Die Geschichte des Duos, das vor kurzem
die vielleicht beste HipHop-LP des Jahres veröffentlicht hat, ist
einerseits die zweier denkbar unterschiedlicher Veteranen,
andererseits die Geschichte eines Zusammenwachsens, das nun in einer Art Symbiose gipfelt. Da wäre zunächst
Killer Mike, Vertreter des Southern-Rap aus dem Umfeld von Outkast.
Seine Karriere im Windschatten der weirden Vorreiter des
Atlanta-Sounds fing vielversprechend an, versackte dann aber mehr
oder weniger. Sein kongenialer Partner hört auf den Künstlernahmen
El-P, das Toastbrot, das mit seinen Raps und Beats einst den
bahnbrechenden Indie-Sound der New Yorker Combo Company Flow prägte.
Schon der Gedanke an deren Debut „Funcrusher +“ dürfte so
manchem gestandenen Rucksack-HipHopper Tränen in die Augen treiben.
El-P hat sich auch nach deren Ende gut gehalten, mit Def Jux ein
durchaus einflussreiches Label gegründet und sowohl als
Solo-Künstler wie auch als Produzent für andere über die Jahre
hinweg konsistent gute bis exzellente Arbeit abgeliefert.
Irgendwann kam das Management von El-P
auf die Idee, diesen doch mal mit dem etwas strauchelnden Killer Mike
zusammenzubringen, der gerade an einem neuen Album werkelte. Wie das
manchmal so läuft, schlossen die beiden sich gegenseitig binnen
Minuten ins Herz und begannen, an Tracks zu arbeiten. Das Resultat
war das Killer-Mike-Album „R.A.P. Music“, bei dem El-P sich –
noch - auf das Basteln der Beats beschränkte, was nichts daran
ändert, dass dies ein wahnsinnig intensives und treibendes Album
wurde. Killer Mike vereinte hier all die widersprüchlichen Einflüsse
des Südens, von triebgesteuertem Booty über Gangstergeschichten bis
hin zu politischen und religiösen Anwandlungen. Die beiden hatten
offensichtlich Blut geleckt, so dass nur ein Jahr später ein Album
erschien, bei dem sie sich die Verse am Micro teilten und El-P erneut
die Produktion besorgte. Run The Jewels war geboren. Ohne großes
Tamtam und als Gratis-Download
gab es das Resultat der Kollaboration und begeisterte schon damals.
Die Synthese ist seitdem weiter
gereift. Der Held des weißen New Yorker Indie-Rap und der toughe
Kerl aus dem Süden mit publicty-tauglichem Vorstrafenregister sind
auf ihrem zweiten, schlicht „RTJ 2“ betitelten Album zu einer
Einheit zusammengewachsen, die ihresgleichen sucht. Auch dieses Mal
gibt’s das Album gratis als Download,
die Finanzierung läuft über die entsprechenden physischen Ausgaben
in Schwarz und Silber. Dabei wissen sie mit Mass Appeal ein von Nas
gegründetes Label hinter sich, das durchaus ambitioniert daher
kommt. Wohl auch dank deren gekonnter PR-Arbeit erleben die aktuell beiden einen Hype, den man von so
einer Kollaboration von zwei semi-bekannten Rappern um die 40 wohl
kaum erwarten konnte. Doch diesmal muss man dem Motto von Public
Enemy widersprechen: „Do believe the hype!“.
Traditionalisten ergötzen sich dieser
Tage an Platten, die aus einem beliebigen Jahr der ersten Hälfte der
90er stammen könnte, doch hier zeigen zwei alte Hasen, wie man
diesen Vibe in die Gegenwart rettet und dieser mit den eigenen
Mitteln in den Arsch tritt. Die beiden rappen – wie etwa auf dem
Opener „Jeopardy“ - mit einer Intensität, Rohheit und zugleich technischen und lyrischen Finesse, die nicht nur von der
Wut im Bauch gespeist ist, sondern auch durch Jahre des
professionellen Wortspiels rhetorisch geschult ist. Ständig scheinen
sie zu drohen – don't fuck with us! Die Produktion von El-P ist
einerseits rauh und eher digital, geht aber andererseits ihren eigenen
Weg jenseits aktueller Trap-Schablonen. Die Beats sind komplex und
entwickeln sich im Verlauf eines Stücks, gehen ein Wechselspiel mit
den Lyrics ein und sind somit weit mehr als rhythmische Landschaften
für Straßenpoesie.
In der eher knappen Laufzeit von ca. 40
Minuten absolvieren die beiden einen Parcours an Themen und Stilen,
bei dem einen selbst als Zuhörer die Puste auszugehen droht. Harte
Double-Time-Raps auf „Oh my, don't cry“, eine vulgäre
Booty-Hommage an 2 Live Crew auf „Love again“, die
gender-theoretisch korrekt durch die weiblichen Vocals von Gangsta
Boo gebrochen wird. Die proklamiert lauthals: „He's got my clit in
his mouth all day“ als Gegenpart zum freudig von den beiden Jungs intonierten Slogan: "She got my dick in her mouth all day". Sogar das verlorene Wunderkind des Crossover
der 90er schaut auf einen Vers rein: Zack de la Rocha von Rage against the Machine gibt sich auf
„Close your eyes“ die Ehre, und das durchaus mit Anstand und dem
gesunden Maß an Härte, um hier nicht als Softie da zu stehen.
Schließlich knüpfen sie auch an die besten Zeiten von Pulic Enemy
an, wenn sie auf „Early“ Polizeigewalt thematisieren, mit Aggressivität,
Können und musikalischer Verve, was in unverhoffter und tragischer
Weise an Aktualität kaum zu überbieten ist. Dass sie dabei mit der
ethnischen Schwarz-Weiss-Dichotomie ihres Duos spielen können, hat seinen ganz eigenen
Reiz, der aber nie plump ausgespielt wird. Damit haben sie es dann
sogar bis zu David Letterman geschafft.
So erweist sich die LP als ein derart
dichtes Gewebe, das keine Sekunde zu lang ist und einen Punch hat,
den man bei den allermeisten rappenden Zeitgenossen vergeblich sucht.
Hier laufen zwei Veteranen im vermeintlichen Herbst ihrer Karriere zu
einer Form auf, in der sie all ihre Erfahrung in die Waagschale
werfen und sowohl dem Nachwuchs zeigen, wo der Hase namens Zeitgeist
langläuft, als auch ihren Altersgenossen, was man mit seiner Zeit so
anfangen kann, wenn man sich nicht auf die Pflege des eigenen
Nachlasses zu Lebzeiten oder das Verfassen von Kochbüchern
konzentriert. Da die Spanne bis zum Jahresende nicht mehr allzu lange
ist, wage ich schon mal zu bilanzieren, dass Rap 2014 nicht mehr
besser wird. Allerdings hätte man sich mit der Prognose wohl auch
vor einem halben Jahr nicht allzu weit aus dem Fenster gelehnt. Und damit ist noch nicht Schluss. Via Kickstarter wurde aus einem zugegebenermaßen albernen Promo-Gag Ernst. Aktuell arbeitet El-P an einem Remix des Albums - "Meow The Jewels", der überwiegend aus Katzen-Geräuschen bestehen soll. Das Casting in einem Tierheim in Brooklyn gibt's hier zu sehen.
Als Reminiszenz an Company Flow gibt es deren Klassiker "8 steps to perfection", dazu Killer Mikes Homage an die politische Nemesis seiner Jugend, "Reagan", und schließlich die erste Single von RTJ 2, "Blockbuster Night".
Wenn man von Plattensammlern und
Vinyl-Nerds spricht, gibt es wohl eine Person, die einen unumstritten
ikonischen Status hat und für die musikalische Sozialisation von
Heerscharen britischer Musiker und Hörer verantwortlich war: John
Peel, seines Zeichens BBC-Moderatoren-Legende. Ziemlich genau 37
Jahre lang hat er seine Landsleute und alle sonstigen Menschen mit
BBC-Empfang mit Musik versorgt, die er liebte und die er mit
möglichst vielen Menschen teilen wollte. Radikale Subjektivität,
bedingungslose Hingabe und ewig-jugendlicher Enthusiasmus waren dabei
seine Markenzeichen. Dass vieles von dem, was er über den Äther
schickte, zumindest vor seiner Sendung leicht bis extrem obskur war,
machte ihn lange zu einer einzigartigen Erscheinung zumindest in der
öffentlichen und kommerziellen Radiolandschaft des UK. Wenig überraschend hatte er seine Wurzeln nicht in der grauen Rundfunkbürokratie der BBC, sondern in der langen, bis heute andauernden
Tradition des britischen Piratenradios. Dessen Protagonisten waren bereits in den 60ern von Schiffen vor der
Küste Englands aus angetreten, um die
musikalischen Schwingungen der Subkultur unzensiert zu verbreiten. Heute bauen deren Nachfolger hingegen temporäre Stationen auf Dächern der Wohnsilos von London auf und schicken die frischesten Vibes urbaner britischer Musik in den Äther.
Im Laufe seiner Karriere hat Peel neben dem Senden bereits gepresster Platten
vielen Bands zu eigenen „Peel Sessions“ in den BBC-Studios
verholfen, darunter frühe Klassiker wie die Small Faces, The Smiths
oder auch Nirvana, bevor sie mit „Nevermind“ groß raus kamen.
Nach wie vor mythenumrankt ist aber vor allem die praktisch
unüberschaubare Masse an Vinyl, die Peel im Laufe seiner Karriere
als Empfänger von Promos genauso wie als obsessiver Sammler
angehäuft hat. Dieser Hinterlassenschaft in schwarzem Plastik hat
nun – auch unter Beteiligung seiner Familie – eine Website
ein höchst würdiges Denkmal gesetzt. Auf dieser Seite kann man via
Maus selbst durch die Regale surfen, die von ausgewählten Musiker
kuratierten Auslesen bestaunen oder auch das Verzeichnis der Peel
Sessions durchgehen. Mit anderen Worten: ein unschätzbarer Fundus
für Plattenfreaks, bei dem allerdings die Finger nicht staubig
werden. Dig it – here!
Bei Peels Website geht es also um so
etwas wie eine würdige Nachlassverwaltung für eine verstorbene
Ikone in seinem Geiste. Einen anderen Weg hat hier Afrika Bambaataa
gewählt, Gründer der Zulu Nation, HipHop-Pionier und Säulenheiliger
der DJ Culture. Statt das Schicksal seines Vinyls den Hinterbliebenen
und damit der Ungewissheit zu überlassen, hat er sich selbst um die Kanonisierung seines
physischen Nachlasses zu Lebzeiten gekümmert, indem er seine
Plattensammlung dem Archiv der Cornell University zu akademischen
Zwecken zur Verfügung gestellt hat. Zuvor waren bereits zumindest
Teile des Bestands in einer Galerie zu besichtigen, was wohl als eine
Art Vorstufe zum Empfang höchster akademischer Weihen zu verstehen
ist.
Das Ganze zeugt von einem ausgeprägten
Bewusstsein Bambaataas hinsichtlich der eigenen Bedeutung in der
Musikgeschichte, was ja letztlich nicht zu leugnen ist. So
kommentiert er heute bereits in bester Elder-Statesman-Pose seine
Vita und schaut gelassen zu, wie sich seine Nachfahren an den
Turntables und Mikrofonen schlagen. Das mag etwas hochtrabend wirken,
doch irgendwie sympathisch ist es trotzdem, wenn dieser Koloss von
einem Mann mit einer Platte und einem dicken Wälzer im Arm einzelne Highlights seiner
Karriere – etwa als DJ in einem italienischen Fußballstadion bei
einem Techno Festival – Revue passieren lässt.
Letztlich eint diese beiden höchst
unterschiedlichen Figuren nicht nur eine zumindest vermeintlich typisch-männliche,
nerdhafte Sammelleidenschaft, sondern auch der wilde Eklektizismus,
der keine Genre-Grenzen kennt. Aus dem jugendlichen Trieb, Massen an
Vinyl anzuhäufen und anderen vorzuführen, was es alles an
großartiger Musik da draußen gibt, ist bei beiden nicht nur ein
unschätzbarer musikalischer Schatz entstanden, der nun auf
unterschiedliche Weise öffentlich zugänglich ist – in den
heiligen Hallen von Academia oder in den Weiten des Internets. Auf
ihre Weise haben beide mit ihrer Persönlichkeit durch das Medium
Vinyl einen bleibenden Einfluss auf Hörer und Musiker mehrerer
Generationen ausgeübt.
Als kleine Appetizer noch "Looking for the perfect Beat" von Afrika Bambaataa sowie die vollständigen Peel Sessions von The Smiths:
Unvermeidlich für einen Vinyl-Junkie
auf Reisen ist die fieberhafte Suche nach einem örtlichen
Plattenladen für den Schuss schwarzen Goldes zwischendurch. Als kleine
Empfehlung werde ich daher hin und wieder posten, welche
empfehlenswerten Läden mir unterwegs so begegnen. Heute also
die beschauliche „Nibelungen-Stadt“ Worms, in die mich meine
Arbeit in den letzten Monaten häufiger
verschlagen hat und dies wohl auch weiterhin tun wird.
Entsprechend der Größe der Stadt ist
das Angebot an Plattenläden in Worms überschaubar. Doch unweit des
Stadtkerns in der Rheinstraße findet sich in rustikal-migrantischem
Ambiente zwischen türkischen Cafés, Gemüseladen und Tattoo-Studio
ein kleiner Laden, der kurzweilige Stunden des Kistenwühlens
verspricht, Heaven Records. Der Laden an sich ist eher klein, doch
praktisch bis unter die Decke vollgestopft vornehmlich mit Vinyl
aller Genres und Jahrgänge, ergänzt durch eine Auswahl an CDs und DVDs. Das Ganze ist zwar grob nach den
gängigen Genres sortiert, doch türmen sich überall bunte Stapel noch
nicht einsortierter Platten, in denen sich teils unvermutete Schätze
finden lassen. Also exakt das, was den Jäger und Sammler anspricht. Ein leichter stilistischer Schwerpunkt des Sortiments liegt auf
Metal, wozu es auch eine vergleichsweise große Sektion an Neuware
gibt. Ansonsten konzentriert sich das Angebot an aktuellem Vinyl auf
ein kompetent zusammengestelltes Sammelsurium an Neuerscheinungen
verschiedener Genres. So bleibt mehr als genug Platz für kistenweise
altes Vinyl, in dem sich stundenlang stöbern lässt, bei Bedarf auch
mit vorhören.
Besitzer Olli ist ein höchst
angenehmer Vertreter der Spezies Plattenladenbesitzer, der neben
einem breit gefächerten Wissensschatz rund um Musik und
Schallplatten auch solche Geschichten über Worms zu erzählen hat,
die nicht unbedingt in den klassischen Reiseführer gehören. Die Preise reichen von
moderat bis durchschnittlich, sind aber prinzipiell
verhandelbar. Wer also keine Angst vor staubigen Fingern hat und
seine Freude daran findet, in etwas wilden Stapeln an Vinyl nach Gold
zu graben, ist hier genau richtig bzw. findet hier das, was der Name des Ladens verspricht: Heaven. Als kleiner Beweis hier ein Auszug
aus meiner Beute der letzten Besuche:
Lorraine Ellison – Stay with me
Eine fantastische Soul-Sängerin, die 1969 mit dem Titelsong dieses Albums einen Hit hatte,
ansonsten eher unter dem Radar der allgemeinen Aufmerksamkeit fliegt,
unter Northern Soul Freunden aber wohl ein Begriff ist. Dieses erste
Album von ihr liegt stilistisch nahe an dem gospel-getränkten Sound
der frühen Aretha Franklin und steht dieser auch in Sachen Intensität
und Gesangskünsten praktisch in nichts nach. Dringend zu empfehlen, insbesondere der Dancefloor Filler "The hurt came back again" als auch die erste Aufnahme des später von Janis Joplin aufgenommenen "Just a little bit harder".
Super Biton de Segou – Afro Jazz du
Mali
Diese Platte hat sich als völlig
unerhoffte Perle erwiesen, da es mehr als schwierig ist, halbwegs
vernünftig erhaltenes Original-Vinyl afrikanischer Musik zu aus den
60ern und 70ern zu finden. Dieses zwölfköpfige Ensemble bietet
dabei alles, was man sich von einem Release aus dieser Zeit und
dieser Region nur wünschen kann: swingende, poly-rhythmische
Grooves, fette Bläsersätze und afrikanische Gesänge: eine fantastische Synthese aus
afrikanischer Tradition und afro-amerikanisch geprägter Moderne.
Black Sabbath – Master of Reality
Zugegeben handelt es sich bei dem Album
kaum um eine völlig unbekannte Rarität, doch wie eigentlich alle
Sabbath-Platten aus der frühen Phase mit dem klassischen Lineup kann
man dabei nie ganz falsch liegen. Die Kinder der nordenglischen
Industrie-Tristesse verweigern sich verständlicherweise auch hier
der Glückseligkeit ihrer Hippie-Zeitgenossen und zeigen ein weiteres
Mal die düstere Seite halluzinogener Drogen. Über Ozzys Solowerk –
ganz zu schweigen von seinen Reality-TV-Eskapaden - und die Qualität
von späteren Sabbath-Platten mit all den wechselnden Besetzungen kann man
streiten, doch alleine in dieser LP hat die Band den Keim für unzählige
Metalplatten kommender Dekaden tief eingegraben, eine Basis gelegt, von der unzählige Epigonen noch heute zehren können.
John Lurie - Down by Law Original
Soundtrack
Schon die Erinnerung an den Film
und die Tatsache, dass ich den dazugehörigen Soundtrack nicht
besitze, macht das Album zu einem Pflichtkauf. Lurie bewegt sich in
der ihm eigenen Art durch die Geschichte des Jazz und bricht diese
durch die Linse seiner New Yorker
Intellektuellen-Toastbrot-Perspektive. Die bizarr-absurde Stimmung
des Films zwischen existenzialistischem Drama und Komödie fängt er
mit diesen Mitteln brillant ein, nimmt sich dabei mehr zurück als etwa bei den Lounge Lizards und konzentriert sich primär auf die teils sparsame Vertonung der filmischen Atmosphäre. Als Zugabe gibt’s auf der B-Seite
noch den Soundtrack zu einem weiteren Film, „Variety“. Und nach einem Durchgang der LP ist man spätestens wieder dafür bereit, den Film noch einmal zu schauen. "Do you like Walt Whitman?".
Die Regelmäßigkeit, mit der ich
Nachrichten von frisch und oftmals noch sehr jung verstorbenen
Musikern poste, gibt mir manchmal das Gefühl, ich könnte hier auch
einen Blog mit Todesanzeigen betreiben. In den letzten Wochen hat der
Herr wieder zwei zu sich geholt: den britischen Rapper/Dub-Poeten The
Spaceape sowie seinen Landsmann Mark Bell, seines Zeichens eine
Hälfte des Elektronik-Duos LFO und Produzent für andere Künstler.
Ihre Musik ist einerseits sehr unterschiedlich, doch stehen
andererseits beide auf ihre Weise für brillante Infusionen frischen
Bluts in den Körper der elektronischen Musik, die jeweils wiederum
eng mit spezifisch britischen Traditionen verknüpft waren.
Mark Bell
Der sogenannte „Second Summer of
Love“ von 1988, den Großbritannien im Rausch von Acid House und
Ecstasy erlebte, war gerade vorbei, und seine Kinder machten sich
auf, aus dem Erbe von Kraftwerk, HipHop, Detroit Techno und allerlei
dilettierenden Experimenten an Samplern und Synthesizern in ihren
Jugendzimmern einen neuen Sound zu schaffen. Wenn man den Berichten
Glauben schenken darf und sie nicht nur reine Verklärung der eigenen
Jugend der Beteiligten sind, waren die Ecstasy-Pillen noch reiner und
der Vibe der Parties noch nicht in militant-sediertes Marschieren
gekippt. Eine muntere Spielwiese muss das gewesen sein, auf der sich
der junge Teenager Mark Bell aus Leeds gemeinsam mit seinem Kumpel
Gez Varley austoben konnte.
Im Zuge der Explosion neuer
elektronischer Musik aus England, für die es allerlei Begriffe von
Bleeps n Clonks über Techno zu Acid House und Hardcore gibt,
entfaltete sich das Projekt LFO mit ganz besonderer Wucht, denn im
Wettrennen um den tiefsten und bösesten Bass lagen sie ganz weit
vorne mit ihre tatsächlich ersten Track, den sie genauso nannten wie
ihr Projekt - „LFO“. Das umtriebige und bis heute intakte Label
Warp begriff das schnell und veröffentlichte den Track genauso wie
die folgende Debut-LP „Frequencies“. Der Titel des Albums enthält
in gewisser Weise die Essenz, die diese Musik antrieb. Nicht die
Schöpfung elaborierter Songs oder wilder Harmonien, sondern die
Suche nach den Frequenzen, die durch ein Soundsystem geschickt der
tanzenden Meute einen Schauer durch den ganzen Körper jagten,
getragen von Rhythmen, die in ihrer Schlichtheit alle verstanden und
alle vereinten. Genauso kann auch der Name des Projekts als
programmatisch verstanden werden. LFO steht für „Low Frequency
Oscillator“, den Bestandteil eines Synthesizers, der die tiefen
Töne in Gang bringt.
Schließlich muss man „Frequencies“
als eine der wenigen LPs elektronischer Dance Music dieser Ära
würdigen, die es schaffte, das Gefühl dieses Sounds tatsächlich
auf Albumlänge auszubreiten und meisterlich zu variieren, während
es den meisten anderen selten gelang, über die Länge einer Maxi
hinaus Spannung und Innovation zu konservieren. Das riecht nach der
Sehnsucht funktionaler Musik, als Kunst anerkannt zu werden, für die
man den zweifelhaften Title Autoren-Techno erfunden hat. Doch dafür
gehen LFO viel zu sehr nach vorne. Das konnte ich 1994 am eigenen
Leib erfahren, als ich LFO bei einem Warp-Showcase in Köln gemeinsam
mit Autechre, Seefeel und Aphex Twin sehen durfte. Ein für mich
damals merkwürdiges, wenn auch nachhaltig beeindruckendes Erlebnis,
das meiner bis dahin eher gitarrenlastigen Sozialisation ordentlich
Gehirn und Gehör durchgepustet hat. Danke dafür.
Es folgte nach dem frühen Hype um LFO
für Mark Bell eine steile Karriere, die ihm unter anderem
Produzentenjobs für Björk und Depeche Mode bescherte, während LFO
nur noch zwei weitere Alben veröffentlichten, „Advance“ (1996)
und Sheath (2003). Mit Björk arbeitete er 15 Jahre von „Homogenic“
(1997) bis „Biophilia“ (2011) zusammen, während Depeche Mode
eher mal zwischendurch für „Exciter“ (2001) jemanden brauchten,
der ihrem in die Jahre gekommenen Sound ein bisschen Aktualität und
Glaubwürdigkeit für das jüngere Publikum verleihen sollte. Schwer
zu sagen, was da noch gekommen wäre, denn mit 43 Jahren hätte das
ja noch eine Menge sein können. Vor einigen Tagen jedoch wurde
seinem Leben ein vorzeitiges Ende gesetzt, durch das, was Ärzte
„postoperative Komplikationen“ nennen. Unvermeidlich an dieser
Stelle noch einmal den unverwüstlichen Track „LFO“ zu posten
sowie stellvertretend für seine Arbeit mit Björk deren von ihm
produzierten Track „Declare Independence“.
The Spaceape
Eine andere Generation, doch genauso
fest verwurzelt in der Tradition dessen, was Simon Reynolds als
„Hardcore Continuum“ bezeichnet – die Traditionslinie
britischer Clubmusik, die sich aus den frühen Raves der späten 80er
Jahre genauso speist wie aus dem britischen Kolonialerbe
jamaikanischer Musik. The Spaceape, den man wohl als Poet der
Dubstep-Generation bezeichnen könnte, hat hierin seinen festen
Platz. Auf seine Art führt er das Erbe seines Landsmanns Linton
Kwesi Johnson aus den 80ern fort. Dieser setzte vom UK aus neue
Akzente in der Lyrik, die über die entschlackten Rhythmen
jamaikanischer Riddims gelegt wurde.
Das musikalische Schaffen von The
Spaceape wird wohl für immer eng verknüpft bleiben mit seinem
kongenialen Partner Kode9, seines Zeichens Mastermind und Betreiber
des wegweisenden Labels Hyperdub, das seit nunmehr 10 Jahren frische
Versionen von Bass Music / Dub und anderem futuristischen Kram
liefert. Mit „Memories of the Future“ von 2006 sowie „Black
Sun“ von 2011 haben die beiden zwei Meilensteine in dem
schnelllebigen Genre gesetzt, indem sie nicht nur Dub eine
zeitgenössisch-minimale Sound-Tiefe verpasst haben, sondern auch
eine der wenigen gelungenen Synthesen aus Vocals und Instrumentals in
diesem Bereich geschaffen haben. In Sachen Bass und Freude an
Frequenzen liegt der Ansatz damit nahe an LFO, denn Dub ist für
Kode9 & The Spaceape nur ein grobes rhythmisches Gerüst und
ästhetische Referenz und somit Sprungbrett und doppelter Boden ihrer
eigenen Sound-Exkursionen. Für die Ekstase auf der Tanzfläche ist
dieser Sound hingegen nur bedingt geeignet, eher denkt man an eine
etwas zu schummerig geratene Afterhour.
Die Vocals von The Spaceape haben immer
etwas leicht bedrohliches. Sie kommen eher monoton und langsam daher,
sind jedoch so „nah“ und eindringlich abgemischt, dass man das
Gefühl hat, da flüstert einem ein sedierter Barry White mit
jamaikanischem Einschlag düstere Wahrheiten und apokalyptische
Visionen ins Ohr. Etwas schleppend-unheilvoll, aber auch kryptisch,
was im Zusammenspiel mit den basslastigen Produktionen von Kode9 der
Musik eine sehr spezielle Aura verleiht; in etwa so, als würde man
entgegen besseres Wissen von der Stimme eines urbanen Rattenfängers
in die Dunkelheit eines ausrangierten U-Bahn-Tunnels gelockt.
Wie man Nachrufen entnehmen kann, hat
The Spaceape lange mit dem Krebs gerungen und diesen Kampf nicht
zuletzt auch in seiner letzten Solo-EP verarbeitet. Er ist definitiv
eine einzigartige Stimme, die man vermissen wird. Als kleine
Ausschnitte aus seinem Schaffen an dieser Stelle der an Prince
angelehnte Track „Sine“ mit Kode9 sowie „On The Run“ aus
seiner Solo-EP von 2012.
Auf den verschiedensten Wegen gelangt
man heute beim Hören aktueller Musik zu einer geographisch kleinen,
kulturell aber wichtigen Quelle – Dub. Legionen von Autoren und Musikjournalisten haben
sich daran abgearbeitet, die Bedeutung des in den 60ern mehr oder
weniger aus Zufall geschaffenen Genres des instrumentalen Reggae für
alle möglichen nachfolgenden Stile herauszuarbeiten: praktisch alle
Spielarten elektronischer Musik, HipHop, Post-Punk oder auch die
(selbst ernannten) direkten Nachkommen aus England wie Dubstep. Die
Mutationen, die der ursprüngliche Sound von King Tubby durchlaufen
und/oder befeuert hat, weisen dabei oftmals nur noch sehr
rudimentäre direkte Anklänge an das Original auf, es zählt vielmehr die Geistehaltung der Abstraktion, Reduktion und Manipulation von
Frequenzen, die als Prinzip schon damals dem Sound zugrunde lag.
Etwas direkter in der unmittelbaren
Erbfolge des jamaikanischen Dub bewegt sich ein deutsches Label,
Jahtari aus Leipzig, das seit nunmehr 10 Jahren Dub/Reggae
veröffentlicht, der musikalisch vergleichsweise nah an den Wurzeln des Genres liegt. Die beiden
zentralen Bezugspunkte des Sounds sind dabei praktisch schon im
Labelnamen enthalten: „Jah“ im Sinne des Anknüpfens an die
spirituelle Seite von Dub und Reggae sowie „Atari“ als Verweis
auf die Sounds früher Heimcomputer. Konsequent wird dementsprechend auf eine
körnige 8-Bit-Ästhetik gesetzt, wie man sie aus dem genannten
Rechner genauso kennt wie aus den frühen Tagen des digitalen
Dancehall, man denke nur an Jammys Intialzündung, den
„Sleng-Teng-Riddim“ und dessen Casio-Drums.
Sowohl die Zahl der veröffentlichten
Künstler als auch die Formate der Veröffentlichungen sind
zahlreich. So gibt es etwa einen kontinuierlichen Output an großem
und kleinem Vinyl, aber auch jede Menge Downloads wie die Net-7-Inches,
Soundcloud-Mixes und CDs. Trotz der Vielzahl der beteiligten Musiker
ist die von ihnen produzierte Musik in ihrem Ansatz recht homogen:
schlichte, klassische Reggae-Tunes, die retro-artig produziert sind,
aber mit einer spezifischen Weirdness angereichert werden,
insbesondere in den Vocals, so sie denn vorhanden sind. Diese drehen
sich oft um klassische Themen des Genres wie Weed, die Dancehall und
ihre Protagonsiten sowie die Musik an sich, doch in der
Bearbeitung der Stimme und den eigentlichen Texten schwingt immer eine leicht
verfremdende, gerne auch kiffer-affine Meta-Ebene mit, insbesondere
bei der tollen schottischen Sängerin Soom T. Das ist zwar einerseits
recht humoristisch, andererseits aber auch sehr traditionsbewusst,
denn Dub und Reggae sind hier nicht bloße Vehikel, sondern das Label
sieht sich hier in einer klaren Tradition, wie nicht zuletzt die
Existenz und der Inhalt einer eigenen „Theorie-Sektion“ auf der
Label-Website verdeutlichen. Abgrenzen lässt sich dessen Ansatz in
der gegenwärtigen Dub-Sphäre daher nach zwei Seiten: der wobbelnden
Dancefloor-Sause gängiger Dubstepentwürfe wie Skream auf der
kommerziellen Seite, sowie den avantgardistischen Neigungen von
Labels wie Hyperdub, die den Klang von Dub in sehr abstrakte Sphären
treiben und dabei weniger mit Jah und Konsorten am Hut haben als mit
einem Philosophie-Seminar.
Das Mittel für die meisten Producer
auf Jahtari ist in Abwendung von Trends nicht extremes
Sound-Fricklertum und brachiale Kompressionsexperimente am Laptop,
sondern die Rückkehr zum selbst manipulierten 8-Bit-Synth und
DIY-Ästhetik, also eher ein Verweis auf Freunde des sog.
Circuit-Bending oder auch die frühen Experimente und Basteleien des
jamaikanischen Elektro-Ingenieurs Osbourne Ruddock aka King Tubby.
Gewissermaßen als Nebenprodukt dieser Bestrebungen kann man sogar
von den Betreibern des Labels höchst selbst (um)gebaute Synths bestellen. Die unter anderem damit gebauten Riddims haben als musikalische
Gegenstücke zu den groben Pixeln eines Atari 512 ST eine synthetische
Rohheit, der die Glattheit vieler anderer aktueller
Dub-Interpretationen gänzlich abgeht. Der Zufall als Komponente, die
bei der Entstehung des Dub selbst bereits eine entscheidende Rolle
spielte, wird hier nicht durch die Kontrollmöglichkeiten des Studios
im Rechner unterlaufen, sondern explizit durch den Hands-on-Ansatz an
den Knöpfen und Reglern der Geräte kultiviert. Dies führt zu einer
teils fröhlich-bekifften Anarchie, die weit entfernt ist von der
Düsterkeit urbaner Dubvisionen wie von Kode9 and the
Spaceape, aber nie ins Alberne kippt. Gutes Beispiel für diese
Gratwanderung ist der Jahmiga-Remix des Doors-Klassikers „WhiskeyBar“, der so seltsam trunken-verzerrt daher kommt, dass man nie
weiß, ob der lallende Suffkopf auf der Suche nach mehr Drinks
gefährlich ist oder bloß spielen will und sich am Ende als sympathischer Saufkumpan erweisen könnte.
Eine ähnliche Fortführung der
Methoden und Ideen jamaikanischer Dub-Pioniere findet sich auf der visuellen Ebene
der Veröffentlichungen, hier wird auch stark mit verschiedenen Arten
von Comics gearbeitet, die für die eigenen Zwecke adaptiert werden, beispielsweise durch einen qualmenden Karotten-Spliff bei Soom T & disrupt
oder die Transformers-artigen Cover der Label-Compilation-Reihe
„Jahtarian Dubbers“. Das historische Pendant sind hier jamaikanische
Dub-Alben, die sich auch gerne aktueller
Pop-Themen bedienten, deren Verwurstungen "in Dub" sie als augenzwinkernde Referenz für die
Cover und Mottos ihrer eigenen Klangabenteuer nutzten wie „Prince Jammy
Destroys The Invaders“, das damals sehr unsubtil auf den Arcade-Hit
„Space Invaders“ anspielte. Exakt dieses Cover greift seinerseits
Ras Amerlock für seinen Release „Farther East...“ auf Jahrtari
auf und dreht die Zitate-Spirale damit eine Umdrehung weiter.
Man kultiviert also in Leipzig eine
recht klare und eigene konzeptionelle Linie, doch die Vernetzungen
des Labels zu verschiedenen anderen Musikern und Labels, die sich auf
ihre Weise an der Konservierung und Weiterentwicklung des
jamaikanischen Erbes abarbeiten, sind bemerkenswert. Die
Jahtari-Hausproduzenten Rootah und disrupt haben eine
EP von Paul St. Hilaire aka Tikiman produziert, der in den 90ern eine
grandiose und geradezu stil-definierende Platte mit Rhythm &Sound aufgenommen hat. Daneben können sich auf Jahtari genauso die
King-Midas-Sound-Köpfe Kiki Hitomi und Kevin Martin mit ihrem
Black-Chow-Alias oder die schottische Vorzeige-Crew Mungo's Hi-Fi
austoben. Als Exot unter den Kollaborateuren ist schließlich die
famose kölsche Sängerin Fleur Earth zu nennen, die auf einer frühen
gratis Download-Single gefeaturet wurde. Borniertheit und Snobismus sehen anders aus, den Machern scheint es bei der Auswahl ihrer Kontakte und Künstler vor allem um eine liebe- und respektvolle Haltung zum Dub sowie die gemeinsame Suche nach neuen Sound-Tiefen zu gehen.
Für 10 Jahre Basisarbeit im Namen von
Jah und alten Heimcomputern ist das schon eine ziemlich
beeindruckende Bilanz des Leipziger Labels. Als Einstieg in diesen
eigenen Sound-Kosmos kann man eigentlich nur einen Besuch auf der
label-eigenen Website empfehlen, da diese nicht nur konzept-gerecht schickes Retro-Design bietet, sondern auch
zahlreiche Infos liefert sowie umfangreiche Downloads bereit hält.
Man muss also noch nicht einmal Geld investieren oder in die Sümpfe
der illegalen Downloads hinabsteigen, um einen Eindruck davon zu
bekommen, was die Jungs und Mädels in ihrem musikalischen
Gewächshaus so anbauen. Als Einstieg von meiner Seite hier die
folgenden Empfehlungen / Links: Die Net-7-Inch von Gringo Starr und Fleur Earth als Download, Soom T
& disrupt mit „Puff the Police“, Paul St. Hilaires "Nah Ina It" sowie schließlich die Tape-Abteilung der
Jahtari-Website mit verschiedenen Gratis-Downloads. In diesem Sinne:
Jah bless!
Es ist ziemlich genau 20 Jahre her,
dass ich zuletzt ein Album von Tom Petty gekauft habe, das für mich
immer noch zeitlos schöne „Wildflowers“, bei dem auch Rick Rubin
Hand angelegt hat. Danach hat sich die Spur für mich verloren, hin
und wieder bin ich über ein Stück oder die Meldung der
Veröffentlichung von einer neuen Platte von ihm gestolpert, doch
wirklich interessiert hat mich das nie. Die Euphorie, mit der das
neue Album „Hypnotic Eye“ an anderen Stellen besprochen wurde,
hat mich jedoch neugierig darauf gemacht, einem alten Bekannten mal
wieder einen Besuch abzustatten und mir selbst einen Eindruck von dem
Zustand von Tom Petty und seinem Schaffen im Jahre 2014 zu verschaffen.
Und tatsächlich ist es ein wirklich
gelungenes Album, das eine interessante Balance findet zwischen einer
Orientierung an den eher rockigen Seiten seines Frühwerks, die er
mit düster-mystischer Südstaatenromantik anreichert, und der
Reflektiertheit eines Alterswerks, dem aber noch nicht der letzte
Zahn gezogen ist. Hilfreich ist dabei sicher, dass er in seinem
Rücken die Heartbreakers weiß, die wie eine Synthese aus Uhrwerk
und spielfreudiger Jungsbande den Sound liefern, der Studienräten
mit Southern-Rock-Neigungen auf der Bühne des Stadtteilfests einfach
in den Arsch tritt. Mike Campbell, Benmont Tench und Ron Blair
beschwören die feuchte Hitze ihrer Heimat, und Petty selbst gibt
Themen, die sich schon zu frühen Tagen durch seine Lieder zogen,
einen neuen Twist. Mal lässt er gerade die Adoleszenz hinter sich
(„Full grown Boy“), mal artikuliert er die Wut auf lächerliche
Obrigkeiten („Power Drunk“) oder die eigene politische
Orientierungslosigkeit im Angesicht von Konflikten („Shadow
People“). Am stärksten jedoch sind die Stücke, die tief in den
Süden der USA eintauchen und beinahe wie Schnappschüsse der
Szenerie aus der grandiosen Serie „True Detective“ anmuten. In
„Burnt Out Town“ etwa skizziert er in schlichten wie starken
Bildern zu einem Muddy-Waters-artigen Blues die Kaputtheiht verödeter
Provinzkäffer, während „Red River“ eine Hommage an den bizarren
Mix aus Aberglauben, Geisterbeschwörung und Religion ist, die wie im
Voodoo eines Dr. John zu einem wilden und gefährlichen Gebräu
gerinnen.
Dabei ist das Album im Sound homogen
und vielseitig, aber ohne Schnörkel und Zugeständnisse an das
sonstige musikalische Geschehen der Gegenwart. Dass er damit nicht
Schiffsbruch in der Bedeutungslosigkeit erleidet, hat er einerseits
seinem immer noch großen Songwriter-Künsten zu verdanken,
andererseits einer Band, die in diesem Genre ihresgleichen sucht.
Insofern kann man nach diesem Besuch bei einem alten Bekannten das
Fazit ziehen, dass er, auch wenn man sich lange nicht gesehen hat,
immer noch sein Ding macht und das auf einem Niveau, das die
Wenigsten auf ihrem Zenit erreichen. Sollte sich die Gelegenheit
ergeben, das Ganze auch nochmal live zu sehen, werde ich das mit
ziemlicher Sicherheit tun. Für den Anfang muss das Album aber
reichen. Zum Nachhören hier zwei Favoriten daraus mit „Fault Lines“ und
„Burnt Out Town“ sowie den wunderschönen Klassiker
„Wildflowers“.
Die frühen 90er werden heute im Rückblick als die „goldenen“ Jahre des HipHop glorifiziert, was womöglich
mehr über den Zustand des Genres heute als die Produktivität seiner
Protagonisten in der Vergangenheit sagt. Und wie jede Jugendkultur
wirft sie die Frage auf, wie man mit ihr altern kann, ohne mit
merkwürdigem Beigeschmack entgegen der Realität die eigene Jugend
zu simulieren und zelebrieren. Die letzten Wochen haben hier zwei interessante
Platten gebracht, an denen man sehr unterschiedliche Strategien des Alterns an Acts studieren kann, die Anfang der 90er
ganz vorne mit ihren Debut-Alben dabei waren. So haben Souls of
Mischief mit „'93 til Infinity“ ein bis heute als Meilenstein
gefeiertes Album in ebendiesem Jahr an der Westküste rausgebracht,
dessen Texte zwischen Cleverness und Straßenweisheit oszillierten
und mit ungeschliffenen Samples unterlegt waren. Das Pendant der
Digable Planets zu dieser LP aus demselben Jahr nannte sich „Reachin'
(A new refutation of time and space)“ und stellt einen slicken
Klassiker des jazzigen HipHip dar. Untätig waren beide Crews nicht in der
Zwischenzeit, sowohl in Solo-Projekten sowie zumindest die Souls of Mischief bisweilen auch gemeinsam. Aber da 20 Jahre im Moment eine legitime Marke zur Selbstmusealisierung zu sein scheinen (Blumfeld, Nas, Pavement etc.), sei ein Blick auf die Leute erlaubt, die einfach weiter machen.
Shabazz Palaces – Lese Majeste
Neulich habe ich Rast für das Anzapfen
der Wurzeln des HipHop gepriesen, sein Anknüpfen an den trunkenen
Talkin' Blues. Wenn das die rückwärts blickende Variante des
Überschreitens des ästhetischen Mainstreams im HipHop ist, so muss
man Shabazz Palaces wohl als die vorwärts gewandte bezeichnen. Drei
EPs und der erste Longplayer „Black Up“ in seiner
Post-Digable-Planets-Inkarnation Shabazz Palaces waren ja Warnung
genug, dass von Ishmael Butler aka Butterfly noch einiges zu erwarten
sein würde. Und in der Tat gibt kann man „Lese Majeste“ als
futuristischen Geniestreich bezeichnen, einen Einblick in das, was
HipHop eben auch sein kann, wenn es dort weniger um Straßengepöbel
über clubtaugliche Beats mit Pumpgun und Skimaske geht und mehr um
das Erschaffen und Erkundschaften neuer Klanglandschaften mit dem
Spirit der Pioniere dieses Sounds und dem Wissen um all die Wurzeln
von Black Music im Rucksack.
Mit anderen Worten steht diese Platte
ziemlich einsam in der Landschaft ihres Genres, man denkt vielleicht
noch an Antipop Consortium, die ähnlich radikal mit Synths und
digitalen Sounds experimentiert haben. Doch „Lese Majeste“ ist
von einer dub-getränkten Schwere, die weit jenseits der
Hyperaktivität liegt, die für Antipop Consortium oft kennzeichnend
war. Die Instrumentals sind schlank produziert, kommen mit wenigen
aber extrem gut austarierten und plazierten Sounds aus, vor allem an den Drums. Das Zusammenspiel der
Frequenzen und Elemente erzeugt eine unheimliche Dichte, wie man sie
eher aus Dub bzw. Dubstep kennt und in die sich die Stimme als mehr
oder weniger gleichwertiges Element einfügt. Vielschichtige
Vocal-Arrangements und komplexe Songstrukturen werden mit gekonnt
reduzierten Sounds unterlegt, so dass sie die manchmal ermüdende
Schlichtheit von Beats+Rhymes durchbrechen, die HipHop meistens
auszeichnet. Die Stücke sind praktisch nie linear gebaut, sondern
entwickeln sich in nicht immer direkt nachvollziehbaren Bögen oder
mutieren mehr oder weniger von einem Moment auf den andere in neue Zustände. Das
erinnert an bipolare Störungen, die zur Vermeidung des
Vorhersehbaren fruchtbar gemacht werden. Man weiß nie so genau, wo
man dran ist, und ob das, was man jetzt hört, drei Takte später noch
Gültigkeit besitzt oder durch eine neue Wendung einfach über den
Haufen geworfen wird. Das beugt Behaglichkeit und falschen Gewissheiten erfolgreich vor und fordert dem Zuhörer Aufmerksamkeit ab, da ansonsten die Platte auf einen Strom klanglicher Merkwürdigkeiten reduziert würde.
Dennoch würde man keinen Moment
zögern, das Album als HipHop zu bezeichnen. Hier hat aber einer aber
endlich mal die Eier und die Skills, den Geist von Dub und die
Visionskraft von Sun Ra in die Gegenwart zu übersetzen und mit den
Mitteln von HipHop kurzzuschließen. Selbst an Suicide muss man
bisweilen denken, etwa bei „I'm rich“, wenn die Lyrics mit
monoton-irrer Stimme deklamiert werden und dahinter ein
repititiver Beat klappert. Die Platte gleicht in gewisser Weise einem
dunklen, schwer entzifferbaren Monolithen, an dessen Bedeutung man
mit Irritation rätseln kann, wie die Affen in Kubricks „2001“.
Die Ästhetik ist dabei denkbar weit vom jazzigen Frühwerk als
MC der Digable Planets entfernt. Die Gemeinsamkeit scheint hier vor
allem darin zu liegen, dass durch das Zuführen neuer Ideen in ein
stagnierendes Genre Wege frei gemacht und Perspektiven aufgezeigt werden. Auch „Reachin'“
war auf seine Weise sophisticated und sehr avanciert, griff aber auf
andere, traditionellere Quellen zurück, um Neues zu schaffen.
Während die Jazz-Pfade damals dankbar von vielen anderen
aufgegriffen wurden, sind aufgrund des sehr speziellen und
futuristischen Sounds von Shabazz Palaces die Zweifel berechtigt,
dass dies als Vorlage für eine größere Zahl anderer Acts dienen
kann. Gleichzeitig dürften Shabazz Palaces viele neue Freunde eher
aus dem Kreis derjenigen finden, die sich sonst eher nicht für
HipHop interessieren. Ihr Label Sub Pop, einst Heimat von Nirvana,
sind insofern eine konsequente Wahl als Geschäftspartner.
Digable Planets – Cool like
that
Shabazz Palaces - Les Majeste (Full album)
Souls of Mischief – There's only now
Adrian Younge scheint sich
anzuschicken, eine Art Rick Rubin des HipHop zu werden. Nachdem er
vor einem Jahr Ghostface Killah mit „12 Reasons to Die“ nach langer künstlerischer Dürre wieder zu kaum mehr für möglich gehaltenen
Höhenflügen inspiriert hat, geht er mit Souls of Mischief gut 20
Jahre nach „'93 til Infinity“ auf eine ähnliche Mission.
Zwischendurch hat er noch den Delfonics bzw. deren Mastermind William
Hart ein zweites Leben eingehaucht, der zudem sowohl bei Ghostface als
auch bei den Souls of Mischief als Gast zurück in alter Form zu
hören ist.
Bei der Musik gibt es bei Younge /
Souls of Mischief die Rückbesinnung auf einen homogenen Sound, der
die Logik seiner Entstehung umkehrt: eine Band spielt, als würde sie
Beats aus Schnipseln ihrer eigenen Platten nachspielen; sie
projizieren die Aneignung ihrer Musik durch Beat-Pioniere und Sampler
auf sich selbst zurück. Man könnte auch sagen, dass die Beats ein
wenig klingen, als spielte die Hausband eines Soul-Labels aus den
frühen 70ern HipHop-Beats aus den 90ern nach. Erneut dient wie im
Falle der Rise-and-Fall-of-Erzählung bei Ghostface eine narrative
Struktur als eine Art Überbau, diesmal eine Entführungsgeschichte
und die Verwicklung der Souls-of-Mischief-Crew darin. Man könnte auch das böse K-Wort „Konzeptalbum“ in den Mund nehmen, um
den Masterplan hinter der Platte zu benennen. Als Moderator und Host,
der immer wieder die Fäden der Geschichte aufnimmt und für den Hörer resümiert, fungiert hier
Ali Shaheed Muhammed, seinerseits Bestandteil von A Tribe Called
Quest, die zu einer ähnlichen Zeit wie Souls of Mischief ihre
größten Erfolge feierten. Snoop Dogg und Busta Rhymes komplettieren
als Gäste die Riege großer MCs des „Golden Age“.
So kann man sagen, dass die Platte
gespickt ist mit echten Größen, die sich allesamt durchaus in
respektabler Form zeigen, nicht zuletzt die Souls of Mischief selbst mit teils grandiosen, oftmals temporeichen Rhymes.
Der Vibe der jazzigen Seite der West Coast weht durch die Platte wie
auf „Ghetto Superhero“, das stark an den Erstling von Freestyle
Fellowship erinnert und einfach Spaß macht. Der Sound der Beats ist
aber wesentlich homogener als vor 20 Jahren, da er aus einer
einzelnen Quelle stammt und nicht aus Stapeln verschiedenster staubiger Platten
zusammengesetzt werden musste. Younge ist dabei klug genug, die
organischen Sounds so einzusetzen, dass verschiedene Sample-Quellen
und -Strategien von damals angedeutet und zitiert werden. So entwickelt sich lyrisch wie musikalisch
ein doppelbödiges Spiel mit Referenzen, das einerseits stabil im HipHop der 90er und andererseits dessen Ursprung im Soul und Funk der 70er verwurzelt ist, zumal die
Rahmenhandlung selbst bezeichnenderweise in den 90ern spielt. Das hat
bei aller Qualität und warmer Behaglichkeit für alternde
HipHop-Afficionados etwas arg Conaisseurhaftes, dreht sich die Platte
doch einfach ein wenig arg selbstverliebt um die eigene Vergangenheit und das Spiel mit ihr, so dass
sich die Frage nach der Relevanz für die Gegenwart aufdrängt, denn
die Rückwärtsgewandtheit führt eben auch nicht zu so spannenden und
unkonventionellen Ergebnissen wie im Fall von Rast. Eine gewisse Ironie mag hier darin liegen, dass der Titel die Gegenwärtigkeit geradezu beschwört. Zudem riskiert
Younge, dass seine durchaus gekonnten Produktionen zu einem Gimmick
oder gar einer Masche verkommen, insbesondere wenn er sie ein ums
andere Mal mit einer Rahmenerzählung verknüpft. Rick Rubin braucht
also nicht um seinen Thron als König der Karrieren-Reanimation zu
zittern.
Souls of Mischief - 93 'til Infinity
Souls of Mischief - There is only now (Full album)
Das Fazit dieser Gegenüberstellung ist
recht eindeutig. Während Souls of Mischief sich zur Kultivierung des
eigenen Erbes entschlossen haben, hat sich Ishmael Butler auf den Weg
in andere Sphären begeben. Herausgekommen ist daher bei den einen
ein wirklich gutes Album, das die Tugenden des Alten in einem neuen
Glanz erscheinen lässt, bei dem anderen ein
faszinierend-verstörendes Album, das neue Türen aufstößt.
Letztere Variante ist bei aller Freude an den Souls of Mischief mein
klarer Favorit, doch steht zu befürchten, dass die wenigsten MCs und Produzenten
bereit sind, durch die von Shabazz Palaces aufgestoßene Tür zu
folgen oder wenigstens mal in den dahinter liegenden Raum zu schauen. Schade, es läge so viel dahinter, das auch für andere interessant wäre.
Würde man manche LPs außerirdischen Musikwissenschaftlern vorlegen, die sich seit Jahrzehnten mit der Popmusik der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts beschäftigen, bin ich sicher, sie würden ihnen ein Rätsel aufgeben, sowohl mit Blick auf den Entstehungszeitpunkt als auch das Genre. Wilde Hypothesen, Vergleiche und akademische Kontroversen provozieren, ohne dass sie zu einem gesicherten Ergebnis kämen; aus der Zeit gefallene Platten, die sich jeglicher Kategorisierung entziehen. Wenn es solchen Platten bei ihrer
Veröffentlichung gelingt, eine gewisse Aufmerksamkeit zu erheischen,
ist für sie gerne das ambivalente Doppeletikett
„Kritikerliebling/Kassengift“ reserviert. Reicht es selbst dafür
nicht, bleiben die Varianten Vergessenheit und posthumer Siegeszug.
Arthur Russells einzige LP, die zu seinen Lebzeiten veröffentlicht
wurde - „World of Echo“ -, hat es ihrerzeit durchaus zu wohlwollenden
Reviews gebracht, allein die plattenkaufende Öffentlichkeit hat das
1986 herzlich wenig interessiert. Heute hat sie einen Status inne, den man getrost als Klassiker bezeichnen kann, weshalb sie auch entsprechend wiederveröffentlicht wurde.
Die Feststellung, dass es sich um die
einzige LP zu Lebzeiten handelte, ist bei Russell aber ein wenig
irreführend, denn er war Beileibe kein Unbekannter oder Eremit,
dessen Tondokumente es nur zufällig auf ein Label geschafft haben.
Russell genoss früh eine klassische Ausbildung am Cello, verbrachte
Zeit mit Hippies in San Francisco, bandelte künstlerisch und
sexuell mit Allen Ginsberg an, den er bei Lesungen auf dem Cello
begleitete, um schließlich in den 70er Jahren mit dem
Cello unterm Arm nach New York zu ziehen. Dort pendelte er
zwischen Avantgarde- und früher Disco-Szene, „seriöser“
Komposition im klassischen Sinne, Band-Experimenten (unter anderem
mit Talking Head David Byrne) sowie Kollaborationen mit dem
DJ-Pionier und Clubbetreiber Nicky Siano. Das führte zu
zahlreichen Auftritten und Maxi-Veröffentlichungen, insbesondere des
tanzbareren Materials, und mündete schließlich 1981 in der Gründung des
„Sleeping-Bag“-Labels gemeinsam mit Siano, wo er erneut in
verschiedenen Konstellationen Maxis, etwa „Go Bang!“ unter dem
Pseudonym Dinosaur L, produzierte, die auch als Blaupausen für den
Sound dienten, den man heute House nennt.
Trotz der Umtriebigkeit hat Russell
aber nie das Cello aufgegeben und ist wohl auch immer wieder live mit
Solo-Programmen aufgetreten. Diese Auftritte dürften den
Ausgangspunkt gebildet haben für das Material, das 1986 unter dem
Titel „World of Echo“ auf Vinyl gepresst wurde. Darauf zu hören:
Russells Gesang, sein Cello und eine Armada von Effekt- und
Hallgeräten – sonst nichts. Was er dabei aus dem Cello heraus
holt, ist mehr als erstaunlich und erinnert einen daran, dass dieses
Instrument jenseits der dramaturgischen Untermalung im Streichersatz
ein Dasein in der Popmusik fristet, das mit randständig noch sehr
höflich umschrieben ist. Hier werden darauf Beats geklopft und in
Dub-Loops geschickt, Grooves herausgearbeitet, die den Disco-Einfluss
anklingen lassen oder verzerrte Klangwände aufgetürmt, die manchem
Punk Respekt abnötigen sollten. So entsteht eine vielgestaltige
und unglaublich differenzierte Klanglandschaft, die durch den
geradezu exzessiven Einsatz von Hall und Echo an zusätzlicher Tiefe
gewinnt. Die Dub-Techniken von King Tubby schichten sich über
Spielweisen einer erkundenden Bearbeitung des Cellos, wie man sie
etwa von Fred Frith von der Gitarre kennt.
Den Bogen von diesem durchaus
avantgardistischen Ansatz hin zur Popkultur schlägt Russell
einerseits durch seinen zerbrechlichen Gesang, den er
selbstverständlich ebenfalls ausgiebig verfremdet, andererseits
dadurch, dass sich die Stücke immer mal wieder zumindest kurzfristig
zu Loops verdichten, die seine Disco-Wurzeln und sein Gespür für eingängige Momente durchscheinen lassen. Der
Text der Stücke ist oft schwer zu verstehen, da Russell manchmal
(bewusst?) etwas nuschelt oder den Gesang eher als eine weitere Lage
in seinem Klanggemälde verwendet, bei der die Bedeutung dieses Sound-Elements nur von dessen Klang
und nicht so sehr der eigentlichen Bedeutung der Wörter getragen wird. Es mag auch eine Strategie sein, eine hermetische Welt zu schaffen, die eben nur schwer zugänglich ist, gewissermaßen als Sinnbild für die Schwierigkeit von Kommunikation und als metaphorische Umsetzung der Idee der Schaffung einer eigenen musikalischen Welt. Die radikale Reduktion der Palette an Instrumenten und der Umgang mit seinem Gesang führen dazu, dass klanglich-emotionale Schablonen fehlen, die sonst oft
eingesetzt werden, um klare Stimmungen und Gefühle zu
transportieren. Eg gibt schlichtweg keine Referenzen wie etwa im klassischen Singer-Songwriter-Format, bei dem ein Instrument + Gesang auch alles tragen. Durch viele Stücke scheint sich eine Art Melancholie
zu ziehen, fast in der Weise eines Nick Drake, doch Wut, Unruhe und
Selbstversunkenheit kann man hier genauso ausmachen.
Mit „World of Echo“ hat Russell ein Labyrinth hinterlassen, für das
die Lösung fehlt, weil sich Ariadnes Faden immer darin verheddert, und zugleich tatsächlich eine völlig eigene
Klangwelt geschaffen. So begründet diese Platte zugleich ein Genre, dem wohl niemals eine weitere Platte
zugeordnet werden wird. Leider wurde seinem Schaffen bereits 1992 durch seinen viel zu frühen Tod mit 40 Jahren infolge seiner AIDS-Erkrankung ein Ende gesetzt.
Das Album in der Form, wie es
vor einigen Jahren wiederveröffentlicht wurde, gibt es als
vollständigen Stream auf Youtube, als Kostprobe seines sonstigen
Schaffens hier außerdem noch „Go Bang!“ von Dinosaur L und „It's
all over my face“ von Loose Joints.
Vor ein paar Wochen habe ich bereits
ein paar Zeilen zum Tod des Bassisten Charlie Haden gepostet. Heute
soll dieser Musiker noch einmal etwas ausführlicher gewürdigt
werden anhand von drei Platten aus den drei ersten Jahrzehnten seines
Schaffens. Die Auswahl ist nicht völlig willkürlich, denn man sicher andere oder auch spätere Platten genauso gut heraus greifen
aus seinem Schaffen, etwa seine Arbeit mit dem Quartet West, dem
Liberation Music Orchestra, die Montreal Tapes mit Ed Blackwell und
Don Cherry oder die Duo-Platten mit Ornette Coleman („Soapsuds,
Soapsuds“) bzw. Pat Metheny („Beyond the Missouri Sky“).
Bemerkenswert ist allerdings die Tatsache, dass Haden trotz seiner
immensen Bedeutung gerade für die freieren Spielarten des Jazz erst
relativ spät, in der zweiten Hälfte der 70er Jahre, begann, Platten
unter seinem eigenen Namen zu veröffentlichen. Für den Post habe
ich drei Platten genommen, die jeweils – Zufall oder nicht – am
Anfang eines Jahrzehnts entstanden sind, allesamt mit anderen
Musikern als Leader, aber Haden als tragender Säule: Ornette Coleman
„Free Jazz“ (1961), Ornette Coleman „Science Fiction“ (1971) und Pat
Metheny „80/81“ (1981).
Ornette Coleman - „Free Jazz“
Das gesamte erste Jahrzehnt von Hadens
aufgenommenem Schaffen am Bass ist untrennbar verbunden mit dem von
Ornette Coleman, für dessen Innovationen er gleichermaßen Fundament und Dialog-Partner war. „Free Jazz“ ist daher zwar nicht deren erste gemeinsame Platte,
doch erregte diese aufgrund ihrer Besetzung sowie der vorläufigen
Zuspitzung des Konzepts, das sich durch die vorherigen Platten wie
„The Shape of Jazz To Come“ zog, besondere Aufmerksamkeit. Dass
die LP zugleich quasi programmatisch den Namen eines im Entstehen
begriffenen Genres trägt, lädt diese retrospektiv vielleicht mit
noch mehr Bedeutung auf.
Schon der Blick auf die Besetzung lässt
einen staunen, wie es gelungen sein mag, alle Beteiligten in ein
Studio zu bekommen: Ornette Coleman, Don Cherry (Trompete), Scott
LaFaro (Bass) und Billy Higgins (Drums) auf er einen Seite des Rings
bzw. des Stereofelds, Eric Dolphy (Bassklarinette), Freddie Hubbard
(Trompete), Charlie Haden und Ed Blackwell (Drums) auf der anderen.
Diese zwei Mannschaften werden nur strukturiert durch kurze
Uni-sono-Passagen auf einander los gelassen. Die Tatsache, dass das
Resultat nicht ein kakophones Gemetzel ist, kann man einerseits auf
das musikalische Gespür der versierten Musiker, andererseits
vielleicht auch auf letzte Vorbehalte – vor allem bei Hubbard und
evtl. Dolphy –, hier komplett Gas zu geben, zurückführen. Was
sich stattdessen zwischen ihnen entspannt, ist ein musikalischer
Polylog, bei dem kein Instrument dazu verdonnert ist, den Mund zu
halten oder nur das Hintergrund-Geplätscher zu liefern, ganz getreu
dem Motto aus den Liner-Notes: „Let's play the music and not the
background“. Insofern kommt man der Struktur dieser Platte wohl
tatsächlich mit einer Analogie zu einer offenen aber eben nicht
beliebigen Kommunikation bei. Jeder kann eine Idee beitragen, wenn er
sich dazu inspiriert fühlt, verpflichtet sich aber jeweils damit,
auch den Ideen der anderen genau zuzuhören. Denkbar große Freiheit
kann also funktionieren und muss nicht in Zerstörung umschlagen,
solange man den anderen respektiert.
So werden Soli locker aus dem
Hintergrund von den anderen Musikern kommentiert, mal kritisch, mal
karikierend, die Rhythm Sections orientieren sich lose aneinander und
finden dabei wechselseitige Ergänzungen und Kontraste. Das Solo, das
Haden in der zweiten Hälfte der Platte spielt, demonstriert dessen
Vielseitigkeit und changiert zwischen treibender Wucht und filigranen
Zwischentönen. Technisch mag ihn der leider viel zu früh
verstorbene Scott LaFaro im Anschluss noch übertrumpfen, doch Hadens
Intuition und Gefühl für Details machen das locker wett. Die gute
halbe Stunde der kollektiven Improvisation von zwei Jazz-Quartetten
ohne Piano stellt somit gewissermaßen einen vorläufigen Endpunkt in
Colemans Entwicklung dar, der ähnliche Wege zuvor mit einer etwas
stärkeren thematischen Strukturierung der Improvisation in
Quartetten und Trios erprobt hatte. Die Tatsache, dass er mit Dolphy
und insbesondere Hubbard zwei Bläser gewinnen konnte, die bis dahin
nicht unbedingt mit einem derart freien Sound assoziiert wurden,
gleichwohl bereits überaus etabliert waren, mag dabei geholfen
haben, dass sein Konzept um eine Facette reicher wurde, weshalb die
Platten heute nach wie vor völlig zurecht als Meilenstein in seiner
Diskographie gilt.
Ornette Coleman – Science Fiction
In den zehn Jahren, die zwischen „Free
Jazz“ und „Science Fiction“ liegen, war Coleman alles andere
als untätig. Er bekam sogar eine Weile einen Deal mit dem legendären
Label Blue Note, das sich ansonsten nicht gerade als Förderer der Avantgarde
hervor tat, hier aber offensichtlich eine prominente Ausnahme machte. Die Platten waren nicht
immer brillant, aber zumindest mit den beiden Live-Alben „At The
Golden Circle“ im Trio mit David Izenzon und Charles Moffett hat er
auch dort ein Schwergewicht seines Katalogs hinterlassen. Zu Anfang
der 70er ging Coleman dann zu Columbia und suchte nach neuen Wegen,
in die er seine Musik treiben konnte. Genau dieses Ausstrecken der
musikalischen Fühler in verschiedene neue Richtungen dokumentiert wohl keine
Platte so schön wie „Science Fiction“.
In der Besetzung findet sich viel
vertrautes Personal, das in der Zusammenstellung von Stück zu Stück ein wenig variiert
wird, etwa der gemeinsame Einsatz der Drummer Billy Higgins und Ed
Blackwell oder auch die Aufstockung der Bläser-Section auf bis zu
vier Hörner, Cherry und Coleman, ergänzt durch Dewey Redman am
Tenor und Bobby Bradford an der Trompete. Außerdem steuert die auch
als Soul-Sängerin erfolgreiche Inderin Asha Puthli zweimal Vocals
bei, und auch der Dichter David Henderson spricht einen Text zum
Titelstück. Einzige Konstante neben Coleman ist hier Charlie Haden,
der auf allen Stücken mitspielt und dessen Instrument als einziges
auch nie gedoppelt wird. Wie meistens bei Coleman muss das Piano aber
auch hier draußen bleiben, harmonisch strukturierende
Begleitinstrumente waren für ihn meistens nur überflüssige
Einschränkungen der improvisierenden Freiheit.
Einige der Titel, insbesondere „Street
Woman“, auf dem Haden ein fantastisch groovendes Solo spielt, sowie
„Civilization Day“ knüpfen an die zu dem Zeitpunkt praktisch
schon klassischen Veröffentlichungen Colemans von Ende der
50er/Anfang der 60er an, und ihre Fassungen hier beweisen, dass dieser
Ansatz nichts an Wucht verloren hat. Gerade auf „Civilization Day“
wird die gesamte Palette sichtbar, die Coleman auf dem Saxophon zu
bieten hat, von geradezu traditionellen Blues-Einflüssen über die
für ihn charakteristischen dissonanten „Schreie“ bis hin zu
verdrehten Bebop-Weiterentwicklungen. Seinen Sound reichert er mit
zeitgenössischeren Elementen an, wenn er bei „Science Fiction“
der Lyrik von David Henderson, die manchmal zugegebenermaßen ein
wenig bemüht wirkt, ein leichtes Dub-Treatment verpasst oder in den
Tracks mit Asha Puthli. In letzteren gelingt die Synthese der Vocals
mit Colemans Sound deutlich besser, sie fügt sich völlig organisch
ein und steuert Soul-Vocals bei, die dankbar sind, von ihrem sonst
üblichen Song-Korsett befreit zu sein. Herausragend ist für mich
„All my life“, auf dem die beiden Drummer in der Komplexität und
Feinheit ihres zurückgenommenen Zusammenspiels das Wuseln eines
Ameisenhaufens heraufbeschwören, während die Bläser mit ihren
Uni-sono-Passagen das Stück rhythmisch und harmonisch hinter den
Vocals von Puthli zusammen halten.
Auf „Rock the Clock“ klingt
der Sound an, für den Kodwo Eshun den Begriff
Afro-Futurismus geprägt hat, eine der Zukunft zugewandte Fortführung der
afrikanischen Diaspora in den Sound-Weltraum, wie etwa bei Sun Ra,
George Clinton oder den Werken von Herbie Hancock Ende der 60er /
Anfang der 70er. Die Kombination von Colemans kratzender Violine und
Hadens durch ein WahWah geschleustem Bass belegen, dass Coleman sich
dieser Entwicklungen durchaus bewusst war, ohne sie direkt zu
adaptieren oder gar kopieren. Ein phantastisches Duo aus Bass und
Schlagzeug für Haden und Blackwell findet sich im Verlauf von „Law
Years“, das Resultat einer musikalischen Freundschaft, die später
nochmal auf den Montreal Tapes gemeinsam mit Don Cherry wunderbare
Blüten tragen sollte. Den Abschluss bildet „The Jungle Is A
Skycraper“, ein Stück urbaner, paranoider Getriebenheit, das man
so manchem Noir-Regiesseur als Soundtrack ans Herz legen würde. Die
Stärke dieser Platte liegt somit nicht in der konzeptionellen
Geschlossenheit, die „Free Jazz“ ausmacht, sondern vielmehr in
den Verzweigungen und Weiterentwicklungen eines Sounds, der auch fast
15 Jahre nach seiner Entstehung nicht in Langeweile erstarrt ist.
Pat Metheny „80/81“
Die beiden bislang gepriesenen LPs sind
auch für Puristen des Free Jazz ohne Probleme konsensfähig bzw.
geradezu heilige Meisterwerke. Bei dem Namen Pat Metheny allerdings
dürften sich dem einen oder anderen die Zehennägel aufrollen, wie
dies auch bei mir bei der Erinnerung an sein Konzert mit Orchestrion
der Fall ist. Manchmal tut man ihm damit allerdings auch unrecht, etwa bei dieser recht frühen LP.
Einerseits verbindet Haden und Metheny rein geographisch die
Tatsache, dass sie beide aus dem ländlichen Missouri stammen, was wohl auch eine
Rolle für ihre spätere, kommerziell sehr erfolgreiche Duo-LP
„Beyond the Missouri Sky“ den Ausschlag gegeben haben dürfte.
Andererseits hatte Haden zur Zeit der Entstehung des Albums über 20
Jahre fast ausschließlich im Kosmos von Ornette Coleman verbracht,
so dass ein Blick in andere Richtungen nachvollziehbar ist. Was man
dabei leicht vergisst, ist die Tatsache, dass zu dieser Zeit die von
Griffbrett-Onanie geprägte Phase des Fusion kaum abgeklungen war und
sich Metheny mit seinem eher kühlen Sound geradezu wohltuend davon
abhob. Er verleugnete zwar nicht den Einfluss des Rock – etwa auf
seiner ersten LP „American Garage“ -, verstand seine Musik aber
nicht als pure Leistungsschau der Feinmotorik und interpretierte die
Gitarre auch nicht nostalgisch im Anklang an Grant Green oder Wes
Montgomery, sondern schaute mal, was da sonst noch so geht. Die
Resultate sind zwar bisweilen streitbar, zeugen aber von mehr Mut ,
als dies bei den meisten Gitarristen dieser Jahre der Fall war. Für
Metheny war „80/81“ übrigens die erste LP außerhalb seiner
eigenen „Group“ bzw. als Solist, so dass möglicherweise sowohl
Haden als auch er auf der Suche nach neuen Allianzen waren und sich
dabei fanden.
Das Personal, das sich neben den beiden
Saiten-Künstlern auf der Platte findet, ist eher heterogen. Frisch
aus dem Keith-Jarrett-Knast entlassen stößt Drummer Jack DeJohnette
dazu, dann der eher Avantgarde-unverdächtige Saxophonist Mike
Brecker, der sich u.a. in Studio-Sessions für Mainstream-Acts
wie Paul Simon, Joni Mitchell und Billy Joel seine Sporen verdient
hat. Als Alternative am Horn gibt’s schließlich Dewey Redman, der
wie Haden eher den Sphären von Coleman zuzuordnen ist (s. „Science
Fiction“), wenn auch etwas mehr an deren Peripherie. Die
Arbeitsteilung zwischen den beiden Saxophonisten ist nur
folgerichtig, da sie nur auf etwa der Hälfe der Titel gemeinsam
spielen. Brecker bekommt die eingängigeren Stücke wie „Folk Songs
1 and 2“, beschränkt sich auf diesen aber nicht auf gefälliges
Genudel, sondern spielt vielseitige und differenzierte Soli, die deutlich links des Mainstreams liegen. Redman hingegen
dominiert die eher an Bebop anknüpfenden Kompositionen wie „80/81“
und haucht diesen seine wilde Seele ein. DeJohnette liefert hierzu ein eher
filigranes rhythmisches Gerüst, das weitaus weniger wuchtig ist als
das etwa von Billy Higgins, aber gerade dem Zusammenspiel mit Hadens
Bass überaus feine Nuancen abgewinnt. Metheny schließlich steuert
nicht nur interessantes kompositorisches Material und das eine oder
andere gelungene Solo bei, sondern erprobt bisweilen mit mehreren
übereinander geschichteten Gitarrenspuren, wie man diesem Instrument
neue Facetten als Begleitstimme abringen kann.
Diese Teilung der LP bedingt für
Haden, dass verschiedene Facetten seines Spiels zur Geltung kommen,
insbesondere auch solche, die auf früheren Platten mit Coleman
weniger gefragt waren, sich zugleich in den folgenden Jahrzehnten zu
einem festen Bestandteil seines musikalischen Repertoires
entwickelten. Die in Titel und Struktur an amerikanische
Song-Traditionen erinnernden „Folk Songs“ zeigen ein reduziertes
und lyrisches Spiel, das er in manchen späteren
ECM-Veröffentlichungen bis ins teils unangenehm Esoterische trieb.
Genauso scheinen hier die Wurzeln im Folk auf, die auch sein
allerletztes Album prägten, das er mit seiner Familie aufnahm. Angesichts dieser
Vielseitigkeit tun sich auf "80/81" ähnlich wie im Fall von
„Science Fiction“ für Ornette Coleman Verzweigungen für Charlie
Haden auf, die er in den weiteren Jahren seines Schaffens verfolgt
hat. Allein dafür lohnt es sich, tatsächlich mal wieder eine
Pat-Metheny-Platte zu hören.
In den endlosen Weiten des Internets
gehen einem in der Flut der digitalen Veröffentlichungen mit
Sicherheit so manche Perlen durch die Lappen. Die Auswahl der neuen
Musik, die man sich tatsächlich anhört, wird immer
schwieriger, da das Angebot völlig unüberschaubar wird und es
praktisch ausgeschlossen ist, sich selbst ein Bild von all dem Sound
da draußen zu machen. Die Unübersichtlichkeit des digitalen
Marktplatzes bändige ich meistens dadurch, dass ich mich auf
physische Ware auf schwarzem Plastik konzentriere, und selbst dann
ist die Flut an Neuem, Altem und Neuem-Altem kaum zu bewältigen.
Heute aber mal ein Online-Release, der es in sich hat und nicht
unbedingt die Aufmerksamkeit der nächsten Hype-Maschine erregt, auch
wenn er es verdient hätte.
Der wohl ausgelutschteste Claim, mit
dem sich Musiker bei ihrer ersten Platte schmücken oder von ihren
Vermarktern geschmückt werden, lautet, dass es sich um einen völlig
eigenständigen Sound handelt. Yeah, right. Der andere ausgetrampelte
Pfad der Verkaufsstrategien, auf dem man sich Rast nähern kann, ist
der, dass HipHop die Verlängerung des Blues aus dem Delta in die
Gegenwart darstellt. Auch diesem Loblied der kulturellen
Bedeutsamkeit werden nur sehr wenige MCs und Produzenten, die einem
unter diesem Etikett untergejubelt werden, tatsächlich gerecht. Rast
jedoch löst beide dieser oft gemachten und selten gehaltenen Versprechen tatsächlich ein.
Er ist ein MC, der auch nicht mehr der
jüngste ist, auf eine Vergangenheit als Sprayer zurück blicken kann
und hier mit 10 Tracks um die Ecke kommt, die er sein erstes Tape
nennt. Die Koordinaten sind bei einem MC über 30 aus New York
naheliegend - der Mann hat den Shit der 80er und 90er aufgesogen, als
Rap noch nicht der weltumspannende Kultur-Industrie-Moloch war, der
er heute ist. Die Geschichten, die er erzählt, sind nicht so viel
anders als die seiner Zeitgenossen, doch nuschelt er sie mit einer
derartig lakonisch-authentischen und keineswegs bemühten
Gelassenheit hin, dass alte Themen einen neuen Reiz gewinnen. Der
lyrische wie auch phonetische Tonfall sind außergewöhnlich, womit
deutlich wird, dass es nicht unbedingt eine Frage des Themas ist, ob
ein Rap interessant ist, sondern die Art und Weise, wie man es
verarbeitet; eine Unterscheidung, die auch Raymond Chandler von Donna Leon trennt. Die selbst produzierten Beats sind schlicht und Lo-Fi
fernab vom Subwoofer-Standard der Großraumdiscos dieser Tage, tragen
aber so viel wirklichen Blues in sich, wie ich das nur selten gehört
habe. Es ist eine tiefe, roughe Stimmung, in der das
Mississippi-Delta quasi in die Projects von New York umgeleitet und
das Erbe des dortigen Street Raps zelebriert wird, ohne dass dessen
Gewalt zur Verkaufsargument gewordenen Plattitüde gerinnt. Mit einem
anderen Favoriten von mir, Kendrick Lamar, teilt er die Ambivalenz
eines Kid mit gebildetem Hintergrund – seine Eltern waren laut
seinen Raps Black Panther/Hippie/Intellectuals -, den die Straße mit
all ihrem Schmutz fasziniert. Aus diesem Spannungsfeld schöpft Rast
kreatives Potenzial und schafft damit tatsächlich einen höchst
eigenständigen Sound, der von niemandem auf irgendeine Zielgruppe
zugeschnitten wurde, sondern eher zugedröhnt in sein billiges Heim-PC-Setup gelallt wurde. Genug des Anpreisens, das Tape ist hier runter
zu laden.
R.I.P. Bobby Womack
Es wächst sich zu einer beunruhigenden
Routine aus, an dieser Stelle regelmäßig das Schaffen frisch
verstorbener Musiker zu preisen. Auch dieses Mal kommen wir daran
nicht vorbei, wenn auch mit einiger Verspätung. Denn ein Mann, der
das Erbe des Blues und Gospel auf seine Weise durch mindestens fünf
Jahrzehnte Musikgeschichte getragen und das Genre des Soul maßgeblich
geprägt hat, weilt seit einigen Wochen nicht mehr unter uns: Bobby
Womack. Die Liste seiner Verdienste und Hits ist lange und kann bei
Bedarf auch bei Wikipedia nachgelesen werden. Greift man einige der
größten Meilensteine heraus, wären da „It's all over now“, mit
dem die Stones einst riesigen Erfolg hatten, sein doppelter
Soundtrack-Hit „Across 110th Street“ für den
gleichnamigen Film und nochmal für Tarantinos „Jackie Brown“
sowie schließlich ein Alterswerk, das in Sachen Würde und Mut
seinesgleichen sucht.
Mit „The Bravest Man in the Universe“ hat
er vor zwei Jahren nochmal eine LP veröffentlicht, die nicht in der
Kultivierung des Vergangenen versumpft, sondern dank mutiger
Produktion von Damon Albarn und Richard Russell dem zeitlosen Element
seines Soul ein zeitgenössisches Sound-Update verschafft, das
deutlich macht, dass Soul auch ohne Nostalgie heute noch relevant
sein kann. Bei aller Wertschätzung für die letzten Platten von
ähnlichen Legenden wie Al Green oder Solomon Burke muss man Womack
wohl zugestehen, dass es ihm besser gelungen ist, zu zeigen, was es
heißt, ein Soul Survivor im 21. Jahrhundert zu sein, ohne sich dabei
vornehmlich selbst zu zitieren. Es war seine letzte Platte und
zugleich eine seiner besten.
In Gedenken an Bobby Womack gibt’s
hier drei Tipps: die definitive Version des Songs „Sweet Caroline“,
für dessen Cover DJ Ötzi anlässlich der nächsten Kulturrevolution
an die Wand gestellt gehört, den Titeltrack seines letzten Albums
sowie eine Hommage an sein Schaffen von 9th Wonder, der
auf seine Weise zeigt, was man als HipHop-Producer von dieser Größe
lernen kann.