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Dienstag, 24. Februar 2015

Digging... Comeback Records Mannheim

Die Freuden der nie endenden Schallplattensuche hat mich im letzten Jahr zweimal ins beschauliche Mannheim geführt. In den sog. Quadraten, jener zweifelhaften städteplanerischen Errungenschaft, für die Mannheim mehr oder weniger berühmt ist, findet man mit Comeback Records einen kleinen aber durchaus feinen Laden, der die wesentlichen Anforderungen zur Befriedigung der Gelüste eines Crate Diggers erfüllt. Vor der Tür stehen die obligatorischen Ein-Euro-Kisten, im Erdgeschoss gibt's DVDs und CDs und im Keller schließlich jede Menge Vinyl mit Potenzial für staubige Finger.

Der stilistische Schwerpunkt liegt eher auf dem Bereich Gitarre/Metal, doch auch die Jazz-Abteilung kann sich durchaus sehen lassen. Insbesondere im Bereich des härteren Metal sowie Stoner/Doom findet sich ein reichhaltiges Angebot an Neuem und Altem. Doch auch die übrigen Genres sind recht bunt und mit der einen oder anderen Überraschung bestückt, so dass sich neugieriges Graben auf alle Fälle lohnt. Neuware gibt's natürlich auch, wobei sich hier der Schwerpunkt auf Gitarren besonders niederschlägt, aktuelle Releases aus den Bereichen Elektronik oder HipHop sind hier eher spärlich gesät.



Vorgehört werden können die potenziellen schwarzen Schätze natürlich auch, wenngleich die einzige Aparatur hierfür schon deutlich bessere Tage gesehen hat. Jedem Audiophilie-Nazi dürfte allein die Vorstellung kalte Schauer über den Rücken schicken, seine Platten einem solchen Gerät auszusetzen. Wie sich das für einen Vinyl-Dealer gehört, wird an der Theke ordentlich getratscht und gefachsimpelt, und der Besitzer ist durchaus verhandlungsbereit, was die aufgeklebten Preise angeht. Diese sind im übrigen nicht durchgehend aus Discogs abgetippt, so dass sich hier bisweilen mit Beharrlichkeit ein Schnäppchen finden lässt. In meiner Plattentasche sind aus dem Sortiment bisher u.a. die folgenden LPs gelandet:

Camper Van Chadbourne - Dito

Einen posthumen Hit haben Camper van Beethoven Michael Moore zu verdanken, der ihren grandiosen Song "Take the Skinheads Bowling" für seinen Film "Bowling for Columbine" verwendete. Neben den eingängigen Varianten, die Sänger David Lowery später mit seiner zweiten Band Cracker auch kommerziell perfektionierte, hatten die kalifornischen Sound-Anarchisten aber auch krachig-verspielten Irrsinn drauf. Den haben sie auf ihrem dritten, selbstbetitelten Album mit Unterstützung von Eugene Chadbourne wohl auf die Spitze getrieben. Die Platte hätte genausogut im Free-Jazz-Fach landen können, weshalb der Labeldruck auch als Karikatur der Impulse-Ästhetik daher kommt. Ein wunderbar abseitiges Stündchen Humor mit einer ordentlichen Prise Lärm, das instrumentalen Freak-Out mit Bluegrass paart, ohne dass dies wie ein Bruch erschiene. Und bei Eugene Chadbourne kann man eigentlich eh blind zugreifen.



James "Blood" Ulmer - Are You Glad To Be In America?

Noch vor wenigen Wochen habe ich den fraglichen James "Blood" Ulmer live mit seinem Trio gesehen, und man muss sagen, dass der Mann noch jede Menge Wucht hat und von Altersmilde noch keine Spur zeigt. Diese 1980 für Rough Trade eingespielte Platte begründete jedoch erst seinen Ruf als Gitarren-Erbe der Harmolodik von Ornette Coleman und Erfinder des Free Funk. Zur Seite standen ihm damals unter anderem so prominente Unterstützer wie Ronald Shannon Jackson an den Drums und David Murray am Saxophon sowie der Trompeter Olu Dara, dessen Sohn zwölf Jahre später unter dem Künstlernamen Nas für Furore ganz anderer Art sorgen sollte. Die Platte geht ordentlich zur Sache, hält sich dabei aber meist an ein recht stabiles und gerades rhythmisches Gerüst, was wohl als Tribut an den Funk betrachtet werden kann. Die etwas unterkühlte Klangästhetik konterkariert das Ganze zudem ein wenig und rückt den Sound näher in die Gefilde des Labels und der Zeit, die sie hervorbrachte.



Sly & The Revolutionaries meet Lloyd Parks, We the People band and Roots Radics - Trench Town Dub
Der Interpreten-Name dieser Platte ist rekordverdächtig lang, doch alle vier erwähnten Beteiligten machen bereits klar, dass es sich hier um ein All-Star-Line-Up in Sachen Dub handelt, wenngleich kaum Details zur Aufnahme zu erfahren sind, außer dass sie 1976 in den Studios von Channel One und Joe Gibbs entstanden sind, beides Garanten für feinsten Dub aus dieser Ära. Dementsprechend wird hier stark reduzierter und tiefer Dub geliefert, der nach den beiden zuvor erwähnten Platten eine Art Friedensangebot in Sachen entspanntes Hören darstellt, zugleich aber die Bässe der Anlage ordentlich herausfordert. Für mich ist das ein Sound, von dem ich eigentlich nicht genug bekommen kann, bei dem ich mich aber manchmal frage, wie viele Variationen ich davon noch brauche. Diese Variation ist auf jeden Fall eine überaus feine, nicht zuletzt da sie wirklich oft nur noch Haut und Knochen des rhythmischen Gerüsts präsentiert und damit das, was man bei einer guten Dub-Platte sehen bzw. hören will. Jah bless!



Sonntag, 8. Februar 2015

Auslese 2014 – Teil 6

Hier kommt der letzte Teil des Jahresrückblicks für 2014, auch wenn es mittlerweile Februar ist. Schließlich sollen auch noch die eher elektronischen Platten zu ihrem Recht kommen, denn auch dort gab es das ein oder andere Highlight.

Aphex Twin – Syro

Die erste Platte in dieser Reihe kann man wohl eher als das Comeback des Jahres bezeichnen. Immer wieder habe ich die Weiten des Netzes in den letzten Jahren nach einem Lebenszeichen von Richard D. James aka Aphex Twin abgesucht, doch zu finden war da nicht viel. Angesichts des letzten Albumtitels „Drukqs“ vor sage und schreibe 13 Jahren kann man nun spekulieren, was das für Hintergründe gehabt haben könnte. Jetzt ist seine bizarre Majestät, König so ziemlich aller Spielarten verspulter elektronischer Musik, aber wieder da. „Syro“ fügt sich recht nahtlos in sein bisheriges Schaffen ein und bietet vor allem Material, das an die großartigen „Selected Ambient Works“ anknüpft, manchmal aber auch in etwas gehobener Tempo-Bereiche vordringt. Die Wildheit seiner „I care because you do“-Phase samt ihrer Kettensägen-Brachialität bleibt dagegen meist außen vor. Blendet man den die LP begleitenden Irrsin von PR-Stunts via Zeppelin über Geräteparklitaneien bis hin zu Release-Flut-Drohungen aus, ist das eine gute Nachricht. Wer jetzt erwartet hat, dass die LP mindestens eine Revolution in Gang setzen muss, der wird vielleicht enttäuscht sein. Doch das Niveau, auf dem man hier jammert, ist denkbar hoch. Außerdem hat James selbst betont, dass es sich bei den jetzt veröffentlichten Stücken um einen Querschnitt aus den letzten Jahren handelt und neues Material schon in der Pipeline ist. Man darf also gespannt sein, was der Mann noch zu sagen hat, zumal mit „Computer Controlled Acoustic – Pt 2“ sich der nächste Release bereits in der Post auf dem Weg zu mit befindet.



Flying Lotus – You're Dead

Fusion Jazz ist sowas wie das ästhetische Schreckgespenst der 70er, der Virtuositäts-Wichs-Fetisch für Oberstudienräte, beliebige weitere Schmähungen kann hier jeder selbst einfügen. Einerseits ist es unvermeidbar, dass auf der Suche nach potenziellen Hypes und Anknüpfungspunkten auch mal dieses Genre dran sein muss. Andererseits gehört eine ganze Portion Innovation, Können und Mut dazu, wenn man diesen Sound erfolgreich in einen gegenwärtigen Musikentwurf einbetten will, der irgendwie in die Zukunft gerichtet ist. Aktuell gibt es mit Flying Lotus wohl nur einen Kandidaten für diese Mission Impossible, und nach den durchgehend tollen Vorgängeralben meistert er auch diese Aufgabe brillant, nicht zuletzt dank des Tiefton-Meisters Thundercat an seiner Seite sowie Kollaborationen mit MCs wie Kendrick Lamar und Snoop Dogg. Das Album ist ein irrer, psychedelischer Trip quer durch die zerfrickelten Beatwelten, die mit einer gehörigen Portion Retro-Fusion so richtig in Schwung gebracht werden. Und wenn es eines Ritterschlags von höchster Stelle noch bedurft haben sollte, so nimmt das hier Herbie Hancock vor, der auch auf ein paar Läufe auf der Tastatur vorbeischaut. Auch der hat wohl eingesehen, dass er lieber kollaboriert und seinen eigenen Ruhm bei einer jungen Generation mehrt, statt seinen Jünger im Geiste mit Klagen wegen Copyright-Verletzungen zu überziehen. Der Klassen-Primus unter den Beat-Bastlern des 21. Jahrhunderts hat es also wieder getan und den Kreis quadriert.



Hieroglyphic Being And The Configurative Or Modular Me Trio – The Seer Of Cosmic Visions

Nach dem zu schließen, was ich vor einer Weile an Kommentaren von Hieroglyphic Being zum Zeitgeschehen gelesen habe, scheint es sich um einen Verschwörungstheoretiker und Kosmologen erster Güte zu handeln. Kryptisch kommt auch der um zwei optionale / fiktionale Trios erweiterte „Band-Name“ der hier gefeatureten LP daher, auch wenn man wohl davon ausgehen kann, dass sich dahinter nur Jamal R. Moss in Allianz mit seinen alten Analog-Maschinen verbirgt. Dass Discogs seit 2008 ca. 30 LPs für diesen Mann listet, belegt weiter, dass es sich hier um einen Getrieben handelt. Beides kann man auch als vage Analogien zu seinem offensichtlichen Helden und Vorbild Sun Ra lesen. Konkret finden sich auf dieser durchaus ausgewogenen Zusammenstellung neun Stücke, in denen der analogen Verzerrung gehuldigt wird und der Hörer sowas wie Noise/Improv-Deep-House-Acid um die Ohren gehauen bekommt, der auch mal im Verzerrer-Rauschen versinken darf. Wem die übliche 4-to-the-Floor-Kost zu bieder ist, aber nicht ganz auf die straight scheppernden Drums im repetitiven Krachgewitter verzichten möchte, der findet hier Erlösung auf höggschdem Niveau. In der Weltmeisterkabine dürfte das aber eher nicht gelaufen sein, wohl eher David Guetta. In einer solchen Welt, auf die wir wohl noch lange warten müssen, würde Jogi Löw dann wohl auch Sun Ra statt Helen Fischer oder Pur hören.



Cooly G – Wait 'til Night

Hyperdub ist seit vielen Jahren so etwas wie die absolute Bank in Sachen Bass Music. Den Verlust des grandiosen Space Ape habe ich hier schon bereits vor einigen Wochen beklagt und dabei seine letzte EP noch einmal ins rechte Licht gerückt. Cooly G, eine der durchaus zahlreichen Ladies im Hause Hyperdub - wie etwa die phantastische Laurel Halo -, hat dieses Jahr nochmal nachgelegt, nachdem ihr Debut „Playin Me“ vor zwei Jahren bereits Wellen geschlagen hat. Bei ihr geht es reduziert digital zu, die Stimmung bewegt sich zwischen Melancholie und erotisierter Sehnsucht. Sie vereint dabei das Rohe und das Elegante in einem Sound, der alle denkbaren Facetten britischer Bass Music aufgesogen hat und nun dessen feinstes Destillat hervorbringt. Die bisweilen kühle Schlichtheit ihrer Sounds kontrastiert teilweise scharf mit der sexuellen Aufladung der Vocals, was einen besonderen Reiz ausmacht und dieser Platte auf jeden Fall einen vorderen Platz einbringt.



12“es

Das mit den Maxis ist teilweise ein etwas mühsames Geschäft, doch zwei Favoriten aus dem letzten Jahr sollen hier noch einmal hervorgehoben werden, da sie besonders bemerkenswert waren.

JETS feat. Jamie Lidell – Midas Touch

Bei dieser Geschichte kann ja fast nicht schief gehen. Detroit-Revivalist Jimmy Edgar und Avant-Dancefloor-Frickler Travis Stewart aka Machinedrum zerren gemeinsam unter ihrem Alias JETS den großen Crooner der elektronischen Tanzmusik, Jamie Lidell, vors Mikro. Das Ergebnis ist fantastisch groovendes Tanzflächenmaterial mit Tiefgang und beseeltem Gesang. Ein echtes Highlight, das aus der auch ansonsten wirklich tollen gemeinsamen LP der beiden noch einmal heraussticht.



Theo Parrish / Tony Allen – Day Like This / Feel Loved

Natürlich könnte man Theo Parrish auch eine Etage drüber bei den LPs für „American Intelligence“ abfeiern, wie im übrigen auch Moodymann mit seiner nach ihm selbst benannten 2014er LP. Da jedoch beide als Deep-House-Legenden gewissermaßen ohnehin schon larger than life sind, sei hier nur auf die angesichts der erratischen Veröffentlichungsstrategie von Parrish leicht zu übersehende Kollaboration von ihm und dem Ur-Vater des Afro-Beat, Tony Allen, verwiesen. Hinter seinem Drumkit treibt Allen mit seinem absolut bestechenden und rhythmisch-vertrackten Groove seinen Kollaborator zu Höchstleistungen an. Sounds like real Afro-Futurism.


Mittwoch, 28. Januar 2015

Auslese 2014 – Teil 5


Nachdem letztes Mal die Welt des HipHop nach bleibenden Eindrücken aus dem Jahr 2014 abgesucht wurde, ist heute das weite Feld der Gitarrenmusik dran bzw. der Ausschnitt aus diesem gigantischen Feld, für den ich mich irgendwie interessiere.

Swans – To be kind

Auch wenn ich es generell schwierig finde, „die eine“ Platte herauszufischen, so lässt sich im Fall der Swans kaum leugnen, dass die Mannschaft um Michael Gira mit der dritten Platte nach ihrer Wiederbelebung ein wirklich herausragendes Werk geschaffen hat. In der Hinsicht bin ich zwar ein Spätzünder, da erst der Vorgänger „The Seer“ mich auf diese Band aufmerksam gemacht hat, was aber dem Enthusiasmus für diesen brachialen, widerspenstigen und geradezu hypnotisierenden Sound natürlich in keinster Weise schmälert. Die Stücke wirken einerseits in ihrer oberflächlichen strukturellen Schlichtheit monochrom, entfalten aber in ihrer beständigen Wiederholung, Variation und Steigerung eine epische Dimension, der man sich kaum entziehen kann. Ich trauere heute noch dem Konzertabend im Gebäude 9 nach, an dem es das live zu hören und zu spüren gab und ich nicht dabei sein konnte. Vielleicht springt Hagen ja mal mit einem Review des Abends ein.


Sunn O)))) mit Ulver bzw. Scott Walker

Die beiden wahnsinnigen Dekonstruktivisten des Black Metal / Drone, Stephen O'Malley und Greg Andersen, habe ich seit längerem ins Herz geschlossen. Dieses Jahr haben sie mit gleich zwei Kollaborationen für Verzückung vor dem Plattenspieler gesorgt. Zunächst erschien die länger angekündigte Platte gemeinsam mit den norwegischen Black-Metal-und-jedes-andere-erdenkliche-Genre-und-Nicht-Genre-Veteranen Ulver, die ich schon ausführlicher besprochen habe. Und auf der Ziellinie gen Jahresabschluss haben sie mit der gemeinsamen LP mit Scott Walker, dem Crooner der Apokalypse, nachgelegt, bei dem die Sonne schon lange nicht mehr scheint. Nachdem die Black-Ambient-LP mit Ulver so ungefähr dem entsprach, was man sich darunter vorab vorgestellt haben mag, wenn man die beiden Acts kannte, erwies sich die Scott O)))-Platte nach den Maßstäben der Beteiligten als geradezu zugänglich. Und irgendwie ist Walker die geradezu logische Ergänzung zu den schwarz-getünchten Soundtracks von Sunn O))), die ja sonst eher auf Kreischen und Grunzen aus der Metal-Fraktion als Vocalkomponente zurückgreifen. Durch seinen theatralischen Gesang rückt Walker die Platte daher näher in die Richtung seiner – soll man das so nennen ?– Kunstmusik, ohne dass Anderson und O'Malley ihre Wurzeln im Boden der bis zum Anschlag aufgerissenen Amps verleugnen müssten. Dennoch ist und bleibt das eher Musik für ausgewählte Stunden, in denen sie jedoch große Wirkung entfalten kann. Wer zwei Kandidaten dieses Kalibers innerhalb eines Jahres ins Rennen schickt, darf hier auf gar keinen Fall fehlen.





Yob – Clearing The Path To Ascend

Noch einmal Schwermetall, diesmal aber in einer etwas weniger avantgardistischen Form, dafür mit noch mehr Blei in der Weste. Yob loten seit einigen Jahren – mit einer kurzen Pause zwecks Auflösung und Re-Union – die Möglichkeiten des Doom Metal auf ihre Weise aus. Auf der aktuellen LP reichen ihnen dafür vier Stücke, die aber zusammen gut eine Stunde Spielzeit erreichen. Nach den Maßstäben populärer Musik sind das also epische Brocken, die zudem mit einer zermalmenden Beharrlichkeit vorgetragen werden, die durchaus Urvätern wie Black Sabbath zur Ehre gereichen würden. Das Tempo stets gedrosselt, entwickeln sich die Stücke, ohne dass sie zu einer Leistungsschau des Musikhochschul-Seminars ausarten würden, sondern eher wie eine sich häutende Schlange daher kommen: die alte sterbliche Hülle fällt ab, und neue Schichten werden sichtbar. Neben den ausgeklügelten und schweren Riffs ist es der vielseitige Gesang, der den Stücken Tiefgang verleiht, wenn er zwischen Death-Metal-artigem Grunzen, unverzerrtem Sirenengesang und Black-Metal-Kreischen changiert und damit immer wieder neue Fährten legt und Assoziationen weckt.



How To Dress Well – What Is This Heart?

Würde man das Intelligenz-Test-Spielchen „Wer passt nicht in diese Reihe“ spielen, würde jeder bewanderte Musikfreund wohl das Alias von Tom Krell aus der hier erstellten Reihe aussortieren. Zugegebenermaßen fügt er sich tatsächlich nicht gerade nahtlos ein, doch von Elektronik oder HipHop ist der Mann noch weiter entfernt. Im Prinzip beackert er klassische Herzschmerz-Topoi mit traditionellen Songstrukturen, gießt das ganze aber in einen digitalen Sound, der bisweilen an die Größen des R&B der 90er wie R. Kelly gemahnt, den er konsequenterweise dann auch neulich gecovert hat. Klingt abschreckend? Mitnichten. Das ist deutlich origineller als das, was so mancher anderer Jammerlappen absondert und erschließt neue Ausdrucksfelder für das bleichgesichtige Songwriting, wodurch lupenreiner Pop des Seelenleidens entsteht.



Bob Mould – Beauty And Ruin

Bob Mould hat einst neben Grant Hart in der Post-Punk-Legende Hüsker Dü gedient und veröffentlicht seit deren Ende verlässlich immer wieder wunderbare Gitarrenalben, die die melancholische und zugleich eingängigere Seite des Oeuvres seiner einstigen Band weiterführen. Wirklich Neues bietet er auf der aktuellen Platte nicht, er variiert wie die meisten brillanten Songwriter, das, was er am besten kann: wütend, traurige Stücke über die Ungerechtigkeiten dieser Welt und das eigene Leiden daran. Im Ernstfall könnte auch ein Datum aus den 90ern irgendwo als Aufnahmedatum auf dieser LP versteckt sein. Das ändert aber nichts daran, dass es eine weitere feine Platte eines Unverdrossenen ist, der konsequent seinen Weg geht. Und weil das so schön und bewegend ist, wird Hüsker Dü und seinen beiden Protagonisten demnächst mal ein eigener Post gewidmet.



Mittwoch, 21. Januar 2015

Auslese 2014 - Teil 4

Ein wenig spät wird hier Bilanz gezogen, was das letzte Jahr so an Platten gebracht hat, doch ganz verschwiegen werden soll das Resumee nicht. Um den Wust an Vinyl und Soundfiles ein wenig zu ordnen, geschieht das grob nach Richtungen sortiert mit Fokus auf je drei zentrale Platten sowie weitere erwähnenswerte Releases. Zunächst ist mal der HipHop dran, weitere folgen. Und in diesem Genre war es nicht der schlechteste Jahrgang. Die drei Favoriten habe ich allesamt schon ausführlich besprochen, so dass man Details dazu in den jeweiligen Posts nachlesen kann.

Run The Jewels - Run The Jewels 2

Der Titel ist zugegebenermaßen denkbar unoriginell, doch ändert das nichts daran, dass El-P und Killer Mike allen gezeigt haben, wo der Hammer hängt in Sachen Beats and Rhymes. Sie vereinigen dass, was man an stumpfem, wortspielverliebtem Bragadoccio liebt, spielend mit der Brisanz von Public Enemy und liefern das Ganze vor einer Beat-Kulisse, die vielschichtiger und unterhaltsamer ist als das, was aus den MPCs der Konkurrenz so rausplätschert.



Freddie Gibbs & Madlid - Pinata

Auch hier haben wir es mit einem Duo zu tun, auch wenn dieses nach einer etwas strikteren Arbeisteilung verfährt, da Madlib konsequent die Klappe hält und Freddie Gibbs seinerseits nicht in Sachen Beats dilettiert, sondern sich auf seine Kernkompetenz des Quatschens konzentriert. Nachdem die Kollaboration zunächst ungewohnt und fast wie eine Schnapsidee gewirkt haben mag, zeigt sich auf Albumlänge, dass sich hier zwei sonst recht strikt getrennte Segmente des HipHop mit großem Gewinn für beide Seite befruchten. Verkiffter Indie-Beat-Schmied weist dem Ghetto-Boy mit Authentizitäts-Siegel den Weg zu neuen Ufern. Und dieser setzt als Dankeschön den bewährten Sample-Soundtrack in neue Kontexte.



Shabazz Palaces - Lese Majesty

Dass HipHop nicht zwangsweise nur im eigenen Saft schmoren muss, sondern auch eine gewisse visionäre Sprengkraft entfalten kann, hat wohl lange kein Act mehr so deutlich gemacht wie Shabazz Palaces. Sound und Lyrics sind hier gleichermaßen unkonventionell, und irgendeiner muss doch schließlich die Fackel von Sun Ra durch das Labyrinth der Goldkettchen und Koksbeutel tragen. Hinzu kommt, dass das Duo live in einer Weise Arsch tritt und den Hallenboden mit Basswellen erschüttert, dass man wohl sagen kann, dass es 2014 nicht viele Konzerte gab, die da in Sachen Intensität mithalten konnten.


  
Mehr gutes Material

Eine weitere Erwähnung verdient einerseits Schoolboy Q mit Oxymoron, der in Sachen irrer Drogen-Rap mit Massenappeal und teils relevantem Reflexionsniveau zu überzeugen wusste. In Deutschland hat er das von der Masse halbwegs unbeachtet getan, in den USA reicht sowas für Platz 1 der Charts. Zugleich überbrückt die Platte die Wartezeit zum nächsten Release seines Kumpels Kendrick Lamar in eleganter Weise.



Schließlich wäre da noch der von mir schon lange sehr geschätzte Kölner MC Retrogott mit seinr aktuellen Kollaboration mit Hubert Daviz, der hier seinen üblichen kongenialen Partner Hulk Hodn ersetzt. In Sachen kluge und aggressive Sprachspiele auf Deutsch macht dem Mann so schnell keiner was vor, genausowenig in Fragen der konsequenten Underground-Attitüde. Zugleich erfülle ich damit eine Deutsch-Rap-Quote, ein Genre, mit dem ich sonst nicht so viel am Hut habe.


Mixtapes

Schließlich ist der unübersichtliche Digital-Marktplatz der Mixtapes anzuführen, auf dem ich mich zugegebenermaßen nur sporadisch tummele. Gut gefallen haben mir da aber auch ein paar Kandidaten:

Dej Loaf - Sell Sole

Die Dame schafft es als einzige Lady auf die Jahresabschlussliste in diesem ansonsten doch arg testosteron-dominierten Geschäft. Das ist allerdings diesmal keiner Quote geschuldet, sondern einzig ihren Qualitäten als MC, die sie mit einem idiosynkratischen Style auf ihrem letzten Tape absolut unter Beweis gestellt hat. Da wünscht man sich mehr solcher selbstbewusster weiblicher Stimmen statt der Horden von Bling-Boys mit ihrem Pimmel-Gequatsche.



A$AP Ferg - Ferg Forever

Da ist tatsächlich mal einer aus dem Schatten von A$AP Rocky als Boss des Mobs herausgetreten und hat gezeigt, dass da noch mehr Talent schlummert, mit dem man nicht nur die Mobshots im Video auffüllen kann, sondern auch im Alleingang problemlos ein Tape bestücken kann. Ebendieses besticht durch Vielseitigkeit, Mut zum Experiment, das auch mal in die Hose gehen darf, sowie einem zeitgeistigen Stilbewusstsein. Da könnte noch was kommen demnächst.



Rich Gang (Young Thug, Birdman , Rich Homie Quan) - Tha Tour Pt. 1

In Sachen konventioneller Trap-Sound war der Zusammenschluss Rich Gang von Young Thug und Konsorten mein Favorit. Die Kombination der Styles macht hier den Reiz aus. Das Themenfeld und die Sound-Ästhetik sind klar abgesteckt, so dass man nur mit besonders brillanter Variation des bekannten punkten kann. Das machen die drei dann auch souverän und besser als der Rest, auch wenn man manchmal denkt, dass es ein anderes Thema oder ein etwas variablerer Beat durchaus auch mal sein dürften.





Mittwoch, 26. November 2014

Run The Jewels – RTJ 2


Die Geschichte des Duos, das vor kurzem die vielleicht beste HipHop-LP des Jahres veröffentlicht hat, ist einerseits die zweier denkbar unterschiedlicher Veteranen, andererseits die Geschichte eines Zusammenwachsens, das nun in einer Art Symbiose gipfelt. Da wäre zunächst Killer Mike, Vertreter des Southern-Rap aus dem Umfeld von Outkast. Seine Karriere im Windschatten der weirden Vorreiter des Atlanta-Sounds fing vielversprechend an, versackte dann aber mehr oder weniger. Sein kongenialer Partner hört auf den Künstlernahmen El-P, das Toastbrot, das mit seinen Raps und Beats einst den bahnbrechenden Indie-Sound der New Yorker Combo Company Flow prägte. Schon der Gedanke an deren Debut „Funcrusher +“ dürfte so manchem gestandenen Rucksack-HipHopper Tränen in die Augen treiben. El-P hat sich auch nach deren Ende gut gehalten, mit Def Jux ein durchaus einflussreiches Label gegründet und sowohl als Solo-Künstler wie auch als Produzent für andere über die Jahre hinweg konsistent gute bis exzellente Arbeit abgeliefert.

Irgendwann kam das Management von El-P auf die Idee, diesen doch mal mit dem etwas strauchelnden Killer Mike zusammenzubringen, der gerade an einem neuen Album werkelte. Wie das manchmal so läuft, schlossen die beiden sich gegenseitig binnen Minuten ins Herz und begannen, an Tracks zu arbeiten. Das Resultat war das Killer-Mike-Album „R.A.P. Music“, bei dem El-P sich – noch - auf das Basteln der Beats beschränkte, was nichts daran ändert, dass dies ein wahnsinnig intensives und treibendes Album wurde. Killer Mike vereinte hier all die widersprüchlichen Einflüsse des Südens, von triebgesteuertem Booty über Gangstergeschichten bis hin zu politischen und religiösen Anwandlungen. Die beiden hatten offensichtlich Blut geleckt, so dass nur ein Jahr später ein Album erschien, bei dem sie sich die Verse am Micro teilten und El-P erneut die Produktion besorgte. Run The Jewels war geboren. Ohne großes Tamtam und als Gratis-Download gab es das Resultat der Kollaboration und begeisterte schon damals.

Die Synthese ist seitdem weiter gereift. Der Held des weißen New Yorker Indie-Rap und der toughe Kerl aus dem Süden mit publicty-tauglichem Vorstrafenregister sind auf ihrem zweiten, schlicht „RTJ 2“ betitelten Album zu einer Einheit zusammengewachsen, die ihresgleichen sucht. Auch dieses Mal gibt’s das Album gratis als Download, die Finanzierung läuft über die entsprechenden physischen Ausgaben in Schwarz und Silber. Dabei wissen sie mit Mass Appeal ein von Nas gegründetes Label hinter sich, das durchaus ambitioniert daher kommt. Wohl auch dank deren gekonnter PR-Arbeit erleben die aktuell beiden einen Hype, den man von so einer Kollaboration von zwei semi-bekannten Rappern um die 40 wohl kaum erwarten konnte. Doch diesmal muss man dem Motto von Public Enemy widersprechen: „Do believe the hype!“.

Traditionalisten ergötzen sich dieser Tage an Platten, die aus einem beliebigen Jahr der ersten Hälfte der 90er stammen könnte, doch hier zeigen zwei alte Hasen, wie man diesen Vibe in die Gegenwart rettet und dieser mit den eigenen Mitteln in den Arsch tritt. Die beiden rappen – wie etwa auf dem Opener „Jeopardy“ - mit einer Intensität, Rohheit und zugleich technischen und lyrischen Finesse, die nicht nur von der Wut im Bauch gespeist ist, sondern auch durch Jahre des professionellen Wortspiels rhetorisch geschult ist. Ständig scheinen sie zu drohen – don't fuck with us! Die Produktion von El-P ist einerseits rauh und eher digital, geht aber andererseits ihren eigenen Weg jenseits aktueller Trap-Schablonen. Die Beats sind komplex und entwickeln sich im Verlauf eines Stücks, gehen ein Wechselspiel mit den Lyrics ein und sind somit weit mehr als rhythmische Landschaften für Straßenpoesie.

In der eher knappen Laufzeit von ca. 40 Minuten absolvieren die beiden einen Parcours an Themen und Stilen, bei dem einen selbst als Zuhörer die Puste auszugehen droht. Harte Double-Time-Raps auf „Oh my, don't cry“, eine vulgäre Booty-Hommage an 2 Live Crew auf „Love again“, die gender-theoretisch korrekt durch die weiblichen Vocals von Gangsta Boo gebrochen wird. Die proklamiert lauthals: „He's got my clit in his mouth all day“ als Gegenpart zum freudig von den beiden Jungs intonierten Slogan: "She got my dick in her mouth all day". Sogar das verlorene Wunderkind des Crossover der 90er schaut auf einen Vers rein: Zack de la Rocha von Rage against the Machine gibt sich auf „Close your eyes“ die Ehre, und das durchaus mit Anstand und dem gesunden Maß an Härte, um hier nicht als Softie da zu stehen. Schließlich knüpfen sie auch an die besten Zeiten von Pulic Enemy an, wenn sie auf „Early“ Polizeigewalt thematisieren, mit Aggressivität, Können und musikalischer Verve, was in unverhoffter und tragischer Weise an Aktualität kaum zu überbieten ist. Dass sie dabei mit der ethnischen Schwarz-Weiss-Dichotomie ihres Duos spielen können, hat seinen ganz eigenen Reiz, der aber nie plump ausgespielt wird. Damit haben sie es dann sogar bis zu David Letterman geschafft.



So erweist sich die LP als ein derart dichtes Gewebe, das keine Sekunde zu lang ist und einen Punch hat, den man bei den allermeisten rappenden Zeitgenossen vergeblich sucht. Hier laufen zwei Veteranen im vermeintlichen Herbst ihrer Karriere zu einer Form auf, in der sie all ihre Erfahrung in die Waagschale werfen und sowohl dem Nachwuchs zeigen, wo der Hase namens Zeitgeist langläuft, als auch ihren Altersgenossen, was man mit seiner Zeit so anfangen kann, wenn man sich nicht auf die Pflege des eigenen Nachlasses zu Lebzeiten oder das Verfassen von Kochbüchern konzentriert. Da die Spanne bis zum Jahresende nicht mehr allzu lange ist, wage ich schon mal zu bilanzieren, dass Rap 2014 nicht mehr besser wird. Allerdings hätte man sich mit der Prognose wohl auch vor einem halben Jahr nicht allzu weit aus dem Fenster gelehnt. Und damit ist noch nicht Schluss. Via Kickstarter wurde aus einem zugegebenermaßen albernen Promo-Gag Ernst. Aktuell arbeitet El-P an einem Remix des Albums - "Meow The Jewels", der überwiegend aus Katzen-Geräuschen bestehen soll. Das Casting in einem Tierheim in Brooklyn gibt's hier zu sehen.



Als Reminiszenz an Company Flow gibt es deren Klassiker "8 steps to perfection", dazu Killer Mikes Homage an die politische Nemesis seiner Jugend, "Reagan", und schließlich die erste Single von RTJ 2, "Blockbuster Night". 







Mittwoch, 19. November 2014

Vinyl Maniacs: John Peel / Afrikaa Bambaataa


Wenn man von Plattensammlern und Vinyl-Nerds spricht, gibt es wohl eine Person, die einen unumstritten ikonischen Status hat und für die musikalische Sozialisation von Heerscharen britischer Musiker und Hörer verantwortlich war: John Peel, seines Zeichens BBC-Moderatoren-Legende. Ziemlich genau 37 Jahre lang hat er seine Landsleute und alle sonstigen Menschen mit BBC-Empfang mit Musik versorgt, die er liebte und die er mit möglichst vielen Menschen teilen wollte. Radikale Subjektivität, bedingungslose Hingabe und ewig-jugendlicher Enthusiasmus waren dabei seine Markenzeichen. Dass vieles von dem, was er über den Äther schickte, zumindest vor seiner Sendung leicht bis extrem obskur war, machte ihn lange zu einer einzigartigen Erscheinung zumindest in der öffentlichen und kommerziellen Radiolandschaft des UK. Wenig überraschend hatte er seine Wurzeln nicht in der grauen Rundfunkbürokratie der BBC, sondern in der langen, bis heute andauernden Tradition des britischen Piratenradios. Dessen Protagonisten waren bereits in den 60ern von Schiffen vor der Küste Englands aus angetreten, um die musikalischen Schwingungen der Subkultur unzensiert zu verbreiten. Heute bauen deren Nachfolger hingegen temporäre Stationen auf Dächern der Wohnsilos von London auf und schicken die frischesten Vibes urbaner britischer Musik in den Äther.

Im Laufe seiner Karriere hat Peel neben dem Senden bereits gepresster Platten vielen Bands zu eigenen „Peel Sessions“ in den BBC-Studios verholfen, darunter frühe Klassiker wie die Small Faces, The Smiths oder auch Nirvana, bevor sie mit „Nevermind“ groß raus kamen. Nach wie vor mythenumrankt ist aber vor allem die praktisch unüberschaubare Masse an Vinyl, die Peel im Laufe seiner Karriere als Empfänger von Promos genauso wie als obsessiver Sammler angehäuft hat. Dieser Hinterlassenschaft in schwarzem Plastik hat nun – auch unter Beteiligung seiner Familie – eine Website ein höchst würdiges Denkmal gesetzt. Auf dieser Seite kann man via Maus selbst durch die Regale surfen, die von ausgewählten Musiker kuratierten Auslesen bestaunen oder auch das Verzeichnis der Peel Sessions durchgehen. Mit anderen Worten: ein unschätzbarer Fundus für Plattenfreaks, bei dem allerdings die Finger nicht staubig werden. Dig it – here!

Bei Peels Website geht es also um so etwas wie eine würdige Nachlassverwaltung für eine verstorbene Ikone in seinem Geiste. Einen anderen Weg hat hier Afrika Bambaataa gewählt, Gründer der Zulu Nation, HipHop-Pionier und Säulenheiliger der DJ Culture. Statt das Schicksal seines Vinyls den Hinterbliebenen und damit der Ungewissheit zu überlassen, hat er sich selbst um die Kanonisierung seines physischen Nachlasses zu Lebzeiten gekümmert, indem er seine Plattensammlung dem Archiv der Cornell University zu akademischen Zwecken zur Verfügung gestellt hat. Zuvor waren bereits zumindest Teile des Bestands in einer Galerie zu besichtigen, was wohl als eine Art Vorstufe zum Empfang höchster akademischer Weihen zu verstehen ist.

Das Ganze zeugt von einem ausgeprägten Bewusstsein Bambaataas hinsichtlich der eigenen Bedeutung in der Musikgeschichte, was ja letztlich nicht zu leugnen ist. So kommentiert er heute bereits in bester Elder-Statesman-Pose seine Vita und schaut gelassen zu, wie sich seine Nachfahren an den Turntables und Mikrofonen schlagen. Das mag etwas hochtrabend wirken, doch irgendwie sympathisch ist es trotzdem, wenn dieser Koloss von einem Mann mit einer Platte und einem dicken Wälzer im Arm einzelne Highlights seiner Karriere – etwa als DJ in einem italienischen Fußballstadion bei einem Techno Festival – Revue passieren lässt.

Letztlich eint diese beiden höchst unterschiedlichen Figuren nicht nur eine zumindest vermeintlich typisch-männliche, nerdhafte Sammelleidenschaft, sondern auch der wilde Eklektizismus, der keine Genre-Grenzen kennt. Aus dem jugendlichen Trieb, Massen an Vinyl anzuhäufen und anderen vorzuführen, was es alles an großartiger Musik da draußen gibt, ist bei beiden nicht nur ein unschätzbarer musikalischer Schatz entstanden, der nun auf unterschiedliche Weise öffentlich zugänglich ist – in den heiligen Hallen von Academia oder in den Weiten des Internets. Auf ihre Weise haben beide mit ihrer Persönlichkeit durch das Medium Vinyl einen bleibenden Einfluss auf Hörer und Musiker mehrerer Generationen ausgeübt.

Als kleine Appetizer noch "Looking for the perfect Beat" von Afrika Bambaataa sowie die vollständigen Peel Sessions von The Smiths:



Samstag, 8. November 2014

Digging... Worms: Heaven Records

Unvermeidlich für einen Vinyl-Junkie auf Reisen ist die fieberhafte Suche nach einem örtlichen Plattenladen für den Schuss schwarzen Goldes zwischendurch. Als kleine Empfehlung werde ich daher hin und wieder posten, welche empfehlenswerten Läden mir unterwegs so begegnen. Heute also die beschauliche „Nibelungen-Stadt“ Worms, in die mich meine Arbeit in den letzten Monaten häufiger verschlagen hat und dies wohl auch weiterhin tun wird.

Entsprechend der Größe der Stadt ist das Angebot an Plattenläden in Worms überschaubar. Doch unweit des Stadtkerns in der Rheinstraße findet sich in rustikal-migrantischem Ambiente zwischen türkischen Cafés, Gemüseladen und Tattoo-Studio ein kleiner Laden, der kurzweilige Stunden des Kistenwühlens verspricht, Heaven Records. Der Laden an sich ist eher klein, doch praktisch bis unter die Decke vollgestopft vornehmlich mit Vinyl aller Genres und Jahrgänge, ergänzt durch eine Auswahl an CDs und DVDs. Das Ganze ist zwar grob nach den gängigen Genres sortiert, doch türmen sich überall bunte Stapel noch nicht einsortierter Platten, in denen sich teils unvermutete Schätze finden lassen. Also exakt das, was den Jäger und Sammler anspricht. Ein leichter stilistischer Schwerpunkt des Sortiments liegt auf Metal, wozu es auch eine vergleichsweise große Sektion an Neuware gibt. Ansonsten konzentriert sich das Angebot an aktuellem Vinyl auf ein kompetent zusammengestelltes Sammelsurium an Neuerscheinungen verschiedener Genres. So bleibt mehr als genug Platz für kistenweise altes Vinyl, in dem sich stundenlang stöbern lässt, bei Bedarf auch mit vorhören.

Besitzer Olli ist ein höchst angenehmer Vertreter der Spezies Plattenladenbesitzer, der neben einem breit gefächerten Wissensschatz rund um Musik und Schallplatten auch solche Geschichten über Worms zu erzählen hat, die nicht unbedingt in den klassischen Reiseführer gehören. Die Preise reichen von moderat bis durchschnittlich, sind aber prinzipiell verhandelbar. Wer also keine Angst vor staubigen Fingern hat und seine Freude daran findet, in etwas wilden Stapeln an Vinyl nach Gold zu graben, ist hier genau richtig bzw. findet hier das, was der Name des Ladens verspricht: Heaven. Als kleiner Beweis hier ein Auszug aus meiner Beute der letzten Besuche:




Lorraine Ellison – Stay with me

Eine fantastische Soul-Sängerin, die 1969 mit dem Titelsong dieses Albums einen Hit hatte, ansonsten eher unter dem Radar der allgemeinen Aufmerksamkeit fliegt, unter Northern Soul Freunden aber wohl ein Begriff ist. Dieses erste Album von ihr liegt stilistisch nahe an dem gospel-getränkten Sound der frühen Aretha Franklin und steht dieser auch in Sachen Intensität und Gesangskünsten praktisch in nichts nach. Dringend zu empfehlen, insbesondere der Dancefloor Filler "The hurt came back again" als auch die erste Aufnahme des später von Janis Joplin aufgenommenen "Just a little bit harder".



Super Biton de Segou – Afro Jazz du Mali

Diese Platte hat sich als völlig unerhoffte Perle erwiesen, da es mehr als schwierig ist, halbwegs vernünftig erhaltenes Original-Vinyl afrikanischer Musik zu aus den 60ern und 70ern zu finden. Dieses zwölfköpfige Ensemble bietet dabei alles, was man sich von einem Release aus dieser Zeit und dieser Region nur wünschen kann: swingende, poly-rhythmische Grooves, fette Bläsersätze und afrikanische Gesänge: eine fantastische Synthese aus afrikanischer Tradition und afro-amerikanisch geprägter Moderne.



Black Sabbath – Master of Reality

Zugegeben handelt es sich bei dem Album kaum um eine völlig unbekannte Rarität, doch wie eigentlich alle Sabbath-Platten aus der frühen Phase mit dem klassischen Lineup kann man dabei nie ganz falsch liegen. Die Kinder der nordenglischen Industrie-Tristesse verweigern sich verständlicherweise auch hier der Glückseligkeit ihrer Hippie-Zeitgenossen und zeigen ein weiteres Mal die düstere Seite halluzinogener Drogen. Über Ozzys Solowerk – ganz zu schweigen von seinen Reality-TV-Eskapaden - und die Qualität von späteren Sabbath-Platten mit all den wechselnden Besetzungen kann man streiten, doch alleine in dieser LP hat die Band den Keim für unzählige Metalplatten kommender Dekaden tief eingegraben, eine Basis gelegt, von der unzählige Epigonen noch heute zehren können.



John Lurie - Down by Law Original Soundtrack

Schon die Erinnerung an den Film und die Tatsache, dass ich den dazugehörigen Soundtrack nicht besitze, macht das Album zu einem Pflichtkauf. Lurie bewegt sich in der ihm eigenen Art durch die Geschichte des Jazz und bricht diese durch die Linse seiner New Yorker Intellektuellen-Toastbrot-Perspektive. Die bizarr-absurde Stimmung des Films zwischen existenzialistischem Drama und Komödie fängt er mit diesen Mitteln brillant ein, nimmt sich dabei mehr zurück als etwa bei den Lounge Lizards und konzentriert sich primär auf die teils sparsame Vertonung der filmischen Atmosphäre. Als Zugabe gibt’s auf der B-Seite noch den Soundtrack zu einem weiteren Film, „Variety“. Und nach einem Durchgang der LP ist man spätestens wieder dafür bereit, den Film noch einmal zu schauen. "Do you like Walt Whitman?".


Freitag, 17. Oktober 2014

R.I.P. - Mark Bell + The Spaceape

Die Regelmäßigkeit, mit der ich Nachrichten von frisch und oftmals noch sehr jung verstorbenen Musikern poste, gibt mir manchmal das Gefühl, ich könnte hier auch einen Blog mit Todesanzeigen betreiben. In den letzten Wochen hat der Herr wieder zwei zu sich geholt: den britischen Rapper/Dub-Poeten The Spaceape sowie seinen Landsmann Mark Bell, seines Zeichens eine Hälfte des Elektronik-Duos LFO und Produzent für andere Künstler. Ihre Musik ist einerseits sehr unterschiedlich, doch stehen andererseits beide auf ihre Weise für brillante Infusionen frischen Bluts in den Körper der elektronischen Musik, die jeweils wiederum eng mit spezifisch britischen Traditionen verknüpft waren.

Mark Bell

Der sogenannte „Second Summer of Love“ von 1988, den Großbritannien im Rausch von Acid House und Ecstasy erlebte, war gerade vorbei, und seine Kinder machten sich auf, aus dem Erbe von Kraftwerk, HipHop, Detroit Techno und allerlei dilettierenden Experimenten an Samplern und Synthesizern in ihren Jugendzimmern einen neuen Sound zu schaffen. Wenn man den Berichten Glauben schenken darf und sie nicht nur reine Verklärung der eigenen Jugend der Beteiligten sind, waren die Ecstasy-Pillen noch reiner und der Vibe der Parties noch nicht in militant-sediertes Marschieren gekippt. Eine muntere Spielwiese muss das gewesen sein, auf der sich der junge Teenager Mark Bell aus Leeds gemeinsam mit seinem Kumpel Gez Varley austoben konnte.

Im Zuge der Explosion neuer elektronischer Musik aus England, für die es allerlei Begriffe von Bleeps n Clonks über Techno zu Acid House und Hardcore gibt, entfaltete sich das Projekt LFO mit ganz besonderer Wucht, denn im Wettrennen um den tiefsten und bösesten Bass lagen sie ganz weit vorne mit ihre tatsächlich ersten Track, den sie genauso nannten wie ihr Projekt - „LFO“. Das umtriebige und bis heute intakte Label Warp begriff das schnell und veröffentlichte den Track genauso wie die folgende Debut-LP „Frequencies“. Der Titel des Albums enthält in gewisser Weise die Essenz, die diese Musik antrieb. Nicht die Schöpfung elaborierter Songs oder wilder Harmonien, sondern die Suche nach den Frequenzen, die durch ein Soundsystem geschickt der tanzenden Meute einen Schauer durch den ganzen Körper jagten, getragen von Rhythmen, die in ihrer Schlichtheit alle verstanden und alle vereinten. Genauso kann auch der Name des Projekts als programmatisch verstanden werden. LFO steht für „Low Frequency Oscillator“, den Bestandteil eines Synthesizers, der die tiefen Töne in Gang bringt.

Schließlich muss man „Frequencies“ als eine der wenigen LPs elektronischer Dance Music dieser Ära würdigen, die es schaffte, das Gefühl dieses Sounds tatsächlich auf Albumlänge auszubreiten und meisterlich zu variieren, während es den meisten anderen selten gelang, über die Länge einer Maxi hinaus Spannung und Innovation zu konservieren. Das riecht nach der Sehnsucht funktionaler Musik, als Kunst anerkannt zu werden, für die man den zweifelhaften Title Autoren-Techno erfunden hat. Doch dafür gehen LFO viel zu sehr nach vorne. Das konnte ich 1994 am eigenen Leib erfahren, als ich LFO bei einem Warp-Showcase in Köln gemeinsam mit Autechre, Seefeel und Aphex Twin sehen durfte. Ein für mich damals merkwürdiges, wenn auch nachhaltig beeindruckendes Erlebnis, das meiner bis dahin eher gitarrenlastigen Sozialisation ordentlich Gehirn und Gehör durchgepustet hat. Danke dafür.

Es folgte nach dem frühen Hype um LFO für Mark Bell eine steile Karriere, die ihm unter anderem Produzentenjobs für Björk und Depeche Mode bescherte, während LFO nur noch zwei weitere Alben veröffentlichten, „Advance“ (1996) und Sheath (2003). Mit Björk arbeitete er 15 Jahre von „Homogenic“ (1997) bis „Biophilia“ (2011) zusammen, während Depeche Mode eher mal zwischendurch für „Exciter“ (2001) jemanden brauchten, der ihrem in die Jahre gekommenen Sound ein bisschen Aktualität und Glaubwürdigkeit für das jüngere Publikum verleihen sollte. Schwer zu sagen, was da noch gekommen wäre, denn mit 43 Jahren hätte das ja noch eine Menge sein können. Vor einigen Tagen jedoch wurde seinem Leben ein vorzeitiges Ende gesetzt, durch das, was Ärzte „postoperative Komplikationen“ nennen. Unvermeidlich an dieser Stelle noch einmal den unverwüstlichen Track „LFO“ zu posten sowie stellvertretend für seine Arbeit mit Björk deren von ihm produzierten Track „Declare Independence“.





The Spaceape

Eine andere Generation, doch genauso fest verwurzelt in der Tradition dessen, was Simon Reynolds als „Hardcore Continuum“ bezeichnet – die Traditionslinie britischer Clubmusik, die sich aus den frühen Raves der späten 80er Jahre genauso speist wie aus dem britischen Kolonialerbe jamaikanischer Musik. The Spaceape, den man wohl als Poet der Dubstep-Generation bezeichnen könnte, hat hierin seinen festen Platz. Auf seine Art führt er das Erbe seines Landsmanns Linton Kwesi Johnson aus den 80ern fort. Dieser setzte vom UK aus neue Akzente in der Lyrik, die über die entschlackten Rhythmen jamaikanischer Riddims gelegt wurde.

Das musikalische Schaffen von The Spaceape wird wohl für immer eng verknüpft bleiben mit seinem kongenialen Partner Kode9, seines Zeichens Mastermind und Betreiber des wegweisenden Labels Hyperdub, das seit nunmehr 10 Jahren frische Versionen von Bass Music / Dub und anderem futuristischen Kram liefert. Mit „Memories of the Future“ von 2006 sowie „Black Sun“ von 2011 haben die beiden zwei Meilensteine in dem schnelllebigen Genre gesetzt, indem sie nicht nur Dub eine zeitgenössisch-minimale Sound-Tiefe verpasst haben, sondern auch eine der wenigen gelungenen Synthesen aus Vocals und Instrumentals in diesem Bereich geschaffen haben. In Sachen Bass und Freude an Frequenzen liegt der Ansatz damit nahe an LFO, denn Dub ist für Kode9 & The Spaceape nur ein grobes rhythmisches Gerüst und ästhetische Referenz und somit Sprungbrett und doppelter Boden ihrer eigenen Sound-Exkursionen. Für die Ekstase auf der Tanzfläche ist dieser Sound hingegen nur bedingt geeignet, eher denkt man an eine etwas zu schummerig geratene Afterhour.

Die Vocals von The Spaceape haben immer etwas leicht bedrohliches. Sie kommen eher monoton und langsam daher, sind jedoch so „nah“ und eindringlich abgemischt, dass man das Gefühl hat, da flüstert einem ein sedierter Barry White mit jamaikanischem Einschlag düstere Wahrheiten und apokalyptische Visionen ins Ohr. Etwas schleppend-unheilvoll, aber auch kryptisch, was im Zusammenspiel mit den basslastigen Produktionen von Kode9 der Musik eine sehr spezielle Aura verleiht; in etwa so, als würde man entgegen besseres Wissen von der Stimme eines urbanen Rattenfängers in die Dunkelheit eines ausrangierten U-Bahn-Tunnels gelockt.

Wie man Nachrufen entnehmen kann, hat The Spaceape lange mit dem Krebs gerungen und diesen Kampf nicht zuletzt auch in seiner letzten Solo-EP verarbeitet. Er ist definitiv eine einzigartige Stimme, die man vermissen wird. Als kleine Ausschnitte aus seinem Schaffen an dieser Stelle der an Prince angelehnte Track „Sine“ mit Kode9 sowie „On The Run“ aus seiner Solo-EP von 2012.




Sonntag, 5. Oktober 2014

Dub Labels for the 21st Century: Jahtari

Auf den verschiedensten Wegen gelangt man heute beim Hören aktueller Musik zu einer geographisch kleinen, kulturell aber wichtigen Quelle – Dub. Legionen von Autoren und Musikjournalisten haben sich daran abgearbeitet, die Bedeutung des in den 60ern mehr oder weniger aus Zufall geschaffenen Genres des instrumentalen Reggae für alle möglichen nachfolgenden Stile herauszuarbeiten: praktisch alle Spielarten elektronischer Musik, HipHop, Post-Punk oder auch die (selbst ernannten) direkten Nachkommen aus England wie Dubstep. Die Mutationen, die der ursprüngliche Sound von King Tubby durchlaufen und/oder befeuert hat, weisen dabei oftmals nur noch sehr rudimentäre direkte Anklänge an das Original auf, es zählt vielmehr die Geistehaltung der Abstraktion, Reduktion und Manipulation von Frequenzen, die als Prinzip schon damals dem Sound zugrunde lag.

Etwas direkter in der unmittelbaren Erbfolge des jamaikanischen Dub bewegt sich ein deutsches Label, Jahtari aus Leipzig, das seit nunmehr 10 Jahren Dub/Reggae veröffentlicht, der musikalisch vergleichsweise nah an den Wurzeln des Genres liegt. Die beiden zentralen Bezugspunkte des Sounds sind dabei praktisch schon im Labelnamen enthalten: „Jah“ im Sinne des Anknüpfens an die spirituelle Seite von Dub und Reggae sowie „Atari“ als Verweis auf die Sounds früher Heimcomputer. Konsequent wird dementsprechend auf eine körnige 8-Bit-Ästhetik gesetzt, wie man sie aus dem genannten Rechner genauso kennt wie aus den frühen Tagen des digitalen Dancehall, man denke nur an Jammys Intialzündung, den „Sleng-Teng-Riddim“ und dessen Casio-Drums.

Sowohl die Zahl der veröffentlichten Künstler als auch die Formate der Veröffentlichungen sind zahlreich. So gibt es etwa einen kontinuierlichen Output an großem und kleinem Vinyl, aber auch jede Menge Downloads wie die Net-7-Inches, Soundcloud-Mixes und CDs. Trotz der Vielzahl der beteiligten Musiker ist die von ihnen produzierte Musik in ihrem Ansatz recht homogen: schlichte, klassische Reggae-Tunes, die retro-artig produziert sind, aber mit einer spezifischen Weirdness angereichert werden, insbesondere in den Vocals, so sie denn vorhanden sind. Diese drehen sich oft um klassische Themen des Genres wie Weed, die Dancehall und ihre Protagonsiten sowie die Musik an sich, doch in der Bearbeitung der Stimme und den eigentlichen Texten schwingt immer eine leicht verfremdende, gerne auch kiffer-affine Meta-Ebene mit, insbesondere bei der tollen schottischen Sängerin Soom T. Das ist zwar einerseits recht humoristisch, andererseits aber auch sehr traditionsbewusst, denn Dub und Reggae sind hier nicht bloße Vehikel, sondern das Label sieht sich hier in einer klaren Tradition, wie nicht zuletzt die Existenz und der Inhalt einer eigenen „Theorie-Sektion“ auf der Label-Website verdeutlichen. Abgrenzen lässt sich dessen Ansatz in der gegenwärtigen Dub-Sphäre daher nach zwei Seiten: der wobbelnden Dancefloor-Sause gängiger Dubstepentwürfe wie Skream auf der kommerziellen Seite, sowie den avantgardistischen Neigungen von Labels wie Hyperdub, die den Klang von Dub in sehr abstrakte Sphären treiben und dabei weniger mit Jah und Konsorten am Hut haben als mit einem Philosophie-Seminar.

Das Mittel für die meisten Producer auf Jahtari ist in Abwendung von Trends nicht extremes Sound-Fricklertum und brachiale Kompressionsexperimente am Laptop, sondern die Rückkehr zum selbst manipulierten 8-Bit-Synth und DIY-Ästhetik, also eher ein Verweis auf Freunde des sog. Circuit-Bending oder auch die frühen Experimente und Basteleien des jamaikanischen Elektro-Ingenieurs Osbourne Ruddock aka King Tubby. Gewissermaßen als Nebenprodukt dieser Bestrebungen kann man sogar von den Betreibern des Labels höchst selbst (um)gebaute Synths bestellen. Die unter anderem damit gebauten Riddims haben als musikalische Gegenstücke zu den groben Pixeln eines Atari 512 ST eine synthetische Rohheit, der die Glattheit vieler anderer aktueller Dub-Interpretationen gänzlich abgeht. Der Zufall als Komponente, die bei der Entstehung des Dub selbst bereits eine entscheidende Rolle spielte, wird hier nicht durch die Kontrollmöglichkeiten des Studios im Rechner unterlaufen, sondern explizit durch den Hands-on-Ansatz an den Knöpfen und Reglern der Geräte kultiviert. Dies führt zu einer teils fröhlich-bekifften Anarchie, die weit entfernt ist von der Düsterkeit urbaner Dubvisionen wie von Kode9 and the Spaceape, aber nie ins Alberne kippt. Gutes Beispiel für diese Gratwanderung ist der Jahmiga-Remix des Doors-Klassikers „WhiskeyBar“, der so seltsam trunken-verzerrt daher kommt, dass man nie weiß, ob der lallende Suffkopf auf der Suche nach mehr Drinks gefährlich ist oder bloß spielen will und sich am Ende als sympathischer Saufkumpan erweisen könnte.

Eine ähnliche Fortführung der Methoden und Ideen jamaikanischer Dub-Pioniere findet sich auf der visuellen Ebene der Veröffentlichungen, hier wird auch stark mit verschiedenen Arten von Comics gearbeitet, die für die eigenen Zwecke adaptiert werden, beispielsweise durch einen qualmenden Karotten-Spliff bei Soom T & disrupt oder die Transformers-artigen Cover der Label-Compilation-Reihe „Jahtarian Dubbers“. Das historische Pendant sind hier jamaikanische Dub-Alben, die sich auch gerne aktueller Pop-Themen bedienten, deren Verwurstungen "in Dub" sie als augenzwinkernde Referenz für die Cover und Mottos ihrer eigenen Klangabenteuer nutzten wie „Prince Jammy Destroys The Invaders“, das damals sehr unsubtil auf den Arcade-Hit „Space Invaders“ anspielte. Exakt dieses Cover greift seinerseits Ras Amerlock für seinen Release „Farther East...“ auf Jahrtari auf und dreht die Zitate-Spirale damit eine Umdrehung weiter.

Man kultiviert also in Leipzig eine recht klare und eigene konzeptionelle Linie, doch die Vernetzungen des Labels zu verschiedenen anderen Musikern und Labels, die sich auf ihre Weise an der Konservierung und Weiterentwicklung des jamaikanischen Erbes abarbeiten, sind bemerkenswert. Die Jahtari-Hausproduzenten Rootah und disrupt haben eine EP von Paul St. Hilaire aka Tikiman produziert, der in den 90ern eine grandiose und geradezu stil-definierende Platte mit Rhythm &Sound aufgenommen hat. Daneben können sich auf Jahtari genauso die King-Midas-Sound-Köpfe Kiki Hitomi und Kevin Martin mit ihrem Black-Chow-Alias oder die schottische Vorzeige-Crew Mungo's Hi-Fi austoben. Als Exot unter den Kollaborateuren ist schließlich die famose kölsche Sängerin Fleur Earth zu nennen, die auf einer frühen gratis Download-Single gefeaturet wurde. Borniertheit und Snobismus sehen anders aus, den Machern scheint es bei der Auswahl ihrer Kontakte und Künstler vor allem um eine liebe- und respektvolle Haltung zum Dub sowie die gemeinsame Suche nach neuen Sound-Tiefen zu gehen.

Für 10 Jahre Basisarbeit im Namen von Jah und alten Heimcomputern ist das schon eine ziemlich beeindruckende Bilanz des Leipziger Labels. Als Einstieg in diesen eigenen Sound-Kosmos kann man eigentlich nur einen Besuch auf der label-eigenen Website empfehlen, da diese nicht nur konzept-gerecht schickes Retro-Design bietet, sondern auch zahlreiche Infos liefert sowie umfangreiche Downloads bereit hält. Man muss also noch nicht einmal Geld investieren oder in die Sümpfe der illegalen Downloads hinabsteigen, um einen Eindruck davon zu bekommen, was die Jungs und Mädels in ihrem musikalischen Gewächshaus so anbauen. Als Einstieg von meiner Seite hier die folgenden Empfehlungen / Links: Die Net-7-Inch von Gringo Starr und Fleur Earth als Download, Soom T & disrupt mit „Puff the Police“, Paul St. Hilaires "Nah Ina It" sowie schließlich die Tape-Abteilung der Jahtari-Website mit verschiedenen Gratis-Downloads. In diesem Sinne: Jah bless!




Samstag, 27. September 2014

Tom Petty – Hypnotic Eye

Es ist ziemlich genau 20 Jahre her, dass ich zuletzt ein Album von Tom Petty gekauft habe, das für mich immer noch zeitlos schöne „Wildflowers“, bei dem auch Rick Rubin Hand angelegt hat. Danach hat sich die Spur für mich verloren, hin und wieder bin ich über ein Stück oder die Meldung der Veröffentlichung von einer neuen Platte von ihm gestolpert, doch wirklich interessiert hat mich das nie. Die Euphorie, mit der das neue Album „Hypnotic Eye“ an anderen Stellen besprochen wurde, hat mich jedoch neugierig darauf gemacht, einem alten Bekannten mal wieder einen Besuch abzustatten und mir selbst einen Eindruck von dem Zustand von Tom Petty und seinem Schaffen im Jahre 2014 zu verschaffen.

Und tatsächlich ist es ein wirklich gelungenes Album, das eine interessante Balance findet zwischen einer Orientierung an den eher rockigen Seiten seines Frühwerks, die er mit düster-mystischer Südstaatenromantik anreichert, und der Reflektiertheit eines Alterswerks, dem aber noch nicht der letzte Zahn gezogen ist. Hilfreich ist dabei sicher, dass er in seinem Rücken die Heartbreakers weiß, die wie eine Synthese aus Uhrwerk und spielfreudiger Jungsbande den Sound liefern, der Studienräten mit Southern-Rock-Neigungen auf der Bühne des Stadtteilfests einfach in den Arsch tritt. Mike Campbell, Benmont Tench und Ron Blair beschwören die feuchte Hitze ihrer Heimat, und Petty selbst gibt Themen, die sich schon zu frühen Tagen durch seine Lieder zogen, einen neuen Twist. Mal lässt er gerade die Adoleszenz hinter sich („Full grown Boy“), mal artikuliert er die Wut auf lächerliche Obrigkeiten („Power Drunk“) oder die eigene politische Orientierungslosigkeit im Angesicht von Konflikten („Shadow People“). Am stärksten jedoch sind die Stücke, die tief in den Süden der USA eintauchen und beinahe wie Schnappschüsse der Szenerie aus der grandiosen Serie „True Detective“ anmuten. In „Burnt Out Town“ etwa skizziert er in schlichten wie starken Bildern zu einem Muddy-Waters-artigen Blues die Kaputtheiht verödeter Provinzkäffer, während „Red River“ eine Hommage an den bizarren Mix aus Aberglauben, Geisterbeschwörung und Religion ist, die wie im Voodoo eines Dr. John zu einem wilden und gefährlichen Gebräu gerinnen.

Dabei ist das Album im Sound homogen und vielseitig, aber ohne Schnörkel und Zugeständnisse an das sonstige musikalische Geschehen der Gegenwart. Dass er damit nicht Schiffsbruch in der Bedeutungslosigkeit erleidet, hat er einerseits seinem immer noch großen Songwriter-Künsten zu verdanken, andererseits einer Band, die in diesem Genre ihresgleichen sucht. Insofern kann man nach diesem Besuch bei einem alten Bekannten das Fazit ziehen, dass er, auch wenn man sich lange nicht gesehen hat, immer noch sein Ding macht und das auf einem Niveau, das die Wenigsten auf ihrem Zenit erreichen. Sollte sich die Gelegenheit ergeben, das Ganze auch nochmal live zu sehen, werde ich das mit ziemlicher Sicherheit tun. Für den Anfang muss das Album aber reichen. Zum Nachhören hier zwei Favoriten daraus mit „Fault Lines“ und „Burnt Out Town“ sowie den wunderschönen Klassiker „Wildflowers“.






Sonntag, 14. September 2014

Shabazz Palaces vs. Souls of Mischief


Die frühen 90er werden heute im Rückblick als die „goldenen“ Jahre des HipHop glorifiziert, was womöglich mehr über den Zustand des Genres heute als die Produktivität seiner Protagonisten in der Vergangenheit sagt. Und wie jede Jugendkultur wirft sie die Frage auf, wie man mit ihr altern kann, ohne mit merkwürdigem Beigeschmack entgegen der Realität die eigene Jugend zu simulieren und zelebrieren. Die letzten Wochen haben hier zwei interessante Platten gebracht, an denen man sehr unterschiedliche Strategien des Alterns an Acts studieren kann, die Anfang der 90er ganz vorne mit ihren Debut-Alben dabei waren. So haben Souls of Mischief mit „'93 til Infinity“ ein bis heute als Meilenstein gefeiertes Album in ebendiesem Jahr an der Westküste rausgebracht, dessen Texte zwischen Cleverness und Straßenweisheit oszillierten und mit ungeschliffenen Samples unterlegt waren. Das Pendant der Digable Planets zu dieser LP aus demselben Jahr nannte sich „Reachin' (A new refutation of time and space)“ und stellt einen slicken Klassiker des jazzigen HipHip dar. Untätig waren beide Crews nicht in der Zwischenzeit, sowohl in Solo-Projekten sowie zumindest die Souls of Mischief bisweilen auch gemeinsam. Aber da 20 Jahre im Moment eine legitime Marke zur Selbstmusealisierung zu sein scheinen (Blumfeld, Nas, Pavement etc.), sei ein Blick auf die Leute erlaubt, die einfach weiter machen.

Shabazz Palaces – Lese Majeste

Neulich habe ich Rast für das Anzapfen der Wurzeln des HipHop gepriesen, sein Anknüpfen an den trunkenen Talkin' Blues. Wenn das die rückwärts blickende Variante des Überschreitens des ästhetischen Mainstreams im HipHop ist, so muss man Shabazz Palaces wohl als die vorwärts gewandte bezeichnen. Drei EPs und der erste Longplayer „Black Up“ in seiner Post-Digable-Planets-Inkarnation Shabazz Palaces waren ja Warnung genug, dass von Ishmael Butler aka Butterfly noch einiges zu erwarten sein würde. Und in der Tat gibt kann man „Lese Majeste“ als futuristischen Geniestreich bezeichnen, einen Einblick in das, was HipHop eben auch sein kann, wenn es dort weniger um Straßengepöbel über clubtaugliche Beats mit Pumpgun und Skimaske geht und mehr um das Erschaffen und Erkundschaften neuer Klanglandschaften mit dem Spirit der Pioniere dieses Sounds und dem Wissen um all die Wurzeln von Black Music im Rucksack.

Mit anderen Worten steht diese Platte ziemlich einsam in der Landschaft ihres Genres, man denkt vielleicht noch an Antipop Consortium, die ähnlich radikal mit Synths und digitalen Sounds experimentiert haben. Doch „Lese Majeste“ ist von einer dub-getränkten Schwere, die weit jenseits der Hyperaktivität liegt, die für Antipop Consortium oft kennzeichnend war. Die Instrumentals sind schlank produziert, kommen mit wenigen aber extrem gut austarierten und plazierten Sounds aus, vor allem an den Drums. Das Zusammenspiel der Frequenzen und Elemente erzeugt eine unheimliche Dichte, wie man sie eher aus Dub bzw. Dubstep kennt und in die sich die Stimme als mehr oder weniger gleichwertiges Element einfügt. Vielschichtige Vocal-Arrangements und komplexe Songstrukturen werden mit gekonnt reduzierten Sounds unterlegt, so dass sie die manchmal ermüdende Schlichtheit von Beats+Rhymes durchbrechen, die HipHop meistens auszeichnet. Die Stücke sind praktisch nie linear gebaut, sondern entwickeln sich in nicht immer direkt nachvollziehbaren Bögen oder mutieren mehr oder weniger von einem Moment auf den andere in neue Zustände. Das erinnert an bipolare Störungen, die zur Vermeidung des Vorhersehbaren fruchtbar gemacht werden. Man weiß nie so genau, wo man dran ist, und ob das, was man jetzt hört, drei Takte später noch Gültigkeit besitzt oder durch eine neue Wendung einfach über den Haufen geworfen wird. Das beugt Behaglichkeit und falschen Gewissheiten erfolgreich vor und fordert dem Zuhörer Aufmerksamkeit ab, da ansonsten die Platte auf einen Strom klanglicher Merkwürdigkeiten reduziert würde.

Dennoch würde man keinen Moment zögern, das Album als HipHop zu bezeichnen. Hier hat aber einer aber endlich mal die Eier und die Skills, den Geist von Dub und die Visionskraft von Sun Ra in die Gegenwart zu übersetzen und mit den Mitteln von HipHop kurzzuschließen. Selbst an Suicide muss man bisweilen denken, etwa bei „I'm rich“, wenn die Lyrics mit monoton-irrer Stimme deklamiert werden und dahinter ein repititiver Beat klappert. Die Platte gleicht in gewisser Weise einem dunklen, schwer entzifferbaren Monolithen, an dessen Bedeutung man mit Irritation rätseln kann, wie die Affen in Kubricks „2001“. Die Ästhetik ist dabei denkbar weit vom jazzigen Frühwerk als MC der Digable Planets entfernt. Die Gemeinsamkeit scheint hier vor allem darin zu liegen, dass durch das Zuführen neuer Ideen in ein stagnierendes Genre Wege frei gemacht und Perspektiven aufgezeigt werden. Auch „Reachin'“ war auf seine Weise sophisticated und sehr avanciert, griff aber auf andere, traditionellere Quellen zurück, um Neues zu schaffen. Während die Jazz-Pfade damals dankbar von vielen anderen aufgegriffen wurden, sind aufgrund des sehr speziellen und futuristischen Sounds von Shabazz Palaces die Zweifel berechtigt, dass dies als Vorlage für eine größere Zahl anderer Acts dienen kann. Gleichzeitig dürften Shabazz Palaces viele neue Freunde eher aus dem Kreis derjenigen finden, die sich sonst eher nicht für HipHop interessieren. Ihr Label Sub Pop, einst Heimat von Nirvana, sind insofern eine konsequente Wahl als Geschäftspartner.

Digable Planets – Cool like that



Shabazz Palaces - Les Majeste (Full album)

Souls of Mischief – There's only now

Adrian Younge scheint sich anzuschicken, eine Art Rick Rubin des HipHop zu werden. Nachdem er vor einem Jahr Ghostface Killah mit „12 Reasons to Die“ nach langer künstlerischer Dürre wieder zu kaum mehr für möglich gehaltenen Höhenflügen inspiriert hat, geht er mit Souls of Mischief gut 20 Jahre nach „'93 til Infinity“ auf eine ähnliche Mission. Zwischendurch hat er noch den Delfonics bzw. deren Mastermind William Hart ein zweites Leben eingehaucht, der zudem sowohl bei Ghostface als auch bei den Souls of Mischief als Gast zurück in alter Form zu hören ist.

Bei der Musik gibt es bei Younge / Souls of Mischief die Rückbesinnung auf einen homogenen Sound, der die Logik seiner Entstehung umkehrt: eine Band spielt, als würde sie Beats aus Schnipseln ihrer eigenen Platten nachspielen; sie projizieren die Aneignung ihrer Musik durch Beat-Pioniere und Sampler auf sich selbst zurück. Man könnte auch sagen, dass die Beats ein wenig klingen, als spielte die Hausband eines Soul-Labels aus den frühen 70ern HipHop-Beats aus den 90ern nach. Erneut dient wie im Falle der Rise-and-Fall-of-Erzählung bei Ghostface eine narrative Struktur als eine Art Überbau, diesmal eine Entführungsgeschichte und die Verwicklung der Souls-of-Mischief-Crew darin. Man könnte auch das böse K-Wort „Konzeptalbum“ in den Mund nehmen, um den Masterplan hinter der Platte zu benennen. Als Moderator und Host, der immer wieder die Fäden der Geschichte aufnimmt und für den Hörer resümiert, fungiert hier Ali Shaheed Muhammed, seinerseits Bestandteil von A Tribe Called Quest, die zu einer ähnlichen Zeit wie Souls of Mischief ihre größten Erfolge feierten. Snoop Dogg und Busta Rhymes komplettieren als Gäste die Riege großer MCs des „Golden Age“.

So kann man sagen, dass die Platte gespickt ist mit echten Größen, die sich allesamt durchaus in respektabler Form zeigen, nicht zuletzt die Souls of Mischief selbst mit teils grandiosen, oftmals temporeichen Rhymes. Der Vibe der jazzigen Seite der West Coast weht durch die Platte wie auf „Ghetto Superhero“, das stark an den Erstling von Freestyle Fellowship erinnert und einfach Spaß macht. Der Sound der Beats ist aber wesentlich homogener als vor 20 Jahren, da er aus einer einzelnen Quelle stammt und nicht aus Stapeln verschiedenster staubiger Platten zusammengesetzt werden musste. Younge ist dabei klug genug, die organischen Sounds so einzusetzen, dass verschiedene Sample-Quellen und -Strategien von damals angedeutet und zitiert werden. So entwickelt sich lyrisch wie musikalisch ein doppelbödiges Spiel mit Referenzen, das einerseits stabil im HipHop der 90er und andererseits dessen Ursprung im Soul und Funk der 70er verwurzelt ist, zumal die Rahmenhandlung selbst bezeichnenderweise in den 90ern spielt. Das hat bei aller Qualität und warmer Behaglichkeit für alternde HipHop-Afficionados etwas arg Conaisseurhaftes, dreht sich die Platte doch einfach ein wenig arg selbstverliebt um die eigene Vergangenheit und das Spiel mit ihr, so dass sich die Frage nach der Relevanz für die Gegenwart aufdrängt, denn die Rückwärtsgewandtheit führt eben auch nicht zu so spannenden und unkonventionellen Ergebnissen wie im Fall von Rast. Eine gewisse Ironie mag hier darin liegen, dass der Titel die Gegenwärtigkeit geradezu beschwört. Zudem riskiert Younge, dass seine durchaus gekonnten Produktionen zu einem Gimmick oder gar einer Masche verkommen, insbesondere wenn er sie ein ums andere Mal mit einer Rahmenerzählung verknüpft. Rick Rubin braucht also nicht um seinen Thron als König der Karrieren-Reanimation zu zittern.

Souls of Mischief - 93 'til Infinity



Souls of Mischief - There is only now (Full album)



Das Fazit dieser Gegenüberstellung ist recht eindeutig. Während Souls of Mischief sich zur Kultivierung des eigenen Erbes entschlossen haben, hat sich Ishmael Butler auf den Weg in andere Sphären begeben. Herausgekommen ist daher bei den einen ein wirklich gutes Album, das die Tugenden des Alten in einem neuen Glanz erscheinen lässt, bei dem anderen ein faszinierend-verstörendes Album, das neue Türen aufstößt. Letztere Variante ist bei aller Freude an den Souls of Mischief mein klarer Favorit, doch steht zu befürchten, dass die wenigsten MCs und Produzenten bereit sind, durch die von Shabazz Palaces aufgestoßene Tür zu folgen oder wenigstens mal in den dahinter liegenden Raum zu schauen. Schade, es läge so viel dahinter, das auch für andere interessant wäre.