Die Freuden der nie endenden Schallplattensuche hat mich im letzten Jahr zweimal ins beschauliche Mannheim geführt. In den sog. Quadraten, jener zweifelhaften städteplanerischen Errungenschaft, für die Mannheim mehr oder weniger berühmt ist, findet man mit Comeback Records einen kleinen aber durchaus feinen Laden, der die wesentlichen Anforderungen zur Befriedigung der Gelüste eines Crate Diggers erfüllt. Vor der Tür stehen die obligatorischen Ein-Euro-Kisten, im Erdgeschoss gibt's DVDs und CDs und im Keller schließlich jede Menge Vinyl mit Potenzial für staubige Finger.
Der stilistische Schwerpunkt liegt eher auf dem Bereich Gitarre/Metal, doch auch die Jazz-Abteilung kann sich durchaus sehen lassen. Insbesondere im Bereich des härteren Metal sowie Stoner/Doom findet sich ein reichhaltiges Angebot an Neuem und Altem. Doch auch die übrigen Genres sind recht bunt und mit der einen oder anderen Überraschung bestückt, so dass sich neugieriges Graben auf alle Fälle lohnt. Neuware gibt's natürlich auch, wobei sich hier der Schwerpunkt auf Gitarren besonders niederschlägt, aktuelle Releases aus den Bereichen Elektronik oder HipHop sind hier eher spärlich gesät.
Vorgehört werden können die potenziellen schwarzen Schätze natürlich auch, wenngleich die einzige Aparatur hierfür schon deutlich bessere Tage gesehen hat. Jedem Audiophilie-Nazi dürfte allein die Vorstellung kalte Schauer über den Rücken schicken, seine Platten einem solchen Gerät auszusetzen. Wie sich das für einen Vinyl-Dealer gehört, wird an der Theke ordentlich getratscht und gefachsimpelt, und der Besitzer ist durchaus verhandlungsbereit, was die aufgeklebten Preise angeht. Diese sind im übrigen nicht durchgehend aus Discogs abgetippt, so dass sich hier bisweilen mit Beharrlichkeit ein Schnäppchen finden lässt. In meiner Plattentasche sind aus dem Sortiment bisher u.a. die folgenden LPs gelandet:
Camper Van Chadbourne - Dito
Einen posthumen Hit haben Camper van Beethoven Michael Moore zu verdanken, der ihren grandiosen Song "Take the Skinheads Bowling" für seinen Film "Bowling for Columbine" verwendete. Neben den eingängigen Varianten, die Sänger David Lowery später mit seiner zweiten Band Cracker auch kommerziell perfektionierte, hatten die kalifornischen Sound-Anarchisten aber auch krachig-verspielten Irrsinn drauf. Den haben sie auf ihrem dritten, selbstbetitelten Album mit Unterstützung von Eugene Chadbourne wohl auf die Spitze getrieben. Die Platte hätte genausogut im Free-Jazz-Fach landen können, weshalb der Labeldruck auch als Karikatur der Impulse-Ästhetik daher kommt. Ein wunderbar abseitiges Stündchen Humor mit einer ordentlichen Prise Lärm, das instrumentalen Freak-Out mit Bluegrass paart, ohne dass dies wie ein Bruch erschiene. Und bei Eugene Chadbourne kann man eigentlich eh blind zugreifen.
James "Blood" Ulmer - Are You Glad To Be In America?
Noch vor wenigen Wochen habe ich den fraglichen James "Blood" Ulmer live mit seinem Trio gesehen, und man muss sagen, dass der Mann noch jede Menge Wucht hat und von Altersmilde noch keine Spur zeigt. Diese 1980 für Rough Trade eingespielte Platte begründete jedoch erst seinen Ruf als Gitarren-Erbe der Harmolodik von Ornette Coleman und Erfinder des Free Funk. Zur Seite standen ihm damals unter anderem so prominente Unterstützer wie Ronald Shannon Jackson an den Drums und David Murray am Saxophon sowie der Trompeter Olu Dara, dessen Sohn zwölf Jahre später unter dem Künstlernamen Nas für Furore ganz anderer Art sorgen sollte. Die Platte geht ordentlich zur Sache, hält sich dabei aber meist an ein recht stabiles und gerades rhythmisches Gerüst, was wohl als Tribut an den Funk betrachtet werden kann. Die etwas unterkühlte Klangästhetik konterkariert das Ganze zudem ein wenig und rückt den Sound näher in die Gefilde des Labels und der Zeit, die sie hervorbrachte.
Sly & The Revolutionaries meet Lloyd Parks, We the People band and Roots Radics - Trench Town Dub
Der Interpreten-Name dieser Platte ist rekordverdächtig lang, doch alle vier erwähnten Beteiligten machen bereits klar, dass es sich hier um ein All-Star-Line-Up in Sachen Dub handelt, wenngleich kaum Details zur Aufnahme zu erfahren sind, außer dass sie 1976 in den Studios von Channel One und Joe Gibbs entstanden sind, beides Garanten für feinsten Dub aus dieser Ära. Dementsprechend wird hier stark reduzierter und tiefer Dub geliefert, der nach den beiden zuvor erwähnten Platten eine Art Friedensangebot in Sachen entspanntes Hören darstellt, zugleich aber die Bässe der Anlage ordentlich herausfordert. Für mich ist das ein Sound, von dem ich eigentlich nicht genug bekommen kann, bei dem ich mich aber manchmal frage, wie viele Variationen ich davon noch brauche. Diese Variation ist auf jeden Fall eine überaus feine, nicht zuletzt da sie wirklich oft nur noch Haut und Knochen des rhythmischen Gerüsts präsentiert und damit das, was man bei einer guten Dub-Platte sehen bzw. hören will. Jah bless!
caddy
Dienstag, 24. Februar 2015
Sonntag, 8. Februar 2015
Auslese 2014 – Teil 6
Hier kommt der letzte Teil des
Jahresrückblicks für 2014, auch wenn es mittlerweile Februar ist.
Schließlich sollen auch noch die eher elektronischen Platten zu
ihrem Recht kommen, denn auch dort gab es das ein oder andere
Highlight.
Aphex Twin – Syro
Die erste Platte in dieser Reihe kann man wohl eher
als das Comeback des Jahres bezeichnen. Immer wieder habe ich die
Weiten des Netzes in den letzten Jahren nach einem Lebenszeichen von
Richard D. James aka Aphex Twin abgesucht, doch zu finden war da
nicht viel. Angesichts des letzten Albumtitels
„Drukqs“ vor sage und schreibe 13 Jahren kann man nun spekulieren, was das für Hintergründe gehabt haben könnte. Jetzt ist seine bizarre
Majestät, König so ziemlich aller Spielarten verspulter
elektronischer Musik, aber wieder da. „Syro“ fügt sich recht nahtlos
in sein bisheriges Schaffen ein und bietet vor allem Material,
das an die großartigen „Selected Ambient Works“ anknüpft,
manchmal aber auch in etwas gehobener Tempo-Bereiche vordringt. Die
Wildheit seiner „I care because you do“-Phase samt ihrer Kettensägen-Brachialität bleibt dagegen meist
außen vor. Blendet man den die LP begleitenden Irrsin von PR-Stunts
via Zeppelin über Geräteparklitaneien bis hin zu
Release-Flut-Drohungen aus, ist das eine gute Nachricht. Wer jetzt
erwartet hat, dass die LP mindestens eine Revolution in Gang setzen
muss, der wird vielleicht enttäuscht sein. Doch das Niveau, auf dem
man hier jammert, ist denkbar hoch. Außerdem hat James selbst
betont, dass es sich bei den jetzt veröffentlichten Stücken um
einen Querschnitt aus den letzten Jahren handelt und neues Material
schon in der Pipeline ist. Man darf also gespannt sein, was der Mann noch zu sagen hat, zumal mit
„Computer Controlled Acoustic – Pt 2“ sich der nächste Release
bereits in der Post auf dem Weg zu mit befindet.
Flying Lotus – You're Dead
Fusion Jazz ist sowas wie das
ästhetische Schreckgespenst der 70er, der Virtuositäts-Wichs-Fetisch für
Oberstudienräte, beliebige weitere Schmähungen kann hier jeder selbst einfügen. Einerseits ist es unvermeidbar, dass auf der Suche
nach potenziellen Hypes und Anknüpfungspunkten auch mal dieses Genre
dran sein muss. Andererseits gehört eine ganze Portion Innovation,
Können und Mut dazu, wenn man diesen Sound erfolgreich in einen
gegenwärtigen Musikentwurf einbetten will, der irgendwie in die
Zukunft gerichtet ist. Aktuell gibt es mit Flying Lotus wohl nur
einen Kandidaten für diese Mission Impossible, und nach den
durchgehend tollen Vorgängeralben meistert er auch diese Aufgabe
brillant, nicht zuletzt dank des Tiefton-Meisters Thundercat an
seiner Seite sowie Kollaborationen mit MCs wie Kendrick Lamar und
Snoop Dogg. Das Album ist ein irrer, psychedelischer Trip quer durch
die zerfrickelten Beatwelten, die mit einer gehörigen Portion
Retro-Fusion so richtig in Schwung gebracht werden. Und wenn es eines
Ritterschlags von höchster Stelle noch bedurft haben sollte, so
nimmt das hier Herbie Hancock vor, der auch auf ein paar Läufe auf
der Tastatur vorbeischaut. Auch der hat wohl eingesehen, dass er lieber kollaboriert und seinen eigenen Ruhm bei einer jungen Generation mehrt, statt seinen Jünger im Geiste mit Klagen wegen Copyright-Verletzungen zu überziehen. Der Klassen-Primus unter den Beat-Bastlern
des 21. Jahrhunderts hat es also wieder getan und den Kreis quadriert.
Hieroglyphic Being And The
Configurative Or Modular Me Trio – The Seer Of Cosmic Visions
Nach dem zu schließen, was ich vor
einer Weile an Kommentaren von Hieroglyphic Being zum Zeitgeschehen
gelesen habe, scheint es sich um einen Verschwörungstheoretiker und
Kosmologen erster Güte zu handeln. Kryptisch kommt auch der um zwei
optionale / fiktionale Trios erweiterte „Band-Name“ der hier gefeatureten LP daher, auch
wenn man wohl davon ausgehen kann, dass sich dahinter nur Jamal R.
Moss in Allianz mit seinen alten Analog-Maschinen verbirgt. Dass
Discogs seit 2008 ca. 30 LPs für diesen Mann listet, belegt weiter,
dass es sich hier um einen Getrieben handelt. Beides kann man auch als vage Analogien zu seinem offensichtlichen Helden und Vorbild Sun Ra lesen. Konkret finden sich auf
dieser durchaus ausgewogenen Zusammenstellung neun Stücke, in denen
der analogen Verzerrung gehuldigt wird und der Hörer sowas wie
Noise/Improv-Deep-House-Acid um die Ohren gehauen bekommt, der auch mal im Verzerrer-Rauschen versinken darf. Wem die
übliche 4-to-the-Floor-Kost zu bieder ist, aber nicht ganz auf die
straight scheppernden Drums im repetitiven Krachgewitter verzichten
möchte, der findet hier Erlösung auf höggschdem Niveau. In der
Weltmeisterkabine dürfte das aber eher nicht gelaufen sein, wohl
eher David Guetta. In einer solchen Welt, auf die wir wohl noch lange warten müssen, würde Jogi Löw dann wohl auch Sun Ra statt Helen Fischer oder Pur hören.
Cooly G – Wait 'til Night
Hyperdub ist seit vielen Jahren so
etwas wie die absolute Bank in Sachen Bass Music. Den Verlust des
grandiosen Space Ape habe ich hier schon bereits vor einigen Wochen
beklagt und dabei seine letzte EP noch einmal ins rechte Licht
gerückt. Cooly G, eine der durchaus zahlreichen Ladies im Hause
Hyperdub - wie etwa die phantastische Laurel Halo -, hat dieses Jahr nochmal nachgelegt, nachdem ihr
Debut „Playin Me“ vor zwei Jahren bereits Wellen geschlagen hat.
Bei ihr geht es reduziert digital zu, die Stimmung bewegt sich
zwischen Melancholie und erotisierter Sehnsucht. Sie vereint dabei
das Rohe und das Elegante in einem Sound, der alle denkbaren Facetten
britischer Bass Music aufgesogen hat und nun dessen feinstes
Destillat hervorbringt. Die bisweilen kühle Schlichtheit ihrer
Sounds kontrastiert teilweise scharf mit der sexuellen Aufladung der
Vocals, was einen besonderen Reiz ausmacht und dieser Platte auf
jeden Fall einen vorderen Platz einbringt.
12“es
Das mit den Maxis ist teilweise ein
etwas mühsames Geschäft, doch zwei Favoriten aus dem letzten Jahr
sollen hier noch einmal hervorgehoben werden, da sie besonders
bemerkenswert waren.
JETS feat. Jamie Lidell – Midas Touch
Bei dieser Geschichte kann ja fast
nicht schief gehen. Detroit-Revivalist Jimmy Edgar und
Avant-Dancefloor-Frickler Travis Stewart aka Machinedrum zerren gemeinsam unter ihrem Alias JETS den
großen Crooner der elektronischen Tanzmusik, Jamie Lidell, vors Mikro.
Das Ergebnis ist fantastisch groovendes Tanzflächenmaterial mit
Tiefgang und beseeltem Gesang. Ein echtes Highlight, das aus der auch ansonsten wirklich tollen gemeinsamen LP der beiden noch einmal heraussticht.
Theo Parrish / Tony Allen – Day Like
This / Feel Loved
Natürlich könnte man Theo Parrish
auch eine Etage drüber bei den LPs für „American Intelligence“
abfeiern, wie im übrigen auch Moodymann mit seiner nach ihm selbst
benannten 2014er LP. Da jedoch beide als Deep-House-Legenden
gewissermaßen ohnehin schon larger than life sind, sei hier nur auf
die angesichts der erratischen Veröffentlichungsstrategie von Parrish leicht zu übersehende Kollaboration von ihm und dem Ur-Vater des
Afro-Beat, Tony Allen, verwiesen. Hinter seinem Drumkit treibt Allen
mit seinem absolut bestechenden und rhythmisch-vertrackten Groove
seinen Kollaborator zu Höchstleistungen an. Sounds like real Afro-Futurism.
Mittwoch, 28. Januar 2015
Auslese 2014 – Teil 5
Swans – To be kind
Auch wenn ich es generell schwierig
finde, „die eine“ Platte herauszufischen, so lässt sich im Fall
der Swans kaum leugnen, dass die Mannschaft um Michael Gira mit der
dritten Platte nach ihrer Wiederbelebung ein wirklich herausragendes
Werk geschaffen hat. In der Hinsicht bin ich zwar ein Spätzünder,
da erst der Vorgänger „The Seer“ mich auf diese Band aufmerksam
gemacht hat, was aber dem Enthusiasmus für diesen brachialen,
widerspenstigen und geradezu hypnotisierenden Sound natürlich in
keinster Weise schmälert. Die Stücke wirken einerseits in ihrer
oberflächlichen strukturellen Schlichtheit monochrom, entfalten aber
in ihrer beständigen Wiederholung, Variation und Steigerung eine
epische Dimension, der man sich kaum entziehen kann. Ich trauere
heute noch dem Konzertabend im Gebäude 9 nach, an dem es das live zu
hören und zu spüren gab und ich nicht dabei sein konnte. Vielleicht springt Hagen
ja mal mit einem Review des Abends ein.
Sunn O)))) mit Ulver bzw. Scott Walker
Die beiden wahnsinnigen Dekonstruktivisten des Black Metal / Drone, Stephen
O'Malley und Greg Andersen, habe ich seit längerem ins Herz
geschlossen. Dieses Jahr haben sie mit gleich zwei Kollaborationen
für Verzückung vor dem Plattenspieler gesorgt. Zunächst erschien
die länger angekündigte Platte gemeinsam mit den norwegischen
Black-Metal-und-jedes-andere-erdenkliche-Genre-und-Nicht-Genre-Veteranen
Ulver, die ich schon ausführlicher besprochen habe. Und auf der
Ziellinie gen Jahresabschluss haben sie mit der gemeinsamen LP mit
Scott Walker, dem Crooner der Apokalypse, nachgelegt, bei dem die Sonne schon lange nicht mehr scheint. Nachdem die Black-Ambient-LP mit Ulver
so ungefähr dem entsprach, was man sich darunter vorab vorgestellt
haben mag, wenn man die beiden Acts kannte, erwies sich die Scott
O)))-Platte nach den Maßstäben der Beteiligten als geradezu
zugänglich. Und irgendwie ist Walker die geradezu logische Ergänzung
zu den schwarz-getünchten Soundtracks von Sunn O))), die ja sonst
eher auf Kreischen und Grunzen aus der Metal-Fraktion als
Vocalkomponente zurückgreifen. Durch seinen theatralischen Gesang
rückt Walker die Platte daher näher in die Richtung seiner – soll
man das so nennen ?– Kunstmusik, ohne dass Anderson und O'Malley ihre Wurzeln im Boden der bis zum Anschlag aufgerissenen Amps verleugnen müssten. Dennoch ist und bleibt das eher
Musik für ausgewählte Stunden, in denen sie jedoch große Wirkung
entfalten kann. Wer zwei Kandidaten dieses Kalibers innerhalb eines
Jahres ins Rennen schickt, darf hier auf gar keinen Fall fehlen.
Yob – Clearing The Path To Ascend
Noch einmal Schwermetall, diesmal aber
in einer etwas weniger avantgardistischen Form, dafür mit noch mehr
Blei in der Weste. Yob loten seit einigen Jahren – mit einer kurzen
Pause zwecks Auflösung und Re-Union – die Möglichkeiten des Doom
Metal auf ihre Weise aus. Auf der aktuellen LP reichen ihnen dafür vier
Stücke, die aber zusammen gut eine Stunde Spielzeit erreichen. Nach
den Maßstäben populärer Musik sind das also epische Brocken, die
zudem mit einer zermalmenden Beharrlichkeit vorgetragen werden, die durchaus Urvätern wie Black Sabbath zur Ehre gereichen würden. Das
Tempo stets gedrosselt, entwickeln sich die Stücke, ohne dass sie zu
einer Leistungsschau des Musikhochschul-Seminars ausarten würden,
sondern eher wie eine sich häutende Schlange daher kommen: die alte sterbliche
Hülle fällt ab, und neue Schichten werden sichtbar. Neben den
ausgeklügelten und schweren Riffs ist es der vielseitige Gesang,
der den Stücken Tiefgang verleiht, wenn er zwischen
Death-Metal-artigem Grunzen, unverzerrtem Sirenengesang und
Black-Metal-Kreischen changiert und damit immer wieder neue Fährten legt und Assoziationen weckt.
How To Dress Well – What Is This
Heart?
Würde man das
Intelligenz-Test-Spielchen „Wer passt nicht in diese Reihe“
spielen, würde jeder bewanderte Musikfreund wohl das Alias von Tom
Krell aus der hier erstellten Reihe aussortieren. Zugegebenermaßen fügt er sich tatsächlich
nicht gerade nahtlos ein, doch von Elektronik oder HipHop ist der
Mann noch weiter entfernt. Im Prinzip beackert er klassische Herzschmerz-Topoi mit traditionellen Songstrukturen, gießt das ganze aber
in einen digitalen Sound, der bisweilen an die Größen des R&B der 90er wie
R. Kelly gemahnt, den er konsequenterweise dann auch neulich gecovert hat. Klingt abschreckend? Mitnichten. Das ist deutlich
origineller als das, was so mancher anderer Jammerlappen absondert
und erschließt neue Ausdrucksfelder für das bleichgesichtige
Songwriting, wodurch lupenreiner Pop des Seelenleidens entsteht.
Bob Mould – Beauty And Ruin
Bob Mould hat einst neben Grant Hart in
der Post-Punk-Legende Hüsker Dü gedient und veröffentlicht seit
deren Ende verlässlich immer wieder wunderbare Gitarrenalben, die
die melancholische und zugleich eingängigere Seite des Oeuvres
seiner einstigen Band weiterführen. Wirklich Neues bietet er auf der
aktuellen Platte nicht, er variiert wie die meisten brillanten
Songwriter, das, was er am besten kann: wütend, traurige Stücke
über die Ungerechtigkeiten dieser Welt und das eigene Leiden daran. Im Ernstfall könnte auch
ein Datum aus den 90ern irgendwo als Aufnahmedatum auf dieser LP
versteckt sein. Das ändert aber nichts daran, dass es eine weitere
feine Platte eines Unverdrossenen ist, der konsequent seinen Weg geht. Und weil
das so schön und bewegend ist, wird Hüsker Dü und seinen beiden
Protagonisten demnächst mal ein eigener Post gewidmet.
Mittwoch, 21. Januar 2015
Auslese 2014 - Teil 4
Ein wenig spät wird hier Bilanz gezogen, was das letzte Jahr so an Platten gebracht hat, doch ganz verschwiegen werden soll das Resumee nicht. Um den Wust an Vinyl und Soundfiles ein wenig zu ordnen, geschieht das grob nach Richtungen sortiert mit Fokus auf je drei zentrale Platten sowie weitere erwähnenswerte Releases. Zunächst ist mal der HipHop dran, weitere folgen. Und in diesem Genre war es nicht der schlechteste Jahrgang. Die drei Favoriten habe ich allesamt schon ausführlich besprochen, so dass man Details dazu in den jeweiligen Posts nachlesen kann.
Run The Jewels - Run The Jewels 2
Der Titel ist zugegebenermaßen denkbar unoriginell, doch ändert das nichts daran, dass El-P und Killer Mike allen gezeigt haben, wo der Hammer hängt in Sachen Beats and Rhymes. Sie vereinigen dass, was man an stumpfem, wortspielverliebtem Bragadoccio liebt, spielend mit der Brisanz von Public Enemy und liefern das Ganze vor einer Beat-Kulisse, die vielschichtiger und unterhaltsamer ist als das, was aus den MPCs der Konkurrenz so rausplätschert.
Freddie Gibbs & Madlid - Pinata
Auch hier haben wir es mit einem Duo zu tun, auch wenn dieses nach einer etwas strikteren Arbeisteilung verfährt, da Madlib konsequent die Klappe hält und Freddie Gibbs seinerseits nicht in Sachen Beats dilettiert, sondern sich auf seine Kernkompetenz des Quatschens konzentriert. Nachdem die Kollaboration zunächst ungewohnt und fast wie eine Schnapsidee gewirkt haben mag, zeigt sich auf Albumlänge, dass sich hier zwei sonst recht strikt getrennte Segmente des HipHop mit großem Gewinn für beide Seite befruchten. Verkiffter Indie-Beat-Schmied weist dem Ghetto-Boy mit Authentizitäts-Siegel den Weg zu neuen Ufern. Und dieser setzt als Dankeschön den bewährten Sample-Soundtrack in neue Kontexte.
Shabazz Palaces - Lese Majesty
Dass HipHop nicht zwangsweise nur im eigenen Saft schmoren muss, sondern auch eine gewisse visionäre Sprengkraft entfalten kann, hat wohl lange kein Act mehr so deutlich gemacht wie Shabazz Palaces. Sound und Lyrics sind hier gleichermaßen unkonventionell, und irgendeiner muss doch schließlich die Fackel von Sun Ra durch das Labyrinth der Goldkettchen und Koksbeutel tragen. Hinzu kommt, dass das Duo live in einer Weise Arsch tritt und den Hallenboden mit Basswellen erschüttert, dass man wohl sagen kann, dass es 2014 nicht viele Konzerte gab, die da in Sachen Intensität mithalten konnten.
Mehr gutes Material
Eine weitere Erwähnung verdient einerseits Schoolboy Q mit Oxymoron, der in Sachen irrer Drogen-Rap mit Massenappeal und teils relevantem Reflexionsniveau zu überzeugen wusste. In Deutschland hat er das von der Masse halbwegs unbeachtet getan, in den USA reicht sowas für Platz 1 der Charts. Zugleich überbrückt die Platte die Wartezeit zum nächsten Release seines Kumpels Kendrick Lamar in eleganter Weise.
Schließlich wäre da noch der von mir schon lange sehr geschätzte Kölner MC Retrogott mit seinr aktuellen Kollaboration mit Hubert Daviz, der hier seinen üblichen kongenialen Partner Hulk Hodn ersetzt. In Sachen kluge und aggressive Sprachspiele auf Deutsch macht dem Mann so schnell keiner was vor, genausowenig in Fragen der konsequenten Underground-Attitüde. Zugleich erfülle ich damit eine Deutsch-Rap-Quote, ein Genre, mit dem ich sonst nicht so viel am Hut habe.
Mixtapes
Schließlich ist der unübersichtliche Digital-Marktplatz der Mixtapes anzuführen, auf dem ich mich zugegebenermaßen nur sporadisch tummele. Gut gefallen haben mir da aber auch ein paar Kandidaten:
Dej Loaf - Sell Sole
Die Dame schafft es als einzige Lady auf die Jahresabschlussliste in diesem ansonsten doch arg testosteron-dominierten Geschäft. Das ist allerdings diesmal keiner Quote geschuldet, sondern einzig ihren Qualitäten als MC, die sie mit einem idiosynkratischen Style auf ihrem letzten Tape absolut unter Beweis gestellt hat. Da wünscht man sich mehr solcher selbstbewusster weiblicher Stimmen statt der Horden von Bling-Boys mit ihrem Pimmel-Gequatsche.
A$AP Ferg - Ferg Forever
Da ist tatsächlich mal einer aus dem Schatten von A$AP Rocky als Boss des Mobs herausgetreten und hat gezeigt, dass da noch mehr Talent schlummert, mit dem man nicht nur die Mobshots im Video auffüllen kann, sondern auch im Alleingang problemlos ein Tape bestücken kann. Ebendieses besticht durch Vielseitigkeit, Mut zum Experiment, das auch mal in die Hose gehen darf, sowie einem zeitgeistigen Stilbewusstsein. Da könnte noch was kommen demnächst.
Rich Gang (Young Thug, Birdman , Rich Homie Quan) - Tha Tour Pt. 1
In Sachen konventioneller Trap-Sound war der Zusammenschluss Rich Gang von Young Thug und Konsorten mein Favorit. Die Kombination der Styles macht hier den Reiz aus. Das Themenfeld und die Sound-Ästhetik sind klar abgesteckt, so dass man nur mit besonders brillanter Variation des bekannten punkten kann. Das machen die drei dann auch souverän und besser als der Rest, auch wenn man manchmal denkt, dass es ein anderes Thema oder ein etwas variablerer Beat durchaus auch mal sein dürften.
Run The Jewels - Run The Jewels 2
Der Titel ist zugegebenermaßen denkbar unoriginell, doch ändert das nichts daran, dass El-P und Killer Mike allen gezeigt haben, wo der Hammer hängt in Sachen Beats and Rhymes. Sie vereinigen dass, was man an stumpfem, wortspielverliebtem Bragadoccio liebt, spielend mit der Brisanz von Public Enemy und liefern das Ganze vor einer Beat-Kulisse, die vielschichtiger und unterhaltsamer ist als das, was aus den MPCs der Konkurrenz so rausplätschert.
Freddie Gibbs & Madlid - Pinata
Auch hier haben wir es mit einem Duo zu tun, auch wenn dieses nach einer etwas strikteren Arbeisteilung verfährt, da Madlib konsequent die Klappe hält und Freddie Gibbs seinerseits nicht in Sachen Beats dilettiert, sondern sich auf seine Kernkompetenz des Quatschens konzentriert. Nachdem die Kollaboration zunächst ungewohnt und fast wie eine Schnapsidee gewirkt haben mag, zeigt sich auf Albumlänge, dass sich hier zwei sonst recht strikt getrennte Segmente des HipHop mit großem Gewinn für beide Seite befruchten. Verkiffter Indie-Beat-Schmied weist dem Ghetto-Boy mit Authentizitäts-Siegel den Weg zu neuen Ufern. Und dieser setzt als Dankeschön den bewährten Sample-Soundtrack in neue Kontexte.
Shabazz Palaces - Lese Majesty
Dass HipHop nicht zwangsweise nur im eigenen Saft schmoren muss, sondern auch eine gewisse visionäre Sprengkraft entfalten kann, hat wohl lange kein Act mehr so deutlich gemacht wie Shabazz Palaces. Sound und Lyrics sind hier gleichermaßen unkonventionell, und irgendeiner muss doch schließlich die Fackel von Sun Ra durch das Labyrinth der Goldkettchen und Koksbeutel tragen. Hinzu kommt, dass das Duo live in einer Weise Arsch tritt und den Hallenboden mit Basswellen erschüttert, dass man wohl sagen kann, dass es 2014 nicht viele Konzerte gab, die da in Sachen Intensität mithalten konnten.
Mehr gutes Material
Eine weitere Erwähnung verdient einerseits Schoolboy Q mit Oxymoron, der in Sachen irrer Drogen-Rap mit Massenappeal und teils relevantem Reflexionsniveau zu überzeugen wusste. In Deutschland hat er das von der Masse halbwegs unbeachtet getan, in den USA reicht sowas für Platz 1 der Charts. Zugleich überbrückt die Platte die Wartezeit zum nächsten Release seines Kumpels Kendrick Lamar in eleganter Weise.
Schließlich wäre da noch der von mir schon lange sehr geschätzte Kölner MC Retrogott mit seinr aktuellen Kollaboration mit Hubert Daviz, der hier seinen üblichen kongenialen Partner Hulk Hodn ersetzt. In Sachen kluge und aggressive Sprachspiele auf Deutsch macht dem Mann so schnell keiner was vor, genausowenig in Fragen der konsequenten Underground-Attitüde. Zugleich erfülle ich damit eine Deutsch-Rap-Quote, ein Genre, mit dem ich sonst nicht so viel am Hut habe.
Mixtapes
Schließlich ist der unübersichtliche Digital-Marktplatz der Mixtapes anzuführen, auf dem ich mich zugegebenermaßen nur sporadisch tummele. Gut gefallen haben mir da aber auch ein paar Kandidaten:
Dej Loaf - Sell Sole
Die Dame schafft es als einzige Lady auf die Jahresabschlussliste in diesem ansonsten doch arg testosteron-dominierten Geschäft. Das ist allerdings diesmal keiner Quote geschuldet, sondern einzig ihren Qualitäten als MC, die sie mit einem idiosynkratischen Style auf ihrem letzten Tape absolut unter Beweis gestellt hat. Da wünscht man sich mehr solcher selbstbewusster weiblicher Stimmen statt der Horden von Bling-Boys mit ihrem Pimmel-Gequatsche.
A$AP Ferg - Ferg Forever
Da ist tatsächlich mal einer aus dem Schatten von A$AP Rocky als Boss des Mobs herausgetreten und hat gezeigt, dass da noch mehr Talent schlummert, mit dem man nicht nur die Mobshots im Video auffüllen kann, sondern auch im Alleingang problemlos ein Tape bestücken kann. Ebendieses besticht durch Vielseitigkeit, Mut zum Experiment, das auch mal in die Hose gehen darf, sowie einem zeitgeistigen Stilbewusstsein. Da könnte noch was kommen demnächst.
Rich Gang (Young Thug, Birdman , Rich Homie Quan) - Tha Tour Pt. 1
In Sachen konventioneller Trap-Sound war der Zusammenschluss Rich Gang von Young Thug und Konsorten mein Favorit. Die Kombination der Styles macht hier den Reiz aus. Das Themenfeld und die Sound-Ästhetik sind klar abgesteckt, so dass man nur mit besonders brillanter Variation des bekannten punkten kann. Das machen die drei dann auch souverän und besser als der Rest, auch wenn man manchmal denkt, dass es ein anderes Thema oder ein etwas variablerer Beat durchaus auch mal sein dürften.
Mittwoch, 26. November 2014
Run The Jewels – RTJ 2
Irgendwann kam das Management von El-P
auf die Idee, diesen doch mal mit dem etwas strauchelnden Killer Mike
zusammenzubringen, der gerade an einem neuen Album werkelte. Wie das
manchmal so läuft, schlossen die beiden sich gegenseitig binnen
Minuten ins Herz und begannen, an Tracks zu arbeiten. Das Resultat
war das Killer-Mike-Album „R.A.P. Music“, bei dem El-P sich –
noch - auf das Basteln der Beats beschränkte, was nichts daran
ändert, dass dies ein wahnsinnig intensives und treibendes Album
wurde. Killer Mike vereinte hier all die widersprüchlichen Einflüsse
des Südens, von triebgesteuertem Booty über Gangstergeschichten bis
hin zu politischen und religiösen Anwandlungen. Die beiden hatten
offensichtlich Blut geleckt, so dass nur ein Jahr später ein Album
erschien, bei dem sie sich die Verse am Micro teilten und El-P erneut
die Produktion besorgte. Run The Jewels war geboren. Ohne großes
Tamtam und als Gratis-Download
gab es das Resultat der Kollaboration und begeisterte schon damals.
Die Synthese ist seitdem weiter
gereift. Der Held des weißen New Yorker Indie-Rap und der toughe
Kerl aus dem Süden mit publicty-tauglichem Vorstrafenregister sind
auf ihrem zweiten, schlicht „RTJ 2“ betitelten Album zu einer
Einheit zusammengewachsen, die ihresgleichen sucht. Auch dieses Mal
gibt’s das Album gratis als Download,
die Finanzierung läuft über die entsprechenden physischen Ausgaben
in Schwarz und Silber. Dabei wissen sie mit Mass Appeal ein von Nas
gegründetes Label hinter sich, das durchaus ambitioniert daher
kommt. Wohl auch dank deren gekonnter PR-Arbeit erleben die aktuell beiden einen Hype, den man von so
einer Kollaboration von zwei semi-bekannten Rappern um die 40 wohl
kaum erwarten konnte. Doch diesmal muss man dem Motto von Public
Enemy widersprechen: „Do believe the hype!“.
Traditionalisten ergötzen sich dieser
Tage an Platten, die aus einem beliebigen Jahr der ersten Hälfte der
90er stammen könnte, doch hier zeigen zwei alte Hasen, wie man
diesen Vibe in die Gegenwart rettet und dieser mit den eigenen
Mitteln in den Arsch tritt. Die beiden rappen – wie etwa auf dem
Opener „Jeopardy“ - mit einer Intensität, Rohheit und zugleich technischen und lyrischen Finesse, die nicht nur von der
Wut im Bauch gespeist ist, sondern auch durch Jahre des
professionellen Wortspiels rhetorisch geschult ist. Ständig scheinen
sie zu drohen – don't fuck with us! Die Produktion von El-P ist
einerseits rauh und eher digital, geht aber andererseits ihren eigenen
Weg jenseits aktueller Trap-Schablonen. Die Beats sind komplex und
entwickeln sich im Verlauf eines Stücks, gehen ein Wechselspiel mit
den Lyrics ein und sind somit weit mehr als rhythmische Landschaften
für Straßenpoesie.
In der eher knappen Laufzeit von ca. 40
Minuten absolvieren die beiden einen Parcours an Themen und Stilen,
bei dem einen selbst als Zuhörer die Puste auszugehen droht. Harte
Double-Time-Raps auf „Oh my, don't cry“, eine vulgäre
Booty-Hommage an 2 Live Crew auf „Love again“, die
gender-theoretisch korrekt durch die weiblichen Vocals von Gangsta
Boo gebrochen wird. Die proklamiert lauthals: „He's got my clit in
his mouth all day“ als Gegenpart zum freudig von den beiden Jungs intonierten Slogan: "She got my dick in her mouth all day". Sogar das verlorene Wunderkind des Crossover
der 90er schaut auf einen Vers rein: Zack de la Rocha von Rage against the Machine gibt sich auf
„Close your eyes“ die Ehre, und das durchaus mit Anstand und dem
gesunden Maß an Härte, um hier nicht als Softie da zu stehen.
Schließlich knüpfen sie auch an die besten Zeiten von Pulic Enemy
an, wenn sie auf „Early“ Polizeigewalt thematisieren, mit Aggressivität,
Können und musikalischer Verve, was in unverhoffter und tragischer
Weise an Aktualität kaum zu überbieten ist. Dass sie dabei mit der
ethnischen Schwarz-Weiss-Dichotomie ihres Duos spielen können, hat seinen ganz eigenen
Reiz, der aber nie plump ausgespielt wird. Damit haben sie es dann
sogar bis zu David Letterman geschafft.
So erweist sich die LP als ein derart
dichtes Gewebe, das keine Sekunde zu lang ist und einen Punch hat,
den man bei den allermeisten rappenden Zeitgenossen vergeblich sucht.
Hier laufen zwei Veteranen im vermeintlichen Herbst ihrer Karriere zu
einer Form auf, in der sie all ihre Erfahrung in die Waagschale
werfen und sowohl dem Nachwuchs zeigen, wo der Hase namens Zeitgeist
langläuft, als auch ihren Altersgenossen, was man mit seiner Zeit so
anfangen kann, wenn man sich nicht auf die Pflege des eigenen
Nachlasses zu Lebzeiten oder das Verfassen von Kochbüchern
konzentriert. Da die Spanne bis zum Jahresende nicht mehr allzu lange
ist, wage ich schon mal zu bilanzieren, dass Rap 2014 nicht mehr
besser wird. Allerdings hätte man sich mit der Prognose wohl auch
vor einem halben Jahr nicht allzu weit aus dem Fenster gelehnt. Und damit ist noch nicht Schluss. Via Kickstarter wurde aus einem zugegebenermaßen albernen Promo-Gag Ernst. Aktuell arbeitet El-P an einem Remix des Albums - "Meow The Jewels", der überwiegend aus Katzen-Geräuschen bestehen soll. Das Casting in einem Tierheim in Brooklyn gibt's hier zu sehen.
Als Reminiszenz an Company Flow gibt es deren Klassiker "8 steps to perfection", dazu Killer Mikes Homage an die politische Nemesis seiner Jugend, "Reagan", und schließlich die erste Single von RTJ 2, "Blockbuster Night".
Mittwoch, 19. November 2014
Vinyl Maniacs: John Peel / Afrikaa Bambaataa
Wenn man von Plattensammlern und
Vinyl-Nerds spricht, gibt es wohl eine Person, die einen unumstritten
ikonischen Status hat und für die musikalische Sozialisation von
Heerscharen britischer Musiker und Hörer verantwortlich war: John
Peel, seines Zeichens BBC-Moderatoren-Legende. Ziemlich genau 37
Jahre lang hat er seine Landsleute und alle sonstigen Menschen mit
BBC-Empfang mit Musik versorgt, die er liebte und die er mit
möglichst vielen Menschen teilen wollte. Radikale Subjektivität,
bedingungslose Hingabe und ewig-jugendlicher Enthusiasmus waren dabei
seine Markenzeichen. Dass vieles von dem, was er über den Äther
schickte, zumindest vor seiner Sendung leicht bis extrem obskur war,
machte ihn lange zu einer einzigartigen Erscheinung zumindest in der
öffentlichen und kommerziellen Radiolandschaft des UK. Wenig überraschend hatte er seine Wurzeln nicht in der grauen Rundfunkbürokratie der BBC, sondern in der langen, bis heute andauernden
Tradition des britischen Piratenradios. Dessen Protagonisten waren bereits in den 60ern von Schiffen vor der
Küste Englands aus angetreten, um die
musikalischen Schwingungen der Subkultur unzensiert zu verbreiten. Heute bauen deren Nachfolger hingegen temporäre Stationen auf Dächern der Wohnsilos von London auf und schicken die frischesten Vibes urbaner britischer Musik in den Äther.
Im Laufe seiner Karriere hat Peel neben dem Senden bereits gepresster Platten
vielen Bands zu eigenen „Peel Sessions“ in den BBC-Studios
verholfen, darunter frühe Klassiker wie die Small Faces, The Smiths
oder auch Nirvana, bevor sie mit „Nevermind“ groß raus kamen.
Nach wie vor mythenumrankt ist aber vor allem die praktisch
unüberschaubare Masse an Vinyl, die Peel im Laufe seiner Karriere
als Empfänger von Promos genauso wie als obsessiver Sammler
angehäuft hat. Dieser Hinterlassenschaft in schwarzem Plastik hat
nun – auch unter Beteiligung seiner Familie – eine Website
ein höchst würdiges Denkmal gesetzt. Auf dieser Seite kann man via
Maus selbst durch die Regale surfen, die von ausgewählten Musiker
kuratierten Auslesen bestaunen oder auch das Verzeichnis der Peel
Sessions durchgehen. Mit anderen Worten: ein unschätzbarer Fundus
für Plattenfreaks, bei dem allerdings die Finger nicht staubig
werden. Dig it – here!
Bei Peels Website geht es also um so
etwas wie eine würdige Nachlassverwaltung für eine verstorbene
Ikone in seinem Geiste. Einen anderen Weg hat hier Afrika Bambaataa
gewählt, Gründer der Zulu Nation, HipHop-Pionier und Säulenheiliger
der DJ Culture. Statt das Schicksal seines Vinyls den Hinterbliebenen
und damit der Ungewissheit zu überlassen, hat er sich selbst um die Kanonisierung seines
physischen Nachlasses zu Lebzeiten gekümmert, indem er seine
Plattensammlung dem Archiv der Cornell University zu akademischen
Zwecken zur Verfügung gestellt hat. Zuvor waren bereits zumindest
Teile des Bestands in einer Galerie zu besichtigen, was wohl als eine
Art Vorstufe zum Empfang höchster akademischer Weihen zu verstehen
ist.
Das Ganze zeugt von einem ausgeprägten
Bewusstsein Bambaataas hinsichtlich der eigenen Bedeutung in der
Musikgeschichte, was ja letztlich nicht zu leugnen ist. So
kommentiert er heute bereits in bester Elder-Statesman-Pose seine
Vita und schaut gelassen zu, wie sich seine Nachfahren an den
Turntables und Mikrofonen schlagen. Das mag etwas hochtrabend wirken,
doch irgendwie sympathisch ist es trotzdem, wenn dieser Koloss von
einem Mann mit einer Platte und einem dicken Wälzer im Arm einzelne Highlights seiner
Karriere – etwa als DJ in einem italienischen Fußballstadion bei
einem Techno Festival – Revue passieren lässt.
Letztlich eint diese beiden höchst
unterschiedlichen Figuren nicht nur eine zumindest vermeintlich typisch-männliche,
nerdhafte Sammelleidenschaft, sondern auch der wilde Eklektizismus,
der keine Genre-Grenzen kennt. Aus dem jugendlichen Trieb, Massen an
Vinyl anzuhäufen und anderen vorzuführen, was es alles an
großartiger Musik da draußen gibt, ist bei beiden nicht nur ein
unschätzbarer musikalischer Schatz entstanden, der nun auf
unterschiedliche Weise öffentlich zugänglich ist – in den
heiligen Hallen von Academia oder in den Weiten des Internets. Auf
ihre Weise haben beide mit ihrer Persönlichkeit durch das Medium
Vinyl einen bleibenden Einfluss auf Hörer und Musiker mehrerer
Generationen ausgeübt.
Als kleine Appetizer noch "Looking for the perfect Beat" von Afrika Bambaataa sowie die vollständigen Peel Sessions von The Smiths:
Samstag, 8. November 2014
Digging... Worms: Heaven Records
Unvermeidlich für einen Vinyl-Junkie
auf Reisen ist die fieberhafte Suche nach einem örtlichen
Plattenladen für den Schuss schwarzen Goldes zwischendurch. Als kleine
Empfehlung werde ich daher hin und wieder posten, welche
empfehlenswerten Läden mir unterwegs so begegnen. Heute also
die beschauliche „Nibelungen-Stadt“ Worms, in die mich meine
Arbeit in den letzten Monaten häufiger
verschlagen hat und dies wohl auch weiterhin tun wird.
Entsprechend der Größe der Stadt ist
das Angebot an Plattenläden in Worms überschaubar. Doch unweit des
Stadtkerns in der Rheinstraße findet sich in rustikal-migrantischem
Ambiente zwischen türkischen Cafés, Gemüseladen und Tattoo-Studio
ein kleiner Laden, der kurzweilige Stunden des Kistenwühlens
verspricht, Heaven Records. Der Laden an sich ist eher klein, doch
praktisch bis unter die Decke vollgestopft vornehmlich mit Vinyl
aller Genres und Jahrgänge, ergänzt durch eine Auswahl an CDs und DVDs. Das Ganze ist zwar grob nach den
gängigen Genres sortiert, doch türmen sich überall bunte Stapel noch
nicht einsortierter Platten, in denen sich teils unvermutete Schätze
finden lassen. Also exakt das, was den Jäger und Sammler anspricht. Ein leichter stilistischer Schwerpunkt des Sortiments liegt auf
Metal, wozu es auch eine vergleichsweise große Sektion an Neuware
gibt. Ansonsten konzentriert sich das Angebot an aktuellem Vinyl auf
ein kompetent zusammengestelltes Sammelsurium an Neuerscheinungen
verschiedener Genres. So bleibt mehr als genug Platz für kistenweise
altes Vinyl, in dem sich stundenlang stöbern lässt, bei Bedarf auch
mit vorhören.
Besitzer Olli ist ein höchst
angenehmer Vertreter der Spezies Plattenladenbesitzer, der neben
einem breit gefächerten Wissensschatz rund um Musik und
Schallplatten auch solche Geschichten über Worms zu erzählen hat,
die nicht unbedingt in den klassischen Reiseführer gehören. Die Preise reichen von
moderat bis durchschnittlich, sind aber prinzipiell
verhandelbar. Wer also keine Angst vor staubigen Fingern hat und
seine Freude daran findet, in etwas wilden Stapeln an Vinyl nach Gold
zu graben, ist hier genau richtig bzw. findet hier das, was der Name des Ladens verspricht: Heaven. Als kleiner Beweis hier ein Auszug
aus meiner Beute der letzten Besuche:
Lorraine Ellison – Stay with me
Eine fantastische Soul-Sängerin, die 1969 mit dem Titelsong dieses Albums einen Hit hatte,
ansonsten eher unter dem Radar der allgemeinen Aufmerksamkeit fliegt,
unter Northern Soul Freunden aber wohl ein Begriff ist. Dieses erste
Album von ihr liegt stilistisch nahe an dem gospel-getränkten Sound
der frühen Aretha Franklin und steht dieser auch in Sachen Intensität
und Gesangskünsten praktisch in nichts nach. Dringend zu empfehlen, insbesondere der Dancefloor Filler "The hurt came back again" als auch die erste Aufnahme des später von Janis Joplin aufgenommenen "Just a little bit harder".
Super Biton de Segou – Afro Jazz du
Mali
Diese Platte hat sich als völlig
unerhoffte Perle erwiesen, da es mehr als schwierig ist, halbwegs
vernünftig erhaltenes Original-Vinyl afrikanischer Musik zu aus den
60ern und 70ern zu finden. Dieses zwölfköpfige Ensemble bietet
dabei alles, was man sich von einem Release aus dieser Zeit und
dieser Region nur wünschen kann: swingende, poly-rhythmische
Grooves, fette Bläsersätze und afrikanische Gesänge: eine fantastische Synthese aus
afrikanischer Tradition und afro-amerikanisch geprägter Moderne.
Black Sabbath – Master of Reality
Zugegeben handelt es sich bei dem Album
kaum um eine völlig unbekannte Rarität, doch wie eigentlich alle
Sabbath-Platten aus der frühen Phase mit dem klassischen Lineup kann
man dabei nie ganz falsch liegen. Die Kinder der nordenglischen
Industrie-Tristesse verweigern sich verständlicherweise auch hier
der Glückseligkeit ihrer Hippie-Zeitgenossen und zeigen ein weiteres
Mal die düstere Seite halluzinogener Drogen. Über Ozzys Solowerk –
ganz zu schweigen von seinen Reality-TV-Eskapaden - und die Qualität
von späteren Sabbath-Platten mit all den wechselnden Besetzungen kann man
streiten, doch alleine in dieser LP hat die Band den Keim für unzählige
Metalplatten kommender Dekaden tief eingegraben, eine Basis gelegt, von der unzählige Epigonen noch heute zehren können.
John Lurie - Down by Law Original
Soundtrack
Schon die Erinnerung an den Film
und die Tatsache, dass ich den dazugehörigen Soundtrack nicht
besitze, macht das Album zu einem Pflichtkauf. Lurie bewegt sich in
der ihm eigenen Art durch die Geschichte des Jazz und bricht diese
durch die Linse seiner New Yorker
Intellektuellen-Toastbrot-Perspektive. Die bizarr-absurde Stimmung
des Films zwischen existenzialistischem Drama und Komödie fängt er
mit diesen Mitteln brillant ein, nimmt sich dabei mehr zurück als etwa bei den Lounge Lizards und konzentriert sich primär auf die teils sparsame Vertonung der filmischen Atmosphäre. Als Zugabe gibt’s auf der B-Seite
noch den Soundtrack zu einem weiteren Film, „Variety“. Und nach einem Durchgang der LP ist man spätestens wieder dafür bereit, den Film noch einmal zu schauen. "Do you like Walt Whitman?".
Freitag, 17. Oktober 2014
R.I.P. - Mark Bell + The Spaceape
Die Regelmäßigkeit, mit der ich
Nachrichten von frisch und oftmals noch sehr jung verstorbenen
Musikern poste, gibt mir manchmal das Gefühl, ich könnte hier auch
einen Blog mit Todesanzeigen betreiben. In den letzten Wochen hat der
Herr wieder zwei zu sich geholt: den britischen Rapper/Dub-Poeten The
Spaceape sowie seinen Landsmann Mark Bell, seines Zeichens eine
Hälfte des Elektronik-Duos LFO und Produzent für andere Künstler.
Ihre Musik ist einerseits sehr unterschiedlich, doch stehen
andererseits beide auf ihre Weise für brillante Infusionen frischen
Bluts in den Körper der elektronischen Musik, die jeweils wiederum
eng mit spezifisch britischen Traditionen verknüpft waren.
Mark Bell
Der sogenannte „Second Summer of
Love“ von 1988, den Großbritannien im Rausch von Acid House und
Ecstasy erlebte, war gerade vorbei, und seine Kinder machten sich
auf, aus dem Erbe von Kraftwerk, HipHop, Detroit Techno und allerlei
dilettierenden Experimenten an Samplern und Synthesizern in ihren
Jugendzimmern einen neuen Sound zu schaffen. Wenn man den Berichten
Glauben schenken darf und sie nicht nur reine Verklärung der eigenen
Jugend der Beteiligten sind, waren die Ecstasy-Pillen noch reiner und
der Vibe der Parties noch nicht in militant-sediertes Marschieren
gekippt. Eine muntere Spielwiese muss das gewesen sein, auf der sich
der junge Teenager Mark Bell aus Leeds gemeinsam mit seinem Kumpel
Gez Varley austoben konnte.
Im Zuge der Explosion neuer
elektronischer Musik aus England, für die es allerlei Begriffe von
Bleeps n Clonks über Techno zu Acid House und Hardcore gibt,
entfaltete sich das Projekt LFO mit ganz besonderer Wucht, denn im
Wettrennen um den tiefsten und bösesten Bass lagen sie ganz weit
vorne mit ihre tatsächlich ersten Track, den sie genauso nannten wie
ihr Projekt - „LFO“. Das umtriebige und bis heute intakte Label
Warp begriff das schnell und veröffentlichte den Track genauso wie
die folgende Debut-LP „Frequencies“. Der Titel des Albums enthält
in gewisser Weise die Essenz, die diese Musik antrieb. Nicht die
Schöpfung elaborierter Songs oder wilder Harmonien, sondern die
Suche nach den Frequenzen, die durch ein Soundsystem geschickt der
tanzenden Meute einen Schauer durch den ganzen Körper jagten,
getragen von Rhythmen, die in ihrer Schlichtheit alle verstanden und
alle vereinten. Genauso kann auch der Name des Projekts als
programmatisch verstanden werden. LFO steht für „Low Frequency
Oscillator“, den Bestandteil eines Synthesizers, der die tiefen
Töne in Gang bringt.
Schließlich muss man „Frequencies“
als eine der wenigen LPs elektronischer Dance Music dieser Ära
würdigen, die es schaffte, das Gefühl dieses Sounds tatsächlich
auf Albumlänge auszubreiten und meisterlich zu variieren, während
es den meisten anderen selten gelang, über die Länge einer Maxi
hinaus Spannung und Innovation zu konservieren. Das riecht nach der
Sehnsucht funktionaler Musik, als Kunst anerkannt zu werden, für die
man den zweifelhaften Title Autoren-Techno erfunden hat. Doch dafür
gehen LFO viel zu sehr nach vorne. Das konnte ich 1994 am eigenen
Leib erfahren, als ich LFO bei einem Warp-Showcase in Köln gemeinsam
mit Autechre, Seefeel und Aphex Twin sehen durfte. Ein für mich
damals merkwürdiges, wenn auch nachhaltig beeindruckendes Erlebnis,
das meiner bis dahin eher gitarrenlastigen Sozialisation ordentlich
Gehirn und Gehör durchgepustet hat. Danke dafür.
Es folgte nach dem frühen Hype um LFO
für Mark Bell eine steile Karriere, die ihm unter anderem
Produzentenjobs für Björk und Depeche Mode bescherte, während LFO
nur noch zwei weitere Alben veröffentlichten, „Advance“ (1996)
und Sheath (2003). Mit Björk arbeitete er 15 Jahre von „Homogenic“
(1997) bis „Biophilia“ (2011) zusammen, während Depeche Mode
eher mal zwischendurch für „Exciter“ (2001) jemanden brauchten,
der ihrem in die Jahre gekommenen Sound ein bisschen Aktualität und
Glaubwürdigkeit für das jüngere Publikum verleihen sollte. Schwer
zu sagen, was da noch gekommen wäre, denn mit 43 Jahren hätte das
ja noch eine Menge sein können. Vor einigen Tagen jedoch wurde
seinem Leben ein vorzeitiges Ende gesetzt, durch das, was Ärzte
„postoperative Komplikationen“ nennen. Unvermeidlich an dieser
Stelle noch einmal den unverwüstlichen Track „LFO“ zu posten
sowie stellvertretend für seine Arbeit mit Björk deren von ihm
produzierten Track „Declare Independence“.
The Spaceape
Eine andere Generation, doch genauso
fest verwurzelt in der Tradition dessen, was Simon Reynolds als
„Hardcore Continuum“ bezeichnet – die Traditionslinie
britischer Clubmusik, die sich aus den frühen Raves der späten 80er
Jahre genauso speist wie aus dem britischen Kolonialerbe
jamaikanischer Musik. The Spaceape, den man wohl als Poet der
Dubstep-Generation bezeichnen könnte, hat hierin seinen festen
Platz. Auf seine Art führt er das Erbe seines Landsmanns Linton
Kwesi Johnson aus den 80ern fort. Dieser setzte vom UK aus neue
Akzente in der Lyrik, die über die entschlackten Rhythmen
jamaikanischer Riddims gelegt wurde.
Das musikalische Schaffen von The
Spaceape wird wohl für immer eng verknüpft bleiben mit seinem
kongenialen Partner Kode9, seines Zeichens Mastermind und Betreiber
des wegweisenden Labels Hyperdub, das seit nunmehr 10 Jahren frische
Versionen von Bass Music / Dub und anderem futuristischen Kram
liefert. Mit „Memories of the Future“ von 2006 sowie „Black
Sun“ von 2011 haben die beiden zwei Meilensteine in dem
schnelllebigen Genre gesetzt, indem sie nicht nur Dub eine
zeitgenössisch-minimale Sound-Tiefe verpasst haben, sondern auch
eine der wenigen gelungenen Synthesen aus Vocals und Instrumentals in
diesem Bereich geschaffen haben. In Sachen Bass und Freude an
Frequenzen liegt der Ansatz damit nahe an LFO, denn Dub ist für
Kode9 & The Spaceape nur ein grobes rhythmisches Gerüst und
ästhetische Referenz und somit Sprungbrett und doppelter Boden ihrer
eigenen Sound-Exkursionen. Für die Ekstase auf der Tanzfläche ist
dieser Sound hingegen nur bedingt geeignet, eher denkt man an eine
etwas zu schummerig geratene Afterhour.
Die Vocals von The Spaceape haben immer
etwas leicht bedrohliches. Sie kommen eher monoton und langsam daher,
sind jedoch so „nah“ und eindringlich abgemischt, dass man das
Gefühl hat, da flüstert einem ein sedierter Barry White mit
jamaikanischem Einschlag düstere Wahrheiten und apokalyptische
Visionen ins Ohr. Etwas schleppend-unheilvoll, aber auch kryptisch,
was im Zusammenspiel mit den basslastigen Produktionen von Kode9 der
Musik eine sehr spezielle Aura verleiht; in etwa so, als würde man
entgegen besseres Wissen von der Stimme eines urbanen Rattenfängers
in die Dunkelheit eines ausrangierten U-Bahn-Tunnels gelockt.
Wie man Nachrufen entnehmen kann, hat
The Spaceape lange mit dem Krebs gerungen und diesen Kampf nicht
zuletzt auch in seiner letzten Solo-EP verarbeitet. Er ist definitiv
eine einzigartige Stimme, die man vermissen wird. Als kleine
Ausschnitte aus seinem Schaffen an dieser Stelle der an Prince
angelehnte Track „Sine“ mit Kode9 sowie „On The Run“ aus
seiner Solo-EP von 2012.
Sonntag, 5. Oktober 2014
Dub Labels for the 21st Century: Jahtari
Auf den verschiedensten Wegen gelangt
man heute beim Hören aktueller Musik zu einer geographisch kleinen,
kulturell aber wichtigen Quelle – Dub. Legionen von Autoren und Musikjournalisten haben
sich daran abgearbeitet, die Bedeutung des in den 60ern mehr oder
weniger aus Zufall geschaffenen Genres des instrumentalen Reggae für
alle möglichen nachfolgenden Stile herauszuarbeiten: praktisch alle
Spielarten elektronischer Musik, HipHop, Post-Punk oder auch die
(selbst ernannten) direkten Nachkommen aus England wie Dubstep. Die
Mutationen, die der ursprüngliche Sound von King Tubby durchlaufen
und/oder befeuert hat, weisen dabei oftmals nur noch sehr
rudimentäre direkte Anklänge an das Original auf, es zählt vielmehr die Geistehaltung der Abstraktion, Reduktion und Manipulation von
Frequenzen, die als Prinzip schon damals dem Sound zugrunde lag.
Etwas direkter in der unmittelbaren
Erbfolge des jamaikanischen Dub bewegt sich ein deutsches Label,
Jahtari aus Leipzig, das seit nunmehr 10 Jahren Dub/Reggae
veröffentlicht, der musikalisch vergleichsweise nah an den Wurzeln des Genres liegt. Die beiden
zentralen Bezugspunkte des Sounds sind dabei praktisch schon im
Labelnamen enthalten: „Jah“ im Sinne des Anknüpfens an die
spirituelle Seite von Dub und Reggae sowie „Atari“ als Verweis
auf die Sounds früher Heimcomputer. Konsequent wird dementsprechend auf eine
körnige 8-Bit-Ästhetik gesetzt, wie man sie aus dem genannten
Rechner genauso kennt wie aus den frühen Tagen des digitalen
Dancehall, man denke nur an Jammys Intialzündung, den
„Sleng-Teng-Riddim“ und dessen Casio-Drums.
Sowohl die Zahl der veröffentlichten
Künstler als auch die Formate der Veröffentlichungen sind
zahlreich. So gibt es etwa einen kontinuierlichen Output an großem
und kleinem Vinyl, aber auch jede Menge Downloads wie die Net-7-Inches,
Soundcloud-Mixes und CDs. Trotz der Vielzahl der beteiligten Musiker
ist die von ihnen produzierte Musik in ihrem Ansatz recht homogen:
schlichte, klassische Reggae-Tunes, die retro-artig produziert sind,
aber mit einer spezifischen Weirdness angereichert werden,
insbesondere in den Vocals, so sie denn vorhanden sind. Diese drehen
sich oft um klassische Themen des Genres wie Weed, die Dancehall und
ihre Protagonsiten sowie die Musik an sich, doch in der
Bearbeitung der Stimme und den eigentlichen Texten schwingt immer eine leicht
verfremdende, gerne auch kiffer-affine Meta-Ebene mit, insbesondere
bei der tollen schottischen Sängerin Soom T. Das ist zwar einerseits
recht humoristisch, andererseits aber auch sehr traditionsbewusst,
denn Dub und Reggae sind hier nicht bloße Vehikel, sondern das Label
sieht sich hier in einer klaren Tradition, wie nicht zuletzt die
Existenz und der Inhalt einer eigenen „Theorie-Sektion“ auf der
Label-Website verdeutlichen. Abgrenzen lässt sich dessen Ansatz in
der gegenwärtigen Dub-Sphäre daher nach zwei Seiten: der wobbelnden
Dancefloor-Sause gängiger Dubstepentwürfe wie Skream auf der
kommerziellen Seite, sowie den avantgardistischen Neigungen von
Labels wie Hyperdub, die den Klang von Dub in sehr abstrakte Sphären
treiben und dabei weniger mit Jah und Konsorten am Hut haben als mit
einem Philosophie-Seminar.
Das Mittel für die meisten Producer
auf Jahtari ist in Abwendung von Trends nicht extremes
Sound-Fricklertum und brachiale Kompressionsexperimente am Laptop,
sondern die Rückkehr zum selbst manipulierten 8-Bit-Synth und
DIY-Ästhetik, also eher ein Verweis auf Freunde des sog.
Circuit-Bending oder auch die frühen Experimente und Basteleien des
jamaikanischen Elektro-Ingenieurs Osbourne Ruddock aka King Tubby.
Gewissermaßen als Nebenprodukt dieser Bestrebungen kann man sogar
von den Betreibern des Labels höchst selbst (um)gebaute Synths bestellen. Die unter anderem damit gebauten Riddims haben als musikalische
Gegenstücke zu den groben Pixeln eines Atari 512 ST eine synthetische
Rohheit, der die Glattheit vieler anderer aktueller
Dub-Interpretationen gänzlich abgeht. Der Zufall als Komponente, die
bei der Entstehung des Dub selbst bereits eine entscheidende Rolle
spielte, wird hier nicht durch die Kontrollmöglichkeiten des Studios
im Rechner unterlaufen, sondern explizit durch den Hands-on-Ansatz an
den Knöpfen und Reglern der Geräte kultiviert. Dies führt zu einer
teils fröhlich-bekifften Anarchie, die weit entfernt ist von der
Düsterkeit urbaner Dubvisionen wie von Kode9 and the
Spaceape, aber nie ins Alberne kippt. Gutes Beispiel für diese
Gratwanderung ist der Jahmiga-Remix des Doors-Klassikers „WhiskeyBar“, der so seltsam trunken-verzerrt daher kommt, dass man nie
weiß, ob der lallende Suffkopf auf der Suche nach mehr Drinks
gefährlich ist oder bloß spielen will und sich am Ende als sympathischer Saufkumpan erweisen könnte.
Eine ähnliche Fortführung der
Methoden und Ideen jamaikanischer Dub-Pioniere findet sich auf der visuellen Ebene
der Veröffentlichungen, hier wird auch stark mit verschiedenen Arten
von Comics gearbeitet, die für die eigenen Zwecke adaptiert werden, beispielsweise durch einen qualmenden Karotten-Spliff bei Soom T & disrupt
oder die Transformers-artigen Cover der Label-Compilation-Reihe
„Jahtarian Dubbers“. Das historische Pendant sind hier jamaikanische
Dub-Alben, die sich auch gerne aktueller
Pop-Themen bedienten, deren Verwurstungen "in Dub" sie als augenzwinkernde Referenz für die
Cover und Mottos ihrer eigenen Klangabenteuer nutzten wie „Prince Jammy
Destroys The Invaders“, das damals sehr unsubtil auf den Arcade-Hit
„Space Invaders“ anspielte. Exakt dieses Cover greift seinerseits
Ras Amerlock für seinen Release „Farther East...“ auf Jahrtari
auf und dreht die Zitate-Spirale damit eine Umdrehung weiter.
Man kultiviert also in Leipzig eine
recht klare und eigene konzeptionelle Linie, doch die Vernetzungen
des Labels zu verschiedenen anderen Musikern und Labels, die sich auf
ihre Weise an der Konservierung und Weiterentwicklung des
jamaikanischen Erbes abarbeiten, sind bemerkenswert. Die
Jahtari-Hausproduzenten Rootah und disrupt haben eine
EP von Paul St. Hilaire aka Tikiman produziert, der in den 90ern eine
grandiose und geradezu stil-definierende Platte mit Rhythm &Sound aufgenommen hat. Daneben können sich auf Jahtari genauso die
King-Midas-Sound-Köpfe Kiki Hitomi und Kevin Martin mit ihrem
Black-Chow-Alias oder die schottische Vorzeige-Crew Mungo's Hi-Fi
austoben. Als Exot unter den Kollaborateuren ist schließlich die
famose kölsche Sängerin Fleur Earth zu nennen, die auf einer frühen
gratis Download-Single gefeaturet wurde. Borniertheit und Snobismus sehen anders aus, den Machern scheint es bei der Auswahl ihrer Kontakte und Künstler vor allem um eine liebe- und respektvolle Haltung zum Dub sowie die gemeinsame Suche nach neuen Sound-Tiefen zu gehen.
Für 10 Jahre Basisarbeit im Namen von
Jah und alten Heimcomputern ist das schon eine ziemlich
beeindruckende Bilanz des Leipziger Labels. Als Einstieg in diesen
eigenen Sound-Kosmos kann man eigentlich nur einen Besuch auf der
label-eigenen Website empfehlen, da diese nicht nur konzept-gerecht schickes Retro-Design bietet, sondern auch
zahlreiche Infos liefert sowie umfangreiche Downloads bereit hält.
Man muss also noch nicht einmal Geld investieren oder in die Sümpfe
der illegalen Downloads hinabsteigen, um einen Eindruck davon zu
bekommen, was die Jungs und Mädels in ihrem musikalischen
Gewächshaus so anbauen. Als Einstieg von meiner Seite hier die
folgenden Empfehlungen / Links: Die Net-7-Inch von Gringo Starr und Fleur Earth als Download, Soom T
& disrupt mit „Puff the Police“, Paul St. Hilaires "Nah Ina It" sowie schließlich die Tape-Abteilung der
Jahtari-Website mit verschiedenen Gratis-Downloads. In diesem Sinne:
Jah bless!
Samstag, 27. September 2014
Tom Petty – Hypnotic Eye
Es ist ziemlich genau 20 Jahre her,
dass ich zuletzt ein Album von Tom Petty gekauft habe, das für mich
immer noch zeitlos schöne „Wildflowers“, bei dem auch Rick Rubin
Hand angelegt hat. Danach hat sich die Spur für mich verloren, hin
und wieder bin ich über ein Stück oder die Meldung der
Veröffentlichung von einer neuen Platte von ihm gestolpert, doch
wirklich interessiert hat mich das nie. Die Euphorie, mit der das
neue Album „Hypnotic Eye“ an anderen Stellen besprochen wurde,
hat mich jedoch neugierig darauf gemacht, einem alten Bekannten mal
wieder einen Besuch abzustatten und mir selbst einen Eindruck von dem
Zustand von Tom Petty und seinem Schaffen im Jahre 2014 zu verschaffen.
Und tatsächlich ist es ein wirklich
gelungenes Album, das eine interessante Balance findet zwischen einer
Orientierung an den eher rockigen Seiten seines Frühwerks, die er
mit düster-mystischer Südstaatenromantik anreichert, und der
Reflektiertheit eines Alterswerks, dem aber noch nicht der letzte
Zahn gezogen ist. Hilfreich ist dabei sicher, dass er in seinem
Rücken die Heartbreakers weiß, die wie eine Synthese aus Uhrwerk
und spielfreudiger Jungsbande den Sound liefern, der Studienräten
mit Southern-Rock-Neigungen auf der Bühne des Stadtteilfests einfach
in den Arsch tritt. Mike Campbell, Benmont Tench und Ron Blair
beschwören die feuchte Hitze ihrer Heimat, und Petty selbst gibt
Themen, die sich schon zu frühen Tagen durch seine Lieder zogen,
einen neuen Twist. Mal lässt er gerade die Adoleszenz hinter sich
(„Full grown Boy“), mal artikuliert er die Wut auf lächerliche
Obrigkeiten („Power Drunk“) oder die eigene politische
Orientierungslosigkeit im Angesicht von Konflikten („Shadow
People“). Am stärksten jedoch sind die Stücke, die tief in den
Süden der USA eintauchen und beinahe wie Schnappschüsse der
Szenerie aus der grandiosen Serie „True Detective“ anmuten. In
„Burnt Out Town“ etwa skizziert er in schlichten wie starken
Bildern zu einem Muddy-Waters-artigen Blues die Kaputtheiht verödeter
Provinzkäffer, während „Red River“ eine Hommage an den bizarren
Mix aus Aberglauben, Geisterbeschwörung und Religion ist, die wie im
Voodoo eines Dr. John zu einem wilden und gefährlichen Gebräu
gerinnen.
Dabei ist das Album im Sound homogen
und vielseitig, aber ohne Schnörkel und Zugeständnisse an das
sonstige musikalische Geschehen der Gegenwart. Dass er damit nicht
Schiffsbruch in der Bedeutungslosigkeit erleidet, hat er einerseits
seinem immer noch großen Songwriter-Künsten zu verdanken,
andererseits einer Band, die in diesem Genre ihresgleichen sucht.
Insofern kann man nach diesem Besuch bei einem alten Bekannten das
Fazit ziehen, dass er, auch wenn man sich lange nicht gesehen hat,
immer noch sein Ding macht und das auf einem Niveau, das die
Wenigsten auf ihrem Zenit erreichen. Sollte sich die Gelegenheit
ergeben, das Ganze auch nochmal live zu sehen, werde ich das mit
ziemlicher Sicherheit tun. Für den Anfang muss das Album aber
reichen. Zum Nachhören hier zwei Favoriten daraus mit „Fault Lines“ und
„Burnt Out Town“ sowie den wunderschönen Klassiker
„Wildflowers“.
Sonntag, 14. September 2014
Shabazz Palaces vs. Souls of Mischief
Die frühen 90er werden heute im Rückblick als die „goldenen“ Jahre des HipHop glorifiziert, was womöglich
mehr über den Zustand des Genres heute als die Produktivität seiner
Protagonisten in der Vergangenheit sagt. Und wie jede Jugendkultur
wirft sie die Frage auf, wie man mit ihr altern kann, ohne mit
merkwürdigem Beigeschmack entgegen der Realität die eigene Jugend
zu simulieren und zelebrieren. Die letzten Wochen haben hier zwei interessante
Platten gebracht, an denen man sehr unterschiedliche Strategien des Alterns an Acts studieren kann, die Anfang der 90er
ganz vorne mit ihren Debut-Alben dabei waren. So haben Souls of
Mischief mit „'93 til Infinity“ ein bis heute als Meilenstein
gefeiertes Album in ebendiesem Jahr an der Westküste rausgebracht,
dessen Texte zwischen Cleverness und Straßenweisheit oszillierten
und mit ungeschliffenen Samples unterlegt waren. Das Pendant der
Digable Planets zu dieser LP aus demselben Jahr nannte sich „Reachin'
(A new refutation of time and space)“ und stellt einen slicken
Klassiker des jazzigen HipHip dar. Untätig waren beide Crews nicht in der
Zwischenzeit, sowohl in Solo-Projekten sowie zumindest die Souls of Mischief bisweilen auch gemeinsam. Aber da 20 Jahre im Moment eine legitime Marke zur Selbstmusealisierung zu sein scheinen (Blumfeld, Nas, Pavement etc.), sei ein Blick auf die Leute erlaubt, die einfach weiter machen.
Shabazz Palaces – Lese Majeste
Neulich habe ich Rast für das Anzapfen
der Wurzeln des HipHop gepriesen, sein Anknüpfen an den trunkenen
Talkin' Blues. Wenn das die rückwärts blickende Variante des
Überschreitens des ästhetischen Mainstreams im HipHop ist, so muss
man Shabazz Palaces wohl als die vorwärts gewandte bezeichnen. Drei
EPs und der erste Longplayer „Black Up“ in seiner
Post-Digable-Planets-Inkarnation Shabazz Palaces waren ja Warnung
genug, dass von Ishmael Butler aka Butterfly noch einiges zu erwarten
sein würde. Und in der Tat gibt kann man „Lese Majeste“ als
futuristischen Geniestreich bezeichnen, einen Einblick in das, was
HipHop eben auch sein kann, wenn es dort weniger um Straßengepöbel
über clubtaugliche Beats mit Pumpgun und Skimaske geht und mehr um
das Erschaffen und Erkundschaften neuer Klanglandschaften mit dem
Spirit der Pioniere dieses Sounds und dem Wissen um all die Wurzeln
von Black Music im Rucksack.
Mit anderen Worten steht diese Platte
ziemlich einsam in der Landschaft ihres Genres, man denkt vielleicht
noch an Antipop Consortium, die ähnlich radikal mit Synths und
digitalen Sounds experimentiert haben. Doch „Lese Majeste“ ist
von einer dub-getränkten Schwere, die weit jenseits der
Hyperaktivität liegt, die für Antipop Consortium oft kennzeichnend
war. Die Instrumentals sind schlank produziert, kommen mit wenigen
aber extrem gut austarierten und plazierten Sounds aus, vor allem an den Drums. Das Zusammenspiel der
Frequenzen und Elemente erzeugt eine unheimliche Dichte, wie man sie
eher aus Dub bzw. Dubstep kennt und in die sich die Stimme als mehr
oder weniger gleichwertiges Element einfügt. Vielschichtige
Vocal-Arrangements und komplexe Songstrukturen werden mit gekonnt
reduzierten Sounds unterlegt, so dass sie die manchmal ermüdende
Schlichtheit von Beats+Rhymes durchbrechen, die HipHop meistens
auszeichnet. Die Stücke sind praktisch nie linear gebaut, sondern
entwickeln sich in nicht immer direkt nachvollziehbaren Bögen oder
mutieren mehr oder weniger von einem Moment auf den andere in neue Zustände. Das
erinnert an bipolare Störungen, die zur Vermeidung des
Vorhersehbaren fruchtbar gemacht werden. Man weiß nie so genau, wo
man dran ist, und ob das, was man jetzt hört, drei Takte später noch
Gültigkeit besitzt oder durch eine neue Wendung einfach über den
Haufen geworfen wird. Das beugt Behaglichkeit und falschen Gewissheiten erfolgreich vor und fordert dem Zuhörer Aufmerksamkeit ab, da ansonsten die Platte auf einen Strom klanglicher Merkwürdigkeiten reduziert würde.
Dennoch würde man keinen Moment
zögern, das Album als HipHop zu bezeichnen. Hier hat aber einer aber
endlich mal die Eier und die Skills, den Geist von Dub und die
Visionskraft von Sun Ra in die Gegenwart zu übersetzen und mit den
Mitteln von HipHop kurzzuschließen. Selbst an Suicide muss man
bisweilen denken, etwa bei „I'm rich“, wenn die Lyrics mit
monoton-irrer Stimme deklamiert werden und dahinter ein
repititiver Beat klappert. Die Platte gleicht in gewisser Weise einem
dunklen, schwer entzifferbaren Monolithen, an dessen Bedeutung man
mit Irritation rätseln kann, wie die Affen in Kubricks „2001“.
Die Ästhetik ist dabei denkbar weit vom jazzigen Frühwerk als
MC der Digable Planets entfernt. Die Gemeinsamkeit scheint hier vor
allem darin zu liegen, dass durch das Zuführen neuer Ideen in ein
stagnierendes Genre Wege frei gemacht und Perspektiven aufgezeigt werden. Auch „Reachin'“
war auf seine Weise sophisticated und sehr avanciert, griff aber auf
andere, traditionellere Quellen zurück, um Neues zu schaffen.
Während die Jazz-Pfade damals dankbar von vielen anderen
aufgegriffen wurden, sind aufgrund des sehr speziellen und
futuristischen Sounds von Shabazz Palaces die Zweifel berechtigt,
dass dies als Vorlage für eine größere Zahl anderer Acts dienen
kann. Gleichzeitig dürften Shabazz Palaces viele neue Freunde eher
aus dem Kreis derjenigen finden, die sich sonst eher nicht für
HipHop interessieren. Ihr Label Sub Pop, einst Heimat von Nirvana,
sind insofern eine konsequente Wahl als Geschäftspartner.
Digable Planets – Cool like
that
Shabazz Palaces - Les Majeste (Full album)
Souls of Mischief – There's only now
Adrian Younge scheint sich
anzuschicken, eine Art Rick Rubin des HipHop zu werden. Nachdem er
vor einem Jahr Ghostface Killah mit „12 Reasons to Die“ nach langer künstlerischer Dürre wieder zu kaum mehr für möglich gehaltenen
Höhenflügen inspiriert hat, geht er mit Souls of Mischief gut 20
Jahre nach „'93 til Infinity“ auf eine ähnliche Mission.
Zwischendurch hat er noch den Delfonics bzw. deren Mastermind William
Hart ein zweites Leben eingehaucht, der zudem sowohl bei Ghostface als
auch bei den Souls of Mischief als Gast zurück in alter Form zu
hören ist.
Bei der Musik gibt es bei Younge /
Souls of Mischief die Rückbesinnung auf einen homogenen Sound, der
die Logik seiner Entstehung umkehrt: eine Band spielt, als würde sie
Beats aus Schnipseln ihrer eigenen Platten nachspielen; sie
projizieren die Aneignung ihrer Musik durch Beat-Pioniere und Sampler
auf sich selbst zurück. Man könnte auch sagen, dass die Beats ein
wenig klingen, als spielte die Hausband eines Soul-Labels aus den
frühen 70ern HipHop-Beats aus den 90ern nach. Erneut dient wie im
Falle der Rise-and-Fall-of-Erzählung bei Ghostface eine narrative
Struktur als eine Art Überbau, diesmal eine Entführungsgeschichte
und die Verwicklung der Souls-of-Mischief-Crew darin. Man könnte auch das böse K-Wort „Konzeptalbum“ in den Mund nehmen, um
den Masterplan hinter der Platte zu benennen. Als Moderator und Host,
der immer wieder die Fäden der Geschichte aufnimmt und für den Hörer resümiert, fungiert hier
Ali Shaheed Muhammed, seinerseits Bestandteil von A Tribe Called
Quest, die zu einer ähnlichen Zeit wie Souls of Mischief ihre
größten Erfolge feierten. Snoop Dogg und Busta Rhymes komplettieren
als Gäste die Riege großer MCs des „Golden Age“.
So kann man sagen, dass die Platte
gespickt ist mit echten Größen, die sich allesamt durchaus in
respektabler Form zeigen, nicht zuletzt die Souls of Mischief selbst mit teils grandiosen, oftmals temporeichen Rhymes.
Der Vibe der jazzigen Seite der West Coast weht durch die Platte wie
auf „Ghetto Superhero“, das stark an den Erstling von Freestyle
Fellowship erinnert und einfach Spaß macht. Der Sound der Beats ist
aber wesentlich homogener als vor 20 Jahren, da er aus einer
einzelnen Quelle stammt und nicht aus Stapeln verschiedenster staubiger Platten
zusammengesetzt werden musste. Younge ist dabei klug genug, die
organischen Sounds so einzusetzen, dass verschiedene Sample-Quellen
und -Strategien von damals angedeutet und zitiert werden. So entwickelt sich lyrisch wie musikalisch
ein doppelbödiges Spiel mit Referenzen, das einerseits stabil im HipHop der 90er und andererseits dessen Ursprung im Soul und Funk der 70er verwurzelt ist, zumal die
Rahmenhandlung selbst bezeichnenderweise in den 90ern spielt. Das hat
bei aller Qualität und warmer Behaglichkeit für alternde
HipHop-Afficionados etwas arg Conaisseurhaftes, dreht sich die Platte
doch einfach ein wenig arg selbstverliebt um die eigene Vergangenheit und das Spiel mit ihr, so dass
sich die Frage nach der Relevanz für die Gegenwart aufdrängt, denn
die Rückwärtsgewandtheit führt eben auch nicht zu so spannenden und
unkonventionellen Ergebnissen wie im Fall von Rast. Eine gewisse Ironie mag hier darin liegen, dass der Titel die Gegenwärtigkeit geradezu beschwört. Zudem riskiert
Younge, dass seine durchaus gekonnten Produktionen zu einem Gimmick
oder gar einer Masche verkommen, insbesondere wenn er sie ein ums
andere Mal mit einer Rahmenerzählung verknüpft. Rick Rubin braucht
also nicht um seinen Thron als König der Karrieren-Reanimation zu
zittern.
Souls of Mischief - 93 'til Infinity
Souls of Mischief - There is only now (Full album)
Das Fazit dieser Gegenüberstellung ist
recht eindeutig. Während Souls of Mischief sich zur Kultivierung des
eigenen Erbes entschlossen haben, hat sich Ishmael Butler auf den Weg
in andere Sphären begeben. Herausgekommen ist daher bei den einen
ein wirklich gutes Album, das die Tugenden des Alten in einem neuen
Glanz erscheinen lässt, bei dem anderen ein
faszinierend-verstörendes Album, das neue Türen aufstößt.
Letztere Variante ist bei aller Freude an den Souls of Mischief mein
klarer Favorit, doch steht zu befürchten, dass die wenigsten MCs und Produzenten
bereit sind, durch die von Shabazz Palaces aufgestoßene Tür zu
folgen oder wenigstens mal in den dahinter liegenden Raum zu schauen. Schade, es läge so viel dahinter, das auch für andere interessant wäre.
Abonnieren
Posts (Atom)






