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Dienstag, 24. Februar 2015

Digging... Comeback Records Mannheim

Die Freuden der nie endenden Schallplattensuche hat mich im letzten Jahr zweimal ins beschauliche Mannheim geführt. In den sog. Quadraten, jener zweifelhaften städteplanerischen Errungenschaft, für die Mannheim mehr oder weniger berühmt ist, findet man mit Comeback Records einen kleinen aber durchaus feinen Laden, der die wesentlichen Anforderungen zur Befriedigung der Gelüste eines Crate Diggers erfüllt. Vor der Tür stehen die obligatorischen Ein-Euro-Kisten, im Erdgeschoss gibt's DVDs und CDs und im Keller schließlich jede Menge Vinyl mit Potenzial für staubige Finger.

Der stilistische Schwerpunkt liegt eher auf dem Bereich Gitarre/Metal, doch auch die Jazz-Abteilung kann sich durchaus sehen lassen. Insbesondere im Bereich des härteren Metal sowie Stoner/Doom findet sich ein reichhaltiges Angebot an Neuem und Altem. Doch auch die übrigen Genres sind recht bunt und mit der einen oder anderen Überraschung bestückt, so dass sich neugieriges Graben auf alle Fälle lohnt. Neuware gibt's natürlich auch, wobei sich hier der Schwerpunkt auf Gitarren besonders niederschlägt, aktuelle Releases aus den Bereichen Elektronik oder HipHop sind hier eher spärlich gesät.



Vorgehört werden können die potenziellen schwarzen Schätze natürlich auch, wenngleich die einzige Aparatur hierfür schon deutlich bessere Tage gesehen hat. Jedem Audiophilie-Nazi dürfte allein die Vorstellung kalte Schauer über den Rücken schicken, seine Platten einem solchen Gerät auszusetzen. Wie sich das für einen Vinyl-Dealer gehört, wird an der Theke ordentlich getratscht und gefachsimpelt, und der Besitzer ist durchaus verhandlungsbereit, was die aufgeklebten Preise angeht. Diese sind im übrigen nicht durchgehend aus Discogs abgetippt, so dass sich hier bisweilen mit Beharrlichkeit ein Schnäppchen finden lässt. In meiner Plattentasche sind aus dem Sortiment bisher u.a. die folgenden LPs gelandet:

Camper Van Chadbourne - Dito

Einen posthumen Hit haben Camper van Beethoven Michael Moore zu verdanken, der ihren grandiosen Song "Take the Skinheads Bowling" für seinen Film "Bowling for Columbine" verwendete. Neben den eingängigen Varianten, die Sänger David Lowery später mit seiner zweiten Band Cracker auch kommerziell perfektionierte, hatten die kalifornischen Sound-Anarchisten aber auch krachig-verspielten Irrsinn drauf. Den haben sie auf ihrem dritten, selbstbetitelten Album mit Unterstützung von Eugene Chadbourne wohl auf die Spitze getrieben. Die Platte hätte genausogut im Free-Jazz-Fach landen können, weshalb der Labeldruck auch als Karikatur der Impulse-Ästhetik daher kommt. Ein wunderbar abseitiges Stündchen Humor mit einer ordentlichen Prise Lärm, das instrumentalen Freak-Out mit Bluegrass paart, ohne dass dies wie ein Bruch erschiene. Und bei Eugene Chadbourne kann man eigentlich eh blind zugreifen.



James "Blood" Ulmer - Are You Glad To Be In America?

Noch vor wenigen Wochen habe ich den fraglichen James "Blood" Ulmer live mit seinem Trio gesehen, und man muss sagen, dass der Mann noch jede Menge Wucht hat und von Altersmilde noch keine Spur zeigt. Diese 1980 für Rough Trade eingespielte Platte begründete jedoch erst seinen Ruf als Gitarren-Erbe der Harmolodik von Ornette Coleman und Erfinder des Free Funk. Zur Seite standen ihm damals unter anderem so prominente Unterstützer wie Ronald Shannon Jackson an den Drums und David Murray am Saxophon sowie der Trompeter Olu Dara, dessen Sohn zwölf Jahre später unter dem Künstlernamen Nas für Furore ganz anderer Art sorgen sollte. Die Platte geht ordentlich zur Sache, hält sich dabei aber meist an ein recht stabiles und gerades rhythmisches Gerüst, was wohl als Tribut an den Funk betrachtet werden kann. Die etwas unterkühlte Klangästhetik konterkariert das Ganze zudem ein wenig und rückt den Sound näher in die Gefilde des Labels und der Zeit, die sie hervorbrachte.



Sly & The Revolutionaries meet Lloyd Parks, We the People band and Roots Radics - Trench Town Dub
Der Interpreten-Name dieser Platte ist rekordverdächtig lang, doch alle vier erwähnten Beteiligten machen bereits klar, dass es sich hier um ein All-Star-Line-Up in Sachen Dub handelt, wenngleich kaum Details zur Aufnahme zu erfahren sind, außer dass sie 1976 in den Studios von Channel One und Joe Gibbs entstanden sind, beides Garanten für feinsten Dub aus dieser Ära. Dementsprechend wird hier stark reduzierter und tiefer Dub geliefert, der nach den beiden zuvor erwähnten Platten eine Art Friedensangebot in Sachen entspanntes Hören darstellt, zugleich aber die Bässe der Anlage ordentlich herausfordert. Für mich ist das ein Sound, von dem ich eigentlich nicht genug bekommen kann, bei dem ich mich aber manchmal frage, wie viele Variationen ich davon noch brauche. Diese Variation ist auf jeden Fall eine überaus feine, nicht zuletzt da sie wirklich oft nur noch Haut und Knochen des rhythmischen Gerüsts präsentiert und damit das, was man bei einer guten Dub-Platte sehen bzw. hören will. Jah bless!



Sonntag, 8. Februar 2015

Auslese 2014 – Teil 6

Hier kommt der letzte Teil des Jahresrückblicks für 2014, auch wenn es mittlerweile Februar ist. Schließlich sollen auch noch die eher elektronischen Platten zu ihrem Recht kommen, denn auch dort gab es das ein oder andere Highlight.

Aphex Twin – Syro

Die erste Platte in dieser Reihe kann man wohl eher als das Comeback des Jahres bezeichnen. Immer wieder habe ich die Weiten des Netzes in den letzten Jahren nach einem Lebenszeichen von Richard D. James aka Aphex Twin abgesucht, doch zu finden war da nicht viel. Angesichts des letzten Albumtitels „Drukqs“ vor sage und schreibe 13 Jahren kann man nun spekulieren, was das für Hintergründe gehabt haben könnte. Jetzt ist seine bizarre Majestät, König so ziemlich aller Spielarten verspulter elektronischer Musik, aber wieder da. „Syro“ fügt sich recht nahtlos in sein bisheriges Schaffen ein und bietet vor allem Material, das an die großartigen „Selected Ambient Works“ anknüpft, manchmal aber auch in etwas gehobener Tempo-Bereiche vordringt. Die Wildheit seiner „I care because you do“-Phase samt ihrer Kettensägen-Brachialität bleibt dagegen meist außen vor. Blendet man den die LP begleitenden Irrsin von PR-Stunts via Zeppelin über Geräteparklitaneien bis hin zu Release-Flut-Drohungen aus, ist das eine gute Nachricht. Wer jetzt erwartet hat, dass die LP mindestens eine Revolution in Gang setzen muss, der wird vielleicht enttäuscht sein. Doch das Niveau, auf dem man hier jammert, ist denkbar hoch. Außerdem hat James selbst betont, dass es sich bei den jetzt veröffentlichten Stücken um einen Querschnitt aus den letzten Jahren handelt und neues Material schon in der Pipeline ist. Man darf also gespannt sein, was der Mann noch zu sagen hat, zumal mit „Computer Controlled Acoustic – Pt 2“ sich der nächste Release bereits in der Post auf dem Weg zu mit befindet.



Flying Lotus – You're Dead

Fusion Jazz ist sowas wie das ästhetische Schreckgespenst der 70er, der Virtuositäts-Wichs-Fetisch für Oberstudienräte, beliebige weitere Schmähungen kann hier jeder selbst einfügen. Einerseits ist es unvermeidbar, dass auf der Suche nach potenziellen Hypes und Anknüpfungspunkten auch mal dieses Genre dran sein muss. Andererseits gehört eine ganze Portion Innovation, Können und Mut dazu, wenn man diesen Sound erfolgreich in einen gegenwärtigen Musikentwurf einbetten will, der irgendwie in die Zukunft gerichtet ist. Aktuell gibt es mit Flying Lotus wohl nur einen Kandidaten für diese Mission Impossible, und nach den durchgehend tollen Vorgängeralben meistert er auch diese Aufgabe brillant, nicht zuletzt dank des Tiefton-Meisters Thundercat an seiner Seite sowie Kollaborationen mit MCs wie Kendrick Lamar und Snoop Dogg. Das Album ist ein irrer, psychedelischer Trip quer durch die zerfrickelten Beatwelten, die mit einer gehörigen Portion Retro-Fusion so richtig in Schwung gebracht werden. Und wenn es eines Ritterschlags von höchster Stelle noch bedurft haben sollte, so nimmt das hier Herbie Hancock vor, der auch auf ein paar Läufe auf der Tastatur vorbeischaut. Auch der hat wohl eingesehen, dass er lieber kollaboriert und seinen eigenen Ruhm bei einer jungen Generation mehrt, statt seinen Jünger im Geiste mit Klagen wegen Copyright-Verletzungen zu überziehen. Der Klassen-Primus unter den Beat-Bastlern des 21. Jahrhunderts hat es also wieder getan und den Kreis quadriert.



Hieroglyphic Being And The Configurative Or Modular Me Trio – The Seer Of Cosmic Visions

Nach dem zu schließen, was ich vor einer Weile an Kommentaren von Hieroglyphic Being zum Zeitgeschehen gelesen habe, scheint es sich um einen Verschwörungstheoretiker und Kosmologen erster Güte zu handeln. Kryptisch kommt auch der um zwei optionale / fiktionale Trios erweiterte „Band-Name“ der hier gefeatureten LP daher, auch wenn man wohl davon ausgehen kann, dass sich dahinter nur Jamal R. Moss in Allianz mit seinen alten Analog-Maschinen verbirgt. Dass Discogs seit 2008 ca. 30 LPs für diesen Mann listet, belegt weiter, dass es sich hier um einen Getrieben handelt. Beides kann man auch als vage Analogien zu seinem offensichtlichen Helden und Vorbild Sun Ra lesen. Konkret finden sich auf dieser durchaus ausgewogenen Zusammenstellung neun Stücke, in denen der analogen Verzerrung gehuldigt wird und der Hörer sowas wie Noise/Improv-Deep-House-Acid um die Ohren gehauen bekommt, der auch mal im Verzerrer-Rauschen versinken darf. Wem die übliche 4-to-the-Floor-Kost zu bieder ist, aber nicht ganz auf die straight scheppernden Drums im repetitiven Krachgewitter verzichten möchte, der findet hier Erlösung auf höggschdem Niveau. In der Weltmeisterkabine dürfte das aber eher nicht gelaufen sein, wohl eher David Guetta. In einer solchen Welt, auf die wir wohl noch lange warten müssen, würde Jogi Löw dann wohl auch Sun Ra statt Helen Fischer oder Pur hören.



Cooly G – Wait 'til Night

Hyperdub ist seit vielen Jahren so etwas wie die absolute Bank in Sachen Bass Music. Den Verlust des grandiosen Space Ape habe ich hier schon bereits vor einigen Wochen beklagt und dabei seine letzte EP noch einmal ins rechte Licht gerückt. Cooly G, eine der durchaus zahlreichen Ladies im Hause Hyperdub - wie etwa die phantastische Laurel Halo -, hat dieses Jahr nochmal nachgelegt, nachdem ihr Debut „Playin Me“ vor zwei Jahren bereits Wellen geschlagen hat. Bei ihr geht es reduziert digital zu, die Stimmung bewegt sich zwischen Melancholie und erotisierter Sehnsucht. Sie vereint dabei das Rohe und das Elegante in einem Sound, der alle denkbaren Facetten britischer Bass Music aufgesogen hat und nun dessen feinstes Destillat hervorbringt. Die bisweilen kühle Schlichtheit ihrer Sounds kontrastiert teilweise scharf mit der sexuellen Aufladung der Vocals, was einen besonderen Reiz ausmacht und dieser Platte auf jeden Fall einen vorderen Platz einbringt.



12“es

Das mit den Maxis ist teilweise ein etwas mühsames Geschäft, doch zwei Favoriten aus dem letzten Jahr sollen hier noch einmal hervorgehoben werden, da sie besonders bemerkenswert waren.

JETS feat. Jamie Lidell – Midas Touch

Bei dieser Geschichte kann ja fast nicht schief gehen. Detroit-Revivalist Jimmy Edgar und Avant-Dancefloor-Frickler Travis Stewart aka Machinedrum zerren gemeinsam unter ihrem Alias JETS den großen Crooner der elektronischen Tanzmusik, Jamie Lidell, vors Mikro. Das Ergebnis ist fantastisch groovendes Tanzflächenmaterial mit Tiefgang und beseeltem Gesang. Ein echtes Highlight, das aus der auch ansonsten wirklich tollen gemeinsamen LP der beiden noch einmal heraussticht.



Theo Parrish / Tony Allen – Day Like This / Feel Loved

Natürlich könnte man Theo Parrish auch eine Etage drüber bei den LPs für „American Intelligence“ abfeiern, wie im übrigen auch Moodymann mit seiner nach ihm selbst benannten 2014er LP. Da jedoch beide als Deep-House-Legenden gewissermaßen ohnehin schon larger than life sind, sei hier nur auf die angesichts der erratischen Veröffentlichungsstrategie von Parrish leicht zu übersehende Kollaboration von ihm und dem Ur-Vater des Afro-Beat, Tony Allen, verwiesen. Hinter seinem Drumkit treibt Allen mit seinem absolut bestechenden und rhythmisch-vertrackten Groove seinen Kollaborator zu Höchstleistungen an. Sounds like real Afro-Futurism.


Mittwoch, 28. Januar 2015

Auslese 2014 – Teil 5


Nachdem letztes Mal die Welt des HipHop nach bleibenden Eindrücken aus dem Jahr 2014 abgesucht wurde, ist heute das weite Feld der Gitarrenmusik dran bzw. der Ausschnitt aus diesem gigantischen Feld, für den ich mich irgendwie interessiere.

Swans – To be kind

Auch wenn ich es generell schwierig finde, „die eine“ Platte herauszufischen, so lässt sich im Fall der Swans kaum leugnen, dass die Mannschaft um Michael Gira mit der dritten Platte nach ihrer Wiederbelebung ein wirklich herausragendes Werk geschaffen hat. In der Hinsicht bin ich zwar ein Spätzünder, da erst der Vorgänger „The Seer“ mich auf diese Band aufmerksam gemacht hat, was aber dem Enthusiasmus für diesen brachialen, widerspenstigen und geradezu hypnotisierenden Sound natürlich in keinster Weise schmälert. Die Stücke wirken einerseits in ihrer oberflächlichen strukturellen Schlichtheit monochrom, entfalten aber in ihrer beständigen Wiederholung, Variation und Steigerung eine epische Dimension, der man sich kaum entziehen kann. Ich trauere heute noch dem Konzertabend im Gebäude 9 nach, an dem es das live zu hören und zu spüren gab und ich nicht dabei sein konnte. Vielleicht springt Hagen ja mal mit einem Review des Abends ein.


Sunn O)))) mit Ulver bzw. Scott Walker

Die beiden wahnsinnigen Dekonstruktivisten des Black Metal / Drone, Stephen O'Malley und Greg Andersen, habe ich seit längerem ins Herz geschlossen. Dieses Jahr haben sie mit gleich zwei Kollaborationen für Verzückung vor dem Plattenspieler gesorgt. Zunächst erschien die länger angekündigte Platte gemeinsam mit den norwegischen Black-Metal-und-jedes-andere-erdenkliche-Genre-und-Nicht-Genre-Veteranen Ulver, die ich schon ausführlicher besprochen habe. Und auf der Ziellinie gen Jahresabschluss haben sie mit der gemeinsamen LP mit Scott Walker, dem Crooner der Apokalypse, nachgelegt, bei dem die Sonne schon lange nicht mehr scheint. Nachdem die Black-Ambient-LP mit Ulver so ungefähr dem entsprach, was man sich darunter vorab vorgestellt haben mag, wenn man die beiden Acts kannte, erwies sich die Scott O)))-Platte nach den Maßstäben der Beteiligten als geradezu zugänglich. Und irgendwie ist Walker die geradezu logische Ergänzung zu den schwarz-getünchten Soundtracks von Sunn O))), die ja sonst eher auf Kreischen und Grunzen aus der Metal-Fraktion als Vocalkomponente zurückgreifen. Durch seinen theatralischen Gesang rückt Walker die Platte daher näher in die Richtung seiner – soll man das so nennen ?– Kunstmusik, ohne dass Anderson und O'Malley ihre Wurzeln im Boden der bis zum Anschlag aufgerissenen Amps verleugnen müssten. Dennoch ist und bleibt das eher Musik für ausgewählte Stunden, in denen sie jedoch große Wirkung entfalten kann. Wer zwei Kandidaten dieses Kalibers innerhalb eines Jahres ins Rennen schickt, darf hier auf gar keinen Fall fehlen.





Yob – Clearing The Path To Ascend

Noch einmal Schwermetall, diesmal aber in einer etwas weniger avantgardistischen Form, dafür mit noch mehr Blei in der Weste. Yob loten seit einigen Jahren – mit einer kurzen Pause zwecks Auflösung und Re-Union – die Möglichkeiten des Doom Metal auf ihre Weise aus. Auf der aktuellen LP reichen ihnen dafür vier Stücke, die aber zusammen gut eine Stunde Spielzeit erreichen. Nach den Maßstäben populärer Musik sind das also epische Brocken, die zudem mit einer zermalmenden Beharrlichkeit vorgetragen werden, die durchaus Urvätern wie Black Sabbath zur Ehre gereichen würden. Das Tempo stets gedrosselt, entwickeln sich die Stücke, ohne dass sie zu einer Leistungsschau des Musikhochschul-Seminars ausarten würden, sondern eher wie eine sich häutende Schlange daher kommen: die alte sterbliche Hülle fällt ab, und neue Schichten werden sichtbar. Neben den ausgeklügelten und schweren Riffs ist es der vielseitige Gesang, der den Stücken Tiefgang verleiht, wenn er zwischen Death-Metal-artigem Grunzen, unverzerrtem Sirenengesang und Black-Metal-Kreischen changiert und damit immer wieder neue Fährten legt und Assoziationen weckt.



How To Dress Well – What Is This Heart?

Würde man das Intelligenz-Test-Spielchen „Wer passt nicht in diese Reihe“ spielen, würde jeder bewanderte Musikfreund wohl das Alias von Tom Krell aus der hier erstellten Reihe aussortieren. Zugegebenermaßen fügt er sich tatsächlich nicht gerade nahtlos ein, doch von Elektronik oder HipHop ist der Mann noch weiter entfernt. Im Prinzip beackert er klassische Herzschmerz-Topoi mit traditionellen Songstrukturen, gießt das ganze aber in einen digitalen Sound, der bisweilen an die Größen des R&B der 90er wie R. Kelly gemahnt, den er konsequenterweise dann auch neulich gecovert hat. Klingt abschreckend? Mitnichten. Das ist deutlich origineller als das, was so mancher anderer Jammerlappen absondert und erschließt neue Ausdrucksfelder für das bleichgesichtige Songwriting, wodurch lupenreiner Pop des Seelenleidens entsteht.



Bob Mould – Beauty And Ruin

Bob Mould hat einst neben Grant Hart in der Post-Punk-Legende Hüsker Dü gedient und veröffentlicht seit deren Ende verlässlich immer wieder wunderbare Gitarrenalben, die die melancholische und zugleich eingängigere Seite des Oeuvres seiner einstigen Band weiterführen. Wirklich Neues bietet er auf der aktuellen Platte nicht, er variiert wie die meisten brillanten Songwriter, das, was er am besten kann: wütend, traurige Stücke über die Ungerechtigkeiten dieser Welt und das eigene Leiden daran. Im Ernstfall könnte auch ein Datum aus den 90ern irgendwo als Aufnahmedatum auf dieser LP versteckt sein. Das ändert aber nichts daran, dass es eine weitere feine Platte eines Unverdrossenen ist, der konsequent seinen Weg geht. Und weil das so schön und bewegend ist, wird Hüsker Dü und seinen beiden Protagonisten demnächst mal ein eigener Post gewidmet.



Mittwoch, 21. Januar 2015

Auslese 2014 - Teil 4

Ein wenig spät wird hier Bilanz gezogen, was das letzte Jahr so an Platten gebracht hat, doch ganz verschwiegen werden soll das Resumee nicht. Um den Wust an Vinyl und Soundfiles ein wenig zu ordnen, geschieht das grob nach Richtungen sortiert mit Fokus auf je drei zentrale Platten sowie weitere erwähnenswerte Releases. Zunächst ist mal der HipHop dran, weitere folgen. Und in diesem Genre war es nicht der schlechteste Jahrgang. Die drei Favoriten habe ich allesamt schon ausführlich besprochen, so dass man Details dazu in den jeweiligen Posts nachlesen kann.

Run The Jewels - Run The Jewels 2

Der Titel ist zugegebenermaßen denkbar unoriginell, doch ändert das nichts daran, dass El-P und Killer Mike allen gezeigt haben, wo der Hammer hängt in Sachen Beats and Rhymes. Sie vereinigen dass, was man an stumpfem, wortspielverliebtem Bragadoccio liebt, spielend mit der Brisanz von Public Enemy und liefern das Ganze vor einer Beat-Kulisse, die vielschichtiger und unterhaltsamer ist als das, was aus den MPCs der Konkurrenz so rausplätschert.



Freddie Gibbs & Madlid - Pinata

Auch hier haben wir es mit einem Duo zu tun, auch wenn dieses nach einer etwas strikteren Arbeisteilung verfährt, da Madlib konsequent die Klappe hält und Freddie Gibbs seinerseits nicht in Sachen Beats dilettiert, sondern sich auf seine Kernkompetenz des Quatschens konzentriert. Nachdem die Kollaboration zunächst ungewohnt und fast wie eine Schnapsidee gewirkt haben mag, zeigt sich auf Albumlänge, dass sich hier zwei sonst recht strikt getrennte Segmente des HipHop mit großem Gewinn für beide Seite befruchten. Verkiffter Indie-Beat-Schmied weist dem Ghetto-Boy mit Authentizitäts-Siegel den Weg zu neuen Ufern. Und dieser setzt als Dankeschön den bewährten Sample-Soundtrack in neue Kontexte.



Shabazz Palaces - Lese Majesty

Dass HipHop nicht zwangsweise nur im eigenen Saft schmoren muss, sondern auch eine gewisse visionäre Sprengkraft entfalten kann, hat wohl lange kein Act mehr so deutlich gemacht wie Shabazz Palaces. Sound und Lyrics sind hier gleichermaßen unkonventionell, und irgendeiner muss doch schließlich die Fackel von Sun Ra durch das Labyrinth der Goldkettchen und Koksbeutel tragen. Hinzu kommt, dass das Duo live in einer Weise Arsch tritt und den Hallenboden mit Basswellen erschüttert, dass man wohl sagen kann, dass es 2014 nicht viele Konzerte gab, die da in Sachen Intensität mithalten konnten.


  
Mehr gutes Material

Eine weitere Erwähnung verdient einerseits Schoolboy Q mit Oxymoron, der in Sachen irrer Drogen-Rap mit Massenappeal und teils relevantem Reflexionsniveau zu überzeugen wusste. In Deutschland hat er das von der Masse halbwegs unbeachtet getan, in den USA reicht sowas für Platz 1 der Charts. Zugleich überbrückt die Platte die Wartezeit zum nächsten Release seines Kumpels Kendrick Lamar in eleganter Weise.



Schließlich wäre da noch der von mir schon lange sehr geschätzte Kölner MC Retrogott mit seinr aktuellen Kollaboration mit Hubert Daviz, der hier seinen üblichen kongenialen Partner Hulk Hodn ersetzt. In Sachen kluge und aggressive Sprachspiele auf Deutsch macht dem Mann so schnell keiner was vor, genausowenig in Fragen der konsequenten Underground-Attitüde. Zugleich erfülle ich damit eine Deutsch-Rap-Quote, ein Genre, mit dem ich sonst nicht so viel am Hut habe.


Mixtapes

Schließlich ist der unübersichtliche Digital-Marktplatz der Mixtapes anzuführen, auf dem ich mich zugegebenermaßen nur sporadisch tummele. Gut gefallen haben mir da aber auch ein paar Kandidaten:

Dej Loaf - Sell Sole

Die Dame schafft es als einzige Lady auf die Jahresabschlussliste in diesem ansonsten doch arg testosteron-dominierten Geschäft. Das ist allerdings diesmal keiner Quote geschuldet, sondern einzig ihren Qualitäten als MC, die sie mit einem idiosynkratischen Style auf ihrem letzten Tape absolut unter Beweis gestellt hat. Da wünscht man sich mehr solcher selbstbewusster weiblicher Stimmen statt der Horden von Bling-Boys mit ihrem Pimmel-Gequatsche.



A$AP Ferg - Ferg Forever

Da ist tatsächlich mal einer aus dem Schatten von A$AP Rocky als Boss des Mobs herausgetreten und hat gezeigt, dass da noch mehr Talent schlummert, mit dem man nicht nur die Mobshots im Video auffüllen kann, sondern auch im Alleingang problemlos ein Tape bestücken kann. Ebendieses besticht durch Vielseitigkeit, Mut zum Experiment, das auch mal in die Hose gehen darf, sowie einem zeitgeistigen Stilbewusstsein. Da könnte noch was kommen demnächst.



Rich Gang (Young Thug, Birdman , Rich Homie Quan) - Tha Tour Pt. 1

In Sachen konventioneller Trap-Sound war der Zusammenschluss Rich Gang von Young Thug und Konsorten mein Favorit. Die Kombination der Styles macht hier den Reiz aus. Das Themenfeld und die Sound-Ästhetik sind klar abgesteckt, so dass man nur mit besonders brillanter Variation des bekannten punkten kann. Das machen die drei dann auch souverän und besser als der Rest, auch wenn man manchmal denkt, dass es ein anderes Thema oder ein etwas variablerer Beat durchaus auch mal sein dürften.