieroglyphic Being And The
Configurative Or Modular Me Trio – The Seer Of Cosmic Visions
Nach dem zu schließen, was ich vor
einer Weile an Kommentaren von Hieroglyphic Being zum Zeitgeschehen
gelesen habe, scheint es sich um einen Verschwörungstheoretiker und
Kosmologen erster Güte zu handeln. Kryptisch kommt auch der um zwei
optionale / fiktionale Trios erweiterte „Band-Name“ der hier gefeatureten LP daher, auch
wenn man wohl davon ausgehen kann, dass sich dahinter nur Jamal R.
Moss in Allianz mit seinen alten Analog-Maschinen verbirgt. Dass
Discogs seit 2008 ca. 30 LPs für diesen Mann listet, belegt weiter,
dass es sich hier um einen Getrieben handelt. Beides kann man auch als vage Analogien zu seinem offensichtlichen Helden und Vorbild Sun Ra lesen. Konkret finden sich auf
dieser durchaus ausgewogenen Zusammenstellung neun Stücke, in denen
der analogen Verzerrung gehuldigt wird und der Hörer sowas wie
Noise/Improv-Deep-House-Acid um die Ohren gehauen bekommt, der auch mal im Verzerrer-Rauschen versinken darf. Wem die
übliche 4-to-the-Floor-Kost zu bieder ist, aber nicht ganz auf die
straight scheppernden Drums im repetitiven Krachgewitter verzichten
möchte, der findet hier Erlösung auf höggschdem Niveau. In der
Weltmeisterkabine dürfte das aber eher nicht gelaufen sein, wohl
eher David Guetta. In einer solchen Welt, auf die wir wohl noch lange warten müssen, würde Jogi Löw dann wohl auch Sun Ra statt Helen Fischer oder Pur hören.
Cooly G – Wait 'til Night
Hyperdub ist seit vielen Jahren so
etwas wie die absolute Bank in Sachen Bass Music. Den Verlust des
grandiosen Space Ape habe ich hier schon bereits vor einigen Wochen
beklagt und dabei seine letzte EP noch einmal ins rechte Licht
gerückt. Cooly G, eine der durchaus zahlreichen Ladies im Hause
Hyperdub - wie etwa die phantastische Laurel Halo -, hat dieses Jahr nochmal nachgelegt, nachdem ihr
Debut „Playin Me“ vor zwei Jahren bereits Wellen geschlagen hat.
Bei ihr geht es reduziert digital zu, die Stimmung bewegt sich
zwischen Melancholie und erotisierter Sehnsucht. Sie vereint dabei
das Rohe und das Elegante in einem Sound, der alle denkbaren Facetten
britischer Bass Music aufgesogen hat und nun dessen feinstes
Destillat hervorbringt. Die bisweilen kühle Schlichtheit ihrer
Sounds kontrastiert teilweise scharf mit der sexuellen Aufladung der
Vocals, was einen besonderen Reiz ausmacht und dieser Platte auf
jeden Fall einen vorderen Platz einbringt.
12“es
Das mit den Maxis ist teilweise ein
etwas mühsames Geschäft, doch zwei Favoriten aus dem letzten Jahr
sollen hier noch einmal hervorgehoben werden, da sie besonders
bemerkenswert waren.
JETS feat. Jamie Lidell – Midas Touch
Bei dieser Geschichte kann ja fast
nicht schief gehen. Detroit-Revivalist Jimmy Edgar und
Avant-Dancefloor-Frickler Travis Stewart aka Machinedrum zerren gemeinsam unter ihrem Alias JETS den
großen Crooner der elektronischen Tanzmusik, Jamie Lidell, vors Mikro.
Das Ergebnis ist fantastisch groovendes Tanzflächenmaterial mit
Tiefgang und beseeltem Gesang. Ein echtes Highlight, das aus der auch ansonsten wirklich tollen gemeinsamen LP der beiden noch einmal heraussticht.
Theo Parrish / Tony Allen – Day Like
This / Feel Loved
Natürlich könnte man Theo Parrish
auch eine Etage drüber bei den LPs für „American Intelligence“
abfeiern, wie im übrigen auch Moodymann mit seiner nach ihm selbst
benannten 2014er LP. Da jedoch beide als Deep-House-Legenden
gewissermaßen ohnehin schon larger than life sind, sei hier nur auf
die angesichts der erratischen Veröffentlichungsstrategie von Parrish leicht zu übersehende Kollaboration von ihm und dem Ur-Vater des
Afro-Beat, Tony Allen, verwiesen. Hinter seinem Drumkit treibt Allen
mit seinem absolut bestechenden und rhythmisch-vertrackten Groove
seinen Kollaborator zu Höchstleistungen an. Sounds like real Afro-Futurism.
Mittwoch, 28. Januar 2015
Auslese 2014 – Teil 5
Swans – To be kind
Auch wenn ich es generell schwierig
finde, „die eine“ Platte herauszufischen, so lässt sich im Fall
der Swans kaum leugnen, dass die Mannschaft um Michael Gira mit der
dritten Platte nach ihrer Wiederbelebung ein wirklich herausragendes
Werk geschaffen hat. In der Hinsicht bin ich zwar ein Spätzünder,
da erst der Vorgänger „The Seer“ mich auf diese Band aufmerksam
gemacht hat, was aber dem Enthusiasmus für diesen brachialen,
widerspenstigen und geradezu hypnotisierenden Sound natürlich in
keinster Weise schmälert. Die Stücke wirken einerseits in ihrer
oberflächlichen strukturellen Schlichtheit monochrom, entfalten aber
in ihrer beständigen Wiederholung, Variation und Steigerung eine
epische Dimension, der man sich kaum entziehen kann. Ich trauere
heute noch dem Konzertabend im Gebäude 9 nach, an dem es das live zu
hören und zu spüren gab und ich nicht dabei sein konnte. Vielleicht springt Hagen
ja mal mit einem Review des Abends ein.
Sunn O)))) mit Ulver bzw. Scott Walker
Die beiden wahnsinnigen Dekonstruktivisten des Black Metal / Drone, Stephen
O'Malley und Greg Andersen, habe ich seit längerem ins Herz
geschlossen. Dieses Jahr haben sie mit gleich zwei Kollaborationen
für Verzückung vor dem Plattenspieler gesorgt. Zunächst erschien
die länger angekündigte Platte gemeinsam mit den norwegischen
Black-Metal-und-jedes-andere-erdenkliche-Genre-und-Nicht-Genre-Veteranen
Ulver, die ich schon ausführlicher besprochen habe. Und auf der
Ziellinie gen Jahresabschluss haben sie mit der gemeinsamen LP mit
Scott Walker, dem Crooner der Apokalypse, nachgelegt, bei dem die Sonne schon lange nicht mehr scheint. Nachdem die Black-Ambient-LP mit Ulver
so ungefähr dem entsprach, was man sich darunter vorab vorgestellt
haben mag, wenn man die beiden Acts kannte, erwies sich die Scott
O)))-Platte nach den Maßstäben der Beteiligten als geradezu
zugänglich. Und irgendwie ist Walker die geradezu logische Ergänzung
zu den schwarz-getünchten Soundtracks von Sunn O))), die ja sonst
eher auf Kreischen und Grunzen aus der Metal-Fraktion als
Vocalkomponente zurückgreifen. Durch seinen theatralischen Gesang
rückt Walker die Platte daher näher in die Richtung seiner – soll
man das so nennen ?– Kunstmusik, ohne dass Anderson und O'Malley ihre Wurzeln im Boden der bis zum Anschlag aufgerissenen Amps verleugnen müssten. Dennoch ist und bleibt das eher
Musik für ausgewählte Stunden, in denen sie jedoch große Wirkung
entfalten kann. Wer zwei Kandidaten dieses Kalibers innerhalb eines
Jahres ins Rennen schickt, darf hier auf gar keinen Fall fehlen.
Yob – Clearing The Path To Ascend
Noch einmal Schwermetall, diesmal aber
in einer etwas weniger avantgardistischen Form, dafür mit noch mehr
Blei in der Weste. Yob loten seit einigen Jahren – mit einer kurzen
Pause zwecks Auflösung und Re-Union – die Möglichkeiten des Doom
Metal auf ihre Weise aus. Auf der aktuellen LP reichen ihnen dafür vier
Stücke, die aber zusammen gut eine Stunde Spielzeit erreichen. Nach
den Maßstäben populärer Musik sind das also epische Brocken, die
zudem mit einer zermalmenden Beharrlichkeit vorgetragen werden, die durchaus Urvätern wie Black Sabbath zur Ehre gereichen würden. Das
Tempo stets gedrosselt, entwickeln sich die Stücke, ohne dass sie zu
einer Leistungsschau des Musikhochschul-Seminars ausarten würden,
sondern eher wie eine sich häutende Schlange daher kommen: die alte sterbliche
Hülle fällt ab, und neue Schichten werden sichtbar. Neben den
ausgeklügelten und schweren Riffs ist es der vielseitige Gesang,
der den Stücken Tiefgang verleiht, wenn er zwischen
Death-Metal-artigem Grunzen, unverzerrtem Sirenengesang und
Black-Metal-Kreischen changiert und damit immer wieder neue Fährten legt und Assoziationen weckt.
How To Dress Well – What Is This
Heart?
Würde man das
Intelligenz-Test-Spielchen „Wer passt nicht in diese Reihe“
spielen, würde jeder bewanderte Musikfreund wohl das Alias von Tom
Krell aus der hier erstellten Reihe aussortieren. Zugegebenermaßen fügt er sich tatsächlich
nicht gerade nahtlos ein, doch von Elektronik oder HipHop ist der
Mann noch weiter entfernt. Im Prinzip beackert er klassische Herzschmerz-Topoi mit traditionellen Songstrukturen, gießt das ganze aber
in einen digitalen Sound, der bisweilen an die Größen des R&B der 90er wie
R. Kelly gemahnt, den er konsequenterweise dann auch neulich gecovert hat. Klingt abschreckend? Mitnichten. Das ist deutlich
origineller als das, was so mancher anderer Jammerlappen absondert
und erschließt neue Ausdrucksfelder für das bleichgesichtige
Songwriting, wodurch lupenreiner Pop des Seelenleidens entsteht.
Bob Mould – Beauty And Ruin
Bob Mould hat einst neben Grant Hart in
der Post-Punk-Legende Hüsker Dü gedient und veröffentlicht seit
deren Ende verlässlich immer wieder wunderbare Gitarrenalben, die
die melancholische und zugleich eingängigere Seite des Oeuvres
seiner einstigen Band weiterführen. Wirklich Neues bietet er auf der
aktuellen Platte nicht, er variiert wie die meisten brillanten
Songwriter, das, was er am besten kann: wütend, traurige Stücke
über die Ungerechtigkeiten dieser Welt und das eigene Leiden daran. Im Ernstfall könnte auch
ein Datum aus den 90ern irgendwo als Aufnahmedatum auf dieser LP
versteckt sein. Das ändert aber nichts daran, dass es eine weitere
feine Platte eines Unverdrossenen ist, der konsequent seinen Weg geht. Und weil
das so schön und bewegend ist, wird Hüsker Dü und seinen beiden
Protagonisten demnächst mal ein eigener Post gewidmet.
Mittwoch, 21. Januar 2015
Auslese 2014 - Teil 4
Ein wenig spät wird hier Bilanz gezogen, was das letzte Jahr so an Platten gebracht hat, doch ganz verschwiegen werden soll das Resumee nicht. Um den Wust an Vinyl und Soundfiles ein wenig zu ordnen, geschieht das grob nach Richtungen sortiert mit Fokus auf je drei zentrale Platten sowie weitere erwähnenswerte Releases. Zunächst ist mal der HipHop dran, weitere folgen. Und in diesem Genre war es nicht der schlechteste Jahrgang. Die drei Favoriten habe ich allesamt schon ausführlich besprochen, so dass man Details dazu in den jeweiligen Posts nachlesen kann.
Run The Jewels - Run The Jewels 2
Der Titel ist zugegebenermaßen denkbar unoriginell, doch ändert das nichts daran, dass El-P und Killer Mike allen gezeigt haben, wo der Hammer hängt in Sachen Beats and Rhymes. Sie vereinigen dass, was man an stumpfem, wortspielverliebtem Bragadoccio liebt, spielend mit der Brisanz von Public Enemy und liefern das Ganze vor einer Beat-Kulisse, die vielschichtiger und unterhaltsamer ist als das, was aus den MPCs der Konkurrenz so rausplätschert.
Freddie Gibbs & Madlid - Pinata
Auch hier haben wir es mit einem Duo zu tun, auch wenn dieses nach einer etwas strikteren Arbeisteilung verfährt, da Madlib konsequent die Klappe hält und Freddie Gibbs seinerseits nicht in Sachen Beats dilettiert, sondern sich auf seine Kernkompetenz des Quatschens konzentriert. Nachdem die Kollaboration zunächst ungewohnt und fast wie eine Schnapsidee gewirkt haben mag, zeigt sich auf Albumlänge, dass sich hier zwei sonst recht strikt getrennte Segmente des HipHop mit großem Gewinn für beide Seite befruchten. Verkiffter Indie-Beat-Schmied weist dem Ghetto-Boy mit Authentizitäts-Siegel den Weg zu neuen Ufern. Und dieser setzt als Dankeschön den bewährten Sample-Soundtrack in neue Kontexte.
Shabazz Palaces - Lese Majesty
Dass HipHop nicht zwangsweise nur im eigenen Saft schmoren muss, sondern auch eine gewisse visionäre Sprengkraft entfalten kann, hat wohl lange kein Act mehr so deutlich gemacht wie Shabazz Palaces. Sound und Lyrics sind hier gleichermaßen unkonventionell, und irgendeiner muss doch schließlich die Fackel von Sun Ra durch das Labyrinth der Goldkettchen und Koksbeutel tragen. Hinzu kommt, dass das Duo live in einer Weise Arsch tritt und den Hallenboden mit Basswellen erschüttert, dass man wohl sagen kann, dass es 2014 nicht viele Konzerte gab, die da in Sachen Intensität mithalten konnten.
Mehr gutes Material
Eine weitere Erwähnung verdient einerseits Schoolboy Q mit Oxymoron, der in Sachen irrer Drogen-Rap mit Massenappeal und teils relevantem Reflexionsniveau zu überzeugen wusste. In Deutschland hat er das von der Masse halbwegs unbeachtet getan, in den USA reicht sowas für Platz 1 der Charts. Zugleich überbrückt die Platte die Wartezeit zum nächsten Release seines Kumpels Kendrick Lamar in eleganter Weise.
Schließlich wäre da noch der von mir schon lange sehr geschätzte Kölner MC Retrogott mit seinr aktuellen Kollaboration mit Hubert Daviz, der hier seinen üblichen kongenialen Partner Hulk Hodn ersetzt. In Sachen kluge und aggressive Sprachspiele auf Deutsch macht dem Mann so schnell keiner was vor, genausowenig in Fragen der konsequenten Underground-Attitüde. Zugleich erfülle ich damit eine Deutsch-Rap-Quote, ein Genre, mit dem ich sonst nicht so viel am Hut habe.
Mixtapes
Schließlich ist der unübersichtliche Digital-Marktplatz der Mixtapes anzuführen, auf dem ich mich zugegebenermaßen nur sporadisch tummele. Gut gefallen haben mir da aber auch ein paar Kandidaten:
Dej Loaf - Sell Sole
Die Dame schafft es als einzige Lady auf die Jahresabschlussliste in diesem ansonsten doch arg testosteron-dominierten Geschäft. Das ist allerdings diesmal keiner Quote geschuldet, sondern einzig ihren Qualitäten als MC, die sie mit einem idiosynkratischen Style auf ihrem letzten Tape absolut unter Beweis gestellt hat. Da wünscht man sich mehr solcher selbstbewusster weiblicher Stimmen statt der Horden von Bling-Boys mit ihrem Pimmel-Gequatsche.
A$AP Ferg - Ferg Forever
Da ist tatsächlich mal einer aus dem Schatten von A$AP Rocky als Boss des Mobs herausgetreten und hat gezeigt, dass da noch mehr Talent schlummert, mit dem man nicht nur die Mobshots im Video auffüllen kann, sondern auch im Alleingang problemlos ein Tape bestücken kann. Ebendieses besticht durch Vielseitigkeit, Mut zum Experiment, das auch mal in die Hose gehen darf, sowie einem zeitgeistigen Stilbewusstsein. Da könnte noch was kommen demnächst.
Rich Gang (Young Thug, Birdman , Rich Homie Quan) - Tha Tour Pt. 1
In Sachen konventioneller Trap-Sound war der Zusammenschluss Rich Gang von Young Thug und Konsorten mein Favorit. Die Kombination der Styles macht hier den Reiz aus. Das Themenfeld und die Sound-Ästhetik sind klar abgesteckt, so dass man nur mit besonders brillanter Variation des bekannten punkten kann. Das machen die drei dann auch souverän und besser als der Rest, auch wenn man manchmal denkt, dass es ein anderes Thema oder ein etwas variablerer Beat durchaus auch mal sein dürften.
Run The Jewels - Run The Jewels 2
Der Titel ist zugegebenermaßen denkbar unoriginell, doch ändert das nichts daran, dass El-P und Killer Mike allen gezeigt haben, wo der Hammer hängt in Sachen Beats and Rhymes. Sie vereinigen dass, was man an stumpfem, wortspielverliebtem Bragadoccio liebt, spielend mit der Brisanz von Public Enemy und liefern das Ganze vor einer Beat-Kulisse, die vielschichtiger und unterhaltsamer ist als das, was aus den MPCs der Konkurrenz so rausplätschert.
Freddie Gibbs & Madlid - Pinata
Auch hier haben wir es mit einem Duo zu tun, auch wenn dieses nach einer etwas strikteren Arbeisteilung verfährt, da Madlib konsequent die Klappe hält und Freddie Gibbs seinerseits nicht in Sachen Beats dilettiert, sondern sich auf seine Kernkompetenz des Quatschens konzentriert. Nachdem die Kollaboration zunächst ungewohnt und fast wie eine Schnapsidee gewirkt haben mag, zeigt sich auf Albumlänge, dass sich hier zwei sonst recht strikt getrennte Segmente des HipHop mit großem Gewinn für beide Seite befruchten. Verkiffter Indie-Beat-Schmied weist dem Ghetto-Boy mit Authentizitäts-Siegel den Weg zu neuen Ufern. Und dieser setzt als Dankeschön den bewährten Sample-Soundtrack in neue Kontexte.
Shabazz Palaces - Lese Majesty
Dass HipHop nicht zwangsweise nur im eigenen Saft schmoren muss, sondern auch eine gewisse visionäre Sprengkraft entfalten kann, hat wohl lange kein Act mehr so deutlich gemacht wie Shabazz Palaces. Sound und Lyrics sind hier gleichermaßen unkonventionell, und irgendeiner muss doch schließlich die Fackel von Sun Ra durch das Labyrinth der Goldkettchen und Koksbeutel tragen. Hinzu kommt, dass das Duo live in einer Weise Arsch tritt und den Hallenboden mit Basswellen erschüttert, dass man wohl sagen kann, dass es 2014 nicht viele Konzerte gab, die da in Sachen Intensität mithalten konnten.
Mehr gutes Material
Eine weitere Erwähnung verdient einerseits Schoolboy Q mit Oxymoron, der in Sachen irrer Drogen-Rap mit Massenappeal und teils relevantem Reflexionsniveau zu überzeugen wusste. In Deutschland hat er das von der Masse halbwegs unbeachtet getan, in den USA reicht sowas für Platz 1 der Charts. Zugleich überbrückt die Platte die Wartezeit zum nächsten Release seines Kumpels Kendrick Lamar in eleganter Weise.
Schließlich wäre da noch der von mir schon lange sehr geschätzte Kölner MC Retrogott mit seinr aktuellen Kollaboration mit Hubert Daviz, der hier seinen üblichen kongenialen Partner Hulk Hodn ersetzt. In Sachen kluge und aggressive Sprachspiele auf Deutsch macht dem Mann so schnell keiner was vor, genausowenig in Fragen der konsequenten Underground-Attitüde. Zugleich erfülle ich damit eine Deutsch-Rap-Quote, ein Genre, mit dem ich sonst nicht so viel am Hut habe.
Mixtapes
Schließlich ist der unübersichtliche Digital-Marktplatz der Mixtapes anzuführen, auf dem ich mich zugegebenermaßen nur sporadisch tummele. Gut gefallen haben mir da aber auch ein paar Kandidaten:
Dej Loaf - Sell Sole
Die Dame schafft es als einzige Lady auf die Jahresabschlussliste in diesem ansonsten doch arg testosteron-dominierten Geschäft. Das ist allerdings diesmal keiner Quote geschuldet, sondern einzig ihren Qualitäten als MC, die sie mit einem idiosynkratischen Style auf ihrem letzten Tape absolut unter Beweis gestellt hat. Da wünscht man sich mehr solcher selbstbewusster weiblicher Stimmen statt der Horden von Bling-Boys mit ihrem Pimmel-Gequatsche.
A$AP Ferg - Ferg Forever
Da ist tatsächlich mal einer aus dem Schatten von A$AP Rocky als Boss des Mobs herausgetreten und hat gezeigt, dass da noch mehr Talent schlummert, mit dem man nicht nur die Mobshots im Video auffüllen kann, sondern auch im Alleingang problemlos ein Tape bestücken kann. Ebendieses besticht durch Vielseitigkeit, Mut zum Experiment, das auch mal in die Hose gehen darf, sowie einem zeitgeistigen Stilbewusstsein. Da könnte noch was kommen demnächst.
Rich Gang (Young Thug, Birdman , Rich Homie Quan) - Tha Tour Pt. 1
In Sachen konventioneller Trap-Sound war der Zusammenschluss Rich Gang von Young Thug und Konsorten mein Favorit. Die Kombination der Styles macht hier den Reiz aus. Das Themenfeld und die Sound-Ästhetik sind klar abgesteckt, so dass man nur mit besonders brillanter Variation des bekannten punkten kann. Das machen die drei dann auch souverän und besser als der Rest, auch wenn man manchmal denkt, dass es ein anderes Thema oder ein etwas variablerer Beat durchaus auch mal sein dürften.
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